Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 11 (25.6.1931)
- Date
- 1931-06-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Der jüdische Arbeiter aufgerufen. Wären damals die Kräfte angespannt worden, es hätten andere Resultate erzielt werden' können, als nach den blutigen Ereignissen! Die Revisionisten glauben, daß eine neue Defini tion des Endzieles des Zionismus zur Klärung der Lage beitragen könne; die Proklamierung des Judenstaatsideals bedeutet für diese Richtung den Weg aus der Krise. Demgegenüber ist festzustellen, daß di; Endzieldeb'atte nicht ,im Interesse des Zionismus liegt; innenpolitisch kann sie uns nicht helfen, außenpolitisch ist sie schädlich, Der Begriff des Judenstaates müßte eindeutig sein, wenn er die ideologische Verwirrung im Zionismus beheben könnte. Das ist aber nicht der Fall. Theodor Herz! hat den' Begriff des Judenstaates a 1 s Einzelner ohne Vera n twortung geprägt, nachdem er aber Führer einer politischen Be^ wegung geworden war, — beim Baseler Kongreß hat er ins zionistische Programm die „öffentlich1 rechtlich' gesicherte Heimstätte" als Zielsetzung des Zionismus aufgenommen. Nicht eine schlechte Leitung, nicht eine falsche Definition unseres Endzieles hat zu der gegenwärtigen Krise des Zionismus geführt. Es gilt h'eute die Wahrheit zu erkennen und zu bekennen:: Der schwere Fehler, den wir begangen haben', besteh1 darin, daß wir zionistische Politik als Zwiegespräch zwischen' uns und England befrachtet und das arabische Volk vernachlässigt haben! Alles Schwanken Englands ist auf Rücksichtnahme auf die Araber zurückzuführen, unsere Vern ach lässigung des arabischen Faktors hat sich bitter gerächt. Alle Gruppen im Zionismus erkennen heute die Bedeutung der arabischen Frage für die Verwirklichung des Zionismus an, die Lösungen, die sie vorschlagen, gehen aber auseinander. Die Revisionisten) sehen* im arabischen Problem den! Zusammenstoß zweier Nationalismen, der mit den Mitteln' des Krieges jausgetragen werden1 muß. Dem gegenüber ist festzustellen, daß uns ökonomische und politische Gesichtspunkte zur Verständigung&politi'kl drängen: Palästina wird ökonomisch' immer auf die arabischen jNachbarstaaten angewiesen1 sein. Wir selbst haben durch unsere Kolonisation!, durch1 die ökonomische Entwicklung Palästinas die Nationalisierung der Araber beschleunigt. In; einem Jahre wird das arabische Staatswesen: Irak Mitglied des Völkerbundes seein, bei1 Aegypten und Hedschas ist dieser Beitritt nur eine Frage der Zeit. Die arabischen Staaten als Mitglieder des Völkerbundes, also jener Instanz, die über das Schicksal Palästinas die letzten' Entscheidungen trifft! D i ese Orund tatsach1 en1 drängen un s auf den» Weg der Verständigungspolitik. Eine ehrliche Verständigung ist nicht durch Verstecken unserer Aspirationen möglich1. D i ö j ü d i s c h e (Arbeiterschaft ist nicht gewillt etwas von unserem Ziele aufzugeben, gerade sie ist an einer großen Ei n'wan derung! interessiert. Wir wissen, daß, die Verständigung! nicht von heute auf morgen möglich1 ist, die. arabischen Politiker sind kene Repräsentäniten der arabischen Freiheitsbewegung, sondern die Agenten der feudalen Großgrundbesitzer. Wir müssen aber in größeren! Zeitläufen denken! Die arabische Arbeiter bewegun'g, die Bewegung der arabischen Bauern', die arabische 'Jugend, sie sind berechtigt, am uns die Frage zu richten, wie wir uns das gerechte Regime in Palästina vorstellen. Ich habe — fäh'rt Gen. Kaplansky fort — schon vor sieben Jahren am Parteitag der Achdutb Awodah' Vorschläge über eine Verfassungsreform gemacht. Sie haben kein Gehör gefunden, die Zeit war damals noch nicht reif! Jetzt h!at die Arbeiterpartei beschlossen, für eine Verfassung (auf Grundlage dör Parität einzutreten. Diese Forderung entspricht nicht nur den Notwendigkeiten: der Stunde, sie entspricht dem Mandat und auch den Proklamationen unseres Friedenswillens! Man schleudert uns, wenn wir für aktive Verständigu ngspolitik eintreten, das Wort v Brith-Schalom entgegen! Der Brith1 Schalom hat das Verdienst, die Aufmerksamkeit der zionistischen Bewegung auf die arabische Frage gelenkt zu haben. Uns trennt vom Brith Schalom1 die Auffassung der Judenfrage. Nicht die Frieden sbereitsch'aft, sondern der Friede«spreis, den der Brith Schalom bezahlen will, trennt uns von ihm. Der Brith1 Schalom ist die Fortsetzung des Kulturzionismus, der an das Werk Achäd Haams angeknüpft hat,, wir Poale-Zion sten haben immer auf die Gefahr der Verleugnung der ökonomischen Triebkräfte des Zionismus hingewiesen. Was uns auch vom Brith-Schalom unterscheiden mag, wir bekennen es offen und laut: Wi wollenaktive Verständigungspolitik, wi wollenden Kongreß au f d e n' Weg der Verständig u n g s p o 1 i t i k t r e i b e n. Der Zionistenkongreß wird von politischen Pro^ blemen beherrscht sein; die politischen Gegensätze werden sich aber auch in der Wirtsch'aftssphäre spie geln. Wieder wird der Kampf um die Frage „n a t i onale oder privatkapitalistische Kolonisation" entbrennen, ein Kampf, der in der Zeit der vierten Alijah verständlich; heute, da kein Privatkäpital ins Land einströmt, sinnlos ist. Trotzdem will man es wieder beim Kongreß auf eine Kraftprobe ankom men lassen. Die Feinde einer nationalen Plankolonisation haben in dem englischen Feinden des Zionismus Waffengefährten gefunden Simpson ist ein unbedingter Anhänger der privatkapitalistischen K o l o n i s a t i o n Er verurteilt die nationale Kolonisation, die Kwuzoth, er lobt die Pika, weil ihre Methoden das Ergebnis zeitigen, daß; jüdisches Kapital nur Beschäftigungsmöglichkeiten für billige arabische Arbeitskräfte schafft. Die jüdischen und englischen Anhänger der ausschließliche n privatkapitalistischen Kolonisation sehen im Zionismus eine Variante der allgemeinen Koolnisationspolitik, die zur Ausbeutung von Eingeborenen durch „Weiße" führt. Es ist kein Zufall, daß; sich der Gesamtzionismus wie ein Mann — mit Ausnahme der Revisionisten gegen diese Auffassung Simpsons erhob: denn die Schaffung einer jüdischen Unternehmerklasse, die von der Ausbeutung der arabischen Proletarier lebt, ist k e i n Z i o n i s m u s. Diese K o 1 o n i s ati o n f ü h r t nur zur Verschärfung des natio nalen Gege msatze s d ur c h En ts t e h u n g v o n s o zi a 1 e n Gegensätzen. Wir sind keine Gegner des Privat kapitals, gerade unter meiner Leitung des Kolon'isationsamtes ist Mittelstandskolömsation in weitestem Maße betrieben. Wir warnen nur vor den Gefahren einer ungehemmten kapitalistischen Initiative im Palästina,.wir fordern, daß sie dort nicht gefördert werde, wo sie augenscheinlich die nationalen Interessen gefährdet. Palästina vor der Mandatskommission. Der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes, die am 9. Juni ihre Tagung in Genf eröffnet hat, [wurde ein. Memorandum der Jewish Agency .über die Aufbauarbeit in Palästina während des letzten Jahres überreicht. Gleichzeitig wurde der Mandatskommission seitens des Waad Leumi ein Memorandum vorgelegt, in .welchem Beschwerde über die negative Einstellung der Palästinaregierung zum jüdischem Aufbau erhoben wird. Bisherige Kongreßwahlresultate Bisnun haben Wahlen zum Zionistenkongreß; "folgende Ergebnisse gezeitigt: Arbeitendes Palästina 68 Mandate, Allgemeine Zionisten 66, Revisionisten 43, Misrachi 30, Radikale 7, Poale Misrachi 2, Jemeniten 1 Mandat. Unser Wahlerfolg. In ganz Oesterreich wurden 852 Stimmen für das arbeitende Palästina abgegeben, das sind rund 18 Przoent der ab'gegebenenen gültigen Stimmen; davon gehen 167 Stimmen ani die Weltwahlliste. Von den' 34 Wahlkreisen waren nur 11 ohne Stimmen für unsere Liste. In 10 Wahlkreisen haben wir die allgemeinen Zionisten! überflügelt. Relativ am günstigsten haben wir ini S a 1 zb u r g abgeschnitten, wo es der Agitation der Genossin Trudl Pollak gelungen ist für unsere Liste 50 Prozent der abgegebenen Stimmen1 zu gewinnen1! Die Revisionisten haben im Salzburg nur ein Viertel unserer Stimmen. Bravo Salzburg! Die Weltkonferenz. Die Weltkonferenz unseres Weltverbandes findet vom 19. bis 24. Juli in Brünn oder Mährisch-Ostrau statt. Auf der. Tagesordnung stehen: 1. Berichte (Verbändsbüro, Weltlgia, politisches Büro, Soz. Komitee für das arb1. Palästina), 2. Die Ichudfrage. Unsere Wiener Organisation hat sich' mit dem zentralen Problem der Konferenz, der Ichudfrage, sehr intensiv befaßt. Im Organisationsausschuß hat Gen. Singer, vor einem Forum älterer Genossen' Dr. Sokal referiert. Am Montag, den 22. d. M. fand eine überaus gut besuchte Mitgliederversammlung statt, in der Gen. Sokal über das Ichudproblem referierte. An der überaus regen1 Diskussion beteiligten sich die Genossin Klara Blum und die Genossen Jakob Singer, Halpern, Dr. Pilzer, Mendel Singer, Kupfer und Imber. Die Debatte wird am 16. Juli beendet werden. Die Versammlung hat die Genossen H ersch kow i tz, Dr. Kantor und Ing. Krämer als Delegierte zur Konferenz gewählt. Genosse Singer Kongreßdelegierter. Wie uns mitgeteilt wird, ist der Listenführer unserer Kongreßwahlliste Chaver Meier Henisch zurückgetreten, da er verhindert ist, nach' Basel zu fahren1; das Mandat wird Gen. Singer ausüben. Die Poale Zion und die Kibbuzbewegung. Es erscheint von vornherein paradox, die Poale Zion in einen Gegensatz zur Kibbuzbewegung zu bringen1, was man aus der Gegenüberstellung beider im Titel schließen könnte. Wenn es sich1 aber "bewahrheiten sollte, daß) die amerikanische Poale Zion sich gegen die Kibbuzbewegung ausgesprochen hat, wovon1 eine Zeitungsnotiz zu berichten weiß), dann scheint es mir wert, daßi wir uns mit dieser Frage näher beschäftigen. Danach soll „Der Jüdische Arbeiter" (New-York), das Organ der amerikanischen Poale Zion, in einem Artikel „Neue Wege" die Forderung aufgestellt haben, „das gegenwärtige System zugunsten des individualistischen" aufzugeben. „. . . Machen wir Schluß: mit dem Wohltättgkeitsfonds für Kolonisationszwecke! Ziehen wir Kapitalisten ins Land, statt sie zu entmutigen!" Zur Begründung dieses notwendigen: Umschwunges wird angeführt, daßi einmal die Ansicht vorgeherrscht hat: wir dürfen! nicht zulassen, daß. der Aufbau auf kapitalistischer Basis erfolgt. „Jetzt aber sind wir nüchtern geworden1. Die Zählung in Palästina hat ergeben, daßi von1 27.000 jüdischen Arbeitern1 nur 3000 in; Kwuzots beschäftigt sind. Alle anderen sind in privaten oder kapitalistischen Unternehmungen beschäftigt." Neben den vielen 'Argumenten, die bisher jfnsbesondere von den allgemeinen "Zidnisteni und dem fas<!hisrisch-reakfionären Flügel gegen 'die Kwuzoth und Kibb'uzim vorgebracht wurden, ist dieses neu und1 wird sein Ziel nicht verfehlen1: zu den anderen Argumenten unserer. Gegner wird sich' dieses rieiue gesellen1: die Arbeiter selber wollen ja nicht die Kwuzah, von 27.000 sind es nur 3000, die in dieser Form leben. Wäre nicht das Unwissen um zionistische und palästimensische Dinge in weiten Kreisen vonl Zionisten so groß;, wäre es nicht notwendig, auf dieses Argument näher einzugehen1: die Wirklichkeit Palästinas widerlegt es in, allen1 seinen! Teilen. Es ist selbstverständlich, daßi nicht die gegenwärtig in den Kwuzoth tätige Anzahl von1 Arbeitern uns darüber Auskunft geben kann, ob die Arbeiter diese Form für sich fordern, oder nicht. Vergessen; wir doch nicht, daß seit fast vier -Jahren' keine nennenswerte Neukolonisation zu verzeichnen! ist — damit aber kollektivistische Wirtschaften entstehen und die bestehenden weiter ausgebaut werden können, ist Neukolonisation nötig, Damit aber ist gleichzeitig gesagt, daß zum Vergleich nicht herangezogen; werden Tc'ann, wie viefe Tausende von Arbeitern! im Verhältnis zur Gesamtarbeiterschaft in den Kwuzoth tätig sind, sondern wie viele es sind im Verhältnis zur Landarbeiterschaft. Dadurch bekommen wir selbstverständlich ein ganz anderes Bild, was die nachstehenden Zahlen beweisen mögen. Zunächst: die angegebene Anzahl von 3000 Arbeitern entspricht nicht der Wirklichkeit. Eine vom Statistischen Amt der Histadruth veröffentlichte Statistik für das Jahr 1930 gibt die Zahl der in' den kollektivistischen Wirtschaften tätigen Arbeiter mit 1940 am; da die Zahl sich nur auf die 24 wichtigsten Kwuzoth bezieht und den Stand nach einer Zählung im Sommer wiedergibt, 'können wir annehmen, daßi ihre Zahl heute rund 2320 beträgt (haben doch die genannten Wirtschaften nach der gleichen! Statistik bis zum Jahresschluß! allein' 180 neue Olim aufgenommen). Zu diesen! kommen nun! die Plugoth des Kibbuz harn euch ad in den Kolonien mit mindestens 1200 (in den Meschakim 934), die Kibbuzim des Haschomer Hazair in den Kolonien ungefähr mit 1000 (in' den' Meschakim 307), ferner die Kwuzoth der Gordonjah und andere kleinere Gruppen' mit cä. 200, das sind insgesamt in den Kibb'uzim und Kwuzoth 4720 Arbeiter. Im erstem Half jähr 1931 sind von den 1480 neuen Zertifikaten, die die Regierung] bewilligt hat und den 1030, die der Jewish agency zur Verfügung gestellt wurden, 475 für Chäluzim ausgegeben: worden, mit der ausdrücklichen Weisung, daßi sie nur &rr solche zur Verteilung gelangen, die von den Kibbuzim aufgenommen werden. Wenn wir sogar annehmen, daßi trotzdem 75 Einzelarbeiter („Bodedim") Zertifikate bekommen1 haben, erscheint es sicher, daßi mindestens neue 650 Arbeiter.(mit ihren' Frauen) im ersten Halb-