Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1932)
- Date
- 1932-01-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der jüdische Arbeiter Seite 3. Deutscher Nationalismus und Judenhaß. Es hat lange g-edauert, bis das deutsche Judentum die großen Gefahren erkannt hat, vor denen es steht. Der deutsche Nationalismus1 Hitlerscher Prägung und seiner Vor- und Nachfahren blieb lange Zeit von den deutschen Juden unbeachtet. Sein rechter Flügel — die „deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" — reagierte zunächst mit einer Verstärkung seiner deutsch-nationalen Gefühle, wie wenn er sich überzeugen wollte, ob es denn nicht bei ihm an dem richtigen nationalen Gefühle gebricht und ob nicht das vielleicht der Grund zum verstärkten Antisemitismus ist; sein linker Flügel — der deutsche Zionismus — gefiel sich in einem friedenssehalmeienden Pazifismus und gelegentlich kritisierte er den „Centraiverein" und warf ihm seine unwürdige kriecherische Art, mit der er sich dem deutschen Volke anbiederte, vor. Eine nennenswerte jüdischslozialistische Bewegung gab es in Deutschland nicht und wo sich Ansätze hietau herausbildeten, fungierten sie als der linke Flügel des deutschen allgemeinen Zionismus, Diese ganze Situation änderte sich aber grundlegend mit dem maßlosen Erstarken der Nazi, die in ihrer Aggressivität zu einer konkreten Lebensgefahr für die Juden Deutschlands geworden sind. Es ist nun interessant, zu beobachten, wie die Juden Deutschlands auf diesen Antisemitismus reagierten. Für uns als SoziaPsten-Marxisten ist es besonders lehrreich, zu sehen, wie auch die fortschrittlichsten Teile des Bürgertums sich gewisse einfache Zusammenhänge nicht erklären können, deren Handgreiflichkeit, sollte man meinen, so naheliegt. Wenn wir also darauf eingehen, so tun wir es in erster Reihe, um für uns selber die nötige Klärung herauszuarbeiten. Die „Jüdische Rundschau" ist gewiß ein sehr ernstes Blatt und es ist daher durchaus verständlich, wenn sie sich um das Verständnis des deutschen Nationalismus, des Nationalsozialismus, bemüht. Allein, was dabei herauskommt, ist von uns auf das entschiedenste abzulehnen. Zuerst glaubte die „J. R." allen Ernstes an die Möglichkeit einer Verständigung mit dem Nationalsozialismus. Es komme doch nur darauf an, die berufenen Männer zum gemeinsamen Beratungstisch zu bringen und dann werden sich die beiden Standpunkte aneinander angleichen. So ungefähr dachte man sichs. Aber man kam bald zur Erkenntnis, daß „eine verstandesmäßige „Widerlegung" des Antisemitismus durch die Mittel der Polemik und der Ueberredung unmöglich ist", ,weil diese Bewegung gerade sich dessen rühmt, „nicht eine logische Erkenntnis, sondern eine elementare „Instinkt- Bewegung zu sein". Ist aber diese Bewegung eine Angelegenheit des Instinktes', so müßten wir Zionisten besonderes Verständnis für sie haben — sagt Robert Weltsch in einer längeren Betrachtung, die den Titel hat: In der Zeit der Bedrängnis (J. R. Nr. 94): „Ist doch, nach Robert Weltsch, zwanzigsten Jahrhundert, von einem Menschen, der ernst genommen werden will. Die Konsequenz einer solchen Denk weise ergibt sich von selbst: „Gerade der irrationale, religiösnationale Charakter unserer Bewegung legt es nahe, in Verbindung mit ihr auch an religiöse Werte zu denken, die zugleich zu Symbolen nationaler Herrlichkeit umgedeutet werden/' Jetzt haben wirs. Robert Weltsch weiß natürlich genau, daß dieses ganze Gerede an dem Charakter des! Nationalsozialismus nichts ändert, er setzt sich ja auch nicht m"t ihm als Partei auseinander, sondern mit seinen vermeintl-'chen geistigen Exponenten, die sich um einige Zeitschriften gruppieren. Wer aus dem Zionismus eine religiös-nationale, auf Irrationalität, also auf Unvernunft aufgebaute Bewegung macht, darf sich natürlich nicht wundern, daß er bei uns kein Verständnis auch für seine Erklärung des Nationalsozialismus findet Ist also der Weg, den Robert Weltsch und mit ihm große Teiie des jüdischen Bürgertums zur Erklärung des deutschen Nationalsozialismus geben, ein Weg ins Bodenlose, so ist es geradezu grotesk, zu welchen Ergebnissen die „C.-V."rLeute kommen. Da entdeckt einer, daß der deutsche Nationalismus sich von Goethe abwendet, also lautet die Parole: Zurück zu Goethe! Ein anderer blickt neiderfüllt nach Frankreich und England und meint, der Nationalsozialismus baut die Volksgemeinschaft nicht auf, sondern zerreißt sie. Die letzte Nummer der „C.-V."-Zeitung veröffentlicht ein erschütterndes Dokument, das Tagebuch eines jüdischen Schülers, der hilflos und verzweifelt dem Antisemitismus seiner Mitschüler und Lehrer gegenübersteht. Er will aber die Zähne zusammenbeißen und „durchhalten", bis er selber Lehrer wird, dann wird er solchen Schülern, wie er einer ist, helfen . . . Fürsorgliche Mütter empfehlen den jüdischen Schülern, sich nicht hervorzutun, sich in allem der Klasse anzupassen, den jüdischen Mädchen, nicht durch Schmuck und schöne Kleider aufzufallen, nicht immer d:e ersten und besten sein zu wollen.----Welch ein Abgrund, welch eine Ausweglosigkeit! Man hat das Wort vom „modernen Marannentum" geprägt. Es ist damit zu viel gesagt. Richtiger wäre es, zu sagen: Es ist das verzweifelte Zucken einer untergehenden Klasse. Für uns Sozialisten-Marxisten ist der deutsche Nationalismus nur die besondere Form der Reaktion für Deutschland. Diese selbst aber, die Reaktion, ist international, sie ist ihrem Wesen nach dieselbe in Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Polen und Rumänien. Bei den Unruhen auf der Krakauer Universität haben sich besonders deutsche Studenten hervorgetan, die also hier die Belange ihres Erb' feindes, der polnischen Wanze, zu» den ihrigen gemacht haben Ja, ihnen allen, den Hitleristen und Cuzjsten, den Haken die jüdische Renaissance des letzten Jahrhunderts begründet kreuzlern und sonstigen Faschisten ist der Judenhaß gern der Entdeckung des „Blutes" als1 der „tiefsten, beherrschenden Schicht unseres Seins". Das „Dritte Reich" stamme aus der jüdischen Gedankenwelt und habe seine erste Prägung im Bundeswort vom „Reich der Priester und heiligen Vofk" gefunden. Und zum Schluß: „Was sagt doch Martin Buber vor etwa 25 Jahren: „Das ist das rechte Judentum, in dem der Geist Wille und die Erkenntnis Instinkt geworden ist." Wird so Martin Buber zum Vorläufer des modernen 'Nationalsozialismus gemacht, dieser also zu einer jüdischen Angelegenheit, so ist es klar, daß nur „Banausentum die großen Erfolge des Nationalsozialismus aus wirtschaftlichen Gründen" erklären will und daß alle die, die „Blutunterschiede zwischen den Menschen nicht gelten" lassen wollen, dies aus jüdischem Selbsthaß und jüdischer Selbstflucht tun, „die noch niemals zu einer Erlösung geführt hat". Das wird alles mit großem Ernst vorgetragen, im meinsam. Dieser Judenhaß aber ist nicht der Ausdruck ihres besonderen Nationalismus, sondern dieser will die Recht fertigung für jenen sein. Jedenfalls auch hier: der Untergang einer Klasse, die sich noch in den Krämpfen der Agonie windet, die ihren Untergang ahnt, ihn aber nicht wahrhaben will, und daher nach einem Objekt sucht, das sie für ihren Untergang verantwortlich machen kann, um, indem diese vermeintliche Wurzel allen Uebels — das Judentum — beseitigt wird, dem eigenen Untergange zu entgehen. — Der Antisemitismus ist eine natürliche Folgeerscheinung des jetzt herrschenden Systems und wird so lange bestehen, so lange der Kapitalismus und mit ihm die soziale Reaktion bestehen bleiben wird. Darum kann der Kampf gegen Antisemitismus, Rassenvorurteil, nationalen Chauvinismus* nur ein Teil unseres Kampfes gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung und für die Abschaffung der Anomalien des jüdischen Lebens sein. -b-r. Hitlers „wissenschaftlicher" Antisemitismus. In Linz lernt Hitler die ersten Juden kenneu und stellt £est: „...im Laufe der Jahrhunderte hatte sich ihr Aeußeres europäisiert und war menschlich geworden." *) Naiv und -gläubig ahnt er nichts von einer planmäßigen Judenver .folgung. In dieser Zeit hat er das Pech, in Wien in der inneren Stadt (wo denn sonst?) auf einen wirklichen Juden izu stoßen; einen mit Kaftan und Peies und er stellt sich die Frage: „Ist dies auch ein Jude?" Er umschleicht diesen verstohlen und vorsichtig, forscht in den fremden Zügen, bis sich ihm ein befreiender Urlaut entringt: „Nein, dies kann kein Deutscher sein!" Durch dieses Erlebnis erregt und irre geworden beginnt Hitler die Juden frage — wie er schreibt — wissenschaftlich zu betrachten und er findet den völkischen Charakter des Judentums bestätigt im — Zionismus, mit dem er sich später beschäftigt. Ueberhaupt erlebt Hitler in seinen jungen Jahren eine Enttäuschung an diesem Volke. Ihr innerer Kampf (zionistische und liberale Gegensätze) ekelt ihn an, weil er unwahr, verlogen und wenig passend zu der behaupteten sittlichen Reinheit dieses Volkes ist. Dann muß er feststellen, daß die Juden nicht nur moralisch, sondern auch äußerlich schmutzig sind, so daß ihm „beim Gerüche der Kaftanträger speiübcl" wird. Da er sich aber wissenschaftlich mit der Judenfrage beschäftigt, stellt er in einigen lapidaren Sätzen die verpestende Rolle der Juden auch auf allen kulturellen Gebieten fest. „Tausend Dinge, die ich früher kaum gesehen, fielen mir nun als bemerkenswert *) Adolf Hitler: Mein Kampf. auf...". Wer intrigierte gegen Wilhelm IL, wer empfahl beharrlich dem deutschen Volke die Kultur des allmählich der „Vernegerung anheimfallenden Franzosenvolkes?" Die jüdische Weltpresse! So wandelte er sich als logisches Ergebnis seiner .wissenschaftlichen Forschung* zum Antisemiten. Da flammt es vor seinen Augen auf, und indem er den Juden als Führer der Sozialdemokratie erkennt, identifiziert er diese mit dem Marxismus, der nur die Erringung der Weltherrschaft durch ein minderwertiges Volk bedeutet. Damit ist für ihn das Problem gelöst, der Marxismus abgetan, das jüdische Spiel entlarvt, sein Weg klar vorgezeichnet und er bekennt: „Es bedurfte auch hier der Faust des Schicksals, um mir das Auge über den unerhörtesten Völkerbetrug zu öffnen." Diese Faust paßt auf das germanische Auge, wie sich die deutsche Sprache willig der germanischen Faust fügt. Nun foigt ein Kapitel ,Volk und Rasse', eine Aufzählung ailer schlechten Eigenschaften des Juden und endet in einer .geschientnehen Analyse', betitelt „Werdegang des' Juden", den er uns katalogisiert vorsetzt Wir wollen diese Ex-, kursion in Hitlers Gedankenwelt systematisch unternehmen; die verschiedenartigsten Aspekte, die uns hier offenbart werden, lohnen diese Mühe. Bevor Hitler aber über diese minderwertige jüdische Rasse zu sprechen kommt, zeichnet er uns dessen natürlichen Antagonisten, den hochrassigen Arier, mit allen seinen Attributen, Fähigkeiten, Bestimmungen, Erwartungen, seiner Zukunft und Vergangenheit, seinem Fortschritt und Kampf — ein Konglomerat von Schlagworten, dummdreisten Behauptungen, Lächerlichkeiten, die verwirren und zum Lachen reizen. Hitler beginnt. „Da nun der Jude -- aus Gründen, die sich sofort ergeben werden — niemals im Besitze einer eigenen Kultur waren ..." — „. . . wenn auch seine geistigen Fähigkeiten sehr leicht den Eindruck machen, daß sie der intellektuellen Veranlagung der übrigen Rassen ebenbürtig wären..." und begründet es damit, daß ihnen — den: Juden — die Prämisse für den Anspruch auf den Namen eines Kulturvolkes fehle, nämlich die idealistische Gesinnung. Dann fängt Hitler — der scheinbar wie sein AdlatUs? Göbbels eine ,poetische Ader' besitzt — bildlich zu sprechen an und vergleicht die Juden mit Wölfen und — Pferden, die nur dann zusammenhalten, wenn sie rauben oder verteidigen. „Nein!", ruft Hitler mit Pathos aus. „Der Jude besitzt keine kulturbildende Kraft..." Später warnt er die Menschheit, anzunehmen, die Juden seien jemals1 Nomaden gewesen, wie sie vielleicht die Arier waren (weiß man doch, daß bei der Erschließung des amerikanischen Kontinente*» sich zahlreiche Arier als Fallensteller und Jäger ihren Lebensunterhalt verdient hatten). Fazit: Da der Arier also wahrscheinlich Nomade gewesen ist, kann es der Jude nicht gewesen sein, denn sonst . . . aber er führt nur aus1:, „allein deshalb war er (der Arier) doch niemals Jude." Aber nein, Herr Hitler! Niemals! Fein ist es, wenn Hitler dem bayrischen Staatsministerium vorwirft, nicht zu wissen, daß der Jude Angehöriger eines Volkes und nicht nur einer Religionsgemeinschaft ist. Daß Esperanto nur ein Mittel zur Erringung der Weltherrschaft ist, ist selbstverständlich, ebenso selbstverständlich' ist es, daß, wenn die .Frankfurter Zeitung' die .Protokolle der Weisen von Zion' eine Fälschung nennt, diese wahr sein müssen. Nun' kommt der Kern der Hitlerschen Ausführungen zur wissenschaftlichen Erkenntnis des jüdischen Volkes. a, b, c, d) „Mit dem Entstehen der ersten festen Siedlung ist der Jude da." Er kommt als Händler; langsam beginnt er sich in der Wirtschaft zu betätigen, besonder^ den grenzenlos ehrlichen Ariern ist er überlegen. Der Jude ist seßhaft geworden, und bildet in besonderen Vierteln einen „Staat im Staate". Er saugt die Arier aus, bis diese sich erheben und zur Selbsthilfe greifen. (Eine kurze, aber wirksame Apologie der Pogrome!) e, f, g. h) Jetzt geht es im kühnen Zug durch1 das Mittelalter. Fürsten Juden, deutsche verjudete Fürsten, jüdische Fürsten; fest kleben sie am Volksleib und saugen, erraffen Freibriefe, Privilegien. Am ärgsten ist es noch, daß die Juden in .Germanien' deutsch sprechen, in Frankreich französisch, während sie doch vor zweitausend Jahren in Rom römisch sprachen! i, j, k) Nun vollendet sich der Werdegang des Juden von Adam bis Marx und findet seinen momentanen Abschluß im Marxismus'. Der Jude betört die Proleten und! hetzt sie gegen die vom Glück besser Bedachten auf. Mit diesen Parolen beherrscht er im Osten ein großes Volk. Da es nun dem Juden so gut geht, bekennt er sich als fremdes Volk, indem er den palästinensischen Staat schafft, um damit die dummen Gojim nochmals zu betölpeln. Wörtlich: „Sie denken nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen, um ihn etwa zu bewohnen, sondern sie wünschen nur eine mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattete, dem Zugriff anderer Staaten entzogene Organisationszentrale ihrer internationalen Weltgaunerei: einen Zufluchtsort überführter Lumpen und eine Hochschule werdender Gauner." Nach den Juden bekommt auch Frankreich einen Hieb ab, wird England, Italien vor den Juden gewarnt, auch an Japan biedert sich Hitler an (ihre gelbe Farbe schütze sie vor dieser Weltpest, schmeichielt er) und ruft die Völker zum gemeinsamen Kampfe gegen den Weltfeind auf. Sechs Millionen Wähler in Deutschland; hundertzehntausend in Oesterreich! Dieses Argument ist zu gewichtig und ernst, um über dieses Buch mit leichtem' Achselzucken zur Tagesordnung überzugehen. Diese Massen huldigen dem' Geist, in dem dieses Buch geschrieben wurde, jubeln dem Anstreichergesellen, der es schrieb, zu und sind bereit, was tägliche Vorkommnisse und Ereignisse beweisen, diese Lehre konsequent in die Tat umzusetzen. Hier hilft kein deuteln, kein Warum und Aber, es stehen nackte Tatsachen drohend vor uns, hier heißt es, kämpfen . . . Dieser Kamipf aber bedeutet: Erkenntnis desi reaktionären Charakter» des; Faschismus, der, wie jede Reaktion, international ist, unt*: aktives Sicheinreihen in die Front des Antifaschismus, deren Trüger das internationale, klassjenkämpferische, revoluUo-? näre Proletariat ist. Hermann Fischheimef. Wiener Gasltolis wjmawM« der beliebte Brennstoff für rbranioien nlralhciz