Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 11 (25.6.1931)
- Date
- 1931-06-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der jldißohe Arbeiter Seite 3. i Taktische Jashausmltgeräte in den Ausstellungen der fflener sföüllsdien Gaswerfte VIII., Josefstädterstraße 10 XII., Theresienbadgasse 3 XX., Denisgasse 39 I 8 bis 18 Uhr ah'r 1931 vom den Kibbuzim erfaßt wurden — 'das rgibt demnach eine Oesamtzahl von: 5370 in; den;ollektivem Kwuzoth tätigen Arbeiter. Am 1. Jänner 1931 waren in: sämtlichen Kolonien 7.783 Arbeiter und Arbeiterinnen:. Eine Statistik vom :. Dezember 1930, die sich auf die 16 wichtigsten1 (olonien erstreckte, besagt, daß 29 Prozent aller Arteiter bei Bau-, öffentlichen und sonstigen Arbeiten beschäftigt waren. Da dabei allein: 86.9 Prozent aller (oloniearbeiter erfaßt wurden, ist der Schluß nahe, laß dieses Verhältnis auch1 im den anderen Kolonien' eutrifft; wir können daher vom der angeführtem Zahl ton 7783 — 2257 (29 Prozent) in- Abzug bringen, lie nicht im der Landwirtschaft tätig, sind, wobei ich1 die Arbeitslosen (am angegebenem Tage waren es!5 Prozent) der Landwirtschaft zuzähle. Die Gesamtzahl der im der Landwirtschaft tätigen ' Arbeiter ist iomit: 11.929 Arbeiter im den Kolonien und Meschakim, inklusive den 650 neuem "Einwanderern1 im 1. Halbjahr 1931, — 2.257 nicht im der Landwirtschaft tätige "Arbeiter 9.672. Die Kibb'uzim und Kwuzoth bilden hie von 55.5 Prozent. Wenn wir noch hinzufügen, daßi sicherlich1 eine Toßie Anzahl von1 Arbeitern als „Bodedim" leben: in Ermangelung einer Ansiedltingsmöglichkeit und die im Falle dieser auch in: Kwuzoth leben1 würden, wenn sie es auch ableh'mem, in die bestehendem aus welchen Gründen immer einzutreten, dann ist es klar: der üdische Landarbeiter in Palästina will dem Kibb'iuz, den kollektivistischen Berieb! Ein Blick auf die Chaluz- und jugendbewegung, die sich für Palästina vorbereitet, bekräftigt uns im unserer Ansicht. Eine deutlichte Illustration bildet auch1 die Alijah des Jahres 1930 (zum Beispiel), in dem 203O neue Einwanderer ins Land gekommen sind: von diesen waren 51.3 Prozent in Kibbuzim organisiert, I. h. mehr als die Hälfte der neuem Einwanderer fckrutierte sich aus. Jugendorganisationen oder solch'en iachscharah'gruppe'n, die unmittelbar im Kibbiiz ihre Fortsetzung sehen. Dabei ist es fraglich, ob das Beispiel dieses einen Jahres uns das richtige Verhältnis anzeigt: es dürfte in Wirklichkeit noch' viel günstiger für die kollektivistische Form sein. Das aber besagt ganz klar: die Chaluz- und Juge n d beweg ung wil 1 die Kwuzah, wil I den Kib'buz. Natürlich geben uns die angeführten Zahlen nur ein ungefähres, annähernd den Tatsachen1 entsprechendes Bild; nichts ist so variabel, wie Zahlen! Dessenngeachtet zeigen sie mit absoluter Sicherheit die Tendenz der Entwicklung und darauf kommt es an. (Es >ei noch angeführt, daß die Statistik vom 1. Dezemier 1930, auf die ich verweise,;nicht 20, sondern sogar 29 Prozent von nicht in der Landwirtschaft ßtigen Arbeiter im den wichtigstem 16 Kolonien' enthält, wodurch das Verhältnis von Kibbuzim und übriger Landarbeiterschaft sich noch mehr zugunhsten jener verschiebt. Ich habe aber trotzdem aus verschieb denen Erwägungen heraus die Zahl auf 20 Prozent nach unten zu abgerundet.) _ "All das widerlegt das sehr gefährliche Argument Von 'der verme'frftlicheri' Ablehnung tfer Kwuzah dur£h die jüdischen Arbeiter selber — ein um so gefährlicheres Argument, als es die durchsichtige, vom den Faschisten geübte Tendenz zeigt, die Arbeiter gegen1 ihre Führer auszuspielen. Im dieser Weise wird auch' der Artikel des New-Yorker „Jüdischem Arbeiter" von ler bürgerlich-zionistischen Presse aufgenommen. Die \)ale-Zion darf damit nichts zu tun haben. Denn es gibt keinen Kampf gegen die Kwuzoth und Kibbuzim, der nicht auch eini Kampf gegen alle andern Organe der Arbeiterschaft, Gewerkschaft und Partei, wäre. Das wissen1 unsere Gegner un'd wenm sie gegen' die Kwuzah sprechen, meinem sie die „rote Histadruth", die ihnen! so verhaßt ist. Darin; sind sie sich1 einig (wenn sie auch somsf auseinandergehen): die Smilanskys im Palästina, die Strickers' un'd Schwarzbarths im Auslände. Was aber das private Kapital betrifft, so ist es — natürlich — an- und heranzuziehen, zu ermutigen. Wir brauchen es und wollen! es. Und wenn es ins Land kommt, so geschieht es nicht so sehr um unseretwilleni allein. Wir dürfen nicht mit einer Verbeugung vor ihm das nationale Kapital;und die neuen sozialistischem .Werte in den Hintergrund schieben wpllem. Es wäre das nicht nur ein Fehler, sondern ein Verbrechen an uns selbst. Jakob Sin'ger. Der Fünf jahrplan und die jüdische Bevölkerung der Sowjet-Union Vom ijosua I mfrier. I. Mit gespanntester Aufmerksamkeit und gemischtem Gefühlen verfolgt die ganze Welt die volkswirtschaftlichem Fortschritte der Sowjet-Union in den letztem Jahren. Der Fünfjahresplam des Aufbaues der Sowjetwirtschaft, bei Inangriffnahme vom den bürgerlichen! Wirtschäftspolitikern und Wissenschaftlern verlacht und für undurchführbar erklärt, hat sich im Laufe der letztem zwei Jahre im eine Quelle ernstester Besorgnis für die Kapitalistenkrasse aller Länder verwandelt. Fast täglich kann man in den Tageszeitungen, Zeitxind Wochenschriften aller politischen Richtungen über den Fünfjahrplan und dem Grad seimer Verwirklichung lesen. Wir erfahren! von der riesigen: Steigerung des Tempos der Industrialisierung, von der fast gänzlichen Ausmerzung ihrer privatwirtschäftlichen Elemente, von' der Hebung der Produktivität der Arbeit, von' der KolleMivisierun'g und Mechanisierung der Landwirtschaft, von der Ausdehnung des Schulwesens un'd von anderem wichtigen Dingen! mehr. Mit Freude un'd Begeisterung werden diese Nachrichten1 von den sozialistischem Massen der ganzem Welt aufgenommen. Zugleich mit den Hoffmunigen der russischen Arbeiter- und Bauernschaft steigern sich1 auch1 die Hoffnungen des außerrussischen Proletariats. Wir jüdische Sozialisten jedoch1, die wir mit dem gleichen Interesse und Anteilnähme die Vorgänge in Rußland1 beobachten, haben hiebei auch' noch etwas besonderes im Auge, und zwar die Einwirkung eben dieser stürmischem ökonomischem' Entwicklung auf die Läge der jüdischem Massen' im diesem Lande. Und im Zusammenhange damit treten am uns gar wichtige und brennende Fragen heran. Wird die ungünstige soziale Struktur der jüdischen Bevölkerung sie nicht daran' hindern, im gleichen Maße wie die Nich'tjudem am dieser grandiosen Aufbauarbeit teilzunehmen und*, sich dadurch wirtschaftliche Positionen zu sichern? Hat die jetzige russische Regierung auch für diese spezifisch jüdischen Probleme das richtige Verständnis und wird sie den1 Juden bei ihren Bemühungen1 zu sozialer Umschichtung im der geeignetem Weise entgegenkommen? Oder wird nicht wieder einmal, wie so oft, der Antisemitismus, dieser ständige Begleiter der jüdischen Geschichte in der Zerstreuung, die Früchte der Revolution: für die jüdischen Massen illusorisch machen? Die Antwort auf alle diese Fragen' ist nicht leicht und müssen wir uns vorher die soziale Lage der Juden im zaristischen Rußland vor Augen führen, um die .Wandlungen im der Nachkriegszeit .und die herrschenden Entwicklungstendenzen1 besser verstehen zu können. Von der zaristischen Regierung unter Ausnahmsgesetze gestellt, durften die russischen Juden nur in den sogenannten Ansiedlungsgebieten wohnen. (Polen, Litauern, Weißrußland, Ukraine und Beßarabien.) Hier nun wohnten sie fast ausschließlich in den; Städtern und Städtchen, wo sie einem bedeutendem Teil der Einwohnerschaft bildeten. Im Weißrußland sogar nahezu 60 Prozent der städtischen Bevölkerung, gegenüber 5 Prozent auf dem Lande. Man kanin sich vorstellen1, daß die Juden, spezialisiert im Handel, Verkehr .und Handwerk und auch da nur hauptsächlich' im einigem Zweigen', wie Lebensmittel- und Bekleidumgsherstellun'g, einander scharfe Konkurrenz machten' und dadurch das gemeinsame Lebensniveau drückten. Zwar siedelten sich allmählich Juden auch1 in dem anderen Gebietern des großen russischen Reiches an, doch' war dies bis zu Kriegsbegimm eime verhältnismäßig kleine Zahl, etwa 10 Prozent der •Gesamtjudenschaft :Rußb lan'ds. Bezeichnend für die verzweifelte Lage der jüdischem Massem ist jedoch die Tatsache, daßi, obwohl seit Ende des 19. Jahrhunderts viele Hunderttausende auswanderten1, sich trotzdem die Lage der Zurückgebliebenem nicht besserte. Die Hauptgründe dieser Situation waren die wirtschaftliche und industrielle Zurückgebliebenheit des russischen Reiches, insbesondere das langsame Tempp der Entwickulng in den Ra'ndstaatem — eine Folge der nationalistischen großrussischem Politik —, in denen; jai die Juden hauptsächlich wohnten, weiters das Zusammenwöhmen der jüdischem Massen im engen Siedlungsgebietem und nicht zuletzt die feindliche Haltung der russischem Regierung. Es kam der Weltkrieg. Eime ungeheure Flut vom Tod, Verderben! und Unheil ergoß) sich über ganz Europa. Die Juden Rußlands kämpften gemeinsam mit dem' russischem Arbeiter und Bauernfür ihnen Unbekannte Zwecke und Ziele. Am der nun folgenden Revolution] nahmen die Juden, insbesondere die Jugend, hervorragenden Anteil. Vom Sturz des Zarismus erhoffte man Freiheit; außerdem hatte die große Masse nichts zu verlieren. Es kämen die Jahre des Bürgerkrieges und des sogenannten! Kriegskommunismus. Furchtbar waren die Folgern für die Judenschaft. Die Konterrevolutionäre, die .Weißgardisten mordeten die Juden zu Hunderttausendem. Die Ukraine war im ein Meer jüdischem Blutes getaucht. Die schwachen wirtschaftlichen Positionen1 der jüdischem Massen — Positionen, die ohnehin bei jedem Windhauch erzittertem — wurden durch diese Stürme zerschlagen und hinweggefegt. .Wozu war wohl der Händler nütze, wemnt die Regierung versuchte, dem Austausch der Güter staatlich zu regulieren? Er wurde zum Bourgeois gestempelt. Es wurde ihm das Wahlrecht, das Recht auf Arbeit, auf höherem Unterricht, Mitgliedschaft im Gewerkschaft und Genossenschaft entzogen. Das Handwerk litt unter dem furchtbaren Rohstoffmangel. Man wandte sich der Neuem Oekom'omischen Politik, der NEP., zu. Es wurden die Kräfte der Privatinitiative in den Wagen der Revolution gespannt, um besser vom Flecke zu kommen. Den jüdischen Händlern, kleinem Unternehmern und Handwerkern bot sicli wieder Gelegenheit zu einiger Betätigung. Num ging man1 im Rußjand daran1, die zerstörte Wirtschaft wieder aufzubauen, die Fabriken wieder In Betrieb zu setzen und dem Herrschaftsapparat 'des Proletariats auszubauen! und zu festigen. Jetzt sollte es sich zeigen, welche Möglichkeiten zur Verbesserung der verzweifeltem Lage der jüdischen Massem die neue Ordnung im sich b'argj. Sie hätte zerstört und vernichtet. Jetzt sollte sie aufbauen. Im dem Jahren 1922—1928 geht die Entwicklung, wenn auch langsam, so doch mit günstigen Aspekten vor sich. Viele Zehhtausende Judem fanden Beschäftigung als Angestellte in dem Staats- und Gemeindeverwaltungen, den »nun verstaatlichtem Großhändels¬ und Wirtschaftsunternehmungen, im dem Genossenschaften! und in der Industrie. Die größere Intelligenz ■und Anpassungsfähigkeit am die neuen: Verhältmisse befähigten sie.dazu. In dem wieder aufgebautem und neuerrichtetem Fabriken fanden auch' Juden'in1 immer steigendem Maße Zutritt. Die Handwerker schlössen sich massenweise zu Produktivgemossemschäftem zusammen, um die besonderen Vorteile zu genießen, die die Regierung solchen bot. (Rohstoffbelieferung, Steuer-Erleichterungen, Kreditgewährung und Ankauf der Fertigwaren!.) Die russische Regierung stellte den Juden1 Ländereien in der Ukraine, Krim und Weißrußland zur Verfügung. Gemeinsam mit ausländ rsschem j'üdi s c heu! Hi 1 f s o r g an i sati o men wurden hier nun eime große Zahl Juden angesiedelt und der Landwirtschaft zugeführt.. Doch noch immer gibt es viele Hunderttausende, die nicht wissen; womit ihr Brot zu verdienen1 und die fast ausschließlich auf Unterstützung durch1 ausländische Anverwandte angewiesen sind oder versuchen, durch Schleichhandel, Schmuggel und ähnliche umlegale Geschäfte sich über Wasser zu halten. Inwieferne sich bereits im Jahre 1926 die Lage der Judem im Verhältnis zum Vorkriegsstande verändert hatte, geben nun folgende Zahlen einem guten Begriff. (Sie sind dem Buche, „Soziologie der Juden", 1930, vom Dr. Arthur Ruppim, entnommen und stamman von der letzten Volkszählung in Sowjet-Rußland, 1926.) Von 100 erwerbstätigen Juden waren1 in Rußland, respektive Sowjet-Union tätig: 1897 1926 Landwirtschaft 2.6 9.7 Industrie und Handwerk 37.3 34.3 Handel, Tramsport 36.2 21.8 Staatsdienst 10.7 in freiem Berufen 5.5' 7.8 beruf los 7.2 7.8 in sonstigen Berufen 11.2 14.2 Man sieht die günstigen Verschiebungen in der Landwirtschaft, im Händel und im Staatsdienst. Bis Mitte 1927 sind etwa 12.000 Familien (60.000 Seelen) auf 300.000 ha Boden neu angesiedelt. Zahl der jüdischen Arbeiter: 130.000. Davon waren im der Industrie 63 Prozent, im der Heimindustrie 37 Prozent beschäftigt. Die Steigerung seit 1914 betrug 30 Prozent. Die Zahl der, jüdischem Angestelltem betrug 200.000. Im öffentlichen Körperschaften! 91.000. Der Rest im verstaatlichtem1 WirtsChäfts'uniternehmungen. Nur 3 Prozemt im der Industrie. Die Steigerung seit 1914 betrug 180 Prozent. Allerdings gibt es noch Immer (1926) einem 'großem Prozentsatz Arbeitsloser und ohne Beruf, sogenannte „Deklassierte". Etwa 30 Prozent der gesamten jüdischem Erwerbstätigen. Verglichen mit der Arbeitslosigkeit der Gesamtbevölkerung ist sie fünfmal so groß, als ihrem Anteil entsprechen würde. (Schluß folgt.)