Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 14 (2.10.1931)
- Date
- 1931-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Arbeite* Seite & Streichungen von Subventionen für weltliche jüdische Schuten wurden außerdem1 aus Lida, Pinsk und Luck gemeldet, Die Exekutive der jüdischen Schulorganisation bereitet eine großzügige politische Kampagne gegen diese Bedrohung des jüdischen Schulwesens in Polen, sowie Hilfst aktionen vor. Katastrophale Lage der jüdischen sozialen Institutionen in Pofesfan. Brzesc. (J. T. A.) Die Aufsichtsbehörde hat aus dem Budget der Stadt für 1931/32 alle- Subventionen für jüdische Institutionen gestrichen. Auch in Pinsk wurden an den Budgetposten für die jüdischen Institutionen Kürzungen in so starkem Ausmaß vorgenommen, daß die Versorgung der Greise, Kranken und Waisen gefährdet ist. Schließung jiddischer Theater in Warschau. Warschau. (J. T. A.) Die jiddischen Theater „Skala" und „Central" mußten infolge der Wirtschaftsnot geschlossen werden. Die Schließung der beiden Theater bedeutet die Vernichtung der Existenz von über 100 jüdischen Familien. Führer der jüdischen Aufbauverpnde über die Lage der Juden in Polen, Kürzlich fand' in Berlin ein vom Gemeinschaftlichen Hilfskomitee lOrt-Ose-Emjgdirekt veranstalteter Vortragsabend statt, auf dem1 Vertreter der großen jüdischen sozialen Organisationen in Polen über die augenblickliche Lage der jüdischen Bevölkerung dieses Landes sprachen. Der Vorsitzende der ORT-Organisationen in Polen Dr. M. Silberfarb erstattete ein Referat über dje wirfschaftfliehe Lage der Juden in Polen. Der Tiefstand der Preise für landwirtschaftliche Produkte einerseits und die hohen Preise für die Industrieprodukte andererseits haben in Polen, das 65 Prozent bäuerliche Bevölkerung hat, zu einem starken Sinken der Kaufkraft der breiten Massen geführt, so daß im Hinblick darauf, daß eine Spanne von 28 Prozent bis 35 Prozent zwischen Detail- und Engros-Preisen besteht, das Bestreben der Wirtschaftskreise immer mehr auf die Ausschaltung des Zwischenhandels richtet. Da die Vermittlerberufe in Polen zu 75 Prozent in jüdischen Händen liegen, sind die Juden durch diesen Ausschaltungg'prozeß aufs schwerste betroffen. Die Bildung von Trusts' und Syndikaten einerseits, von 'kooperativen Konsumentenorganisationen, die den Alleinvertrieb von Monopolartikeln haben, und so die gesamte Kundsahaft leicht an sich ziehen können, andererseits wirkt sich, obwohl sie keineswegs! auf antisemitische Motive zurückzuführen ist, infolge der besonderen Wirtschaftsstruktur der polnischen Judenheit in erster Linie gegen diese aus. Aehnliche Folgen hat der sogenannte Etatismus, der sich die Förderung der Exportsyndikate gegenüber dem privaten Handel zur Aufgabe gesetzt hat. . Auch auf die Lage des' jüdischen Handwerkerstandes wirkt sich das Sinken der Konsumkraft der Bevölkerung verheerend aus1. Hier ist es besonders notwendig, daß die .Konkurrenzfähigkeit des' jüdischen Handwerks gegenüber dem! vielfach besser ausgebildeten christlichen Handwerker dadurch gehoben werde, daß durch die Ausbildung hochqualifizierter Arbeiter in den Werkstätten des ORT die Qualität der jüdischen -Handwerksprodukte gesteigert wird. Große Bedeutung kommt auch der Tätigkeit der Einkauf sgesellschaft Von ORT zu, die .es den jüdischen Handwerkern durch Belieferung mit Maschinen ermöglicht, ihre Betriebe zu rationalisieren und so mit den nicht jü.dis'chen- Betrieben, denen die Ratiomalisierungstnaßmahmen der Regierung in erster Reihe zugute kommen, Schritt zu halten, schließlich wies1 Dr. Silberfarb darauf hin, daß es1 nicht \ufgabc des' ORT sein könne, die Produklivierung der jüdischen Massen im Osten selbst durchzuführen. Er könne nur durch Errichtung Von Musterbetrieben beispielgebend wirken. Diese Aufgabe erfüllte er in Polen auch in der Landwirtschaft, in der 87.000 Juden aktiv tätig sind, was1 auf eine Gesamtzahl der jüdischen landwirtschaftlichen Bevölkerung von etwa 150.000 Seelen schließen läßt. In den von ORT in Polen geschaffenen landwirtschaftlichen Kooperativen sind etwa 1000 jüdische Familien vereinigt. Besondere Bedeutung kommt der Errichtung von Webereikooperativen in Lodz zu, wo noch 4000 Juden unter unerträglichen Verhältnissen als Handwerker tätig sind. Der außerordentliche Erfolg der von ORT errichteten Weber-Kooperativges'elli schaft „Progreß" hat dazu geführt, daß gegenwärtig eine zweite große Kooperativgenossenschaft gebildet wird. Auf diese Weise habe ORT die Methoden entwickelt, mit deren Hilfe eine Gesundung des jüdischen! '.Wirtschaftslebens! in Polen herbeigeführt werden kann. Dr. L. Wulman von der Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden TOZ zeigte in seine'm Vortrag über das Thema „Der drohende Niedergang der Volksgesundheit" die besonderen Symptome einer durch die Wirtschaftskrise bedingten allgemeinen. Verschlechterung des Gesundheitszustandes der jüdischen Bevölkerung auf. Erlegte dar, daß die ungünstigen Lebensverhältnisse bei der jüdischen Bevölkerung nicht wie bei der nidhtjüdischem Bevölkerung, vermehrte. Sterblichkeit zur Folge haben, sondern verschärfte Nervosität, seelische Angst, rasche Ermüdung, Kleinwüchsigkeit, Häufigkeit von konstitutionellen. Krankheiten wie Diabetes usw. Diese besondere Reaktion der jüdischen Bevölkerung rechtfertigte neben der höhen, therapeutischen Bedeutung einer dem' Kranken, psychisch' adäquaten Umgebung der Notwendigkeif des Bestehens' einer besonderen jüdischen Gesundheitsorganisation, die wie TOZ in Polen und OSE in den anderen osteuropäischen Ländern jüdische Ambulatorien, Heilanastalten, Tuberkulosefürsorgestellen, Mütterberatungsstellen usw. unterhält. Der Vertreter des Verbandes für Waisenhilfe in Polen. L, Neustadt sprach über die Notwendigkeit, dem bedrohten jüdischen Schulwerk in Polen, das als1 Ergänzung des staaU liehen Schulwesens stets: eine hervorragende Rolle gespielt hat, beizustehen. Er wies auf die Gefahren hin, die den \ Schulen der Tafbuüt und der jüdischen Schulorgäftisation „Zischo" infolge des 60prozentigen Rückganges .der Sub-i ventionen drohen, sowie auf die verzweifelte Lage der jüdischen Lehrerschaft, die unter schwierigsten Verhältnissen ihre Pflicht erfülle. Ate letzter Redner hob A, Ooldjn diö Bedeutung der Arbeit des Verbandes für Waiyenhilfe hervor, durch den 10.000 Waisen versorgt werden, was ein,t Jahresbudget von 5 b?s 6 Millionen Zloty erfordere. Tarnopol und die Arbeiterzeitung 24. September. Im Zentrum der Hauptstadt der deutschen: Republik ist ein Ueberfall auf Juden; veranstaltet worden. Jüdische Passanten wurden schwer verletzt, die Polizei griff verspätet ein, ein christliches Publikum sah ziemlich teilnahmslos diesem Geschehen! zu, die 'hakenkreuzlerischen' Lumpen wurden — das mußi festgestellt werden — prompt und ihren Taten entsprechend von Schnellgerichten verurteilt. Die Strafen wurden den Vollziehern einer Ideologie zuteil, die den Juden als ein hinterlistiges, kultur- und wirtschaftsschädigendes, bei seiner Wirksamkeit nur .unmoralische Methoden anwendendes Geschöpf darstellt. Diese Ideologie ist bewußt einzig und allein dazu geschaffen worden, den Juden als den Schuldigen für den. von den deutschen Nationalisten mitherbeigeführten, von den deutschen Generälen verlorenen Krieges hinzustellen, auf ihn den gerechten - Volkszorn über die furchtbarem .Kriegsfolgen, an welchen die Menschheit 13 Jahre nach Kriegsende leidet, zu leiten. Der kommende Win'r ter wird dieses Nachkriegselend ins Unermeßliche, steigern, der Hakemkreuzdemagogie wird ein weites Wirkungsfeld eröffnet werden; die Ereignisse in Berlin zeigen deutlich, daß die Losung „der Jud ist schuld!" nur allzu leicht Glauben findet. Wir haben im unserem Blatte anläßlich1 der hundertsten Grabschändung auf die schmachvolle Haltung der deutschen Intelligenz, deren erdrückende Mehrheit sich im antisemitischen Lager befindet, und dem Pogromismus die theoretische Begründung liefert, zur Genüge gekennzeichnet Heute wollen wir ,hier ein anderes Problem aufwerfen: das Problem, nämlich, wie sich1 die sozialistische Presse diesen Tatsachen gegenüber verhalten sollte. Diese Frage — so scheint uns — ist nicht schwer zu beantworten': die sozialdemokratische Presse hat den Antisemitismus in jede r sei ne r Foim e,n zu bekämpfen, sein kulturfeindliches, reaktionäres und gewalttätiges Wesen zu 'enthüllen! :. In unserer Rubrik „Muß das sein!" haben; wir des öfteren gezeigt, daß die Haltung unseres Parteiorgans, der Arbeiterzeitung), dieser Maxime ganz und gar nicht entspricht, daß-diese den Antisemiten ■eigentlich nur vorwirft, daß sie in Wahrheit keine Antisemiten sind, daß sie es aber auch nicht verschmäht, gerade im volkstümlichsten Teil des Blattes, unter Tagesneuigkeiten, antisemitische Anspielungen zu machen. Diese unsere Bemühung, die nicht nur im Kreise unserer poalezioniistischen Genossen Zustimmung gefunden hat, — es ist eine Reihe von. im der Bildungsarbeit der Partei hervorragend tätigen Genossen, die uns gegenüber mündlich und schriftlich ihrer Empörung über diese Haltung der „Arbeiter-, zeitung Ausdruck gaben, — wir sagen, diese unsere Bemühung ist vergeblich gewesen; wir haben der Redaktion unseres Zentralorgans umsonst ins Gfr wissen geredet. Auch die neue Redaktionsleitung scheint die Tradition des schalkhaften Kokettierensl mit dem Antisemitismus fortsetzen zu wollen. .Wir fjiindeu in der Arbeiterzeitung vom 24. September in einer Notiz über die Praxis des christlichsozialein Arbeitsnachweises, folgenden charakteristischen Satz: „Da dies nicht so offen gemacht werden darf (Nichtorganisierte für die christlichen Gewerkschaften einzufangen, Red.), wenden sie Tricks an, die sie gerad ezu aus Tarnopol bezogen haben könnten." Man traut seinen Augen nicht und schaut noch einmal aufs Titelblatt; ist das wirklich die Arbeiterzeitung und nicht die: Dötz?" Ist es möglich, daß ein Journalist einer Partei, die eine große Zahl von Funktionären aller Grade besitzt, die unmittelbar dem polnisch-jüdischen Milieu entstammen, es wagen darf, diese pöbelhaft-antisemitische Bemerkung zu schreiben. Ist es glaubhaft, daß ein Redaktionsleiter, der selbst jüdischer Abstammung ist, diese Besudelung der Ehre der jüdischen' Massen im Osten, der jüdischen Parteigenossen zuläßt? Ist es möglich, daß eine solche Beschimpfung,' die die Hakenkreuzthese: „Jüdisch ist verächtlich!", akzeptiert, nicht einen Sturm der Entrüstung unter den jüdischen Parteigenossen hervorruft? Wir Poale-Zionisten können und werden diesen: Mißbrauch der Pressemacht durch Partei Journalisten! nicht protestlos hinnehmen. Wir erbitten uns von der Partei die Antwort auf die Frage: Wie lange; wird man es dulden, daß: das Parteiblatt der österreichischen Sozialdemokratie zur Ablagerung antisemitischer Beschimpfungen mißbraucht wird? Ring".' Genos'se Herschkowidz' spendet S 2 und fordert zu Spenden auf: Dr. Osterer, Dr. Düllberg, Dr. H. Lecker, Friedrich Nospreis, Willy Dummer, A. >Friscfr, Dr. Uscher Schächter, Dr. M. Hammer, Jakob Wahl, Markus Fischer, Adolf Weinstock. Wiener Gasitoiis ausgiebiger und billiger Brennstoff für EöIIs uns Dauer&ranlo'fen Zentralheizungen Gewerbliche Feuerstätten Oer außerordentliche Parteitag der Poale Zion in t. S. R. Am 6. September fand in Mähris'ch-Ostrau .der Parteitag der Poale-Zion statt. Es wurden folgende Resolutionen angenommen: . Zu den bevonstehendeto Gern^inderatswahlen. 1. Im' allgemeinen hat der prunjds'atz zu gelten, daß die Partei in allen Orten, in denen die Möglichkeit gegeben ist, auf Grund unseres' Programmes selbständig zu kandidieren hat. — In allen Fällen, soll die Koppelung der Reststimmen mit den Stimmen der anderen sozialdemokratischen Parteien angestrebt werden. 2. Dort, wo selbständige Kandidaturen nicht in Betracht kommen, fordern wir unsere Genossen auf, für die sozialdemokratischen Listen zu stimmen, wobei wir uns die Möglichkeit zu sichern haben, in. den sozialdemokratischen Versammlungen die Wünsche der j'üdisdhen Wähler zumi Ausdruck zu bringen; 3. In Gemeinden, wo die Poale-Zion nicht selbständig kandidiert, oder mit einer sozialdemokratischen Partei nicht kooperieren kann, wird sich die Wahltaktik den lokalen Verhältnissen anzupassen haben, wobei die Ortsgruppe mit anderen Schichten werktätiger Juden zusammengehen kann. In allen Fällen ist vor Abschluß einer Vereinbarung die Entscheidung' der Exekutive einzuholen. 4. Der Exekutive wird empfohlen, die Schaffung eines Zentral-Wahlfonds einzuleiten und gleichzeitig alle Gruppen aufgefordert, den im Wahlkampf stehenden Organisationen materielle Hilfe zu leisten. Icfoiud. ..Der außerordentliche Parteitag nimmt die Beschlüsse der Weltkonferenz in der Frage der, Vereinigung unserer Weltbewegung mit dem Weltverband der „Hitachduth" zur Kenntnis. Die Exekutive wird beauftragt, mit der. „Hitachduth" und der Arbeitsgemeinschaft der Zionisten-Sozialisten, wie auch mit den zionistisch-sozialistischen Jugendbünden gleich-« zeitig in Fühlung ' zu treten, um1 sowohl psycholojgis'cbJ wie organisatorisch die Vereinigung im1 Lande vorzubereiten, um' sie zu einem vollen Erfolge zu gestalten. Gleichzeitig mit den Verhandlungen über die Vereinigung werden die Verhandlungen über die Schaffung eines! Territorialverbandes aufgenommen. Hechaluz. Der Parteitag fordert die Exekutiveauf, den Fragen des Hechaluz die größte Aufmerksamkeit zu widmen. Jugend. Der Parteitag fordert die Exekutive auf, die Jugendorganisation bei ihren Konsolidierungsarbeiten in jeder Weise zu unterstützen. Sozialistische Frauenarbeit in in Palästina. (I. I.) Genossin Rachel J a n a i f, Mitglied des Internationalen Frauenkomitees der S. A. J., schreibt aus Jerusalem : „. . . Ich arbeite auf zwei genossenschaftlichen Uebungsfarmen, wo die Mädchen für Ackerbau und Gartenarbeit ausgebildet werden. Für die Pionierinnen des Wiederaufbaues von Palästina ist es sehr wichtig, daß wir ihnen helfen, sich den neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen anzupassen. Die Uebungsfarm der Mädchen hat ausgedehnte . Baumschulen geschaffen ... Unser Arbeiterinnenrat arbeitet in Stadt und Land unter Frauen, die in den verschiedenartigsten Berufen beschäftigt sind. Wir haben in Ausicht genommen, einen Frauentag abzuhalten. Wir haben s'Chon eine ansehnliche Literatur, wovon demnächst einiges ins Englische über»" setzt werden soll." / In deutscher Sprache ist im< Verlag der „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterorganisation in Palästina", Tel-Aviv, unter Beteiligung der Internationalen Zionistischen FrauenorganH sation „WIZO" die Geschichte der Arbeiterinnenbewegungi in Palästina von 1904—30 unter dem1 Titel „Die arbeitende Frau in Erez-Israel" von Ada Fischmann erschienen.