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Der Jüdische Arbeiter · 1931-04-13 · Heft 6 (13.4.1931) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
8 (1931)
Issue
Heft 6 (13.4.1931)
Date
1931-04-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Dir jüdische Arbeiter Schach dem lebensfeindlichen Klerikal ismus! Wir haben1 in! einer Auseinandersetzung mit dem jüdischen1 Klerikalismus in der letzten Nummer uirseres Blattes festgestellt und bewiesen;, daß! er gefährlicher ist als der Klerikalismus aller anderen1 Konfessionen. Wie um diese Behauptung zu verifizieren, um sie an der jüdischen Wirklichkeit in Palästina als Wahrheit zu erweisen, erscheint uns der in der palästinensischen jüdischen Presse abgedruckte Aufruf, in welchem die jüdische Bevölkerung aufgefordert wird, den Sabbath' durch1 Sportveranstaltungen nicht 211 entweihen'. Für uns zionistische Sozialdemokraten! liegt die Bedeutung;des Sabbath' nicht auf dem religiösen, sondern auf dem sozialen1 Gebiete: wir sehen' in ihm eine der schönsten biblischen Institutionen, eine Einrichtung, die der arbeitenden'. Menschheit wahrhaft zum größten Segen gereicht. Aber, fragen) wir, steht Sportausüb'un'g, stehen die verschiedenen Rasenballspiele', stehen die verschiedenen. Zweige des Wassersportes im Widerspruch' zum religiösen Sinn' des Sabbathes? Wenn1 wir diesen Sinn'richtig erfaßt und verstanden haben, besteht er doch darin, daß) sich die Geschöpfe Gottes mit ihrem Schöpfer über das Gelingen seines Werkes freuen: Freude, Sabbathfreude war es, die den; gottgläubigen: Juden an diesem siebentem Tag der Woche immer erfüllt hat, die ihm Kraft gab, die Mühseligkeiten des Alltags zu ertragen', Sabbathfreude war es, die die Großen unter unseren Volksdichtern1 schilderten1, wenn sie die Lichtseiten) des jüdischen1 Lebens in den armseligen! Judengassen schildern wollten. Und was ist nun1 der Sinn des Sports? Eine zweckhafte Betrachtungsweise wird die körperliche Ertüchtigung als Ziel des Sports1 angeben. Gewiß, auch' das ist ein Erfolg! der sportlichen Betätigung, und aucfr er steht zu keinem religiösen Gesetz im Widerspruch', es sei denn, daß! unter den Geboten des Schulchan aruch sich eines befindet, wonach nur ein Krüppel ein gottgefälliges Leben zu führen imstande ist. Aber Gesundung und Kräftigung) des Körpers ist nur ein) Nebenerfolg des Sports; wer darin sein „Wesen" erblickt, kennt Sport nur als „graue Theorie". Der wirkliche Sportler wird es als absurd empfinden, daß er sich1 zum Beispiel in die Wellen des Flusses wirft, um einen hygienischen Zweck zu verfolgen; wir alle — welchen! Sport wir auch treiben mögen — wissen, daßi er uns vor allem Freudenquelle, Quelle der stärksten Freude, der körperlichen Funktionsfreude ist, jenes Lustgefühls, dessen zentrale Stellung schon darin zum Ausdruck kommt, daßt an ihm -dl« tuu- und Mcubcnenweit teil nati und diese Sinnesfreude — so fordern es orthodoxe, lebensfeindliche Klerikale — soll die jüdische Jugend Erez Israels nicht zu ihrer Sabbathfreude gestalten! dürfen! An dem Tage, da nach1, der religiösen Auffassung sich Gott seiner Schöpfung gefreut hat, soll es der jüdischen Proletarierjugend verwehrt sein, dieses „Schöpfungswerk", die Landschaft Palästinas durch Wanderfahrten kennen und lieben zu lernen, solleni jüdische Arbeitersportler — die nur an diesem' Tage frei sind — sich1 ihres Körpers nicht freuen dürfen! Wahrlich diese Aktion hat mit Religion nichts!zu!tun, sie ist dem Muckertum in Reinkultur entsprungen! Der Aufruf ist vor allem von) Rabbinern unterschrieben; das können wir moch' zur Not verstehen. Was bedeuten aber die Namen' Bialiks, Klausners und Hugo Bergmanns unter diesem Aufruf? Was bezwecken diese geistigen Führer des Jisch'uv, der Dichter und die Gelehrten mit der Unterzeichnung des Aufrufes? Sehen sie im' „Sport" etwas Geistfremdes, etwas, was zu ihren Bemühungen1, den Sabbath geistig zu gestalten im Gegensatz steht? Welches Mißverständnis, Sport und geistige Haltung als Gegensätze zu bezeichrnen! Es gibt schlechthin keinen! Sportzweig, der den Ausübenden! nicht auch) vor geistige Aufgaben stellen würde, von Schwerathletik angefangen bis zu jenem' Sport, der der Vergeisti'gung die größte Möglichkeit gibt, dem Fußballspjort! Gewiß, wir wollen in Erez keinen Sportismus, wir wollen aber auch keine körper- und sinnenfeindliche Kultur, die den Bedürfnissen von Stubenhockern und Büchermenschen entspringt, wir wollen ini Erez keinen .„englischen" Sabbath, an: welchem die Menschen vor Langweile vergehen! Man wird vielleicht meinen, daßi wir, diesem kulturreaktionären Aufruf eine zu große Bedeutung beimessen. Weit gefehlt! Gestaltung der Freizeit ist ein erstrangiges kulturpolitisches Problem. Darüber hinr aus zeig! dieser Aufruf die Bereitschaft der jüdischen Geistigen im Lande, der orthodoxen Kulturreaktion Schützenhilfe zu leisten. Bialik hat immer zum kulturellen Konservativismus geneigt! Was ist es' aber mit Klausner, will er sein tapferes Jesusb'uch',, das ihm so viele Angriffe von klerikaler Seite eingebracht hat, vergessen machen? Und Hugo Bergmann', der tapfere Vorkämpfer der jüdisch-arabischen Verständigung, will er, der mit Bub'er in der „Riöliügi ositä t" das Zentrale des Judentums gesehen hat — geschichtlich Bedingtes fälschlich verabsolutierend —- nunmehr für die Hegemonie der Religion, innerhalb des jungen jüdischen Kulturlebens in Palästina eintreten? Wie dem auch sei: wir erkennen, daß. wir jüdische Sozialisten im Kampfe um die Verweltlichung der jüdischen Kultur allein stehen, daß auch innerhalb des jüdischen Volkes „freireligiöse" Intellektuelle nur zu geneigt sind, sich1 dem. Klerikalismusi als Helfershelfer anzubiedern. Darum rufen wir unseren Sportgenossen in Erez — deren Vertreter wir in Kürze bei der Olympiade begrüßen werden — zu: Laßt Euch nicht eine dem jüdischen Klerikalismus genehme Kulturgestaltung aufzwingen! Eure Freizeit darf nicht ein Schacherobjekt zwischen Jewish Agency und Aguda werden! Kämpft um die weltliche jüdischproletarische Kultur in Palästina! P. * Semesterbilanz. Das politische Kalendarium ist mit dem des bürgerlichen Jahres nicht identisch: Herbst und Winter bilden das erste Halbjahr, und der Frühling gehört eigentlich' schon zur „toten Saison". Daher ist es wohl berechtigt, schon heute die Semesterbilanz zu ziehen und einiges über die Arbeit der kommenden Monate zu sagen. Was nun die Vergangenheit anbelangt, so dürfen wir wohl ohne jede Ueberhebung feststellen, daß unsere Organisation im abgelaufenen Semester eine Aktivität gezeigt hat, wie schon seit langem nicht. Das wichtigste Aktivum des vorigen Arbeitsjahres 1929/30, das regelmäßige Erscheinen des jüdischen Arbeiters als Zweiwochenblatt, konnte aufrechterhalten werden, und es darf wohl gesagt werden, daß es der Redaktion gelungen ist, unser Organ zu einem lesenswerten Blatt zu gestalten, das mit einigem Interesse gelesen zu haben, sich niemand schämen mußi. Darüber hinaus ist es gelungen, die innere Kulturarbeit unserer Organisation zu intensivieren: aus unseren Berichten ist es bekannt, daßi die allwöchentlich1 tagende Arbeitsgemeinschaft unserer jüngeren Genossen eine überaus intensive Arbeit geleistet hat und sich der regsten Anteilnahme unserer Mitglieder erfreu. Hierzu kommen noch die vierzehntägigen Mitgliederversammlungen, die der Erörterung wichtiger Probleme unserer Bewegung ^gewidmet sind; auch sie haben einen überaus interessanten Verlauf genommen und hatten auch den wichtigen organisatorischen Erfolg, daß einige einst führende Genossen reaktiviert, wurden. Neben dieser Innenarbeit ist noch eine Reihe von Versammlungen zu erwähnen, die in den sehr erfolgreichen Propagandawocnen veranstaltet wurden, vor allem: die Anklageversammlung gegen die Revisionisten und der massenhaft besuchte Vortrog Prof. Lessings. Unsere Jugendorganisationen haben auch eine schöne Entwicklung genommen, sie leiden aber besonders unter der Arbeitslosigkeit eines großen Teiles ihrer Mitglieder. Die J. S. d. J. gibt — w^p Hmrhtet — Hne ..schöne Monatsschrift heraus. Der Mischmar-Ordim leistet auch' vortreffliche Arbeit, ein großer Teil seiner Mitglieder begibt sich demnächst auf Hachscharah. Schließlich sind auch die vierzeh'ntägigert geselligen Abende zu erwähnen, die ihren Höhepunkt in der so schön gelungenen Akademie erreichten. Einen regen Artteil haben unsere Vertreter auch an der Arbeit der zionistischen Institutionen genommen, insbesondere an der Schaffung der Liga für das arbeitende Palästina. Mitglieder unserer Jugendgruppen bildeten einen wesentlichen Teil der Februaralijah. Bezüglich der Arbeit in den kommenden Monaten muß festgestellt werden, daß wir uns den Luxus einer „toten Saison" nicht leisten dürfen! Drei wichtige Ereignisse werden für sie bestimmend! sein: der Zionistenkongreß, der Wiener Kongreß der Internationale und die Arbeiterolym'piade. Die Schekelakti'on muß nun mit Volldampf einsetzen,, die Wahlarbeit mit aller Intensität betrieben werden. Die Wahlparole muß heißen: kein Mandat der zionistischen Reaktion, den Revisionisten, deren Orientpolitik praktisch1 auf nackte Pogromhetze hinausläuft, keine Stimme den Mitschuldigen an den blutigen Augustunruhen! Der Sozialistenkongreß: und die Olympiade wird eine Reihe von jüdischen und zionistischen; Sozialisten, von Freunden unserer Bewegung und von Sportgenossen aus Palästina nach1 Wien bringen1. Dieser Kräftestrom muß für unsere Bewegung nutzbar gemacht werden; das bedeutet eine schwere organisatorische Arbeit, die nicht auf den| Schultern weniger Genossen ruhen darf! Darum1 rufen wir allen Genossen und Freunden zu: alle Mann' an Bord! Budgetdebatte in der jüdischen Gemeinde. Seit Jahr und Tag gibt esi in der jüdischen Gemeinde ein Budgetprovisorium, gegen das unsere Vertreter immer angekämpft haben. In früheren Jahren jedoch wurde die zeitgemäße Verabschiedung des Budgets wenigstens versucht und war das Provisorium nur ein Ausweg. In der letzten Zeit wurde es aber zu einem Rechnungsbestandteil der Gemeindemajorität. Man fand es bequem1, zunächst einige Monate Ruhe zu haben, während deren man verhandeln konnte und sich nicht zu beeilen brauchte. Auch diesmal gab es dreimonatliches Provisorium. Und als die in den letzten Märztagen angesetzte Budgetdebatte sich nicht programmäßig beenden ließ, mußte ein vierter Monat hinzugefügt werden. Ein Drittel des Budgets der ordnungsmäßigen Verabschiedung weniger unterzogen! Noch dazu in den Wintermonaten, in denen sich' das Gemeindeleben am stärksten regt und betätigt. Nunmehr wird auch von den Regierungsparteien zugegeben, daß dieser Zustand unerwünscht ist. Es wird geplant, durch entsprechende Verfassungsänderung das Budget immer erst nach dem Rechnungsabschluß zu Ende des ersten1 Jahresviertels zu erledigen. Aber zu solcher Statutenänderung konnte es bisher nicht kommen, weil die Union die Statutenkommission, die zugleich Wahlrechtsausschuß; ist, einzuberufen eine Scheu hat. Die Bttdgetziffern eines so furchtbaren Krisenjahres der Wirtschaft mußten sich in allen öffentlichen Haushalten verschlechtern. Bei der jüdischen Gemeinde kommt noch der Umstand hinzu, daß sie in steigendem Maße der vergrößerten Not der jüdischen Bevölkerung zu Hilfe kommen; will, aus der aber letzten Endes alle ihre Einnahmen stammen. Bei gleichbleibender Fürsorgetätigkeit der Gemeinde wird in Wirklichkeit der wachsenden Not gegenüber weniger geleistet als im Vorjahre. Umgekehrt aber bilden die auch nur gleichen Einnahmen eine stärkere Belastung der jüdischen Bevölkerung als früher. In dieser schwierigen Lage, die vor allem keine Einschränkung der Fürsorge- und Erziehungstätigkeit gestattet, einen gangbaren Weg zu finden1, der das finanzielle Gleichgewicht der Gemeinde erhält, ist die eigentliche Aufgabe der Budgetdebatte. Der Budgetreferent Dr. Oppenheim! vertrat die Vorlage der Finanzkommission, die einschließlich aller früheren Defizite ein Gesamtdefizit von 710.000 S voraussieht. Dieses präliminierte Defizit nach besten Kräften zu verringern, soll Aufgabe der nach Muster anderer öffentlicher Haushalte geschaffenen Ersparungskommission sein. Unsere Genossen haben gegenüber der ursprünglich geplanten Zusammensetzung dieser Kommission wie ihrer Geschäftsordnung bedeutende Verbesserungen erzielt, die eine Umgehung, des Gemeindeplenums in allen wichtigeren Fällen unmöglich machen. i Während der Budgetreferent den Entwurf lediglich nach der Ausgabenseite als gegeben behandelte. und bezüglich der Einnahmen starken Pessimismus äußerte und das Vorhandensein größerer neuer Einnahmsmöglichkeiten bestritt, gab Dr. Friedmann in einer Uebersicht über die Entwicklung des Gemeindebudgets in den Nachkriegsjahren einer optimistischen Auffassung Ausdruck. Es können! neue Einnahmequellen durch gleichmäßigere Verteilung der. Steuern und vor allem: durch die Heranziehung der gesamten jüdischen Bevölkerung erschlossen werden. Den Standpunkt unserer Vertreter legte in der Generaldebatte Gen. Mendel Singer dar, dessen Rede wir unten ausführlich" wiedergeben. In der Spezialdeb'atte konnten bisher nur die Kapitel Kultus und Unterricht besprochen werden. In der Unterrichtsdebatte wies Gen. Dr. Glanz insbesndereo auf die Lage der arbeitendem jüdischen Jugend hin', die bisher noch keine Förderung durch die Gemeinde erfährt. Gen. Singer brachte in einer. Kritik der Verwaltung der Talmud-Tora-Schule das Verlangen nach einer angemessenen Besoldung der Lehrerschaft an derselben vor. Schließlich wurde das Provisorium auch* noch um den Monat April verlängert. Die Budgetdebatte wird in den übrigen Abschnitten, von denen Fürsorge und Spital die wichtigsten sind, nach den Pessachfeiertagen fortgesetzt werden1. Das Budget der jüdischen Gemeinde. Rede des Genossen Singer. Es ist überall üblich, daß bei Behandlung des Budgets öffentlicher Körperschaften ein Rückblick über die in der abgelaufenen Berichtsperiode geleistete Arbeit und der Plan der Tätigkeit im bevorstehenden Berichtsjahr entworfen werden. In den. Kultusgemeinde beschränkt sich der Referent lediglich auf die Feststellung der ziffermäßigen; Bilanz und der Erörterung der präliminierten Geldeinfänge. Diese Auffassung reduziert unsere Budgetdebatte zu einer buchhalterischen und rechnerischen Auseinandersetzung. Wir betrachten es als Aufgabe der Redner, in der Budgetdebatte, diesen Fehler des Budgetreferenten gutzumachen. Der Sprecher der Zionisten, Dr. Friedmann1, hat den ersten! Versuch dieser Ergänzung unternommen, wir wollen es fortsetzen. Es soll insbesondere deshalb die Methode des Budgetreferenten bemängelt werden, da wir heuer, im Jahre der drückenden wirtschaftlichen Not, auf die namhaftem Leistuityen der Gemeinde im Jahre 193Q hinweisen können.- [ch werde darauf noch zurückkommen. JDie Mehrheit des Kultusvorstandes, deren Sprecher das Referat hielt, bemühte sich, die schwierige wirtschaftliche Lage, in der wir uns befinden, auf eine einfache Formel zu bringen. Wir haben geringere Einnahmen zu gewärtigen, folglich müssen wir unsere Ausgaben einschränken. Bei dieser einfachen Formulierung übersieht man leicht die wesentlichen Schwierigkeiten der Frage. Gleichzeitig mit der Verringerung unserer Einnahmen steigt die Zahl jener Menschen, die auf unsere Befürsorgung ange- .gewiesen ist. Wenn wir also auchl Geldmittel in derselben Höhe wie im Jahre 1931 zur Verfügung hätten, könnten wir kaum relativ dieselben Leistungen wie

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