Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1932-02-05 · Heft 2-3 (5.2.1932) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
9 (1932)
Issue
Heft 2-3 (5.2.1932)
Date
1932-02-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2641551-2641644-2641646--493-2642475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 DerJiMisfffe Arbtejtei Ijrtdeürttnti befindet, sind wir Zeuget» einer der prachtvollsten' Erscheinungen des Zeitalters in derjüdischen iWelt ... Es ist für sie (für chaltua'sche Jugentl) kleine Pose, kein1 Spiel. Sie haben zu dem Ideal der Arbeit dasselbe Vertrauen wie das alte Judentum zu den Geboten der Th'ora. Es ist für* sfe eine Religion!,, ein Kultus der Arbeit." Zur Cftaralrterisierürög! der Persönlichkeit Bialrks ist bereits eine Unzahl von Prädikaten geprägt worden'. Am treffendsten jedoch scheint uns die Bezeichnung lj, Chi, Brenners, der seine literarische Würdigung Bialiks mit der Ueberschrift „Der Getreue" versah'. Denn Bialik ist und bleibt stets treu sich1 selbst, seinen' Idealen und seinem Volke Und diese Treue Bialrks fcann das jüdische Volk am besten nun mit der gleichen Treue lohnen! M. Hönisch. Ch. N. Bialik:; ' ';; Aus den Winterliedern. IV. Pack' midi, Frost und fasse* mich! Senge, funkle, lodere, stich! Hämmere meines Hauches Qlut! Oieß dein Eisen in' mein Blut... Komm und feile, feil' mich'neu, Mach' ein Schwert mich stark und'frei,.. Und mit Eisen schmied' die Brust, Denn sie birst vor kraft und' Lust. iWüte Frost, und schüttle mich! Senge, funkle, lodere, stiehl Spanne meine Hand und stähle, Schließ den Atem'meiner Kehle. Und im Sönnenstfahlenstaub , Glitzere Frost, und übe' Raub! Aus: Lieder im Volkston. Rauscht ein Quell im Garten sacht, lieber ihm ein Eimer wacht; Sabbath kommt mein Buhl gegangen, . Tat nach meinem' Kruge langen, Liegt die ganze .Welt im Traum, Schlafen Bim- und Apfelbaum;. Mutter liegt schon längst im .Schlummer : Ich nur wache und mein Kummer. — Auch der Eimer wacht mit mir, Träufelt Gold nur für und für; — Und die Tropfen fallen, fallen: Hör', des Liebsten Schritte hallen.. . Still, es rauscht ein Baum im Hag. -— Kommt er? Ist's nur Flügelschlag?... Komm, Geliebtter, tritt nur näher, Da im Hof sind keine Späher,.. Setzen uns am Brunnenrand," Kopf an SchuKer, Hand in Hand; Und nun deute mir zur Stelle: .Warum eilt der Krug zur Quelle?... Und warum denn, säg1, o sag\ Weint der Eimer, schluchzt so zag? Sickernd, rinnend raunt die Klage, Ohne Aufhör Tag* um Tage, —. Und woher denn kam der Schmerz, Wie ein Würmchen mir ins Herz? — Weh, will Mutter denn nur spaßen, Daß du treulos mich verlassen?... Micha jossef Berditschewski. " (Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages1.) Die letzten zwei Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts, die Zeit, da M. J. Berditschewski seine publizistische und literarische Tätigkeit begann, sind durch den sozi al-Ökonom i s c h e n U e b e r b r u ch im jüdischen Leben, der schon in der Haskälah-Periode angebahnt, sich nun in scharfem Tempo durchsetzte, gekennzeichnet. Wohl war die, alte überlieferte jüdische Lebensform nicht verschwunden und eine neue nicht geschaffen — sie sind es1 noch heute nicht —, wohl ist das Lied von Untergang und Uehergang in der jiddisch - hebräischen Literatur noch' heute nicht zu Ende gesungen; aber die ersten groben Anzeichen dieses Ueberbruchs imd seine ersten fühlbaren Folgen traten schon zutage und drückten dem literarischen Schaffen und ideeschen Suchen und Drängen dieser Periode ihren Stempel auf. ( Die beginnende Konzentration in den Großstädten, die soziale Differenzierung innerhalb des jüdischen Lebensbezirkes, das Entstehen eines modernen jüdischen Proletariats einerseits und einer jüdischen Kapitalistenklasse anderseits, der Uebergang von den kleinen Städten in die großen und das Eindringen in neue Handelszweige, die die Großstadt ermöglicht, ja erfordert hat, das Nebeneinander zweier völlig verschiedener Lebensformen: das1 patriarchalische Städtchen mit seiner religiösen Kultur und das emporkommende Spricht mein Liebster hei! und lacht: Feinde haben's ausgedacht! Wird ein kurzes Jahr vergehen' Und ein-Baldachin wird stehen.. . Streuen wird ein Sommer hold Uns zu Haupten Glitzergold, Grüßen wird auf allen Wegen Uns der Bäume Früchtesegen. Bruder, Freund: je zwei und zwei, Jeder bringt ein Licht herbei, — Und Musik von allen Seiten Wird zur Trauung uns geleiten. Hier beim Brunnen mitten drin Stehen wird, der Baldachin, Hier wirst du als Liebeszeichen Mir den kleinen Finger reichen. — Und voll Freude spreche ich: „Bieib' mir heilig ewiglich/'' — Alle Feinde werdenV sehen ' :Und vor lauter Neid vergehen. Nachdichtung aus dem Hebräischen von 1. P. Dr. H. Ho ff mann: Die ökonomische Judenfrage. Der Emissar der jüdischen Kommunisten : in Rußland, Otto Heller, hat auch in der .Tschechoslowakei : seine Vorträge zur Judenfrage gehalten. . Hier geben wir wieder, was. unser Qenosse Hoffmarin inder Dis^usisicm gegen Heller , in Prag ausgeführt hah . t Die Redaktion. Es gibt verschiedene Methoden der Auseinandersetzung mit Kommunisten über die Judenfrage. Man kann eine transzendentale Kritik an ihrer-Auffassung üben, die ökonomische Betrachtung des Problems für1 unzulänglich erklären^ man kann etwa vom Wert der jüdischen Kultur für die Menschheit ausgehen und behaupten, daß um dieses! Wertes' willen das Judentum nicht untergehen werde. Dann hat man keine gemeinsame. Diskussionsgrundlage mit dem' Partner; man kann ihn vielleicht bekehren, -widerlegen kann man ihn nicht. Es gibt eine andere; Methode, die der imnuuienten Kritik mit . den Mitteln der materialistischen Gesichichtslauffassung, die tteberprüfung . der sozialökonomisfchen Tatbestände, welche das Wesen der ökonomisichen Judenfrage ausmachen, unter. Außerachtlassung jeder Wertung der jüdischen Nationalität. DieservMethode bedient sich vorliegender Aufsatz.. , Jthf* >.« Es. kann im Rahmen, diesjesl Artikelsy der ein Diskussions- Die jüdtsdfe Arbeiterschaft in Palästina1 kämpft für den! Aufbau einer neuen Gesellschaft. 'Getrieben1 vom dem Gefühl der Unerträglidh'keit der bishengjen Lage ihres Volkes ringt die jüdische Arbeiterschaft Palästinas um nationale und soziale Regeneration'. Es gilt für sie, eine freie Gemeinschaft arbeitender, dem- Boden! verbundener Menschen zu schaffen' und diese Gemeinschaft mit sozialem Geist zu "durchringen. Bei diesem Werk, das mit einer Fülle von Schwill rigkeiteni zu kämpfen hat, das mit Gegnerschaft von vielen Seiten) zu rechnen hat, leiten! die jüdischen Arbeiter Palästinas die Kraft zu den außerordentlichen Anstrengungen aus dem- Bewußtsein ab, nicht nur für sich1 selbst, sondern für ihr Volk und für eine gjroße Idee auf. einem Vorposten zu stehen. Zur Stärkung dieses Bewußtseins bedarf es der Anteilnahme der jüdischen Öffentlichkeit an der Aufbauarbeit Palästinas im allgemeinen xircd afl' dem Probleme«! der jüdischen. Arbeiterschaft im1 besonderen'. Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas hat im Großstadtjudentum mit dem' Drang nach einer neuen, \veU> liehen, seinem sozialen Sein angepaßten assimilatorischen Kultur und der Kampf zwischen diesen Kulturen —- all das und noch andere Momente haben das Denken und .Wollen dieser Zeit bestimmt, ein Stürmen und Drängeh ausgelöst, eine ideeische Gärung hervorgerufen und den Versuch einer völligen Umwertung aller jüdischen Werte zur Folge gehabt, deren ideologischer Begründer. und kräftigster Verfechter Micha Jossef Berditschewski war. Den sozialen üeberbruch hat Berditschewski selbst in der Erzählung: „Eine Generation vergeht" folgendermaßen geschildert: „Eine veränderte Welt! Die Obern unten und die Untern oben. Die Balebatim, die Reichen, die Chassidim, die Vornehmen der Stadt . . . die bessern Juden, die Gemeindevorsteher . . . alle sind sie durchgefallen, keine „großen Mühlen" mehr, kein Export nach Ausland, keine Branntwein-Brauereien und kein Zuckerhandel mehr ... Bei den Vornehmen der. Stadt sind noch zum' Andenken ah den Reichtum von einst einige Silberlöffen und Gabel, oder ein silberner Sabbatbecher, oder die silberne Verzierung am Gebetmantel zurückgeblieben . . . Hingegen sind die gewöhnlichsten Leute, die ehemaligen Holzhauer und Wasserträger, Pferdehändler, Träger, Kinder von Tempeldienern, Leute, die nicht schreiben noch lesen können ... sie sind großgekommen, verdienen gut und „machen die Kopeke,.." Neue Schichten sind aus der Masse emporgekommen beitrag und keine Rezension ist, nicht der Inhalt des Buches von Otto Heller, auch nicht der Inhalt seines Prager Vor* träges dargelegt werden; meine Ausführungen beschranken sich auf eine Prüfung seiner Thesen vom. Standpunkt der marxistischen Soziologie. Es ist übrigens bezeichnend, daß Heller sich wohl stellenweise mit bürgerlich-zionistischen Autoren auseinandersetzt, so mit Ruppin, Klatzkin und be* sonders mit der metaphysischen Geschichtsauffassung Kasteins, deren Kritik ihm nicht schwer fällt, daß er sich aber nicht der Mühe einer Auseinandersetzung mit der marxistisch-zionistischen Literatur unterzieht. Hinweise auf diesen Mangel in der Diskussion zu seinem Vortrag blieben unerwidert. Heller versucht eine kurze Darstellung der' jüdischen1 Geschichte zu geben. Er zeigt die Bedeutung der geographischen Lage Palästinas! als Vcrkehrsmittelpunkt zwischen den beiden wirtschaftlichen Zentren der Antike, Aegypten und dem assyris'ch-babybnischen Reiche auf, er legt nachher die Funktion der Juden in der Diaspora als Träger des Warenverkehrs inmitten einer vorwiegend für den Eigenbedarf '»produzierenden Wirtschaft dar. Man mag Einzel heiten seiner Darstellung für falsch oder übertrieben halten — so überschätzt er die Rolle des! Handels vor demh babylonischen Exil, so ist seine Erklärung des Handel aus dem Nomadencharakter der Juden unrichtig <-V im großen und ganzen ist aber seine Darstellung der jüdischen-« Oeschichte bis zum Beginn des" 19. Jahrhunderts' richtig, und jeder Marxist wird ihm zustimmen. Allerdings bringt Heller nichts Neues; lange vor ihm' haben ßoroebow, Schip* per, Schittowsky u. a. verschiedene Epochen der jüdischen Geschichte mit den Mitteln der materialistischen Geschichtsauffassung1 wert gründlicher, alsf dies* Heller tut, untersucht. Von-größerer Bedeutung ist aber die Diskussion «ttn»' die* moderne Entwicklung der Judenfrage. HelJer zeigt, daft auf der einen Seite, im Westen, mit der Entwicklung* des Kapitalismus Nichtjuden die bisher von den Juden monopolisierte Funktion des Warenverkehrs! übernommen haben. „Die Christen sind zu Juden geworden." (Marx.) Damit verschwtndet: der sozialökonomische' Gegensatz zwischen Jude« imd Christen, die Juden, die die ersten Bourgeois! waren,": werden zu einem Bestandteil der Bourgeoisie, sie assimilieren sichV ihr. Im Osten Europas dagegen herrschen noch halbfeudale Zustände, die Juden konnten sich der Bourgeoisie ■ nicht assimilieren, weil diese noch unentwickelt ist, sie bleiben als Nationalität bestehen. Hier setzt aber die soziale Revolution ein, die mit der Aufhebung der auf Warenproduktion beruhenden Gesellschaft* auch die WarenvermitU lung überflüssig, den „Juden" in der bisherigen Begriffs-' bestimmüng als Warenvermittler funktiönsrlos macht. Das» „Judentum" als soziale Funktion wird überflüssig, die Juden aber gliedern sich in y den Produktionsprozeß der soziaMii' sehen Wirtschaft ein.1 Die Lösung dieser Frage zeigt Sowjet— rußland. ' . •". Laufe der Jahrzehnte so niändie schwere Krise durchs 'gemacht. Daß sie diese ..überwinden konnte, verdankt sie vor allem dem' Bestände eines Fonds, der ihr als finanzieller, Stützpunkt auf allen wirtschaftlichen, koirlturellen und orgamsatorischjen Gebieten dient —' dem Palästina-Arbedter-Fon^s. Es ist dies der zentrale Pionier- und Kampffonds der jüdischen 'Arbeiterschaft. Die Liga für das arbeitende Palästina in Oesterreich ist seit Jahren! bemüht, die Idee des Palästina- 'Arbeiter-Fonds in alle Kreise zu tragen und alle Freunde des arbeitenden Palästinas um ihre Organisation zu sammeln. Sie geht nun daran, eine große Werbeaktion1 für den Palästina-Arbeiter-Fonds einzuleiten. Sie richtet, an alle, die sich1 einig wissen' mit den Idealen der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas den1 dringenden Appell, diese Werbeaktion in Hilfsbereitschaft zu unterstützen. Tretet der Liga für das arbeitende PaIästi na bei und werbe t f ür sie. und das aufsteigende jüdische Bürgertum, das sich sozial vom Städtchen losgelöst hatte, suchte nun einen geistigen Ueberbau, seiner neuen sozialen Existenzform angepaßt, und da es eine neue Kultur von sich heraus! nicht schaffen konnte, suchte es die Anlehnung an Europa. „Europäische Kultur" 4,autete nun das Losungswort, mit dem' die'jüdische „Moderne" das Ghetto wachrütteln wollte. Es wirkte hier ein soziologisches Oesetz, das wir bereits aus einer andern Lebenssfrhäre und einem andern ZeitalteV her kennen. Als sich' nämlich das1 deutsche Bürgertum; von der feudalen Wirtschaftsform sozial befrei): hatte und nun daranging, die Staatsführung zu übernehmen, suchte es ebenfalls einen angemesseinen kulturellen Uebrbau, den es -— wie. das jüdische Bürgertum um1 das Ende des neunzehnten Jahrhunderts herum — als junge Klasse aus sich heraus nicht zu schaffen vermochte und zur Entlehnung griff: es begann das Zeitalter der Renaissance! Der Achad-Haamismus' war, soziologisch gesehen, der letzte Rettungsversuch der zum Untergang verurteilten, überlieferten patriarchalischen Kultur. Seine soziale Aufgabe war es, der angestrebten und stürmisch herandrängenden neuen Lebensform Einhalt zu tun, indem1 er etwas' vom „Neuen" akzeptierte und es der jüdischen Tradition'tropfenweise beimischen wollte;' Diesem Versuch stand Berditschewski gegenüber, kompromißlos, extrem und entschieden; und hinter ihm eine ganze Schar junger Kämpfer, von denen . jeder sein Scherflein zur „Europäisierung" der rein jüdischen Aufruf]

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.