Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 16 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jßdtecbe Arbeiter Seit* 3. Fragte. Die „gewalttätige" Befriedung Ostgalföiens idufchi das „Sanierungsregime'' ist ja nicht der erste JAngriff auf die Rechte der Ukrainer; muß man doch auch frühere Regierungen, die zum Teil unter dem Einfluß der polnischen' Sozialdemokratie standen, für Schließung von ukrainischen Schulen und für Abschaffung von Rechten des ukrainischen Volkes, die im alten Oesterreich im Geltung waren, verantwortlich machen. Es waren krumme Wege, welche die Taktik "der polnischen Sozialdemokratie in der ukrainischen Frage gegangen ist. Zwei Ereignisse sind nun in letzter Zeit aut dem üeb'iete der Nationalitätenpolitik in Polen vorgefallen,!diö vielleicht afs Symptome einer Aenderung der Stellungnahme der polnischen Sozialdemokratie zu diesen 2wet wichtigsten Minderheitsvölkern1 betrachtet werden können. Die sozialdemokratische Fraktion des Sejm hat kürzlich einen Antrag auf Einführung der territorialen Autonomie in Ostgalizien eingebracht, die sozialdemokratische Mehrheit des Lodzer Qemeinderates hat es abgelehnt, die von der staatlichen Aufsichtsbehörde geforderte Streichung! der dem jüdischen Schulwesen gewidmeten1 Budgetposten vorzunehmen. Es scheint also, als ob! die P. P. S. zu verstehen beginnen würde, daß von der richtigen1 Lösunig der nationalen Fragen die Zukunft der polniischen: Demokratie abfangt Das' Echo, das der Vorschlag der Sejmfraktion in der bürgerlichen Presse gefunden! hat, zeigt, daß der Chauvinismus in der polnischen Politik noch vorherrscht, zweifellos aber wird die reale Notwendigkeit eines friedlichen Zusammenlebens siegen. Die bürgerlich-jüdische Politik in Polen wird — sofern sie ernst genommen werden will — ihre Taktik revidieren müssen: die Neutralität in der Frage des '■Kampfes um die Macht in Polen) ist nicht mehr mit einer jüdischen: Volkspolitik vereinbar. Sowohl die iGrün'baumgruppei als auch die galizischen Zionisten ■haben diese" Neutralität zu ihrem 'Prinzip erhoben. 'Man will den jüdischen Massen einreden1, daß es fün sie gleichgültig ist, wer an der Macht ist. Das Lödzer Beispiel zeigt aber deutlich1, daßl die Zukunft 5der jüdischen Nationalautonomie mit dem Sieg der Liniken1 steht und fällt. Palästina. Schulkrjsie 'beendet. Die Schulen der AgenCy haben ihren Unterricht begonnen. > Spaltung des Misrachi. Der deutsche Misrachi ist aus/ dem1 WelfmisraChi ausgetreten; er stand seit jeher wegen der revisionistischen Politik der Leitung in Opposition. Gemeinwirtsjchaft^dWar Export. Am 2. Oktober hat „Hit" (Bezeichnung für die Vereinigung der drei Kooperationen „Hamis'chbir", „Jachin" und „Tenuva" für den Export von Citrusfrüchten) die erste Sendung Grape-Fruit, die Palästina in dieser Saison verläßt — 300 Kisten —, an dje britischen Kooperativen verschickt. „Hit'' soll auf Grund seiner Kontrakte 40.000 Kisten Cifrusfrüchte an überseeische Kooperativen verschicken. ' " Fortschritte der Schechujnath Owdim. Die Installation für die Versorgung mit Wasser und Elektrizität sowie andere vorbereitende Arbeiten für die Errichtung eines Arbeiterviertels von 180 Häusern auf Keren Kajemeth-Land in der Haifa-Bucht sind nun fertiggestellt und da« Kontrakt-Buero der Histadruth ist mit der Palestine & Mortgage-Ban'k Co. zu Vereinbarungen über vorläufig einige Dutzende von Häusern gelangt. Die Bank gewährt die Bauanleihen aus Fonds der Palestine Economic Corporation und des Emergency-Fund. — Jedes Haus wird ca. 150 bis 160 Pfund kosten, wozu jedes Mitglied selbst 40 Pfund beisteuert, Das Viertel wird in der Nähe der (Werkstätten der Palästinensischen Eisenbahn und der Haifa- Akko-Chaussee errichtet. Die Nähe von Haifa und die ausreichende Wasserversorgung werden es den Bewohnern ermöglichen, Kleinwirtschaft (Gemüse, Geflügel) zu betreiben. Die Fahr^kantem und der WeiChislelkiirs. Eine Generalversammlung der Fabrikanten-Vereinigung, Billige Preise Josef M. HOROWITZ wm^mmmammmmmmmmmm Atelier für allerfeinste Herrengarderobe WIEN, I. Graben Nr. 20 (Eingang Naglergasse Nr. 1) Telephon Nr. U-26-3-94 •Anfertigung aus eigenen, wie auch aus mitgebrachten Stoffen. Großes Lager in original engl. Stoffen. Billige Preise 'wmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm die diese Woche stattfand, sprach ihre Genugtuung über den Beschluß ihrer Exekutive aus (über den wir kürzlich berichteten), eine Abordnung* von Fabrikanten nach Großbritannien zu schicken, um die Einfuhr von Rohmaterialien aus diesem' Lande nach Palästina durch' Vereinbarung besonderer Lieferungsbedingungen mit den britischen Produzenten zu erleichtern. Dje Versammlung wies wiederholt darauf hin, daß eine unangemessene Preiserhöhung im eigenen Interesse der Fabrikanten nicht wünschenswert sei. Bei denjenigen Industrien, bei denen eine gewisse Erhöhung der Verkaufspreise unvermeidlich ist, weil sie beim Bezug von Rohmaterialien auf Länder mit hohem Wechselkurs angewiesen sind, soll jeder einzelne Fall besonders untersucht werden. Man rechnet damit, daß der Sterlingkurs schließlich von Dollar 3.80 auf Dollar 4.— stabilisiert werden dürfte; doch hofft man, daß die Nachteile, die hieraus' für Länder resultieren, deren Geldwährung auf dem Pfund-Sterling basiert, wenigstens teilweise demnächst durch den Fall der übrigen Geldwährungen ausgeglichen werden. Die Entwicklung von Ramath David. Von dem englischen Keren Rajessod wurde ein weiterer Betrag von 1700 Pfund für den Aufbaü der Siedlung Ramath David im Emek (früher Sarona-Hascharon) überwiesen. Dieser Betrag wird verwendet werden für den Bau von 8 Hühnerställen, 2 Viehställen und 2 Räumen für Inkubatoren. Bei diesem Bau wird die Landwirtschaftliche Kolonisations-Abteilung der Jewish Agency verschiedene Aenderungen einführen, so z. B. werden die Viehställe nur in einer Höhe von ca. 1.30 Meter aus Beton gebaut und die obere Hälfte aus Blech hergestellt werden, was eine Verbilligung von ca. 200 Pfund pro Stall ausmachen wird. Die Räume für die Inkubatoren werden anstatt aus Zement aus Lehm errichtet werden, was auch eine Ersparnis von über 50 Prozent bedeutet. Eine traurige Statistik. Warschau. Eine soeben von der jüdischen Gemeinde Lodz' veröffentlichte Statistik wirft ein grelles Licht auf die ungeheure Not unter der jüdischen Bevölkerung in Polen. Es ergibt sich aus diesen authentischen Zahlen,, daß von 40.000 jüdischen Familien in Lodz 15.488 Familien oder über 38 Prozent regelmäßig unterstützt werden müssen. Der größte Teil dieser Leute gehörte einst einem wohlhabenden Mittelstand an, nämlich 5014 Haindwerkerfamilien und 1745 Kaufleute; 5628 Personen sind sogenannte „Luftmenschen, die nie einen festen Beruf ausübten. 153 diesier Familien besitzen überhaupt keine Wohnung; die meisten, nämlich 13.840 Familien, besitzen nur ein. einziges Zimmer, obwohl sich darunter Leute mit einem1 bis sieben Kindern befinden; 1225 Familien besitzen Wohnungen mit zwei Zimmern. Die Not der jüdischen Bevölkerung zeigt sich auch! darin, daß nur etwa die Hälfte der jüdis'chen Einwöhhenschaft von Lodz, nämlich 21.744 Familien, in der. Lage ist, Steuern zu bezahlen: Juden ohne Geld. Von Michael Gold. Neuer deutscher Verlag 1931. Sie flohen vor den Pogromen Rußlands1 in das Land der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten. Voll Glauben und Liebe im Herzen zu diesem Land, das den Armen, Gehetzten, Verzweifelten seine Pforten öffnete. Sie erwarteten Leben und sie fanden: ein. steinernes Meer, Hitze, Kälte, Mord, Betrug, Wahnsinn, Gier. Der strahlende Myrthenkranz verwandelte sich in eine Dornenkrone. East-Side: keit schreitet mit wallendem Bart zwischen Suff, Schmutz, Gestank und Hurerei. Sie schreitet unberührt, aber mit gebrochenem Herzen und sagt sich: „. . . man ist in Amerika." So macht man Konzessionen, so rechtfertigt man verlorenes Terrain — und wartet auf den Mes'sias. Währenddes'sen reitet die Not durch die East-Side und die Söhne werden zu Verbrechern, die Töchter zu Dirnen. Man lebt in der East Side, in New York, im freien Amerika! Wo die sechsjährigen Kinder den Preis1 für „einmal" kennen, den die Dirnen verlangen und sich' damit vergnügen, diesen nachzurufen; „50 Cents die Nacht! 50 Cents!" Dje Gläubigen raffen sich auf und. attackieren den Teufel. Sie holen' einen Rabbi aus Rußland. „Jetzt wird alles besser" sagen sie. Aber sie vergessen die Not zu attackieren — sie könnten es auch nicht! — und eines Tages zieht der „Heilige" zu einer reicheren Gemeinde. Dje East Side lebt weiter ihr Leben von dumpfer Verzweiflung und Hilflosigkeit. Huren. Saufen. Schießen. Kinder werden gerädert. Macht nichts1. Weiter! Nur Lumpenproletariat. Armselige Juden. O du feines Amerika! Bis... bis eines Tages die Easfc Side sich' empören wird; sie, die nichts zu verlieren hat, als ihre "Armut, ihre Eiterbeulen, ihre ewige jüdische Not. Michael Gold schildert in seinem ersten Prosabuch seine Jugend und die Resignation seiner 'Eltern. Seine Jugend ist die gleiche wie die von „Wipper", von Abbie und Jackie, von Stinker und Pistehtöppel, nä,mlich das Großwerden in der Gosse, ohne Sonne, ohne Natur. Wie ergreifend dichterisch empfunden sind seine wenigen Worte über, ihre Liebe zu Blumen. Ganz früh schon wissen sie, wie Kinder gemacht werden. Und Michael fragt: „macht das meine Mutter auch so?", er will es nicht glauben, er wehrt sich dagegen. Kann denn eine Mutter dasselbe wie eine Hure tun? Sie sind bissig! wie junge Hunde und verschlagen. Die East Side hat sie um ihre Jugend betrogen. Plastisch stehen alle Menstheri des Buches vor uns1, wie sie leiden, darben und dahinleben. Gold zeichnet sie mit dem Herzen eines Verstehenden; er liebt diese MSns'chen, fit IM iura nUUNUUE der kmlwü Wien I., Wipnlimii*! Die Gemeinde Wien haftet mit ihrem gesamten Vermögen für alle Einlagen in der Zen- - - - - tralsparkasse - - - - die er erlebt hat. Sein Vater, der trotz aller Enttäuschungen an das Amerika des Erfolges glaubt, seine "Mutter, die arbeitet, schuftet, stiehlt, um anderen zu geben. Der Ein-i äugige Lajr, dessen Mutter, reicher als Dante, seine Schwester, die totgerädert wird, arme Esther! Alle leben sie und leiden, dienend dem Moloch, der hier Erfolg heißj, der ihnen aber nicht eine Krume Brot gibt, um ihren Hunger stillen zu können. Dieses realistische Gemälde jüdis'chen Massenelends1 ist das eindruckvollsfe und erschütterndste von allem1, was in den letzten Jahren über die Judennot geschrieben wurde. Er zeigt kraß und wahrheitsgetreu dasi wirkliche Leben, das1 eher ein Dahinvegetieren zwischen Sein und Nichtsein ist:' Jüdischer Proleten, die denken lernen müssen, wie es' Michael Gold gelernt hat, nachdem er knapp vor dem Selbstmord gestanden war. Deshalb ruft er im Final s'eines Buches: O Arbeiterrevolution, die mich gezwungen hat zu denken, zu kämpfen und zu leben! O großes Beginnen!; ■ Hermann Fischheimer, Realitäten und Möglichkeiten Palästinas. Vor kurzem ist in der E. Laubschen Verlagsbuchhandlung, Berlin, eine Broschüre erschienen, die unseren Genossen Kaplans'ky zum Verfasser hat und das sehr aktuelle Problem „Die Realitäten und Möglichkeiten Palästinas" behandelt. Wir haben diese Neuerscheinung auf das freudigste begrüßt, um so mehr, als der Verfasser die Gewähr dafür bot, daß das Thema gründlich erörtert würde, und der Verlag, der bekanntlich die „'Jungsozialistis'ch'e Schriftenreihe" herausgibt und eine Reihe von anderen wertvollen BüCh'ern erscheinen hat lassen, die Aussicht eröffnete, daß diese Broschüre gerade im sozialistischen Lager bekannt würde und damit neue Freunde für unsere Sache gewonnen würden. Die Broschüre zerfällt in zwei Abschnitte, deren erster die Kapazität Palästinas als Ansiedlungsland neu prüft (diente dem Autor als Grundlage für sein Referat auf dem vorjährigen Berliner Kongreß für das; Arbeitende Palästina) und deren zweiter eine Analyse des Simpsonschen Berichtes darstellt (ist zuerst im „Achduth Haawodah" erschienen), um an Hand dieser Analyse einerseits1 die bekannten jeder sachlichen Grundlage entbehrenden Annahmen und Schlußfolgerungen Simpsons ins1 richtige Licht zu stellen (in djes'em Sinne eine wertvolle Ergänzung zu 'dem1 Buche Granowskis und dem Memorandum Ruppins in dieser Frage) und andererseits die im ersten Abschnitte gemachten Feststellungen neuerlich zu bestätigen. Es ist klar, daß gerade uns1 Sozialisten die Frage der realen Möglichkeiten Palästinas am meisten interessiert, wobei für uns natürlich im Vordergrunde das Problem unserer arabischen Nachbarn steht, eine jener Realitäten, die die zionistische Bewegung lange nicht in richtiger Weise beurteilen wollte (wenn sie überhaupt darüber urteilte) und die zunächst vom jüdischen Arbeiter am1 eigenen Leibe verspürt wurde: in seinem täglichen Kampfe um' Arbeit um Arbeit und menschlichen Lohn. Das Wort vom „Kibusch Awodah" (der Eroberung der Arbeit), das zur heiligen Forderung auf der einen Seite wurde und zur heiligen, Auflehnung auf der anderen Seite führte, ist doch — wie wir heute sagen können — der nackten Notwendigkeit entsprungen und stellt einen wesentlichen. Teil des Klassenkampfes dar. Unsere Gegner, die der zionistischen Kolonisation vorwerfen, sie verdränge den arabischen Fellachen, mögen doch einmal erkennen, daß es1 zunächst der jüdische Arbeiter war, der sich diese Frage gestellt hat, lange bevor es der englischen Regierung eingefallen isf, ihre Kommissäre und Experten mjt ihrer Untersuchung zu betrauen — derselben englischen Regierung, die bekanntlich nur bestrebt ist, für das Wohl ihrer Kolonialvölker zu sorgen. Es ist unzweifelhaft, daß ein Buch, das diese Frage gründlich erörtert, die Unstichhältig'keir. all der Behauptungen, daß jüdische Arbeit der arabischen Bevölkerung Schaden bringe, nachweist, das Doppelspiel, das die Mandatarrhacht