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Der Jüdische Arbeiter · 1931-04-13 · Heft 6 (13.4.1931) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
8 (1931)
Issue
Heft 6 (13.4.1931)
Date
1931-04-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Viüterfil1iÄ»öWbiawn»lt ^gpappgl^^tilflWp^t1^1 |sf;»«»^fg^^^p5^^f^^^^^^^^^P A. V. b. b. 0« JUDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1/III — Postscheckkonto Nr. 3B.042 Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 6. Wien, 13. April 1931. 8. Jahrgang. Zur Gründung der Liga für das arbeitende Palästina.! Von Dr. Leo Gold IV a m m e r. Was in allen; Ländern und Staaten des Kontinents schon lange geschah, erfolgt zu allerletzt in Oesterreich': Die Schaffung eines Instrumentes, das die Idee (des zionistischen Sozialismus der breiten Öffentlichkeit, vor Augen führen und seine Schöpfungen in1 Palästina stützen soll. Jetzt erst gelten! wir daran, in (der Hauptstadt Oesterreichs eine Liga für das ar b ei t e n d e Palästina zu konstituieren. Warum erst jetzt? Diese Frage wird sichl mancher stellen, in jder Stadt, von1 welcher der z i o n: i s t i sehe Gedanke durch' Theodor Herzl ausging und seinen Siegeslauf durch die ganze Welt nahm, in der Stadt, wo 'die s o z i a 1 i s t i s c he Theorie die besten Köpfe, aber auch' die stärksten Praktiker hervorgebracht hat, in der Stadt, wo der zionistische S o- Ziialismus seine erste Prägung erhalten hat durch Nachmann Syrkin in seinen Artikeln in» den „Deutschte Worte", durch Mathias Ach er (Nathan| Birnbaum) in seiner „Jüdische Moderne" und durch S. R. Landau in: seinem „Der Jüdische Arbeiter"^ in der Stadt, wo als erster Nich'tjude Engelbert Pernerstorfer die Sache des zionistischen Sozialismus als Sach'e des gesamten Sozialismus erklärt! hat, in der Stadt endlich', in der die sozialen Errungeuschaften der arbeitenden Klassen deutlich vor Augen führen, welch' starke schöpferische Kraft den arbeitenden; Menschen in ihrer k o 11 e k: t i v e n und organisierten! Form innewohnt. Es würde zu viel Zeit in Anspruch' nehmen, diese Frage eingehend zu erörtern. Nur auf eines seil hingewiesen: Ueb'erall 'dort, wo diese Ligen schon früher begründet wurden, haben die führenden Köpfe des theoretischen und praktischen Sozialismus es als.selbstverständlich' angesehen, daß jüdischer S o z i a 1 i s m u s ri u r i n d e r Fio r m dessozialistisc h en Z i o n; i s m u s seinen Ausdruck und seine stärkste Wirkung finden! kann1. Fast überall in diesenn Ländern sind diese führenden Köpfe des Sozialismus — Nichtjuden. In; Wien und Oesterreich ist es anders!!' Es wird daher die erste' und vornehmlichste Aufgabe der österreichischen Liga sein: müssen1, diese gewissen Animositäten, welche?an der Spitzel der österreichischen Sozialdemokratie In och immer gegen den. zionistischen Sozialismus geh'egt werden, durch' Aufklärung und wirksame Propaganda abzuschleifen.. Wir möchten nicht unterlassen, zu bemerken,, daß 'dieser Teil unserer Aufgabe uns eigentlich! mehr Arbeit auferlegt, als überall anderwärts; denn anderwärts war und ist diese d i a 1 e k t i i c h e Seite' der Tätigkeit nicht mehr notwendig, denn' dort ist man sich bereits darüber im Klaren, daß die Sach'e des arbeitenden Palästina Sach'e des gesamten Soziam u s ist. Den weit umfassenderen Teil unserer Aufgabe bildet naturniotwendig die Fö r d e r u n g des P a 1 ästinaauf baues selbst, in allen jenen Formen, die dem sozialen Grundprinzip. :^nisnrech'en- .Was bisher 'die arbeitenden Menschen in Palästina geleistet haben ist so schöpferisch, daß es trotz! Krise und Pogrom', trotz politischer Schwierigkeiten und wirtschaftlicher Rückschläge, trotz Panikstimmung außerhalb Palästinas fest begründet dasteht. Dies ist schon ein Beweis von der Stärke des Gedankens, daß; Palästina nur d urch: die a r b e i t e n d e n: Menschen als j ü d i s C h e s Palästina aufgebaut werden: wird. Aus diesen deutlichen Grundlagen, auf die wir so| stolz sind, wollen wir die Kraft schöpfen, um den Gedanken des arbeitenden Palästinas in die Welt zu tragen' und ihm durch Sammlung aller Kräfte zum Siege zu verhelfen. Dazu r u f e n wir alle sozialdenkende n u ni d e m pfmdenden Menschen' auf! Zeitnotizen- Pessach, das Fest des Klassenkampfes. (Nachträgliche Osterbetrachtung.) Im frühen Altertum erhebt sich eini Sklavenaufstand. In der gelben afrikanischen' Hitze, vor den halbvollen;deten Riesenwerken ägyptischer Kultur bricht unter den fremdstämmigeu Arbeitern, die sich bisher stumpfsinnig ausbeuten ließen, stumpfsinnig Lehm und Steine schleppten, die Empörung los. Sie erschlagen die Aufseher, die sie mit' Peitschenhieben zur Arbeit jagten, rotten sich' drohend zusammen, erzwingen' freien Abzug. Eine Sklavenrevolte. Und zugleich! die Geburtsstunde des jüdischen Volkes. Diese unsere alte Erinnerung, deren Hagadah das Erlebnis der Befreiung wie einen Fieber träum1 wiedergibt, mit grotesken Wundern, gespenstischen Froschgestalten, Schlangengestalten, Todesgestalten — diese Erinnerung aus phantastischer Volkskindheit hat für den marxistischen! jüdischen Arbeiter unserer Zeit eine festliche Bedeutung, die Bedeutung unseres ersten Klassenkampfes und Klassensieges, die anfeuerndelund ermutigende Bedeutung, daß der soziale Freih'eitsgedarilke des Judentums so alt ist wie das Judentum selbst. Aber gerade dieses Freiheitsfest ist im eine ganz besondere Enge ritueller Vorschriften gedrängt, ist von1 gehäuftem religiösem Zwang erfüllt. Der erzieherische Wert, Wegweiser zum Ideal von! der Selbständigkeit der Massen, welcher in der Erzählung: „Knechte waren wir . . ." enthalten ist, dieser Wert wird, sofort wieder zerstört durch' die fortwährende Betonung der Unterwürfigkeit und Passivität gegenüber einer göttlichen. Macht, durch' den Gehorsam1, der acht Tage lang erstarrten Traditionen^ entgegengebracht wird. Das ist der tragische Zwiespalt des jüdischen' Volkes: sein altes und großes Verständnis' für Freiheit und Selbständigkeit und seine gleichzeitige Tendenz, sich' stärker als andere Völker an seine Religion zu binden, sein Leben, sein Essen und Trinken, seine alltäglichsten und einfachsten Funktionen! durch eine Unzahl von1 Geboten und Verboten; festzulegen1 und sie mit der änglich'en Genauigkeit eines Musterkindes zu befolgen. Wenn auch dieser sklavische) Gehorsam gegenüber der Tradition, entscheidend dabei mitgewirkt hat, daß die jüdische Kultur! erhalten blieb', so hat er doch1 auch1 zugleich eine unglückselige Verschmelzung herbeigeführt, die Zugehörigkeit zum Judentum in der Vorstellung so und so vieler unlösbar mit Konservatismus und Klerikalismus verquickt. Heute noch' besteht die Gefahr, daß innerhalb' der revolutionären Massen das Bekenntnis: zur jüdischen' Solidarität immer wieder als ein; reaktionäres Glaubensbekenntnis mißverstanden wird. Daß man die Palästin abewegun'g für eine religiöse Bewegung, die Arbeiterkomm unen für fromme Gemeinden hält und daß der moderne marxistische Charakter der Poale-Zion' in den1 Reihen der proletarischen Internationale immer wieder verkannt wird. Und dieses Mißtrauen ist unüberwindlich', solange nicht deutlich' und scharf der Trennungsstrich1 zwischen den* Begriffen des Judentums und der Religion gezogen wird. Lernen wir aus dem Kampf unserer Klerikalen gegen die Rechte der Frau in der Assefath Hanivcharim, lernen wir aus der Autorität, die sie sichlüber die Lebensweise unserer palästinensischen Genossen anmaßten, lernen wir aus der aktuellen Tatsache, daß die klerikal-faschistische Einheitsfront im Zionismus, die Einheitsfront von Misrach'isten und Revisionisten sich' immer mehr stabilisiert. Das Pessaehfest bedeutet für-den* jüdischen1 Arbeiter eine Aufgabe: es so zu feiern, so zu erleben1, daß die Bedeutung des verherrlichten Freiheitskampfes rein und unbehindert vorn religiösem: Beiwerk, konservativem Zwang erstehe. Die Erinnerung, daß! wir, Pharaos Knechte waren, soll uns davor warnen!, Knechte der Tradition zu bleiben', Knechte eines Klerikalismus, der sich vergiftend in das! Volkstum eingeschlichen hat, sie soll uns daz^uj erziehen; auch in der heutigen Welt das zu sein, was) wir schon unter den Pyramiden waren: jüdische Klassenkämpfer. K. B. * Ein Jubiläum. Und wenn sie besoffen waren, sind sie auf die Judenfriedhöfe gegangen und haben auf die Grabsteine gekotzt. Sie halten mich1 vielleicht für sentimental; aber ich kann nicht ■ . schlafen, wenn ich an diese Grabsteine denke. . „Erfolg" von Liou Feuchtwanger. Es ist erreicht: das hundertste jüdische Grab' ist . im deutschen Reiche von den Hakenkreuzlern,, die sich' als die patentierten Vertreter des Volkes! der Dichter, und Denker dünken, geschändet worden! Einer, der auch1 mit einigem Recht als Repräsentant des deutschen Volkes bezeichnet werden darf, ob'zwar er alles eher denn dem nordischen Menschen typ us angehört hat, Goethe nämlich,, hat einmal gemeint, daß es die "Ettrrurcnt ist, die dcir'Mörecli-cir"vum Tievo,vitvt<Mroo:k<>£.A— det. Und wahrlich, welche moralische Verworfenheit gehört dazu — Verworfenheit, deren1 nur, Menschen fähig sind — ein Grab' zu besudeln, die Stätte, an welcher ein strebendes, hoffendes, verzweifelndes, liebendes und hassendes Menschenleben sein: endgültiges Ziel gefunden hat, eine Stätte, die für Mitmenschen der Ort tiefsten Schmerzes und Leides, und nur von der Zeit mühsam gelinderter Trauer ist! Wer sind die Mensch'en, die es zu Wege bringen,, Grabsteine umzuwerfen', angesichts des Todes ihre Notdurft zu verrichten an Orten, die geheiligt sind durch' die hier vergossenen- Tränen, und das alles nur. deshalb — weil es jüdische Mensch'en sind, die um diese Gräber bangen? Sind es Lumpenproletarier, Menschen, die ihr Leben lang Stiefkinder der Gesellschaft waren, die da Rache nehmen am falschen Objekt für ein leid erfülltes, entsagungsvolles Leben? Nein Freunde, es ist die deutsche, rassenschützlerisch'e mittelständische Jugend, die da gegen jüdischen Materialismus und jüdische Konkurrenz, für den deutschen) Idealismus und deutsche Arbeiter kämpft und sich zur strategischen Basis ihres Kampfes— den'jüdischen Friedhof auserwählt hat! Ihr empfindet das als grauenhaft? Grauenhafter ist aber das Schweigen; der gesamten1 deutschen Intellektuellen zu diesem' Treiben, die Tatsache, daß aus keinem Lager der bürgerlichen' deutschen Intelligenz ein Protest gegen dieses kulturwidrige Treiben der deutschen Jugend mit und ohne Kinderstube bekannt geworden ist. Am grauenhaftesten aber erscheint uns die Tatsache, daß wir einen solchen Vertreter der deutschen! Intellektuellen, der dieses schändliche Treiben einer ehrvergessenen! ko~ nationalen Jugend brandmarken würde, unseren Respekt nicht versagen könnten: denn' es gehört heute im deutschen Kulturkreis Mut dazu, auch nur die kulturwidrigsten1 Formen des Antisemitismus zu bekämpfen, es kann einen unter Umständen auch das Leben kosten! Es mag dem Kulturhistorik'er genügen, den1 Grad des Kulturverfalles unserer Zeit festzustellen; wir politische Menschen haben aus unserer Erkenntnis die Konsequenz zu ziehen. Man mag über die dichterischen Qualitäten! Grillparzers verschiedener Meinung sein, vom Standpunkt unserer Epoche gesehen, war er ein Prophet. Nicht n'ur, daß| in deutschen Landen und nunmehr auch hierzulande im Zeichenl des Konkordats der Kultus t droht, den Unterricht zu erschlagen, den: Weg von: der Humanität, über die Nationalität zur Bestialität ist ein nicht unwesentlicher. Teil" "der deutschen Menschheit gegangen. Der nationale Chauvinismus bedeutet bei allen Völkern ein'e Gefährdung-des erreichten1 kulturellen Niveaus; ihn zu bekämpfen, die Jugend vor seinem Einfluß zu schützen, ist sozialpädagogische Aufgabe und Pflicht 'ersten! Ranges! -~lz—

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