Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1931-10-02 · Heft 14 (2.10.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
8 (1931)
Issue
Heft 14 (2.10.1931)
Date
1931-10-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2641551-2641624-2641638--455-2642431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. Def jüdische Arbeitet der Juden recht gering ist. Nur in! def Bekleidung^ und wohl auch1 in der Nahranigsmittelbranche, haben die jüdischen Kaufleute ihre Position halten) können, wobei allerdings gesagt werden muß, daß die Bekleidungsbranche sich noch aus einer unverhältnismäßig großen Menge von Klein- und Mittelbetrieben zusammensetzt und überdies die Weltkrise der Bekleidungsbranche ganz besonders in Mitleidenschaft gezogen hat. Die Erstarkung des Beamtengenossenschafts- und Konsumgenossenschaftswesens, die größere Aktivität der öffentlichen Hand nach dem Kriege, der Aufstieg der Warenhäusbranche, tat ein übriges, diesen: Prozeß zu fördern. Zwar befanden sich unter den' aufsteigenden) Warenhäusern auch nicht wenige in jüdischen Händen, jüdische Geschäftsleute wurden aber durch deren Aufstieg ebenso außer Konkurrenz gesetzt, wie nichtjüdische Geschäftsleute, und das Gesamtbild dürfte daher für die jüdische Geschäftswelt nicht günstig aussehen. Gewiß muß überhaupt festgestellt werden, daß neben' dem Proletarisierungsprozeß auch ein umgekehrter Auf Stiegsprozeß einzelner Juden sich beobachten läßt, die Namen Michael und Jakob Goldschmidt sind ja zu bekannt, als daß man sie inj diesem Zesammenhange übergehen dürfte, typisch und charakteristisch für das deutsche Nachkriegsjudentum ist aber der Proletarisierungsprozeß, dem z. B. es zu verdanken' war, daß man 1925 anr der Berliner Börse für verarmte Makler Kleider sammeln mußte, für Menschen einer Gruppe, die als bekannte Witzblattfiguren für den1 jüdischen Reichtum geradezu repräsentativ waren. Dieser Prozeß hatte schon vor dem Kriege eingesetzt, schon Sombart schrieb, daß die Juden in den Aufsichtsräten großer Unternehmungen seltener würden, jetzt nach der Inflation; begann sich die Wirisc'haftssituation der deutschen Juden aber in revolutionärer Weise zu verändern, und 1925 bereits konnte man aus den Ermittlungen der Berliner jüdischen Gemeinde schließen, daß 60 Prozent der Berliner Juden Arbeitnehmer und nur 40 Prozent Selbständige wären! Gegenüber 41.000 Zensiten zählte man 48.000 Lohnempfänger! 1907 war im Deutschland der Prozentsatz der Selbständigen bei den Juden 53.8 Prozent und doppelt so hoch wie bei der nicht-* Jüdischen Bevölkerung, die 20.1 Prozent Selbständige zählte. Die Zahlen der letzten Volkszählungl konnten leider bis jetzt nicht ausgewertet werden1, die Untersuchungen der aif der Akademie für die Wissenschaft des Judentums bestehenden Kommission für Statistik und Wirtschaftskunde unter Führung von Professor Heinrich Silbergleit werden uns über diese Umschichtung genauere Daten geben können! und den Proletarisierungsprozeß sicherlich bestätigen. Vor dem Kriege zählte man 17 Prozent der deutschen Juden an den „Selbständigen ohne Beruf das waren 37.000 Rentner, diese Schicht, diese Schicht [besteht jetzt überhaupt nicht mehr. Die Lage des jüdischen Rentnerproletariats ist außerordentlich traurig, wie überhaupt das Schicksal derjenigen', die sich nach der Inflation in die Wirtschaft nicht mehr einzuordnen wußten. Die Fälle, in. denen alte Leute von 70' Jahren; und darüber gezwungen! sind, auf ihre alten Tage noch Reisende und Hausierer zu ■werden, sind nicht wenige. 20.000 Berliner Juden sind auf die Unterstützung der Gemeinde angewiesen, die Zahl jüdischer Unterstützungsempfänger in ganz ■Deutschland ist sehr hoch. Der Proletarisierungsprozeß hat in1 erster Linie zu einem Anwachsen des Angestelltemelements in der jüdischen Gesellschätf geführt, und wer überhaupt der Angestelltenschaft im Rahrnen der kommendem Entwicklung eine erhöhte ökonomische und politische Bedeutung "beimißt, wird in dieser Entwicklung etwas Günstiges und Wichtiges sehen. Während unter-den 'Arbeitnehmern1 die Zahl der Arbeiter im Laufe der letzten Jahre relativ abgenommen hat, verstärkte sich der relative Anteil der Angestellten erheblich; für Sozialisten mag hier eine der wichtigsten und entseheidenstem Aufgaben sozialistischer Bündnispolitikj liegen. Besonders in der Textilindustrie und dem Textilhandel, in dem näcfr Ernst Landsberg 15 Prozent der deutschen Juden als Arbeitgeber beschäftigt sind, ist auch die Zahl jüdischer Angestellter recht erheblich, und wenn es einmal in Deutschland mit dem Anwachsen des Wirtschaftsantisemitismus und der erhöhten Bedeutung des jüdischen Arbeitgeber^ für den jüdischem Arbeitnehmer zu jüdischen AnL gestellten-Berufsorganisationen oder Gewerkschaftern (kommen sollte, bestände hier eine zahlenmäßige Grundlage dafür. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse nach dem Kriege, den Mittelstand vernichtet haben, und daß vom dieser Entwicklung ganz besonders die Juden in Mitleidenschaft gezogen wurden. Auf diesem ähnlichen Schicksal des jüdischen und nichtjüdischen Mittelstandes beruht nicht zuletzt der Glaube breiter Schichten des deutschen Judentums an die deutsche Schicksalsgemeinschaft. Aber außer diesem allgemeinen wirtschaftlichen Moment besteht für das deutsche Juden-' kirn ein zweites', spezielles jüdisches Moment, das seine Lage noch weiter verschlechtert hat: Der Wirtöchaftsantisemitismus.. | Genosse Moritz. | Das österreichische Proletariat, insbesondere aber die jüdischen Angestellten Wiens, haben einen treuen Vorkämpf er. verloren: Gustav Moritz ist nicht mehr. Seit Jahrzehnten ist er in den ersten Reihen des' gewerkschaftlichen und politischen Kampfes gestariden und es war ihm vergönnt, für seine Ideale auch an der jüdischen Front, in der jüdischen Gemeinde, zu kämpfen. Auch wir Poale-Zionisten werden Gustav Moritz ein treues Andenken bewahren. Jüdische Not. SelbBitmiord€jp«de|mie>.. Warschau. Die Verzweiflungunter den jüdischen Massen infolge der sich von Tagzu Tag verschärfenden wirtx s'chaffliehen Notlage hat zu einer erschreckenden Häufung) von Selbstmorden und Selbstmordversuchen geführt. Am' 13. August allein sind abermals drei neue Fälle von Selbstmord nes'p. versuchtem Selbstmord von Juden in Polen wegen wirtschaftlicher Not zu verzeichnen. In .Warschau hatte der bekannte jüdische Garnfabrikant Chaim' Lesser Selbstmord durch .Einatmen von Leuchtgas begangen. Lesser Mittwoch, den 7. Oktober 1391, um 8 Uhr abends, IL, Blumauergasse Nr. 1 Mitglieder-Versammlung Tagesordnung: ICHUD erfreute sich in industriellen und kaufmännischen Kreisen großer Wertschätzung. Die Nachricht von seinem1 Selbstmord, den er aus' Furcht vor finanziellem' Zusammenbruch begangen hat, hat allgemein größte Bestürzung hervor-* gerufen. Am gleichen Tage 'hat die 24jährige Rebekka'Fischmann einen Selbstmordversuch' wegen Arbeitslosigkeit und Not begangen. Besonders 'tragisch1 ist der Selbstmordversuch' der 20jährigen abgebauten jüdischen Staatsbeamtin Felicja Balaban. Sie war eine der Wenigen jüjdis'chen Beamtinnen, die in einem: polniis'chen Staatsbetrieb beschäftigt sind. Am' 1. August erhielt sie von der Leitung der Stanislauer Abi- .teilung der Spiritus'monopol-Verwaltung, bei der sie beschäftigt war, die Verständigung, daß sie auf die Abbaui- Iiste gesetzt worden sei. Nach vergeblichen Versuchen, einen neuen Erwerb zu erlangen, hat die/Beamtin, die auch' für den Unterhalt ihrer greisen Eltern zu sorgen hatte, einen. Selbstmordversuch durch' Austrinken einer Flasche Brennspiritus begangen. Sie wurde in hoffnungslosem! Zustand ins. Hospital eingeliefert. |' Niedergang des tettländische^ Judentums/.; Die vor kurzem veröffentlichten offiziellen Ziffern der! letzten Volkszählung in Lettland zeugen von dem' wirtff schaftliclien Niedergang des lettländischen Judentums* Noch' vor fünf Jahren hatten die Juden in Lettland ein lieber-1' gewicht im Handel, heute haben sie nicht nur dieses Ueber(- gewicht eingebüßt, sondern ihre ganze wirtschaftliche Pc* sition Hat eine erhebliche Schwächung erfahren. Während der Anteil der Juden am Handel um volle 10 Prozent gesunken ist, stieg der Anteil der nichtjüdischen lettländiisehen Bevölkerung im Handel um die gleichen 10 Prozent, In der Industrie sank der Anteil der Juden von 11 Prozent auf Q Prozent. In etwa dem gleichen Maße verminderte sich' die Zahl der jüdischen Angestellten und der jüdischen Anr gehörigen der freien Berufe. Des weiteren geht aus den Volkszählungsziffern hervor, daß die Juden unter, der Landwirtschaft Lettlands 0.9 Prozent, in der Industrie 27.6 Prozent, im Handel 48.8 Prozent, im Transportwesen 2.8 Prozent, unter den staatlichen und städtischen Angestellten (einschließlich der Lehrer) 0.8 Prozent, unter den .freien Berufen 8.1 Prozent, unter den Aufgestellten privater'Institutionen 1.8 Prozent, in unbestimmten Berufen 9.4 Prozent ausmachen. Notaktion de»sl Joint» Berlin. Angesichts; der schweren ökonomischen Lage in Polen, durch die die jüdische Sozialfürsorge besonders! stark in Mitleidenschaft gezogen ist, haben Vertreter jüdischer sozialer Institutionen aus Lettland und Polen, unter ihnen Senator Szereszowski, Dr. Engelmann und Dr. Joffe, sowie die zuständigen Inspektoren des! Joint im Berliner Büro des Joint Distribution Committee Beratungen abgehalten. Es wurde berichtet, daß sich die Situation auf denn Gebiete der Kinderfürs'orge und der medizinischen Arbeit infolge des starken Rückgangs der lokalen Einnahmen und der kommunalen Unterstützungen sehr schwierig gestaltet hat. Auf Grund der Schilderungen hat der europäischen Auf Grund der Schilderungen hat* der europäische1 Direktor des1 Joint Distribution Committee, Dr. Bernhard. Kahn, für die nächsten drei Monate für den Verband der Jüdischen Waisenfrüsorgezentralen in Polen Dollar 15.500 und für die Gesellschaften TOZ in 'Polen Dollar 8500' als außerordentliche Beiträge bewilligt. Für das Jahr 1931 waren bereits1 folgende Beiträge vom' Joint bewilligt: Für Kinderfürs'orge, professionelle Ausbildung und Sommerkolonien Dollar 83.400; für medizinische Arbeit Dollar, 36.000; für Gemilöth-Ches'sed-Kassen Dollar, 83.000; für verschiedene andere konstruktive Arbelten ca. Dollar 27.000, so daß bisher in diesem1 Jahre vom Joint insgesamt Dollar .253.400 für produktive Hilfszwecke nach Polen gegeben worden sind. Die ipoJnis'che Regierjumg gegeni die jüdischen! kulturellen Institutionen* Wars'chau, In den Kreisen der jüdischen Führer Polens: herrscht lebhafte Empörung über die Einmengung der polnischen Regierung in' interne jüdische Gemeindeangelegenheiten, die darin zum1 Ausdruck kommt, daß aus den Gemeindebudgets alle Subventionen für jüdische Kulturzwecke gestrichen werden. Die Regierung begründet ihr Vorgehen damit, daß die Gemeinden rein religiöse und philanthropische Institutionen seien und als solche nicht das Recht hätten, Subventionen für jüdische Schulen und andere kulturelle Institutionen zu gewähren. Aus Kielce wird berichtet, daß eine Anzahl jüdischer •Haridwerkerschulen und Elementarschulen, die von vielen. Hunderten armer jüdischer Kinder besucht werden, vor der Schließung stehen, weil das Unterrichtsministerium der jüdischen Gemeinde Kielce endgültig verboten hat, diese Anstalten zu unterstützen. Die Schulen, die durch das1 EinJ greifen des Unterrichtsministeriums nunniehr geschlossen werden sollen, haben nicht nur eine hohe kulturelle Bedeutung, sondern brachten dadurch, daß sie ihre Schüler beruflich ausbildeten und durch Schulküchen f(ür die Ernährung der Schüler sorgten, weiten Kreisen auch wirksame ökonomische Hilfe. Die Gemeinde Kielce hatte es daher1 als außerordentlich wichtig erachtet, diese Schulen trotz1 der. Knappheit der in der jetzigen Zeit wirtschaftlicher Depression in Polen der Gemeinde zur Verfügung sfehendien. Mittel zu unterstützen. Der erste Weg zur Schule. (Betrachtungen eines jüdischen Vaters.) Schulpflicht! Dieses zusammengesetzte- Wort bezeichnet einen außerordentlich1 wichtigen-Wendepunkt in der Entwicklung des Menschen. Der Zeitabschnitt fast hemmungsloser Entwicklung, der sprunghaften* geistigen Entfaltung des kleinen Menschen ist nun abgeschlossen. Jetzt heißt es: systematische S c h u Ui n g! Der kleine Bürger wird nunmehr über seine Zeit nicht mehr frei verfügen können, die Schul- '»Pflicht schränkt ihm seine freie Zeit erheblich1 ein. Mit Besorgnis überantworten die Eltern (Mama weint, Vater wird nachdenklich) ihr Kind der Schule. Wenn! sie auch erkannt haben mögen, daß sie nicht dia notwendige Sachkenntnis in der Erziehungsfrage besitzen, fehlt ihnen doch das unbedingte Vertrauen zu den Lehrkräften der Schule: Werden sie auf die Eigenheiten des Kindes (die die Eltern; im der Regel überschätzen.) eingehen können? Werden sie das Kind verstehen? Solche und ähnliche Erwägungen beunruhigen wohl die meisten Eltern, als sie ihre Kinder zum' ersten Male zur Schule begleiten'. Es gibt aber Erwägungen und Befürchtungen anderer Art, die nur die jüdischen Eltern plagen. Diese sind auch viel schwerwiegenderer Natur" Es ist wohl kaum zu vermeiden, daßi das sechsjährige Kind, insbesondere unter den sehr häufig vorkommenden1 frühreifen Einzelkindern, weiß1, daß! es in seiner Umgebung Juden und Nichtjuden gebe. Das jüdische Kind nimmt diese Tatsacheals gegeben, ohne jedes Gefühl einer Feindseligkeit, ohne zu ahnen, daß* zwischen Juden und Nichtjuden Mauern von Vorurteilen und Haß aufgetürmt sind. Das Treffen der jüdischen und nichtjüdischen Kinder in der Schule, die „Konflikte"/ die unter den kleinen Bürgern oft entstehen, beschwören die Gefahr herauf, da ßsich die Kluft zwischen Juden und Nichtjuden vor den jüdischen Kindern auf tue, daßi das Gift des Hasses in die Herzen der Kinder gestreut werde. Mit Bangen sehen die jüdischen Eltern der unbegreiflichen Frage ihrer Kinder: Warum schreit mir der A. Saujud nach? Ich teilte' einem Gesinnungsfreunde älteren Jahrganges, diese Besorgnisse mit und er meinte,* daß ich die Sache viel zu tragisch nehme. „Als meinrBubi sich' vor mir beklagte, christliche Schulkollegen schreien! ihm nach: Jud, spuck in den Hut! erteilte ictV ihnn den Rat, daßi" er ihnen antworte: Christ,. spuck in) den Mist!" Diese „einfache" Lösung, die mein Gesinnungsfreund gefunden zu haben glaubte, gab mir keine Ruhe. Das soll also der Ausweg!" sein? Unsere jüdischen Kinder mit denselben Waffen, die ihre haßierfüllten christlichen Kollegen anwenden, ausrüsten? So sieht also das Märchen aus, daß in; der gemein-! samen Schule die Kluft zwischen Juden und Nichtjuden überbrückt wird? Wir wollen gewiß die Kluft des' Mißtrauens, des! Hasses zwischen Juden und Nichtjuden überbrücken, aber der Weg der gemeinsamen Schule, in welcher der Samen des gegenseitigen Hasses in die Herzen) der jungen Kinder gelegt wird, ist ein falscher. Eine Eindämmung dieser traurigen Erscheinung, der wir. in absehbarer Zeit auf andere Weise nicht beikommeni kiönnen, wäre richtiger. Das ist nur möglich d'urcbJ die selbständige jüdische Schule. Menachern.' i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.