Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 14 (2.10.1931)
- Date
- 1931-10-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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oi« jüdische Arbeiter Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 14. Wien, 2. Oktober 1931. 8. Jahrgang. Zur Arbeit, Genossen! Das neue Arbeitssemester, der Beginn der politischen Arbeitsperiode, steht im Zeichen der katastrophalen wirtschaftlichen' Depression, unter . der ■ die Werktätigen aller Völker der Erde zu leiden haben; sie ist es, die den Lebensinhalt jedes einzelnen voni uns zur Gänze fast ausfüllt, die aber auch den Inhalt des politischen Lebens in entscheidender Weise bestimmt. Auf der jüdischen und auf-der nichtjüdischeni •Front unseres Kampfes sind es die Auswirkungen1 der Wirtschaftskrise, die die wichtigsten Bedingungen) desselben bilden, die uns den Inhalt und die Methoden unserer Arbeit souverän diktieren. Für die landespolitische Front, auf weicher wir als untrennbarer Teil der österreichischen Sozialdemokratie die politischen, sozialen- und kulturellen. Errungenschaften des österreichischen Proletariats verteidigen, ist es charakteristisch, daß; die, Bourgeoisia in der Krise die Möglichkeit sieht, der geschwächten" Arbeiterschaft eine Niederlage zu bereiten. Man versucht es auf gewalttätige u n d legale Weise. Nichts wäre gefährlicher, als den Versuch vorn 13. September, die Gewaltherrschaft des Faschismus in, -Oesterreich zu errichten, ironisieren zu wollen. Ge- 'wiß hat sein militärischer Verlauf eindeutig! die Frage beantwortet, warum der österreichischen Armee im Weltkriege nichts gelingen konn^: hat doch das strategische Genie der .vielen; ordensbedeckte.nl Heiniwehrgeneräle nicht hingereicht, um einige Be-!4rkshauptmaniTsChaften zu erobern. Wir haben aus dem verbrecherischen Anschlag auf die Republik, mehr noch aber aus der zögernden Art, wie die .Staatsgewalt sich gegen die Aufständischen gewendet hat und aus der Tatsache, daß sich voni dein, verhafteten Aufrührern heute nur einige Kommandierte, aber keiner der Kommandeure in Haft befinden, daß sie alle frei sind und zu neuen;Taten rüsten,« unsere Folgerungen zu ziehen; wir haben zu lernen, daß die Regierung, die sich in diesen Tagen wahrhaft als Vollzugsgewall; der Bourgeoisie erweist, nur deshalb diesmal dem Faschismus — spät aber (doch .— Widerstand geleistet hat,, weil sie einen Bürgerkrieg aus kreditpoli tischen Gründen vermeiden mußte; innerlich, mit ihrem Herzen, ist die Bourgeoisie auf der Seite des nunmehr in Freiheit befindlichen Starhemberg, sie ist gerne bereit, sich von. ijhm besiegen zu lassen. Die einzige Macht, die imstande ist, die demokratische Republik zu erhalten, und so den geeigneten Boden unseres Klassenkampfes, um den Aufstieg des Proletariats zu beschützen, ist die Arbeiterklasse; ihre Wehrhaftigkeit, aber auch ihren Einfluß auf die Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung zu\vergrößeni, muß unsere wichtigste Aufgabe sein! Zur Stärkung unserer Macht im Staate und so zur Sicherung des Bestandes unserer Republik und damit jener sozialen ■Errungenschaften', die den breiten Massen erst ermöglichen, die furchtbare Not der. Gegenwart zu ertragen, bietet sich jetzt eine wichtige Gelegenheit. Der Wahlkämpf um die Bundespräsidentschaft hat begonnen! Auch hier gilt es, vor Unterschätzuug zu warnen. Die idyllischen Zeiten, da der Bundespräsident von Oesterreich eine machtlose Figur im Staate dargestellt hat, sind vorbei, heute, nach der Verfassungsreform, ist das österreichische Staatsoberhaupt ein entscheidender Faktor des •politischen Lebens der Republik. Das weder sachlich noch formell begrenzte Recht der Auflösung] der Volksvertretung, das Recht der Ministerernenuung verleiht der Front, der er angehört, ungeheure Macht. •Jeder jüdische Arbeiter und Angestellte wird die größte Anstrengung machen, um dem Kandidaten der Arbeiterpartei, um Karl Renner zum Siege zu verhelfen. Darüber hinaus bietet sich jetzt den Juden Oesterreichs Gelegenheit, mit dem christlichsozialen Bundespräsidenten und jetzigen Kandidaten, Herrn Miklas, abzurechnen, der die Pogromisten Starhemberg und Huber vor der Novemberwahl zu Ministern ernannt hat!. Diese Abrechnung kann, und wird nur eine Form haben: keine jüdische Stimme Herrn Miklas, alle Stimmen Karl Renner! ■ * Furchtbar sind die Auswirkungen der Wirtschaftsikrise auf das jüdische Leben;, sie führen im Galuth zur Deklassierung breiter kleinbürgerlicher jüdischer Schichten, ohne diesen die' Möglichkeit der Selbstheilung, der Produktivieruug rund Umschichtung zu eröffnen, sie gefährden in Palästina das jüdische Aufbauwerk, das Tausenden der jüdischen Jugend Hoffnung; auf Eingliederung in den Wirtschaftsprozeßi, dem" jüdischen Volk, dessen Bestand durch die große Assimilationswelle der Gegenwart gefährdet ist, Hoffnung auf sein Fortbestehen jgibt. Angesichts dieser spezifischen jüdischen Not ist außerordentliche Verstärkung unserer jüdischen Aktion notwendig. Wie in Sowjetrußland eine zwar von der Sowjetregierung ainerkennenswerterweise stark geförderte, aber ohne die jüdische Weltsolidarität kaum vorstellbare spezifische jüdische Sozialpolitik die Not der jüdischen Massen mit großem Erfolg zn lindern versucht, so wird es unsere Aufgabe sein,: auch1 in unserer Stadt an die maßgebenden Faktoren unsere der Lage der jüdischen arbeitsuchenden ■ Jugend angepaßten Forderungen zu stellen. Der wichtigste. Faktor einer jüdischen Sozialpolitik ist. die jüdische Gemeinde! Es wird die Aufgabe' der Vertreter' der jüdischen Arbeiter und Angestellten in der jüdischen Gemeinde sein, ein konkretes Notprogramm aufzustellen und den Weg zu zeigen, welchen die .Gemeinde finanzpolitisch beschreiten muß, um eine fruchtbringende Sozialpolitik leisten zu können/ Die Hoffnung auf Zuschüsse seitens des Bundes dürfte angesichts der traurigen Finanzlage desselben trotz aller rechtlichen Fundierung unserer Forderung auch heuer nicht in Erfüllung gehen. Trotztlem muß der Weg gefunden werden, um die öffentlich-rechtliche Körperschaft des Wiener Judentums fähig zu machen, der jüdischen Jugend ihre, durch Wirtscha,ftsantisenntismus und stfratsbürgerrechtliche Iiermnmigeu -soüberaus verschärfte Lage zu erleichtern. Die Tragik, in der sich der Zionismus in diesem Augenblick, der Krise befindet, liegt darin, daß er noch' niemals von den jüdischen Massen in. hohem Maße als ,,Ausweg" empfunden wurde, wie in unseren Tagen, da seine finanzielle Kraft durch die Krise so überausgeschwächt ist. Wir wollen die Lage so sehen, wie sie ist: davon, ob es gelingen wird, die finanzielle Krise der zionistischen Organisation zn beheben, hängt heute nicht die Weiterent- (Wicklung,. sondern der Bestand unseres Werkes in seinem jetzigen Umfang ab. Wir wollen heute nicht das Schuldpi oblem aufrollen, nicht davon sprechen, daß an dem Ausmaß der Krise die Zerstörer der zionistischen Organisation, die/Revisionisten, aber auch die Unfähigkeit der zionistischen Fondsbürokratie, den Kreis der finanziellen Förderer unserer Kolonisation, zu vergrößern, schuld sind. Heute tut not, daß sich1 jeder von uns dessen bewußt werde: von unserer Opferwilligkeit hängt die Zukunft des Jischuv, das' ist die Zukunft des jüdischen Volkes ab. Auch in diesem Bereich der jüdischen Politik ist die Möglichkeit einer Hilfe von außen sehr fraglich geworden: die im .Landentwicklungsplan vorgesehene Aufnahme einer Palästinaanleihe durch die englische Regierung, die sicher auch der jüdischen Kolonisation zugute gekommen wäre, wird in Anbetracht der gegenwärtigen internationalen KrechÜage und der Gestaltung der englischen Finanzpolitik in der nächsten Zeit kaum möglich sein! Persönlicher Opferwille der Zionisten aller Richtungen wird das wichtigste Mittel der Behebung der zionistischen Krise sein! Neben der wirtschaftlichen Krise des Zionismus lastet auf uns auch der Zusammenbruch1 der bisherigen zionistischen Politik in Palästina; die Hoffnung der bürgerlichen Zionisten auf die Folgen der Aenderung des Regimes in England wird sich als trügerisch erweisen. Wir hoffen, daß Genosse Arlosorof, der sozialistische Leiter der zionistischen Politik in Erez energisch den Weg der Verständigung mit den Arabern gehen wird, denn nur diese ermöglicht auf die Dauer Bödenkauf und Alijah. Trägerin einer solchen Verständigungspolitik kann nur eine machtvolle zionistisch - sozialistische Bewegung sein., Der Tchud, die Vereinigung der beiden Arbeitergruppen im Zionismus zu einer sozialdemokratisch-zionistischen Organisation wird auch in Wien-ein solches Werkzeug der vom Geiste der Verständigung getragenen zionistischen Politik schaffen! : Die Wirtschaftskrise ist auch auf die Wiener Organisation nicht ohne Wirkung geblieben. Im regelmäßigen Erscheinen unseres Blattes ist eine Störung ein getreten; wichtiger ist, daß es sich als notwendig erwiesen hat, aus Ersparuugsgründen gerade in der Zeit, da an uns erhöhte Anforderungen' gestellt sind, wichtige organisatorische Veränderungen vorzunehmen. Diese Reformen bringen die Gefahr einer Verringerung der Leistung unserer Organisation mit sich. Wir appellieren an unsere Genossen, durch intensive Teilnahme an allen Arbeiten unserer Organisation diese Gefahr zu beseitigen, und so unsere materielle Armut und den ihr entsprechenden Mangel an einem organisatorischen Apparat durch begeisterte und disziplinierte Mitarbeit zu überkompensieren! M. P. Die Proletarisierung des deutschen Judentums. Von Fritz Fr an kl, Leipzig. ' Die Konzentrationsbewegung des deutscheu Kapitals, war durch den Inflationsraubzug der Nachkriegszeit emporgeworfen worden und unter, seinen Opfern befanden sich die breiten* Massen des Mittelstandes, _ die vielen 'lausende kleinen Sparer und Kleinaktionäre, die sich einen sicheren Lebensabend' hatten schaffen wollen und sich nun so grausam betrogen fühlten. Schon im Kriege hatte die Großindustrie und das Großkapital gut verdient, jetzt wuchs mit seinem wirtschaftlichen Einfluß seine politische Macht und auch die Arbeitnehmerschaft hatte für die .errungenen politischen und sozialen. Fortschritte einen Ueberpreis zu zahlen gehabt durch die Entbehrungen, Opfer und Kämpfe der Kriegs-, Revolutions- und Inflationszeit, aber während die Arbertnehmerschaft in der Logik der kommenden Entwicklung eines gewaltigen Bundesgenossen: sehen konnte wurde der Mittelstand als Klasse vernichtet, nach den Kriege und der Inflation fehlte das bewegliche Kapital zur „ Ankurbelung seiner Wirtschaft, und ein breiter Proletarisierunlgsprozeß, ergriff den Mitttelstand, dessen jüngere Generation sich nun begann in die Reihen der Angestellten und Beamtenschaft, und in die Reiften der Arbeiterschaft, einzuordnen. Durch die wirtschaftliche Struktur des deutschen Judentums, das in überaus hohem Maße in kaufmännischen Berufen feschäftigt ist, wurde das deutsche Judentum in ungleich höherem Maße in diesen Proletarisierungsprozeßhineingezogen als der nichtjüdische Mittelstand, die Juden wurden gesellschaftlich mehr und mehr deklassiert. Die ältere Generation vermochte vielfach keine neue Position in der Wirtschaft zu finden, die t Untervermietung von Wohnungen, die aus der „guten Zeit" des Mittelstandes her manchmal der letzte Rest ehemaligen Wohlstandes waren, wurde -zum Erwerbmittel, Vertretungen wurden übernommen, jüdische Mädchen, die früher nihts arideres tun1 durften, als zu Flause einem erzwungenen Müssiggaug nachzugehen, mußten zu den Schreibmaschinen, jüdische Söhne, die hätten studieren sollen, wurden! jn die großen Geschäfte geschickt, eine große Anzahl jüdischer Geschäfte ist im Laufe der letzten Jahre zusammengebrochen, viele sind aufgelöst worden oder stehen unter GeschäftsaufV sieht. Wirkt sich also einmal die Konzentrationsbewegung des Kapitals nachteilig auf die kleinen jüdischen Unternehmungen aus, so kam noch hinzu, daß durch' den erstarkenden „Werkhandel" der vermittelnde handei, in dem die Juden eine große Rolle spielten, in immer stärkerem Maße ausgeschaltet wurde. Besonders beim Metallhändel hat sich dies sehr bemerkbar gemacht Auch die Monopolisierung der Wirtschaft und die daraus resultierende Verb'eamtung wirkten in ähnlicher Richtung, viele im Getreidehandel und der Branntweinfabfikation beschäftigte Juden wurden hiervon betroffen. Aehnlich1 liegen die Dinge im ländlichen Boden- "geschäft, in dem früher viele jüdische Kaufleute ihr Brot haben finden! können, beim Bankwesen wiederum mit seiner starken Konzentration gelang es wohl einzelnen jüdischen Wirtschäftsführern, ihre Position zu erhalten, während-unter den Bankangestellten die Zahl