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Der Jüdische Arbeiter · 1931-07-24 · Heft 12 (24.7.1931) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
8 (1931)
Issue
Heft 12 (24.7.1931)
Date
1931-07-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Solle S > Oer jüdische Arbeiter Führer unseres Weltverbandes Poale Zion und die Führer der jüdisch-sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Polen „Bund"! Selten bietet sich uns die Gelegen1 lieit, unseren Führern unmittelbar gegenüberzustehen: umso freudiger ergreifen wir die Gelegenheit, ihnen zusagen, wie sehr wir ihre unermüdliche und opfervolle Arbeit zu schätzen wissen und unserer Hoffnung Ausdruck zu verleihen, daß sie uns nunmehr von Erfolg zu Erfolg führen werden. Unseren Bundistischen Genossen aber wollen wir über alle politischen Gegensätze hinweg unsere Bruderhand entgegenstrecken und sagen, daß es uns fern liegt, ihre Verdienste um die jüdischen Arbeitermassen, schmälern zu wollen. Poale Zion und Bund dienen auf verschiedenen Wegerr dem jüdischen Proletariat: mögen sich diese Wege einander nähern, möge über alle taktischen Erwägungen hinweg das Bewußtsein der Schicksalsgemeinschaft der jüdisch-proletarischen Arbeiterbewegung siegen. Die Internationale als Organisation der Proletarier aller Länder ist heute noch Aufgabe unserer Generation, dasselbe gilt von der einheitlichen Organisation des jüdischen Proletariats: möge gemein same Arbeit und gemeinsame^ Kampf auch auf dem Wiener Kongreß uns der Verwirklichung dieser Aufgabe näher bringen. In diesem Sinne rufen wir Es lebe die Internationale! Es lebe das allweltliche jüdische Proletariat! Nach dem siebzehnten Zionisten kongreß. Wir halten den Zeitpunkt noch nicht für geeignet, um 'das Ergebnis des XJVII. Zionistenkongresses zu beurteilen. Es bedarf noch einiger Zeit, um die Bedeutung und Würdigung der Beschlüsse des Kongresses im richtigen Lichte zu sehen. Wir wissen auch nicht, wie die neue Leitung die ihr vom Kongresse übertragene Aufgabe auffassen wird, was sie unternehmen1 wird, um - die Aktionsfähigkeit der Bewegung zu steigern. Einiges können wir aber wohl feststellen. Der siebzehnte Zionistenkon'greß hat ein Bild1 einer Bewegung, die durch die unverantwortliche Arbeit der Revisionisten von der wesentlichen Aufgabe des Zionismus der Gegenwart — die ununterbrochene Fortsetzung des Aufbauwerkes, auf das Geleise un zeitgemäßer und itinfruchtb'arer politischer Diskussionen abgelenkt wurde. Die Rückkehr der Bewegung von den hohlen Phrasen zur schaffenden Tat erscheint uns als die allerdringendste Aufgäbe der Stunde. Trotz des Schwankens des bürgerlichen Zentrums und des Misrachi sind die Revisionisten doclt letztem Endes isoliert worden. Die ganze zionistische Bewegung entschloß sich, zwischen sich und dem Revisionismus einen deutlichen Trennungsstrich zu ziehen. Das darf uns als Beweis dienen, daß die zionistische Weltbewegung einen gesunden, lebendigen Körper darstellt, der die schädlichen Elemente, auszustoßen vermag. Die Politik der Isolierung der Revisionisten: in der zionistischen Weltbewegung mußi mit der größten Energie fortgesetzt werden. Zu den unangenehmsten Erscheinungen dieses Kongresses gehört das absolut zu niedrige Niveau der Diskussionen im Plenum und in dem Kommissionen. Der Kampf, der durch den Revisionismus einerseits und die Assimilanteu andererseits heraufbeschworen hat, höhlte die zionistische Bewegung geistig aus, zerstörte die Atmosphäre sachlicher, ernster Gedankengänge. Die Erfüllung der zionistischen Reihen, insbesondere der Jugend mit dem Gedanken des konstruktiven Zionismus und den täglichen Problemen' des Aufbauwerkes erscheint als eine unserer wichtigsten Aufgaben. Im allgemeinen sollte die Parole für unse nächste Arbeitsperiode lauten: W e n ige r rede n u n' d m e h r s c h a f f e n! M. S. Gruß unseren Sportgenossen aus Palästina! An der zweiten Arb'eiterolympiade nimmt auch eine Gruppe palästinensischer Sportgenossen teil. Die jüdische Arbeitersportbewegung Palästinas steht gerade jetzt in einem schweren Kampfe, in welchem sie sich der agudistischen fanatisierten Klerikalen zu erwehren hat, die ihr die Ausübung des Sport am Sabbath — dem einzigen freien Tag der Arbeiter —■ verwehren wollen. Es ist für den bürgerlich-zioni-; sehen Freisinn charakteristisch — der Kampf der Klerikalen geht auch gegen den bürgerlichen Makabi — daß der „j ü d i s c h e Arbeiter" bis nun das einzige zionistische Blatt geblieben ist, der gegen den dreisten Angriff auf die Freiheit der palästinensischen Juden, ihre Freizeit, ihren Bedürfnissen gemäß zu gestalten, energisch Stellung genommen hat; die Aggudisten im Galut halten es anders, sie veranstalten) überall Protestversammlungen gegen den Chilul-Schabes in Erez Israel. Chilul-Schabes! Entweihung des Sabbath bedeutet es also, wenn sich die jüdische Arbeiterjugend am Sabbat der Freude hingibt, deren Quelle der Sport ist! Ein Brüten über historisch gewordenen Werken, deren Probleme für uns geschichtliches Interesse haben mögen, die aber keine Antwort auf die Fragen der Gegenwart zu geben vermögen, das, ist wohl Heiligung des Sabbat. Nie und nimmer möge sich die jüdische Arbeiterjugend dem Diktat einer machtberauschten flerikalen Partei fügen. Kampf um ein freies, kulturerfülltes, weltzugewandtes,;lebensfreudiges, natürnahes und körperbejahendes jüdisches; Jugendleben, mit diesem Ruf begrüßen wir unsere Genossen aus Palästina! Die Weitkonferenz. Während unser Blatt in: Druck ist, tagt im Borochovheim unter Vorsitz der Genossen Kaplansky und Apfelbaum die Konferenz unseres Weltverbandes. Den Bericht des Verbandsbureaus erstattete Genosse Kaplansky, das Referat über die Vereinigungsfrage Genosse Locker. Wir werden über dem Verlauf und die Ergebnisse der Konferenz ausführlich berichten. Der Fünfjahrplan und die jüdische Bevölkerung der Sowjet-Union. Von Josua Imb'er. II. Die Periode des Wiederaufbaues geht zu Ende. Ein gigantischer Plan wird ausgearbeitet, innerhalb 5 Jahren die gesamte Industrie Sowjetrußlands zu vervielfachen, die Landwirtschaft zu mechanisieren und die ungeheuren Bodenschätze zu erschließen. Ganz Rußland widerhallt von Schlagworten' und Parolen betreffs des Fünfjahrplanes. Der Plan sieht für die Gebiete Weißrußland und Ukraine, die unter dem zaristischen Regime in wirtschaftlicher Beziehung stark vernachlässigt worden' war, eine 300prozentige Steigerung des Grundkapitals vor, das bis zum Jahre 1928 in der, Industrie obiger Gebiete investiert worden war. Diese, verglichen mit den für die großrussischen Gebiete geachten Voranschläge, besonders hohe Quote soll die Entwicklung dieser zurückgebliebenen Länder ganz besonders beschleunigen. Eine vorbildliche Nationalitätenpolitik! Daß die insbesonders in diesen Landstrichen konzentrierten jüdischen Massen von dieser ungeheuren Steigerung der Produktivkräfte Nutzen ziehen werden, ist unzweifelhaft und beweisen,, uns' dies die Ergebnisse der ersten zwei Planjahre. Die Tendenzen dieser Entwicklung sind: Mit dem Bau neuer Fabriken und Industrieunterhmungen aller Produktionszweige finden Juden in1 mmer steigendem Maße Beschäftigung als Tabriksarbeiter in der Großindustrie. Wir finden Juli 1919, also am Beginne der beschleunigten Entwicklung, in Weißrußland 14.000 jüdische Arbeiter in der Großndustrie. Das sind 34 Prozent aller in diesen Unternehmungen1 beschäftigten Arbeiter. Man beachte, daß der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung! Weißrußlands nur 8 Prozent beträgt. Gleichzeitig mit der Produktivierung der jüdischen Massen geht auch ein Eindringen in die Schwerindustrie und! langsamer in die Urproduktion (Rohstoffbeschaffung) vor sich, an welchen Zweigen sie bisher fast gar nicht beteiligt waren. Juli 1929 sind 37 Prozent der gesamten in der weißrussischen Metailbearbeitungs- und Maschinenindustrie beschäftigten1 Arbeiter Juden. Viele Tausende jüdische Arbeiter arbeiten bereits im Donezbecken, im Ural und in der Krim, den Zentren der Schwerindustrie. Der fühlbare Mangel an qualifizierten Kräften zwingt die russische Regierung zur Errichtung voii technischen Schulen und Lehrwerkstätten, für die Ausbildung der Jugend. Von diesem Prbzeß zieht die lernbegierige jüdische Jugend weitestgehende Vop teile. Viele Tausende jüdische junge Leute genießen professionelle Ausbildung in Fabriksschuleu Weißrußlands, der Ukraine und Großrußlands. Tausende werden im Eisenbahndienst instruiert. Die Wandlung der gesellschaftlichen Moral, das Verschwinden gewisser spezifisch jüdischer Vorurteile bringt auch die jüdische Frau immer mehr ins Berufsleben. Das Fehlen jeder Arbeitslosigkeit und damit eine stärkere Nachfrage nach Arbeitskräften fördert diese Entwicklung in hohem Maße. Das Streben zur vollkommensten; Rationalisierung der Betriebe, zur Steigerung der Produktivität des¬ Arbeit fördert den massenweisen Zusammenschluß der Flandwerker und Heimarbeiter zu Produktivgenossenschaften, insbesondere da dies die Voraussetzung ist für staatliche Belieferung mit den modernsten Maschinen; für Kreditgewährung und Regelung des Ein- und Verkaufes. Die Ueb'erführung der deklassierten Juden! in die Landwirtschaft geht in gesteigertem Tempo vor sich. Bis Ende 1930 steigt die Zahl der neuangesiedelten Familien bis 25.000 auf 500.000 ha Boden. Ein Großteil dieser Kolonisten lebt in Kollektiven. Daß auch die allgemeine Mechanisierung der Landwirtschaft in der Sowjet-Union' nicht vor den jüdischen1 Kolonien haltgemacht hat, zeigen folgende Ziffern: Anwachsen des Traktorenparkes in den jüdischen' Kolonien der Krim („Najezd", Jahrg. 1931, Nr. 3, Riga): 1925 34 Traktoren 1929 104 Traktoren 1930 471 Traktoren Ja, man stellt den Juden sogar im fernen Osten am Stillen Ozean ein großjes Gebiet zwecks Besiedlung zur Verfügung. Birobidjan heißt dieser Landstrich und soll im Laufe der Zeiit die jüdische; Republik im Bunde der Sowjetrepubliken werden. Mit der Stärkung des sozialistischen, des gemeinwirtschaftlichen Sektors in der Industrie und der Ausbreitung der Konsumgenossenschaften wird der Nepmann, der kleine Unternehmer^ und Händler immer mehr aus dem Produktionsprozeß gestoßen. Die allgemein gute Lage des Arbeitsmarktes jedoch bietet ihm jedoch' oft die Gelegenheit, entweder im selben! Fache nun weiterhin als Angestellter, als Fachmann! in Staatsdiensten tätig zu sein, oder aber gibt ihm die Möglichkeit der Umschichtung, der Produktivierung. Dies wären in groben Umrissen dargestellt, die Umwandlungstendenzen in der sozialen Struktur der Juden im neuen1 Rußland. Umwandlungen, die mit Riesenschritten vor sich gehen und innerhalb kurzer Zeit das Gesicht des russischen Judentums völlig verändern werden.*) Allerdings gibt es noch immer große Schichten! der jüdischen Bevölkerung, insbesondere die älteren Generationen, die nicht mehr die Kraft zur Umschichtung hatten und die ehemaligen „Bourgeois",, die sich in Not befinden. Doch das Vorhändensein1 einer staatlichen Macht, die den Willen hat, diese Zustände zu ändern, gibt uns die Gewähr, daß diese Probleme früher oder später zur Gänze einer befriedigenden Lösung zugeführt werden. Und nun noch zum Schluß eine kleine Gegenüberstellung: Die Wirtschaftspolitik der k a p i t a 1 i s t i s c h e n Regierungen in Osteuropa, wie Polen, Rumänien und Litauen zerstört und untergräbt systematisch die ohnehin schwachen wirtschaftlichen Positionen der jüdischen Bevölkerung, ohne ihnen andere einzuräumen zu können. Von Jahr zu Jahr steigert sich1 das Tempo des Verelendungsprozesses. Die Aussichten sind hoffnungslose. , Die Wirtschaftspolitik der proletarischen Regierung in Sowjetrußland mußte zwar naturnotwendig vorerst die im produktionstechnischep Sinne reaktionären wirtschaftlichen Positionen der Juden zertrümmern; sie bemüht sich jetzt jedoch, *) A. Manes schätzt in der „Zeitschrift für Wirtschaft und Leben", Februar 1930, das Durchschnittseinkommen des russischen Juden per Jahr und Kopf auf 140 Dollar, das des polnischen auf 100 Dollar. Allerdings ist es noch immer klein gegenüber dem Durchschnittseinkommen des Juden in der ganzen Welt, in der Höhe von 350 Dollar per Kopf. ,; , .

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