Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1932)
- Date
- 1932-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite A Der jitdfeehe Arbeiter Notizen ütid Nachrichten Nach dem moslemischen Kongreß. Am 17. Dezember ist der moslemische Kongreß in Jeru safem geschlossen worden. Im allgemeinen zeitigte er die Ergebnisse, die vorauszusehen waren. Zwar hat sich eine gewisse Opposition auch innerhalb des Kongresses her ausgebildet (eine starke Opposition ist unter den Arabern Palästinas außerhalb des Kongresses gegen diesen in Aktion getreten), die zu einem Bruche des Mufti mit Schaukat AI geführt hat. Doch wird man gut tun, diesen formalen äußeren Bruch nicht zu überschätzen — die wirkenden Kräfte außer halb des Kongresses, die diesen inspiriert haben, hier wie deru'm der englische Faktor, sind sich in ihren Tendenzen vollkommen gleichgeblieben. Sehr lehrreich ist, wie diese religiöse Versammlung sich auch mjt praktischen Wirtschaft liehen Fragen zu beschäftigen wußte, die doch mit Religion nichts zu tun haben. Was hat die Klagemauer mit der Hedschasbahn zu tun und. was) der Boykott jüdischer Waren mit der Frage eines islamischen Hochschule? Natürlich gehören diese Dinge zusammen. Die Religion ist für den Mufti und seine Anhänger natürlich auch eine Wirtschaft liehe Angelegenheit und religiöse Meinungsverschiedenheiten ebenso wie nationale Differenzen haben sehr oft ihre deut liehe Ursache in den wirkenden materiellen Kräften. Die Moskauer „Iswestia" vom 10. Dezember hält die Manifesta tion des Islam in Jerusalem' für ein Glied in der Kette der kapitalistischen Maßnahmen gegen Sowjet ruß] and, als eine kämpferische Maßnahme der Welt reaktion und läßt durchblicken, daß sie die Rückwirkun gen des Islam-Kongresses auf die Mohamedaner in Sowjet rußland mit allem Nachdrucke bekämpfen werde. Es muß noch erwähnt werden, weil es bemerkenswert ist, daß ein ägyptischer Redner vom Kongreß weg verhaftet und des Landes verwiesen wurde, weil er gegen die Methoden de9 italienischen Kolonialimperialisnuis in Tripolis protestiert hat. Das steile einen Angriff auf eine „befreundete Macht" dar. Gegen die Juden im eigenen Lande durfte ge hetzt werden, so viel man wollte. Sie sind offenbar weder eine „Macht", noch „befreundet". Die offiziellen Ergebnissie der Volkszählung in Palästina. Soeben wurden die folgenden provisorischen Ergebnisse der vor kurzem in Palästina durchgeführten Volkszählung offiziell bekanntgegeben: D:e Gesamtbevölkerung Palästinas) besteht aus 1,035.154 Seelen, davon sind 759.952 Moslems!, 175.006 Juden, 90.607 Christen und 9589 Angehörige anderer Konfessionen, unter ihnen etwa rund 8000 Drusen und etwa 1000 Personen, die sich als „Agnostiker" bezeichnen. Unter diesen 1000 „Agno stikern" sind etwa 600 Juden. Die Volkszählung im Jahre 1923 ergab eine palästinensische Gesamtbevölkerung von 757.182 Seelen, davon waren 590.890 Moslems, 83.794 Juden, 73.023 Christen und 7028 Drusen. Die Zahl der Juden hat sich also umi mehr als 91.000, die der Moslems um' über 169.000, die der Christen um über 27.000 erhöht. GeniosSie Kaplanslky — Leiter des Technikums in Haifa. Der „Dawar" teilt mit, daß Gen. Ing. Kaplansky zum Leiter des Technikums1 in Haifa ernannt wurde. Er wird sein neues Amt in allernächster Zeit antreten. Auch) einer, der über Rußland beridh'tet. In Wien treibt sich seit einiger Zeit ein gewisser Margosches (das sein Name) herum1, der bei den Radikalen, Allgemeinen und wo „es sieh sonst läßt" Vorträge über Rußland und die Juden, dje Sowjetregierung und den Zionismus, die Nep und die Juden hält. Dieser Margosches ist persischer Staatsbürger, in Stanislau, geboren und in Tel-Aviv absolvierte er das dortige Gymnasium; vor sechs Jahren soll er in Rußland gewesen sein und dabei Trotzki in seiner Verbannung Gesellschaft geleistet haben. Er nennt sich auch Doktor, stellt sich dem einen als1 Misrachist vor, dem anderen als Mitglied der Arbeiterpartei, einem1 dritten als Mitarbeiter des „Doar-Hajom". Er ist um1 Versprechungen nicht verlegen, die er, wie denn auch1 anders bei dieser Vielseitigkeit, nicht einhält, aber um so fleißiger sammelt er Geld für die Herausgabe eines' Buches (über Rußland natürlich), böse Zungen wollen allerdings. wissen, daß er nicht einmal Hebräisch schreiben kann. Dieser Lügner und Hochstapler ist natürlich der berufenste Mann, über Rußland zu sprechen und er reiht sich würdig den übrigen Verleumdern an. Den Allgemeinen Zionisten und den Radikalen, aber auch den Revisionisten ist dieser Streiter im Kampfe zu gönnen: um den Dienst, den er ihnen dabei erweist, sind sie nicht zu beneiden. Eine Konferenz der jüdischen Kulturarbeiter in S»wjefußland. Zum ersten Male seit 10 Jahren tritt in Moskau im Jänner d. J. eine Konferenz der jüdischen Kulturarbeiter zusammen, die vom staatlichen Bildungs'kommissariat einberufen wurde. Auf der Tagesordnung sind folgende Punkte: .1. Die Lage der jüdischen Erzie'hungsinstitutionen, 2. Aufklärung der jüdischen Masslen mit Hilfe der jüdischen Kultur, 3. Methodische Arbeit in den jüdischen Kinderschulen, 4. Jüdische Werke in der sowjetischen proletarischen Literatur. — Die Konferenz wird auch einen zweiten Fünfjahrplan für die jüdische Kultur beraten. Von unserer Organisation. Die Verhandlungen wegen des Ichud sind nun schon beendet, der organisatorische Zusammenschluß der beiden Organisationen vollzogen (zu denen sich, wie bekannt, auch eine. Gruppe von ehemaligen Blau-Weißen unter Führung der Genossen Schorf und Mahrer dazugesellte). Unsere nächste Nummer wird der Vereinigung gewidmet sein und in einem erweiterten Umfang erscheinen. Am Samstag, den 9. ds. findet im Heime Blumauergasse eine Arbeitstagung im Rahmen des erweiterten Ausschusses, zu der auch alle Organisationsmitglieder Zutritt haben, statt. Die Tagesordnung lautet: 1. Organisation, 2. Kultur, 3. Politik, 4. Palästina, 5. Jugend, 6. Presse, 7. Finanzen, 8. Sport. Beginn: pünktlich 6 Uhr abends. * Das Skilager der Poale Zion wurde heuer im Türnitzer Gebiet abgehalten. Es nahmen daran 29 Genossen und Genossinnen teil. Trotz der schlechten Witterung konnten die Skikurse programmgemäß abgewickelt werden. Der Verbandstag der J. S. A. J. Am 19., 21. und 22. Dezember fand der diesjährige Verbandstag der J. S. A. J. statt. Er war für die Klärung ideologischer und kultureller Fragen bestimmt. Gen. M. Singer hielt am ersten Abend ein groß angelegtes Referat über das Thema: „Die jüdisch-sozialistische Jugend und die Weltwirtschaftskrise". Gen. S. Smotricz sprach über „die Grundlagen unserer künftigen kulturellen Arbeit". Er betonte, daß die schwierige Lage in der zionistischen Bewegung uns zu um so größerer Anspannung auf dem Gebiete der Palästinaarbeit anspornen müsse, andererseits seien wir in den Ländern der Diaspora durch die Aenderung! der Weltlage in den letzten Wochen und Monaten vor neue Tatsachen gelegten. Mit Gisa Heiden, diesem Sprühfeuer von; Temperament, dem stillen, bescheidenem kulturverständigen 'i ausendkünstler Salo P r i s a m e n t und! dem Publikumsliebling Zelniker, vermochte diese Bühne das Interesse des theaterverständigen jüdischen- Publikums auf sich zu lenken. Ein sensationelles Interesse brachte das kurze Gastspiel Maly Piccons im Bürgertheater, das von: ungeheurem Erfolg begleitet war und die Kasse des — Bürgertheaters sanierte. Bei dieser Gelegenheit hatten wir auch das zweifelhafte Vergnügen, den Herrn rleischmann, der, wie so manche andere schauspielerisch tätige „Judenstämmlinge", von Verzerren und Karikieren jüdischen Lebensart und Erzählen söge* uannter „jüdischen Witze" ein Leben „machen" —w ausgerechnet auf einer jüdischen Bühne zu sehen; wo er sein altes jüdelndes Handwerk, aber diesmal inwirklichem Jargon, fortsetzen konnte. Das bedeutendste Ereignis im Wiener jüdischen. Theater ist zweifellos das Gastspiel Paul Baratoffsl in den „Jüdischen Künstlerspielen". Sein erstes Auftreten in „Der Fremde" von Gordin, zeigt, daß1 wir es hier mit einem Schauspieler von ganz besondenem Qualitäten und höchstem Theaterniveau zu tun haben, der auch' auf nichtjüdischen Bühnen keine Alltagserscheinung ist. „Der Fremde" gehört zu jenen Dramen Gordins und der jiddisch-dramatischen Literatur überhaupt, in denen der Versuch gemacht wurde, da& Das Schicksal Ihres Mäderls entscheiden Sie, wenn Sie sich über den Abschluß einer Töchter-Versicherung schlüssig werden. stellt, denen wir durch entsprechende sozialistische Tätigkeit in unseren Wohnländern werden unbedingt Rechnung tragen müssen. Die Diskussion ergab Meinungsäverschiedenheitem in Bezug auf die stärkere Betonung des „Hier" oder „Dort". Gen. ßaumöt erstattete ein Referat über den organisatorischen Aufbau unseres Verbandes und Gen. L u s11 i g sprach' über die künftige politische Arbeit. Von den Beschlüssen, die gefaßt wurden, war einer der wesentlichsten der, einen Einführungskursus' in den Poale-Zionismusi für neu eintretende Mitgueder zu schaffen. Ueber die Stellung zur neuen vereinigten Partei herrschte keine einheitliche Meinung'. Die meisten Beschlüsse wurden der neuen Leitung1 zur Berätung übergeben. Im allgemeinen kann gesagt werden, daß seit der Vereinigung der J. S. A. J. mit den Bogrim des Mischmar-Haowdim ein neuer Zug durch' unsere Organisiation geht. i . Unsere Biblfothjek. Die Bibliothek der Poale-Zion, welche zahlreiche Werke in jiddischer, hebräischer und deutscher Sprache enthält, wird von den jüngeren Genossen der J. S. A. J. noch immer nicht benützt. Den Genossen, welche weder Jiddisch noch Hebräisch verstehen, sei gesagt, daß wir auCh eine Anzahl von jüdischen Büchern in deutscher Sprache haben. Auf diese Bücher will ich unsere jüngeren Genossen besonders verweisen, da man sie in den allgemeinen Wiener Bibliotheken weniger bekommen kaqn. Gerade diese Bücher, die nicht überall zu haben sind, sollen von uniseren jüngeren Genossen fleißiger benützt werden. Wir hoffen durch einen weiteren Ausbau unserer Bibliothek den Wünschen unserer Genossen in Bezug auf das! jüdische Buch' noch1 mehr als bisher gerecht werden zu können. S. Smotricz. Jüdisches Theater. Die heurige Wintersaison'(in, den Wiener jüdischem lat bereits einige recht interessante und bemerkenswerte Aufführungen' gebracht, die mit Recht die1 Aufmerksamkeit und das Interesse des jüdischen Theaterbesuchers beanspruchen dürfen. Alle drei jüdischen Theater haben1 ihre Saison mit mehr oder minder interessanten Gästen eröffnet. Im »Neuen Jüdischen Theater" im Hotel Stefanie (Ta- Dorstraße) gasiiert die in Wien gut bekannte und Deliebte Siegler-Truppe; die „jüdische Bühne" (Praterstraße 60) hat die Soubrette Rosenfeld und den Charakter-Schauspieler Abirikof f zu Gast. Ihre "(apelle unter Leitung des Herrn Brachawski ist gegenwärtig die beste aller drei jüdischen, Theater. Die interessantesten Gäste aber sind in den „Jüdischen; Künstlerspielen" (Praterstraße 34) zu sehen. Diese Bühne, die schon1 des öfteren durch wertvolle Aufführungen ihr Verständnis für ernstes jüdisches Theater gezeigt hat, 'bot auch in dieser Saison sehenswerte Aufführungen. „Die Bhimenkönigin" und insbesondere die sehn gelungene Revue „Symerfeigelech" waren Aufführungen, die; vom guten Können und,1 besserem Wollen dieser Bühne beredte Zeugenschaft abgroße jüdische Schicksalsdrama; zu schaffen, das wohl in der jüdischen Lebenssphäre verwurzelt, aber imi Verlauf seiner Entwicklung in die Gefühlssphäre des) Allgemein-Menschlichen ausstrahlt und im tragischen1 Ergebnis mündet und münden muß. Ferner wollte- Gordin im „Fremden" eine Brücke vom Melodrama! zum reinem, künstlerisch vollwertigen Schicksal haften/ Drama schlagen. Zwischen! 'diesen beiden Polen pendelt die Art der künstlerischen Erfassung und schauspielerischen Darstellung des Stückes. Die Problemstellung ist MoCh heute, zumal nach1 dem Kriege, da einer Statistik zufolge:, zweihunderttausend Kriegsgefangene als „Fremde" irgendwo in der Welt herumwandern und zu ihren Familien noch nicht gefunden haben, aktuell, nur müßte das Stück gründlich bearbeitet und von 'all dem Kitschigen, Billigen und Schablonenhaften befreit werden1. Baratoff in seiner sehr subtilen, viel Theater-' kultur voraussetzenden', durchgeistigten Spielweise,, meistert die schwere Titelrolle in ganz eigenartiger•« Weise. Zum Unterschied von: anderen Darstellern, die den „Fremden" als weiche, bemitleidenswerte, sentimentale zum Märtyrer hinneigende Natur spielen undl ganz ins melodramatische Fahrwasser geraten, wird er von Baratoff ,als harte, stolze, von der Ungunstder Umstände und inneren, aufreibenden Kämpfen gebrochene Person interpretiert. Baratoff stellt diel größten geistigen Anforderungen an sein Publikum, da das Wort bei ihm eine untergeordnete Rolle spielt und die äußerst feine, immer auf das Wesentliche des jeweiligen Gefühls und Gedanken hinzielende Mi" mik, bewußt und gewollt sehr knapp bemessen, immeri scharf pointiert, oft sogar mehr andeutet, als erzählt Dieser ganz außergewöhnliche Mime, der mit; einem Zuck im Gesicht, einer kaum bemerkbaren Bewegung seiner nervösen, die innere Unruhe verratenden Finger mehr und eindrucksvoller wirkt, als '.alles; laute Gejammer und Getue, hat in den Bann seinen t starken Persönlichkeit nicht bloß die Zuschauer, son-, dem vielmehr die Aiitspieler selbst gezogen, die dies-i mal ein viel geläuterteres Spiel lieferten, als es sönstj der Fall ist. Allerdings müßte Zelniker, der im sich das Zeug zu einem guten Schauspieler hat, abeit in seiner Possentreib'erei keine Grenze kennt, noch! mehr gezähmt werden, da er mit seinen Verzierrungen die zarte Linie, die Baratoff dem Stück gibt, allzu QTob durchbricht. Drechsler. . Ring des „Jüd. Arbeiter". Herr Dr. Israel Wald mann beantwortet die Aufforderung des Gen. Singer und spendet S. 10.—. Herr Dr. Binem Aszken'azy beantwortet die Aufforderung der Gen. Salitzy und spendet S. 2.—. Gen. Ing. Josef Mahrer beantwortet die Aufforderung des Gen. Singer und spendet S. 2.—. Gen. Moses Schwarz beantwortet die Aufforderung des Gen. Dr. Kantor und spendet S. 2.—. ——---------------------------, ■ ■ ---- ••aaiainM«aB>ana_aaBn^_>_a->>>n__a_B>__n»_aa>Mä<a__i^^ Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Pinkas Kornblüh, Student, Wien, II., Schiffmühlen straße 45/8. — Druck: „Adria", Wien, II., Taborstraße 52b. r