Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 12 (24.7.1931)
- Date
- 1931-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2641551-2641624-2641636--444-2642418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
V. b. b. Da JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 /III — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 12. Wien, 24. Juli 1931. 8. Jahrgang. Zum Kongreß der Internationale. Von Max Pilzer. Im den Tagen/da vor siebzehn Jahren im schwarz-1 gelben Wien jener furchtbare Weltbrand von Fürsten' und Grafen unter Mithilfe der Bourgeoisie gelegt wurde, dessen Ergebnis zwölf Millionen Tote und Verwundete, Zerstörung unendlichen Güterreichtums der Menschheit, Verwurzelung des Glaubens an die' Gewalt im Herzen vieler Tausender waren, tritt im' roten Wien die sozialistische Internationale zusammen; siebzehn Jahre nach Ausbruch des Weltkrieges, den zu verhindern sie nicht vermocht hat, und dessen erstes Opfer sie geworden ist. Damals, als der Graf am Ballhausplatz — er, der Millionen Tote am Gewissen hat, der die Schuld trägt am unsäglichen Leid von Millionen Menschen, deren Leib zerfetzt wurde, deren Augenlicht erlosch, deren' Geist umnachtet wurde — als Berchtold also jenes Ultimatum hat verfassen lassen, von' 'dessen Nichtannahme er überzeugt war, hätte in Wien der Kongreß' der Internationale stattfinden sollen: der Krieg hat nicht mir den Kongreß, er hat sie selbst verschlungen. Und die? erste Frage, die wir uns heute, da wir den Kongreß' der Internationale grüßen, zu stellen haben, ist folgender ist die politische Weltlage, in; welcher der sozialistische Kongreß von 1931 verhandeln wird, grundsätzlich verschieden von der weltpolitischen Si tuation von 1914? Ist die Menschheit durch1 das rote Meer des im Weltkriege vergossenen Blutes hindurchgeschritten, um dann endgültig mit allen jenen Mächten, die den Weltmord verursacht haben, abzurechnen? Hat es die Kriegsgeneration verstanden, denen!, die während des Krieges noch Kinder waren, sein wahres Bild zu übermitteln und sie so gegen die) Phrasen einer kriegshetzerischen Presse immun zu inachen? Hat die Menschheit der Nachkriegszeit ihren Sehnsuchtsschrei „Nie wieder Krieg!" der Verwirk lichung näher gebracht, ist aus dem Blut der geschändeten Menschheit der Weltfriede hervorgegangen: Nein! Haben wir den Mut, zu gestehen: die Gefallenen aller Völker,sind umsonst gestorben! Der Weltkrieg war das Ergebnis der ökonomischen Interessengegensätze, die zwischen den Welthandelsmächtem Deutschland und Großbritannien einerseits und den Agrarstaaten Ungarn und Serbien andererseits bestanden. Und ist die Welt nicht heute ebenso wie vor 17 Jahren von ökonomischen Gegensätzen erfüllt, leben wir nicht im Zeitalter schärfster handelspolitischer Kämpfe, die durch die den besiegten Völkernauferlegten Tribute nur noch an Schärfe gewinnen? Die Habsburger und Hohenzollern haben die Kriegsfackel entzündet, um ihre autokratisc-he Herrschaft und die damit verknüpfte materielle Existenzbasis zu retten; haben wir in unseren Tagen nicht gekrönte und ungekrönte absolutistische Herrscher genug, die im Kriege ein -Mittel sehen1, um sich' vor dem sicheren Sturz durch die von ihnen unterdrückten Massen zu retten? Die ungelöste nationale Frage, war eine wichtige Kriegsursache; sie ist auch heute ungelöst, nur daß die ehedem Beherrschten zu Herrschern wurden! Der Militarismus, der nach „Bewährung" des in Friedensfeeiten Erprobten dürstete, das Rüstungskapital, sie haben' die Menschheit auf die Bahn der Anwendung des „letzten Mittels" gedrängt: stärker denn je erhebt sich heute in allen Ländern der Welt der Militarismus, im Zeitalter des chemischen Krieges wird die gesamte chemische Industrie zur Kriegsindustrie, die Ausgaben1 für Rüstungen1 haben sich vervielfacht. Es ist ein1 Irrtum, wenn ein großer Hasser des Journalismus, Karl Kraus, diesen als Kriegsursache betrachtet; ab'ei recht, tausendmal recht hat er, wenn er unermüdlich behauptet, daß ohne die kriegsfreundliche Presse, di aus dem Krieg eine Angelegenheit des Heldentums gemacht hat. während er ein Kampf des Menschenj gegen die Maschine war, der Krieg nicht möglich1 gewesen wäre! Und ist es heute anders: brüllt nich die gesamte französische Presse bei der lauesten Friedensrede des sehr zweifelhaften Pazifisten Briand lau auf, wird nicht die gesamte deutsche bürgerliche) Presse mit quantitativ kaum in Betracht kommenden Ausnahmen von Herrn Hilgenberg, der im Kriege die Annexion Belgiens gefordert hat, kontrolliert Die Bündnispolitik der Großmächte, die Europa in feindliche Lager geleilt hat, hat zum Weltkrieg geführt: sehen wir nicht heute wieder das -frevelhafte1 Spiel der Diplomatie, das Europa zum Spielball' ein ander bekämpfenden Mächtegruppen machen will Wir haben den Krieg nicht beseitigt, weil wir uns mit einer politischen Revolution begnügen mußten: das Proletariat der siegreichen Staaten hat in der entscheidenden Stunde ckrsozialrevoiutionären Parole die Gefolgschaft versagt. So ist es denn eine Zeit der nicht beseitigten Kriegsgefahr, eine Zeit de; Wettrüstens, eine Zeit, deren einzige institutionelle Friedensgarantie der als Mittel der Kriegsverhütu.n impotente Völkerbund ist, in welcher unsere Internationale zusammentritt. Sie wird der Kriegsfrage ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Mögen die Vertreter der Arbeiter aller Völker ihre Beschlüsse so fassen, daß das internationale Proletariat und mit ihm alle die wahrhaft den Frieden wollen, in ihnen: Richtlinien zur p r a k t i s c h e n Kriegsverhinderung sehen können; nicht platonische Kriegsverurteilung, sondern radikale Kriegs bekämpfun'g ist es, was wir von * unseren Vertrauensmännern fordern. Um der physischen Existenz der Menschheit, aber auch um des Bestehens der Internationale willen! Denn auch heute besteht jener Satz zu Recht, den das Zimmerwalder Manifest formuliert hat: die Internationale wird den Krieg töten, oder der Krieg die Internationale. In einer Zeit furchtbarster Arbeitslosigkeit in1 allen Ländern der Welt wird das Parlament unserer Inter nationale tagen, das Bewußtsein der Verelendung des Weltproletariats wird wohl kaum jenes feierliches Pathos, das die internationalen Kongresse immer erfüllt, hochkommen lassen. Und doch wird — es wäre nicht das erstemal, das Not sich als fortschrittfördernder Faktor erwies — diese Gleichzeitigkeit dem Weltsozialismus zum Segen gereichen. Denn das geistige Ringen um den proletarischen Weg aus der Krise wird und muß das Ergebnis zeitigen, daß es Gemeingut der Internationale werden wird: Kampf gegen Arbeitslosigkeit bedeutet Kampf für die Verwirklichung des Sozialismus als der Aufgäbe unserer Generation. Die Zeit, da der Mechanismus der freien kapitalistischen Verkehrswirtschaft die wirtschaftliche Depression automatisch überwunden hat, ist vorbei, der Monopolkapitalismus mit Äiner selbstmörderischen Preispolitik vermag nicht mehr, auch nur den „normalen" kapitalistischen Konjunkturverlauf zu ermöglichen. Ein Mittel ist es, in dessen Anwendung das internationale Kapital und seine literarischen Klopffechter das Heil, das heißt, die Rettung der bestehenden1 Ordnung sehen : Herabsetzung der Löhne. Im Grunde ist es dasselbe Problem, vor welchem die Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit und die "unserer Tage steht: ging damals der Kampf darum, welche Klasse die Kriegskosten bezahlen sollte, so soll nunmehr auch entschieden werden, wer die Kosten der Liquidation der gegenwärtigen Krise tragen wird, jener Krise, die ja auch durch die Last: detf Kriegstribute — der inneren Schuld haben sich die mitteleuropäischen Staaten durch' Inflation entledigt ■— mitverursacht ist. Der Bourgoisie ist in diesem Kampfe in der faschistischen Bewegung ein Helfer erstanden: wenn der Kongreß der Internationale dem Problem des Faschismus seine Aufmerksamkeit zuwenden wird, wenn er die Methoden der Bekämpfung desselben erörtern wird, wenn er Maßnahmen treffen wird, um die Schlagkraft der Sozialistischen Internationale im Kampfe gegen den' internationalen Faschismus zu erhöhen, dann wird er nicht nur die politischen, sondern auch die ökonomischen Interessen des Proletariats aller Länder wahren. Mit besonderer innerer Teilnahme werden wir österreichischen Sozialdemokraten gerade diesen Teil der Verhandlungen des Kongresses verfolgen: sind wir doch In der Stunde höchsten faschistischer Gefahr in unserer Republik solidarischer Hilfe der Internationale teilhaft geworden, haben wir doch in jenen düsteren Tagen zum erstenmal unsere Internationale als-eine Organisation der Tat erlebt und wenn die Internationale in einem freien demokratischen Oesterreich tagen kann, so 'ist dies nicht nur der Entschlossenheit und Einigkeit der österreichischen Arbeiterschaft, sondern ' auch ihrem mutigen Eintreten für die österreichische Demokratie zu danken. Mag die faschistische Gefahr in Oesterreich' vorläufig abgewendet sein, eine neue, nationalsozialistisch gefärbte ist im Anzüge, mag der Faschismus in anderen Ländern Europas abgewehrt werden können: seine Vernichtung in den Ländern, in welchen ihm die Uebcrrumpelung des Proletariats gelang, ist das brennendste Problem der Gegenwart. Solange es faschistische Staaten gibt, ist eine endgültige Vernichtung faschistischer Organisationen in den Ländern der Demokratie Utopie; und utopistisch ist es auch zu glauben, daß im einer Welt, in der das Bürgertum die gewaltsame Unterwerfung des Proletariats als ein mögliches Ziel sei- Klassen kam pfes betrach tet, die d e m o k r a t i s c 1 i c Verwirklichung des Sozialismus möglich ist. Wir alle, die wir den friedlichen Weg zum Sozialismus bejahen', hoffen, daß" der Wiener Kongreß einen! Schritt vorwärts zu aktiver Bekämpfung und Vernichtung! des Faschismus aller Länder bedeuten wird; der demokratische Sozialismus setzt den revolutionären Kampf gegen den Faschismus voraus. Als Teil der einzigen Massen'partei des östereichischen Proletariats begrüßen wir österreichische Poale-Zionisten die Vertrauensmänner der Arbeiter aller Länder und Völker. Mögen sie sich' der schweren Verantwortung, die auf ihnen lastet, bewußt sein, mögen sie sich des Vertrauens, das ihnen von den' werktätigen Massen entgegengebracht wird, würdig erweisen und die Internationale ihrem Ideal, eine Internationale der Tat zu werden, um ein1 großes Stück näher bringen! Unser besonderer Gruß gilt jenen Führern der Internationale, die unserer Bewegung des zionistischen' Sozialismus ihre werktätige Sympathie entgegenbringen, den Freunden des arbeitenden Palästina; sie haben uns ihre Treue in schwerster Stunde bewahrt, mögen sie von nun an Zeugen der fortschreitenden Entwicklung unseres gerechten Aufbauwerkes sein! Wir grüßen die Vertreter der jüdisch-sozialistischen Arbeiterparteien, die