Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 2 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Stift 2. Der jüdiÄthe Arbeiter Uebersetzung vorgelesen. Die Vorlesung AlbertJHeines hat alle Anwesenden erschüttert, das Erscheinen Schalom Asch's hat ungeheuren Jubel hervorgerufen. Der damals noch junge Dichter wurde von den Brüdern, in deren Geist und für die er schuf, nach Gebühr geehrt. Dem Abend, wie auch dem darauffolgenden Bankett wohnten zahlreiche Westjuden und auch Nichtjuden bei. Win feierten und würdigten unseren Künstler, jene, besonders die Nichtjuden folgten allem respektvoll. Das war natürlich, das war würdig. Unserem Sch'alom Asch wurde das „Städtchen" zu enge. Das Urteil über den künstlerischen Wert jener Werke Asch', die die „große Welt", die „großen Probleme" behandeln, ist noch lange nicht abgeschlossen. Dagegen scheint das Urteil über den Menschen Asch, der vom Baume der großen Literatur sprachen und den Einnahmen der deutschen Verlagsgesellschaften genossen hat, ziemlich festzustehen. Die neuesten Werke Asch' erscheinen! in Buchform zuerst in deutscher, dann »n jiddischer Sprache. An den deutschen Ausgaben ist nicht zu ersehen, daß diese Werke aus der jiddischen Sprache übersetzt wurden. Alan darf den deutschen Leser nicht verletzen .... Asch hält sich in Wien auf und eine angesehene Tageszeitung veröffentlicht einen Rückblick über sein Schaffen, der die Form einer biographischen Aufzeichnung hat. In diesem Aufsatz wird nicht mit einem Worte des geistigen Einflusses, den die Sch'ö> fer der modernen hebräischen und jiddischen Literatur ausübten, gedacht. Nur Goethes „Faust" und Friedrich1 Hebbels wird Erwähnung getan. Auch hält er er es nicht für notwendig, auf diese Entstellung hinzuweisen. Es tut nicht gut mit dem Jüdischen und Jiddischen aufdringlich zu werden v . . . Asch' weilt in Wien, während das gesamte Judentum Wiens sich versammelt um gegen das Attentat der englischen Regierung) auf das Palästina-Aufbauwerk zu protestieren. Der große Dichter gehört der erweiterten „Jewish Agency" an; also wird er eingeladen, an der Protestversammlung teilzunehmen Die Juden Wiens wollten in' der Stünde tiefer Erbitterung ein Wort des Trostes, der Aufklärung, aus dem Munde ihres großen Bruders, der sich in den Dienst dieses großen Werkes gesteift" hat, hören. Der große Dichter erscheint nicht unter seinen erbittert Selben"0™ ßrÜdern;' ^giiügt sich mit einem Der jüdische Dichter ist in Wien Gast des deutschen „Pen-Klubs", darf er sich1 seinen Brüdern auch nicht m dieser außerordentlichen Stunde zeigen? •utDi\ ^Mden Wiens wollen noch immer Nach^ sieht mit ihrem großen Künstler üben. Asch feiert seinen fünfzigsten Geburtstag, also wollen sie ihm v!lKreude^b dl<?€s Festes' ihre Anerkennung und Verehrung für seine künstlerischen Leistungen bekunden. Die Juden Wiens Ibescheiden sich ihret Kuns er erst nach dem deutschen „Pen-Klub" feiern fJ^r rdw^Schl sagt sein* Teilnatoe an de? Asch-Feier der Wiener Juden zu. ^nLdÜutG ab% d°ch; nicht sein,' dafii wie vor Zwanzig Jahren die Juden Wiens ihren' Dichter feierten. Wir zählen jetzt 1931. Die Werke Asch' er scheinen in einem großen deutschen Verlage Asch lauscht andächtig den Trinksprüchen der deutinC^»^^y der FeU m Wien kann störend1 wirke«. Ascft säst also?ein*>n Brudernjn, Wien ab. In Warschau! Tn Newvörid MdscIS ant1^ den^ülchM jiddischen Schalom Asch' feiern, aber in Wien' der Stadt bi welchen der deutsche „Pen-Klub"'und üer Zsolnay-Verlag ihren Sitz haben darf <U iii SC WirTtjiddiSChen ^sch «iSrtMrt we de«: unter 5er T nicht nur d(*se"' ™ leiden unta der Selbstverleugnung unseres oroßen. KTmJ pflichtef ÄStien'Sch'e Sch^fen! ScLom Asch* vet Cto^^pSSLT' S°ndern \uch ih'"'- Vielleicht spH s& J nl^-VUnsail,ch leuchtendes Bei- '^kASTJ^ -nd müsse™ wir w„; ' : . M. S. Bildungsarbeit. Was den wissenschaftlichen Sozialismus nach der psychologischen Richtung hin vom utopischen trennt, ist die Stellung der breiten Massen, das Verhältnis zwischen Führern und Geführten. Während im utopischen Sozialismus das Proletariat eine unwichtige und untergeordnete. Rolle spielt und die gute Idee der einzelnen Persönlichkeit entscheidet, steht beim Marxismus die breite Masse im Vordergrund, ihr aktives Eingreifen in die Geschichte, ihre Entwicklung zum Klassenbewußtsein ist ein unentbehrlicher Faktor in der revolutionären Praxis. Während im utopischen Sozialismus, wo der Führer die Hauptperson darstellt, der Abstand zwischen Intellektuellen und Proletariern eher zweckmäßig als störend erscheint, gehört es zu den notwendigsten Aufgaben des" marxistischen Programmen diesen Abstand unermüdlich zu verringern und schließlich ganz zum Verschwinden zu bringen, den Soziaiismus der starken Hand und der blinden Gefolgschaft durch einen Sozialismus der Selbständigkeit, der demokratisie^mrj. Erkenntnis und der Bildungsarbeit zu ersetzen} Die Bildungsarbeit — diesen organisierten Kömpt gegen die Unwissenheit der Unterdrückten, gtgen die Erstarrung der Wissenschaft in ein Privateigentum und Machtmittel der herrschenden Klasse — kann man gerade im roten Wien in ihrer stärksten Entfaltung beobachten. Gegenüte den unvermeidlichen Schwankungen der Parteimadtt Jim Wechsel der Tagespolitik ist hier eine stetig ansteigende Linie des revolutionären Erfolges sichtbar: mehr wrid mehr wird die Atmosphäre des roten Wien vom erwachten Wissensdurst, klassenbewußten Bildungshunger der Proletarier, besonders der Proletarierjugend erfüllt. Betrachtet man in diesem Rahmen gesondert das Problem der poalezionistischen: Bildungsarbeit, so wird man zunächst finden, daß einzelne Schwierigkeiten hier scheinbar wegfallen. Der Abstand zwischen Intellektuellen und Proletariern, diese störende und vergiftende Hineintragung . des Klassenverhältnisses sogar in die Reihen der Arbeiterbewegung, ist innerhalb des jüdischen Volkes bedeutend abgeschwächt. Noch weniger hat sich der Führer jüdischer Massen über blinde Gefolgschaft zu beklagen. Selbständigkeit und kritische Einstellung lassen 'den jüdischen Arbeiter von jeher als besonders befähigt zum revolutionären Klassenbewußtsein erscheinen — seiner isolierten und machtlosen Klassenlage zum Trotz. Aber gerade der starke intellektuelle Einschlag des jüdischen Proletariers steigert umsomehr seine geistige Not, die Unsicherheit und Nervosität seines Denkens. Besteht die Aufgabe der Bildungsarbeit im allgemeinen darin, Wissen zu übermitteln, so ergibt sich im besonderen jüdischen Rahmen die Notwendigkeit* jin vielfach schon vorhandenes, aber äußerst ungeordnetes Wissen Klärung und Systematik hineinzubringen, eine Aufgabe, die dringender und zugleich verworrener erscheint, als alle anderen. Dazu kommt noch die alte nervöse Uudiszipliniertheit des jüdischen Menschen, seine Unpünktlichkeit und Rastlosigkeit, die es so-schwer macht, ihn organisatorisch zu erfassen. Dazu kommt schließlich noch die Doppelideologie des Poale-Zionismus, seine stets notwendige, stets gespannte Anstrengung, den jüdischen Ar- Deiter zum gleichzeitigen Kampf an zwei Fronten zu erziehen. „ Es ergibt sich daraus als erste Forderung die gründliche und systematische Bekanntmachung des jüdischen Proletaries mit dem Lehren von Marx, sowohl als von Borochow, mit den Fragen' der Gewerkschaft sowohl als den Besonderheiten der palästinensischen Histadrutlf? Die Front gegen die rote Assimilation verlangt die Vertrautheit mit der besonderen sozialen Struktur des Judentums und des Palästinaaufbaus, die Kenntnis der jüdischen Geschichte' und der hebräischen Sprache. Die Front gegen den bürgerlichen, Nationalismus verlangt die Kenntnisse des Klassenkampfes, der Internationale, verlangt vor allem ein marxistisches Verständnis in der letzt so aktuellen jüdisch-arabischem Frage: Aufhe- Diing der Fremdheit, 'mit der wir bisher dem arabischen Volke gegenüber gestanden sind, Einblick in seine Geschichte und seine Gegenwart. Um diesen komplizierten Aufgaben gewachsen zu sein, ist vor allem auch' psychologische Schulung besonders des jugendlichen Arbeiters notwendig, seine allmähliche Befreiung vom Uebermaß des jüdischen Minderwertigkeitsgefühls und der jüdischen Nervosität. Dann, wird auch' der ideologische Weg der Poale-Zion seinen scheinbaren zwiespältigen Charakter verlieren und die 'Einheit von Sozialismus und solidarischer Lösung der .Judenfrage wird dem jüdischen Proletarier zur Selbstverständlichkeit werden K. B. M. Neustadt ' Der falsche Weg. (Nach dem Kongreß für das arbeitende Palästina.) Die schweren Schläge, die uns an der zionistischen Front sofort nach Beendigung des Kongresses für das arbeitende Palästina getroffen) haben1, haben unser Lager davon abgehalten, jdie Tatsache des Kongresses und seine Ergebnisse lobjektiv zu bewerten. Die weitere Arbeit unserer Bewegung, unser Wille, die Weltliga zu einer großen Massenorganisation auszubauen, fordern aber eine kritische Beleuchtung unserer Arbeitsmethoden. Der Kongreß selbst, aber auch die Viorbereitungsarbeit in dem verschiedenen Ländern war ohne Zweifel ein bedeutungsvolles Ereignis in unserer Bewegung. Nicht allzu oft versammeln sich im jüdischen Leben, und insbesondere im jüdischen Arbeiterleben Kongresse, die 238.000 Menschen repräsentieren. Um zu Deweisen, weiches gewalxige Interesse unser Berliner Kongreß in der breitesten Peripherie hervorgerufen hat, genügen einige Beispiele. In Kongreßpolen, Wilna und Westgalizien sind 85.000 Kongreßkarten verkauft worden. Im Kongreßjahr 1929 wurden in denselben Gebieten 98.000 Schekeln (im Jahr 1928 nur 30.000) verkauft. In Belgien sind 1951 Kongreßkarten verkauft worden. Die Schekelzahl betrug dort im Kongreßjahr 1929 3245. In Lettland wurden 3500 Kongreßkarten verkauft, die Zahl der Schekelzahler betrug im Kongreß jähr 4259, in Estland 519 Kongreßkarten, 530 Schekeln, in Frankreich 1328 Kongreß- DIB STEWE Prüf- und Beratungsstelle zeigt in ihrer vollständig umgestalteten Ausstellung Wien, IX., Marianneng. 4 Elektro-Heißwasserspeicher für Küche, Brause und Bad Die Ausführung von Speicheranlagen auch gegen Teilzahlungen übernehmen die für die Errichtung solcher Anlagen ermächtigen Installationsfirmen sowie auch die Direktion der städtischen Elektrizitätswerke karten, 2070 Schekeln, in Bessarabien 3500 Kongreßkarten, 5642 Schekeln. Im ganzen wurden 1929 387.000 Schekeln verkauft. An den Wahlen zum 16. Zionistenkongreß haben sich in Polen und Westgalizien 61.029 Schekelzahler beteiligt, bei den Wahlen zum Weltkongreß fürs arbeitende Palästina wurden 51.982 gültige Stimmen abgegeben. In Litauen haben 6421 Wähler Delegierte zum zionistischen Kongreß gewählt, 2849 Wähler ihre Stimmen anläßlich der Wahl zum Kongreß f. d. a. Palästina abgegeben. In Belgien gab es zum zionistischen Kongreß 1331 Wähler, zum Kongreß f. d. a. P. 817 Wähler, in Ostgalizien zum zionistischen Kongreß 24:175 Wähler, zum Kongreß f. d. a. P. 11.600 Wähler. Diese Zahlen zeigen deutlich den gewaltigen Widerhall, den der Kongreß für das arbeitende Palästina in der jüdischen Gasse gefunden hat. Der Zionistenkongreß ist doch schon dreißig Jahre alt, hat seine Tradition und entscheidet über praktische Interessen. Ein gewaltiger Organisationsapparat bereitet ihn vor und mobilisiert die öffentliche Meinung. Der Kongreß für das arbeitende Palästina fand dagegen zum erstenmale statt, und es wäre geradezu ~ lächerlich, unseren Apparat mit dem des Zicnistenkongresses zu vergleichen. Wenn aber unser Kongreß trotzdem ein so starkes Interesse hervorgerufen hat, wenn es ihm gelungen ist, um sich so gewaltige Massen zu sammeln, so beweist das nur, daßi er zur richtigen Zeit veranstaltet wurde, daß er dem ebenldigsten Interesse der Bewegung entspricht, daß breite Massen sehnsüchtig darauf gewartet haben; das Wort der Arbeiterschaft im Zionismus zu h'ören, und bereit sind, sich einzureihen in die Front für das arbeitende Palästina. Seit Jahren debattiert man in unseren Reihen über die Frage der Eroberung der jüdischen Gasse für unsere Sache. Jeden Tag wird es klärer, daß das Schicksal unseres Werkes1 in Erez Israel eng verknüpft ist mit dem Verständnis, das die jüdischen Massen im Galuth ihm entgegenbringen werden. Wie oft haben wir schon1 über diese Frage Resolutionen gefaßt, wie oft haben wir nicht schon Offensiven auf die jüdische Gasse beschlossen! Und die Stunde ist gekommen, da — trotz aller Zweifel — die jüdischen Massen unserem Ruf gefolgt sirid, und zum Kongreß gekommen sind; haben wir verstanden, die Stunde zu nü tzen? Wir haben leider die Stunde nicht genützt, und dies durch unsere eigene Schuld. Der Kongreß war, programmatisch nicht gut vorbereitet. Und was noch arger ist, wir haben dem Kongreß keine klar durchdachten Ziele gesteckt. So sind denn auch1 die praktischen Ergebnisse des Kongresses Ausdruck von zu^- fälligen Konstellationen, nicht Produkte einer reiflichen und allseitigen Betrachtung, geeignet, den Bau, den wir als Ergebnis des Kongresses aufrichten wollen, zu gefährden. Dazu kommt noch, daß unser Eifer, durch die Vorbereitungsarbeit zum Kongreß gartz verbraucht wurde. Man kann die Ligen für das arbeitende Palästina, als Massenbewegung mit Zeih'ntausenden von Mitgliedern, nicht vergleichen mit Organisationen wie Hechaluz, Haschomer u. s. w. Die Mitglieder der letzteren sind Ini ihrem persönlichen Leben vollständig auf Palästina) eingestellt. Für sie ist es daher selbstverständlich, daß sich ihre Leitung in Palästina befindet, und auch' wir haben ein Interesse daran, daß die Richtung ihrer Erziehungsarbeit von Palästina ,aus bestimmt wird. Anders ist es aber bei der Liga für das arbeitende Palästina. Wir sin'dldaranl interessiert, daß im Galuth eine mächtige Bewegung entstehen soll. Die Arbeiterschaft in Palästina muß dazu den Anstoß geben, sie muß über die Bewegung wachen, sie muß ihr helfen. Sie hat aber kein Interesse daran, von Palästina aus die Organisationsmethbden dieser Bewegung zu bestimmen, in dieser * (Fortsetzung auf Seite 4.)