Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1932)
- Date
- 1932-01-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Der jüdische Arbeiter Publizist Moscheh Smilansky, der selber ein' sehr rühriger Kolonist in der modernen Kolonie Rechowot ist. Obwohl aus der Arbeiterschaft hervorgegangen! (er stand dem „Hapoel Hazair" nahe), steht er seit einer ganzen Reihe von Jahren im heftigen Kampfe gegen die Histadruth und ihre Einrichtungen, gegen die sie beherrschende Partei, gegen die Kwuzot unc Kibbuzim (es sei nur der Pikanterie wegen erwähnt, daß seine eigene Tochter ein tüchtiges Mitglied der Plugah' des Kibbuz Hameuchad in Herzliah ist). Diesen „Kampf" führt er nicht nur in den1 Spalten seiner Wochenschrift „Boust'nai", die sich durch ihren besonders glatten und vollendeten Stil auszeichnet, sondern auch als Sprecher von Delegationen bei den Regierungsstellen,, die sehr oft von den Kolonisten organisiert werden1. Wiederholt wurde er der Lüge und der Verdrehung von Seiten führender Männer der Histadruth, wie Ben Gurion u. a. geziehen, wiederholt gab es öffentliche Anklagen, die gegen ihn erhoben wurden. Aber Smiliansky führt seinen Kampf mit beharrlicher Konsequenz und ist so zum Repräsentanten des jüdischen Bürgertums Palästinas geworden, wenn sich auch dieses, so weit es revisionistisch (gestimmt ist, mit seiner politischen, d. h. staatspolitischen Einstellung nicht einverstanden ist Kind soweit es „allgemein"-zionistisch orientiert ist, sieh scheut, öffentlich sich mit seiner Richtung zu solidarisieren, Iwas aber nichts an der Tatsache ändert, daß es im Innern ihm doch vollkommen zustimmt. AucW das muß noch hervorgehoben werden: Smilansky ist Anti-Revisionist und diesen Anti-Revisionismus hat er bisher öfters sehr temperamentvoll vertreten. Er ist ein Gegner der Revisionisten aus praktischen Gründen. Er ist Wirtschaf tsprakti- (<er 'und will daher in erster Reihe den „ Wirtschaf tsfrieden", Wahrung des Profits und freundschaftlichen) Verkehr mit seinen arabischen Geschäftsfreunden. Unruhen, Hetze — sie bringen die Wirtschaft aus dem Gleichgewicht. Darum lobt sich Smilansky die staatsmännische Weisheit Weizmanns und dankt der Vorsehung, daß sie di,e Engländer in das Land geschickt hat, die sich so trefflich bewähren, wenn irgendwo Arbeiterdemonstranten einige Scheiben ausschlagen, oder, an den: Eingängen zu den Plantagen Wache stehend,, Streikbrecher an dem Betreten der Arbeitsstätten hindern. Allerdings muß er sich beklagen, daß „den Kolonisten die durch die Gewalttaten der Arbeiter notwendig gewordenen Polizeispesen aufgerechnet werden"- Die Engländer wollen halt nichts umsonst machen, aber das trübt schließlich in keiner Weise das Einvernehmen dieser mit den Smilansky- Jeuten. Beide verstehen sich restlos. Sie brauch/en die Engländer und ein „freundliches" Arbeiterelenuentt iünd die Engländer brauchen die Smilanskys und ihre freundliche Unterstützung für ihre besondere Politik. Ist so Smilansky ein: Gegner Jabotinskys, so ist er doeh1 wiederum vollkommen einig mit ihm in seiner Gegnerschaft zu den1 Arbeitern. Und so treffen sich beide: der Kolonist Smilansky mit dem Publizisten Jabotinsky iünd der Reaktionär Jabotinsky mit dem Literaten Smilansky. Diese neuerliche Provokation1 muß für die Arbeiter eine gründliche Lehre sein. Sie müssjen; erkenneny daß schon das heutige Palästina sich1 im seiner Klassendifferenzierung deutlich abzeichnet. War die überwiegende Mehrheit der palästinensischen Arbeiterschaft lange Zeit von einem übermäßigen Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem Palästinaauf bau beseelt und glaubte sie aus diesem Grunde, den! Klassenkampf zurückstellen zu müssen und genügte sie sich vielfach an ihrer moralischen Ueberlegenhett gegenüber Unternehmer und Arbeitgeber, so muß im Angesicht des verschärften Klassenkampfes in der ganzen Welt auch bei unseren Genossen eine Wandlung Platz greifen. Es geht um die Existenz des Individuums und der ganzen Klasse. Wir dürfen nicht das Feld unserem Gegner überlassen, der den Kampf seiner Klasse, seinen Klassenkampf, unbeirrt und rücksichtslos führt — gegen die Arbeiter. J. s. Die Revisionisten und die Zionistische Weltorganisation. Nach bewährtem Muster unternahmen die Revisionisten' den „Marsch nach Basel", um die Machi in der zionistischen Weltbewegung an sich zu reißen. An dem entschlossenem Widerstand der Arbeiterschaft scheiterte dieser Plan. Es entstand die „Antizionistische Konzentration". Da der Führer der Revisionisten das Scheitern seiner Pläne erlebte, verließ er den Kongreß. Mit der ihn kennzeichnenden Theatralik zerriß er seine Delegiertenkarte und durch einen seiner Jünger ließ er die zionistische Fahne im Kongreßgebäude herunterreißen. Er glaubte wohl in jenem Augenblicke, daß es ihm gelingen werde, den Kongreß zu sprengen1. Wenn es bloß auf die bürgerlichen Gruppierungen ankäme, könnte der Plan der Revisionisten vielleicht auch gelingen. Fast alle bürger- Gruppierungen: blieben in den kritischen Tagen des Kongresses unentschieden. Ihnen imponierte die „starke Hand" Jabotinskys. Aber auch diesmal bewährte sich die Arbeiterschaft. Mit beispielgebender Beharrlichkeit sammelte sie alle Kräfte positiver zionistischer Arbeit und isolierte die Revisionisten. Jabotinsky kehrte wohl zum Kongreß nicht zurück, aber seine Anhänger folgten ihm nicht. Sie trauten1 sich nicht, den Kongreß zu verlassen, da sie mit Recht befürchteten, daß che zionistische Weltbewegung über sie hinweggehen werde. Wie sollte nun die revisionistische Bewegung, die die Weltorganisarion nicht verließ, mit ihrem Führer, der dem organisierten Zionismus den Rücken kehrte, zusammenkommen? Der Revisionismus steht und fällt mit dem Glauben an die AHmachtt des Duce, des Führers, was sollten sie nunmehr ohne ihn anfangen? Meir Großmann, Robert Stricker und Richard Lichtheim sind ein unzulänglicher Ersatz für Jabotinsky. Also versammelte sich der revisionistische Stab in Calais und suchte nach einem Ausweg. Sie scheinen sich aber dort die Sache nicht sonderlich1 schwer gemacht zu haben. Sie dachten sich': wir haben ja längst kundgetan und bewiesen, daß wir Politik auf eigene Faust machen!; wir haben ja offen gegen die Palästina-Aufbaufonds-Stellüng genommen und unseren eigenen Konkurrenzfonds eitabliert; da die zionistische Weltorganisation all das toleriert hat, haben wir wohl freie Hand und müssen uns um die zionistische Weltbewegung, die ärger denn je darntederiegt (siehe: „Hinaus mit den Herzl-Zionisten" von r. st. in „Die n'eue Welt", Nr. 223), nicht viel kümmern. In dieser Verfassung legten sich die Führer der Revisionisten gegenüber folgende Taktik zunecht: Wir geben uniseren Mitgliedern frei, der zionistischen; Weltorganisation anzugehören oder nicht, aber auf jeden Fall wollen wir proklamieren, daß die Disziplin der revisionistischen: Partei über die der zioni- Die Schwierigkeiten des Poale- Zionismus. Von Ber Borochovv. _ In diesen Tagen jährte sich1 der 14. Todestag Ber Borochows. Wir glauben diesen Tag am besten dadurch zu begehen, indem wir den : . Begründer des Poale-Zionismus in seinen eigenen Schriften vorführen: Der nachstehende Artikel ist im Jahre 1913 geschrieben worden und! dem demnäächst zum erstenmal in deut- scher Sprache erscheinenden Sammelbuch aus Borochows Schriften entnommen. Wir verweisen schon jetzt auf diese Neuerscheinung, die eine historische Aufgabe erfüllen wird: nämlich Borochow dem deutschen Leser zu vermitteln. Auf der Jubiläumsfeier der Organisation Poale-Zion in Warschau hat ein in opfervoller Parteiarbeit ergrauter Genosse ausgerufen: „Oh, wie schwer ist es, Poale-Zionist zu sein! Wie leicht hat es so ein S. S., ein Sozialist-Territönalist, noch weniger verlangt vom „Bundisten" seine Gesinnung: sie alle können den dornenvollen Weg der Bewältigung der jüdischen Problematik meiden, während der Poale-Zionist eich dieser verantwortungsvollen Aufgabe unterziehen muß!" Wem von uns hat dieser Genosse, der jetzt seine Treue zu unserer Partei mit lebenslänglicher Gefangenschaft in Sibirien bezahlen muß, nicht aus der Seele gesprochen? Wie er, stehen auch wir, unbekümmert um alle Schwierigkeiten, treu zu unseren Grundsätzen. Worin besteht aber das Schwierige und Komplizierte unserer Aufgabe, was macht sie für uns zur Quelle von Leid und Freude zugleich? Unter den Naturgesetzen gibt es eines von universeller Geltung: das energetische Prinzip, wonach jeglichem Geschöpf der Trieb innewohnt, durch Anwendimg der geringsten Mittel den größten Erfolg zu erlangen. Dieses Gesetz beherrscht die Welt desi Organischen — vielleicht sogar auch des Anorganischen, wenn man das Hamiltonsche Prinzip der „Kräftefunktion" dementsprechend interpretiert. Jedenfalls unterliegt das Leben in allen seinen Erscheinungsi formen dem energetischen Prinzip: im Wachsen der Pflanzen, in der Bewegung der Mikroorganismen, im Instinkt und Gefühlsleben der Tiere und in den unbewußten und bewußten Handlungen des Menschen können wir seine Wirksamkeit feststellen. In allen Sphären menschlicher Kultur, ob wir nun die Entwicklung der Arbeitstechnik oder die Geistesgeschichte, die Entwicklung der Wissenschaft, Moral und Kunst und schließlich auch die Geschichte der sozialen Bewegungen, der nationalen — und Klassenkämpfe zum Gegenstand unserer Betrachtung machen — allüberall erkennen wir, wie die Menschheit dem Gesetze der geringsten Kraftaufwendung folgt. Das Streben nach größtmöglicher Kraftersparnisi ist keine so einlache Erscheinung, wie man bei oberflächlicher Betrachtung glauben könnte: die Schwierigkeit seiner Durchsetzung rührt daher, daß es für das soziale Handeln, das vielgestaltige Formen annehmen kann, kein absolutes Maß zur Größenbestimmung seiner Rationalität gibt. Im luft-i leeren Raum abstrakten Denkens ist die Gerade unzweifelhaft die kürzeste Verbindung zweier Punkte: befinden sich aber zwischen diesen Punkten Hindernisse, Berge oder Teiche zum Beispiel, so ist es klar, daß dann die gerade sie verbindende Linie keineswegs den kürzesten und leichtest zu bewältigenden Weg von einem Punkte zum andern darstellt; und wir werden um des ökonomischen Prinzips willen Umwege einschlagen, Brücken und Tunnels bauen müssen. Mit anderen Worten: Wir erkennen also, daß Einfachheit nicht immer mit Kraftersparnis und Wahrheit identisch ist; im Gegenteil, die Lebensbedingungen der Individuen und der sozialen Gruppen sind derart kompliziert gestaltet, daß die einfachen Wege oft nicht zum Ziele führen. stischen Weltbewegung zu stellen ist. Das bedeutet nichts anderes, als die völlige Zersetzung der zionistischen Weltbewegung. Wir haben noch in angenehmer Erinnerung, was die Revisionisten gegjen] die Erweiterung der „Jewislr Agency" aufgeführt haben und alles angeblich nur, um die Integrität und Souveränität der zionistischen Weltbewegung vor Außenstehenden zu schützen. Damals hat es sich aber schließlich nur um die Herstellung eines Verhältnisses zwischen der Weltbewegung als ganzem, und außenstehenden Palästinafreunden gehandelt, nicht aber, um Nichtmitgliedern: vollen Einblick in die Führung der Bewegung und Beeinflussung derselben zu gewähren. Die Beschlüsse der Revisionisten1 in Calais waren eine Verhöhnung der zionistischen] Weltorganisation. Wenn es nach diesen Beschlüssen] ginge, könnte sich folgende Situation ergeben: Die zionistische Weltorganisation faßt Beschlüsse, die für alle Teile bindend sein sollen. Die Organt-, sation der Revisionisten aber faßt in derselben Fraga Beschlüsse, die sich im Gegensatz zu jenen befindsen. Die Revisionisten sind an die Beschlüsse der zionistischen Weltorganisation nicht gebunden, da ihnen, die Disziplin ihrer Organisation über die der zionistischen Weltbewegung steht. Herr Stricker dürfte eine sehr geringe Meinung von der Denkfähigk)eit und der Urteilskraft seiner Anhänger haben, wennf er es wagt, diese Beschlüsse von Calais als „zioni^ stischen Patriotismus" und „zionistische Verbundenheit" zu bezeichnen. Er dürfte auf die Gedächtnisschwäche der Zionisten! spekulieren, wenn er lammsfromm die Tätigkeit der Union' der Revisionisten mit den Worten charakterisiert: „Nicht zum Zwecke des Kampfes gegen die Weltorganisation, sondern zum Zwecke positiver zionistischer Arbeit". Wir kennen1 diese positive zionistische Arbeit nur allzu gut. Sie entweihen den Namen Herzls für einen Kampf, der zur Zerstörung des Werkes des Schöpfers der zionistischen Weltbewegung führtt. Die Beschlüsse von Calais waren übrigens der Auftakt zu einer Zersetzung der zionistischen Organisationen in den einzelnen Ländern. Wenn sie von positiver zionistischer Arbeit reden, ist es Heuchelei. , Wir begrüßen es deshalb aufrichtig, daß sich' die zionistische Exekutive entschlossen hat, den Revisionisten offen und eindeutig zu erklären, daß sie diesen Zustand nicht dulden wird (siehe „Der jüdische Arbeiter", Nr. 19), daß sie es vielmehr als ihre vornehme Pflicht erachtet, über die Geschlossenheit und Disziplin der zionistischen Weltbewegung strenge zu wachen. E<i wäre eine krasse Vernachlässigung ihrer Pflichten, wenn sie den Zerstörungsversuchen der Revisionisten nicht enttgegentreten würde. Es ist nur zu begreiflich, daß Stricker diese Gelegenheit benützt, um gegen unseren Genossen! ' Locker, der das Organisationsdepartement der zionistischen Weltbewegung leitet, eine Hetzkampagne zw entfalten. Für Stricker war der Kampf gegen die frühere zionistische Exekutive in erster Reihe ein persönlicher Kampf gegen Weizmann, er setzt also diese Methode auch der gegenwärtigen Exekutive gegenüber fort. Er tut es mit noch größerer Freude, da es sich hier um einen Vertreter der Arbeiterschaft handelt. Das ist für uns wahrlich keine Ueberasch'ung. Die Exekutive darf in ihrer Stellungnahme zu den Beschlüssen von Calais auf die uneingeschränkte Unterstützung aller verantwortlicher Zionisten, insbeh sondere aber auf die der Arbeiterschaft, rechnjen. Dem1 Gesetz des geringsten Kraftaufwandes entsprechend, sucht der Mensch vor allem nach dem einfachen Arbeitsverfahren, er versucht sein Ziel auf dem kürzesten, dem geraden Wege 211 erreichen. Erst später lehren ihn seine' Lebenserfahrungen, sich den komplizierten Bedingungen anzupassen, zur Verwirklichung seiner Zwecke stets feinere, durchdachtere und differenziertere Mittel anzuwenden. Man denke nur an die Entwicklung des Transportwesens1 — von der Zeit an, da man sich des Pferdes1, Kamels und Segels als! Verkehrsmittels bediente, bis heute — da Automobil, Dampfschiff und Aeroplan die typischen Transportmittel darstellen; es würde wohl ein Menschenleben zu kurz sein, um den Mechanismus der letzteren beherrschen zu lernen. Alles1, alles wird komplizierter und verwickelter. Daraus haben wir nun eine wichtige Schlußfolgerung zu ziehen: Nicht Vereinfachung ist das Ziel der Entwicklung der menschlichen Kultur, sondern Differenzierimg und Verfeinerung der Arfeits- und Denkmethoden; Einfachheit der Ideologie und der Taktik sind Symptome des Stillstandes. Es darf aber auch die zweite Seite unserem Problems nicht übersehen werden, denn das Gesetz des geringsten Kraftaufwandes bedeutet ja nicht nur Haushalten mit den gegebenen Kräften, sondern auch deren Einsetzen zur Erreichung des größten Erfolges. Seine simpelste und doch abstrakteste Formulierimg liefe darauf hinaus, daß einfachstes Tun das Nichtstun, daß einfachstes Denken das Nichtdenken ist; das wäre die maximale Kraftersparnis. Ist aber unser Handeln zweckbestimmt, dann vergleichen wir unseren Kraftaufwand mit dem angestrebten Zwecke: Erreichung des maximalen Erfolges durch Opferung des Minimums an Mitteln ist das Ideal rationellen menschlichen Handelns. Beide eben hervorgehobenen Seiten des allgemeinen Lebensgesetzes hat Marxens Sozialtheorie in der These von der Bedingtheit der Menschheitsgeschichte durch die Entwicklung der Produktivkräfte zum Ausdruck gebrach^. (Fortsetzung folgt.) ,