Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 11 (25.6.1931)
- Date
- 1931-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. Dn JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1/111 — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 11. Wien, 25. Juni 1931. 8. Jahrgang. Zum fünfzigsten Geburtstag Ber Borochows. Am 21. Juni wäre Ber Borochow fünfzig Jahre alt/geworden. Gen. Kaplansky hat in der Dezembern'ummer unseres Blattes unseren' Lesern die Bedeutung des Lebenswerkes Borochovs vor Augen geführt, der würgen'de Platzmangel verbietet es uns heute wieder in ausführlicher Darstellung die Stellung Borochovs in der Geschichte unserer Bewegung zu bestimmen. Nur an e i n Prinzip des Borochovschen Systems, "das die Grundlage unserer Bewegung bildet, wollen wir unsere Genossen und insbesondere unsere Delegierten zur kommenden Weltkonferenz erinnern.: an das P r i n z i p d e r A II w e 111 i c h k e i t d e s j ü d i s c h e n Proletariats, dessen organisatorischer Ausdruck der Weltverb'an'd Poale-Zion ist. Mögen sie im Sinne der gerade in diesen Tagen so realen' Schicksalsgemeinschaft des jüdischen! Proletariats wirken, möge ihnen die Erhaltung und Stärkung der inneren Einheit unserer Bewegung als höchstes Ziel vorschweben: nur 'danin werden sie sich mit Recht als Schüler Ber Borochovs"'bezeichnen dürfen! Sieg verpflichtet! August"Bebel "hat einmal zur Kennzeichnung der Machtverhältnisse zwischen Bürgertum und Proleta- . riat ein überaus. einprägsames.4ind'.^Rtreffendes Bilc}. gebraucht: Bürgertum un'd Proletariat werden mit zwei Boxern' verglichen, von welchen der eine bis auf die Zähne gerüstet ist, der andere über keine an'dere Waffe verfügt, als über seine nackten1 Fäuste. Wenn dieser Vergleich einmal wirklich' zu Recht bestanden hat, so war dies bei unserem Wahlkampf zum Zionistenkongreß, Wir standen einem wohl ausgerüsteten! Gegner gegenüber; wohl ausgerüstet in jeder Beziehung. Vor allem fehlte es den Revisionisten nicht an den; materiellen Hilfsmitteln in diesem Kampfe: Geld floß' ihnen vom allen Seiten zu, und was die Wiener zionistische Bourgeoisie noch zu leisten übrig ließ», der Amstetter Mäzen tiberkompensierte es. So hatten1 die Revisionisten'schon vom materiellen Standpunkt mehrfachen' Vorsprung: konnte bei den Wählerkreisen, an welche sie appellierten, unter welchen sie vor allem Sch'ekelpropaganda betrieben, der Geldwert des Schekels nicht viel bedeuten, so waren sie in der Lage, dank ihres Wählfonds von der diesmal vorsichtig angewandten Strickermethode Schekelpropaganda zu treiben, reichlich Gebrauch zu machen, und am Wahltag mittels automobilisierten! Schlepperdienstes eigentlich' indifferente. „Wahlberechtigte" zur Wahl zu bringen. Neben dieser materiellen Chance, die ihnen; auch' reichliche Presse- und Versammlungspropaganda erlaubt hat, ist natürlich auch' die Gunst der politischen. Wahlsituation für den zionistischen Faschismus nicht zu unterschätzen, zu deren Ausnutzung er mit genügend Skrupellosigkeit ausgerüstet war. Die Krise des Zionismus, bewirkt durch die ökonomische Weltkrise einerseits, andererseits durch den Mangel am politischer Voraussicht der zionistischen Führung, die erst der blutigen Ereignisse des Jahres 1929 bedurft hat, um das welthistorische Ereignis des Erwachens der orientalischen Völker, des arabischen Volkes vor allem in ihr weltpolitisches Kalkül zu setzen, bot den Revisionisten Gelegenheit, ihrer Methode der gewaltsamen Lösung der Probleme, mit welchen der Zionismus zu ringen hat, in dem Augen einer von sachlichem Wissen um die wirklichen Zusammenhänge freiem Jugend einen Sehein vom Berechtigung zu verleihen. Das revisionistische Programm ist ein Programm der Verzweiflung: ihm kam die Stimmung, die weite zionistische Kreise erfaßit hat, im frohem Grade entgegen. Die Revisionisten haben als Meister der Demagogie diese ihnen günstigen Umstände auszunützen' verstam den. Und der Erfolg? Ge\viß>, sie haben dank der Fusionierting mit den radikalen' Ziomisten das zweite Mandat erobert: ihr A n t e i 1 a m der zionistischen W ä h' 1 e r s c h a f t i,s t a b e r n i c fr t wen iger als u m 10 Proze n |'ges u n'ke n. Trotz Demagogie, reicher Geldmittel;und einer skrupellos geführten Wahlkampagne ist es den großmäuligen Schreiern nicht gelungen, die absolute .Mehrheit in: Oesterreich zu erobern. Wie anders gingen w^ir zionistische; Sozialisten' in1 den Wahlkampf! Ein großer Teil unserer Genossen ist arbeitslos oder steht in Kurzarbeit: er war außer Stande, den Schekel zu entrichten1. Die Geldmittel, mit welchem wir den Kampf führten, waren mehr als beschränkt, im Gegensatz zu unserem Gegnern verfügten wir über keinen ausgebildetem watiltechnischen- Apparat. Wir konnten uns nur auf die 'innere iWahrheit unserer Idee und die Arbeitskraft unserer Genossen und Freunde aus dem Lager derer, die sich um das arbeitende Palästina1 scharen, stützen, jkaum daß' es uns finanziell,;, möglich wurde, die zionistische Wählerschaft durch' zweimalige Aussendung; des „jüdischem Arbeiters" mit unseren' Zielen1 bekannt zu .machen und vor ihr^ r das .\y.a h!.r e^Bil^dL des zionistischen Faschismus zu zeichhem. 'Und den noch war uns ein großier Wahl erfolg beschieden: während wir bei den letzten ■Wahlen unser Mandat nur dank der. Koppelung mit den allgemeinen' Zionisten erobert haben, diesmal damken wir es umserer eigenen Kraft, darüber hinaus' gehen noch von Wien1 167 Stimmen an die Weltwahlliste. Die Zahl der Wähler der Liste des arbeitenden P alästina im Wien ist um 200 Stimmen: größer als-[im jüdischen V o 1 k s z e n t r u m W a r s c fr a:u! Mehr noch': wir haben diesmal in der Provinz Fuß! gefaßt: auch dort, wo es keine zionistisch sozialistische Zellen gibt, konnten wir Eimzelwähler gewinnen, von welchen wir hoffen, daß sie unsere Pioniere sein werden. Dort, wo in der Provinz zionistisch-sozialistische Arbeit geleistet wird — im Graz vom S ch orn er-H azair, in Salzburg von unserer Genossin Trudl Po Hak — haben wir eine große Zahl von Stimmen erlangt, in Salzburg fehlen uns nur 2 Stimmen zur absoluten Mehrheit. Es würde dem Geiste, in welchem unser Blatt geleitet wird, widersprechen', im Zusammenhang mit unserem Wahlerfolg die Frage aufzuwerfen, welcher Organisation und Person der Hauptanteil ar unserem Sieg zuzurechnen ist: in unserem Wörterbuch ist das Wort „Verdienst" ausgeschieden, weil wir übezeugt sind, daß den Menschen' unserer B: wegung die Arbeit für den zionistischen! Sozialismus ein inneres Bedürfnis, ein geistiges Muß, ist. Aber eine Zeitung hat auch der Geschichte der Organisation gegenüber, deren Organ sie ist, eine Funktion zu erfüllen: und wir hielten es für eine Verletzung dieser unserer Pflicht, wenn wir nicht feststellen würden, daß: die Hauptlast im diesem schweren Kampf auf den Schultern unseres Parteisekretärs G enossen Welt geruht hat, der sowohl während der Schekelaktion als auch im Wahlk'ampf übermenschliche Arbeit geleistet hat. Wir haben einen Sieg errungen: der Versuch der Revisionisten, auf unsere Kosten die absolute,Mehrheit in Wien zu erlangen! — und nur diesen' Sinn konnte die Ablehnung des ihnen angebotenen Wahl« kompromisses, auf Grund dessen sie zwei Mandate erhalten sollten, haben — ist schmählich gescheitert. Aber Genossen und Freunde, vergessen wir nicht: Sieg verpflichtet. Unser großer Erfolg ist sinn-: los und ohne Bedeutung, wemn er si cfr ni ch t im Wachstum der zi o tri s tisch -sozial ist ischen Bewegung Oesterreichs au swirkt Ja, Oesterreichs: die Tatkraft unserer Freunde und Genossen in Graz und Salzburg hat das Dogma, :d a ß» z i o m is t i s c h - s o zi a I i s t i s c Iie B e weg n n g >in Oesterreich n ur ei ne An'gelegen freit IWiens bleiben m üsse alsein Vorurteil der IT.r ä g h e i t er wies e m. Eroberung unserer Wähler ifür unsere Bewegung, Eroberung vor allem der Provinz, das ist die. Konsequenz, che wir aus unserem :Wahlsieg zu ziehen haben,: jeder zionistiscfr-sozjialistische Wähler, ein überzeugter zionistischer Sozialist, das. muß unsere Parole in der nächstem Arbeitsperiode sein! Kongreßfragen. Ein1 Vortrag des.Genossen Kaplansky. Am 20. v. M. sprach! Gen. Kaplansky im überfüllten Saal des Hotel Continental über die aktuellen «Probleme .der zionistischen Bewegung. Den Vorsitz thrten diüe Genossen Dr. Bermay und Mendel Singer.. iGen'osse Kaplansky führte aus: Der Zionismus muß, jaus"';4^r,--neue^-.Ko in die er hineingestellt ist, die Konsequenz ziehen und umlernen. Der Kampf zwischen den pro- und an'tizionistischen Kräften in der englischem Politik ist nicht neuesten Datums: schon in der Zeit von San Remo konnten wir erkennen, daß die reaktion!är-imper;ialistisGh'en Kreise in England dem Zionismus feindlich gegen- ■überstehem; und es ist die typische Illusion des R e v i s i o n; i s m u s, daß. er sich gerade auf diese K räfte, die — in Wahrheit das Weißibucfr zu verantworten haben — stützen will! Das Weißbuch vom 1922 hat die Interessen des arabischen -un'd jüdischen Volkes koordiniert, das Weißbuch von 1930 hat die jüdischen Interessen den arabischen untergestellt; erst der Macdonaldbrief hat die Gleichstellung wieder proklamiert. Die Revisionisten glauben, es gebe eine einfache Lösung der Krise des Zionismus: der Rücktritt Weizmamns werde alle Schwierigkeiten beheben. Für die Revisionisten ist die Psychologie der Erfolgsambetung Charakteristisch: da der Zionismus Rückschläge zu erleiden: sat, werde n d i e Verdienste Wer zmanns vergessen. Wenn wir auch dem Rücktrittswillen Weizmanns als Tatsache respektieren müssen, so wollen wir die Revisionisten, die glauben, daß sie im Besitze des unfehlbaren zum Erfolg führendem Mittels zur Behebung der zionistischen Krise sind, daran erinnern, daß. der Zionismus schon andere Krisen durchmachen mußte. Im Jahre 1921 die AbL frennung Transjordaniens von Erez Israel, Einstellung der Einwanderung, Uebergabe der Beisanböden an die Araber, im Jahre 1922 das erste Weißbuch, das ein Parlament mit jüdischer Minderheit und ein Einwanderungsamt mit arabischer Mehrheit (1:5) einführen wollte; das NichtZustandekommen dieser Institutionen ist nur auf die Ablehnung der arabische n Politiker zurückzuführen. Und in dieser Zeit w a r J a b' o t i m s k y M i t g 1 i e d der z i o n istischem Exekutive! Herr Jabotinsky hat damals also iüjb'er kein Mittel: verfügt, diese furchtbaren Niederlagen des Zionismus zu verhindern. Ja mehr mocfr: ja* ■botinsky hat nicht einmal Protest gegen die Abtrennung Transjordaniens erhoben; er hat als Mitglied der Exekutive die Massem nicht einmal zum Kampfe gegen die antizionistische Politik Englands