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Der Jüdische Arbeiter · 1931-01-23 · Heft 1 (23.1.1931) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
8 (1931)
Issue
Heft 1 (23.1.1931)
Date
1931-01-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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mt t Der jfidisth* AfbtHw t^a." geleistet wird1, zu regulieren] und organisch1 autzu-* bäuen, gab die Möglichkeit für die jüdische Arbeit den sozialen Rahmen zu schaffen, gab die Möglichkeit, sie mit den wirtschaftlichen Bedingungen in Einklang zu bringen. Unter den 15 Millionen Juden, die es heute auf der Erde gibt, befindet sich1 gewiß etwa eine halbe Million, die mit der Urproduktion verbunden ist. Aber;nirgeds können; wir im der jüdischen Wirtschaftsgliederung aller Galuthländer von einem wirklichen Stand jüdisch erlandwirtschaftl ich erArbeit er sprechen, ausgenommen in Erez-Israel, seit jenen 10 Jahren, da die Histadruth existiert. Die Schaffung eines Standes von Menschen, die mit der landwirtschaftlichen Produktion verbunden, alle Merkmale eines solchen Standes an sich tragen, sie ist das Werk der 10 Jahre Histadruth in Erez Israel. Die Erreichung eines Normalstandards in der Lebensführung der städtischen arbeitenden Menschen in Erez Israel, sie ist das Werk der 10 Jahre Histadruth. Bedart es noch besonderer Hervorhebungen: aller Leistungen auf dem Gebiete sozialer Fürsorge, kultureller! Fortschreitens, Weiterentwicklung der hebräischen Sprache, auf dem Gebiete zweckmäßiger Arbeitsregulierung, welche die Histadruth geleistet hat? Alle diese Dinge sind Einzelheiten; in einer Entwicklung, zu der Europa mehr als ein Jahr- •h1 u n de r t gebraucht hat und die in Erez Israel unter Ausnützung der besten Met h o d en und Formen in kurzen 10 Jahren vor sich gegangen ist, einer Entwicklung, die, wir sollen esimmer wieder, allen politisch' gefärbten Anwürfen zum Trotz, erwähnen, nicht nur dem jüdischen Siedlern Palästinas viel,gegeben hat, sondern auch der arabischen Bevölkerung. Was hier geleistet wurde, um eben den jüdischen Jischuw zu festigeni und zu erhalten, das hat direkt und indirekt unseren arabischen: Nachbarn Nutzen gebracht. Wenn wir heute dem Stand des jüdischen Autbauwerkes in Palästina betrachten, so fällt es direkt ins Auge, daß das standfesteste Element das der arbeitendem Juden ist. Im Verlaufe der Erez-Israel-Ko- •lonisation sind gar viele Unternehmungen und diejenigen, die sie teils als private, teils als öffentliche Hand führten, entmutigt worden. Bald war es ein Konjumkturrückschlag, bald Kapitalmangel, der ein Ausharren unmöglich machte. Von den arbeitenden Menschen1 Palästinas kann jedoch behaup tet werden, daß der allergrößte Teil nicht nur keine Gelegenheit nahm, das Land zu verlassen, sondern •im Laufe der Zeit sich auch am stärksten mit 'dem Lande verb u n d en^hat. Es ist, als verfüge die jüdische Arbeiterschaft in Palästina über Reservefonds, durch die immer neue Energiequellen erschlossen werden können. Es sind keine Reservefonds die auf einer Bilanzseite zu finden sind, sondern es sind die Reservefonds, welche eine beharrlich festgehaltene Idee schafft. Die Idee des Palästinaaufbaues, das jüdische Land mit jüdischer Arbeit zu erlösen, sie hat sich, wo sie konsequent und frei von allen Einschränkungen! wirken konnte und in die Tat umgesetzt wurde, als wahrhaft schöpferisch erwiesen. Und wenn die jüdische Arbeit heute auf die 10 Jahre Emek und die 10 Jahre Histadruth zurückblickt, so geschieht es mit dem h'ei 1 igen Stol'z unerschütterlichen Glaubens an die schöpferische Idee, der sie ihr Leben geweiht hat , , . J •;! UJ.j Die Krise. Die Lage, in der sich1 die zionistische Bewegung gegenwärtig, befindet, ist durch zwei Tatsachen gekennzeichnet, die in eine Formel gebracht, uns als Gegensätzlichkeit unseres politischen Wollens und unserer ökonomischen! Kraft entgegentreten. Einen schweren Kampf führen in. diesen Tagen unsere Vertrauensmänner in London um die Grundrechte der jüdischen Kolonisation in Palästina. Siekämpfen vor allem um das Recht auf Alijäh': nicht politische, sondern ökonomische Gesichtspunkte sollen in der Zu kunft für die Zahl der zu emittierenden Einwanderungszertifikate maßgebend sein. Der Kampf geht darüber hinaus um dem zur Besiedlung geeigneten Boden, um das bedrohte Recht auf Bodenerwerb. In derselben Zeit aber, da in London die Entscheidung über die Grundfragen unserer Arbeit in Palästina herbeigeführt werden soll, da die gewaltige Protestbewegung der jüdischen Massen aller Länder den Erfolg gezeitigt hat, daß uns vom englischen Kolonialamt 1500 Zertifikate bewilligt wurden, in diesem Augenblick erreicht uns der Beschluß des Finanzkomitees der Agency, wonach1 die in unserem Besitze befindlichen Zertifikate nicht ausgenützt werden dürfen, weil die wirtschaftliche Lage in Erez Israel und in der zionistischen Bewegung eine Immigration nicht erlaubt. Während,in London die politische Vertretung der Jewish Agency gegen die Einwanderungsbeschränkung kämpft — beschränkt die ökonomische Körperschaft der Agency die Immigration. Zurückziehung des Weißbuches als politisches Ziel unserer Bewegung, stopp the emigration, haltet die Alijah auf, als der sich1 aus unserer ökonomischen Situation ergebende Imperativ, zwischen diesen beiden Polen ist die Tragik der Lage des Zionismus im gegenwärtigen Augenblick beschlossen. Es mußte einmal das Bild unserer Lage ungeschminkt und einprägsam gezeichnet werden. Nur die Erkenntnis dessen, was ist, der Mut zur illusion- Freitag, den 23. Jänner 1931, um *A9 Uhr abends IL, Blumauergasse 1 Dr. S. Peller: Die Lage der Juden in Rußland. freien Betrachtung der Realität, vor welche der kommende Zionistemkongreß — ob er nun früher oder später zusammentreten wird — gestellt sein wird, gibt uns die Möglichkeit, unsere Aufgaben zu erfüllen, den Weg ins Freie zufinden, und unter den verschiedenem Methoden, die gegenwärtig zur Lösung qier Krise des Zionismus vorgeschlagen1 werden, die richtige auszuwählen. Welches ist nun die Problematik, an der sich1 der Kampf, der Geister entzündet? Es ist die Frage, welcher Seite unserer Arbeit das Primat zukommt, der politischen oder der praktisch1 ökonomischen —, man: erkennt den Zusammenhang mit unserer oben'gezeichnetem Lage! Wir halten diesen Streit für unfruchtbar: Der synthetische Zionismus der Nachkriegszeit hat die Fragestellung „praktischer oder politischer Zionismus" überwunden. In Anbetracht aber der immer mehr mit ihrem Geschrei die zionistische Welt erfüllendem revisionistischen Bewegung, die in der Proklamierung der Judenstaatsidee das Heil des Zionismus sehen will, die immer wieder eine Außenpolitik der starken Hand gegenüber England und dem arabischem Volke fordert, muß doch festgestellt werden: unsere Politik kann nur das Ergebnis unserer ökonomischen Kraft sein! Wir sind: ein Volk, das seine politischen Ziele niemals mit den Mitteln der Gewalt verfolgen kann: wer im1 Zionismus bei den Massen illusionären Machtrausch weckt, beladet unsere Bewegung mit dem Fluche der Lächerlichkeit. Schaffet vor allem die ökonomische Kraft, die es uns ermöglicht, innerhalb des gegenwärtig gegebenen Rahmens unser Werk fortzusetzen! Das bauende jüdische Volk wird das Weißbuch vernichten, niemals der politisierende jüdische Chauvinist: das in der Stunde zu erkennen, da die wirtschaftliche Krise der zionistischen Bewegung es unmöglich' macht, einen tficlttigen politischen! Erfolg, wie es die Erlangung von 15ÖÖ Zertifikaten ist, auszunützen, sollte wohl n& mandem, der guten Willens ist, schwer fallen! Mögen die machtgierigen Revisionisten im Problem der politischen Führung das Um- und Auf des 17. Ziortistenkongresses sehen: die jüdische Arbeiterschaft Palästinas, der zionistische Sozialismus wird seine ganze Kraft dafür einsetzen, daß die ökonomische Frage des konstruktiven Aufbaues ins Zentrum der Verhandlungen des Kongresses gestellt werde. Wie auch die Verhandlungen mit der englischen Regierung ausgehen mögen, bestehen bleibt die Tatsache, daß wir im gegenwärtigen Augenblick nicht finanziell in der Lage sind, die „Chancen", die uns das Weißbuch' bietet, zu verwerten, daß sich eine jüdische Pflanzerbourgeoisie gefunden hat, die sich des Weißbuchs als eines Lohndruckmittels bedient: mit diesen sozialökonomischen Fragen wird, sich der Kongreß vor allem zu befassen haben, ihre Lösung ist die wahrhafte Voraussetzung jedes politischen Erfolges! Die politische Situation, vor welche der Kongreß gestellt sein wird, ist unbestimmt; wir wissen zur Stunde nicht, ob und welche Erfolge die Verhandlungen in London zeitigem werden. Aber auch hier gilt es, zu sehen, was ist; zu erkennen, daß Großbritannien, das heißt jede Regierung des britischem Weltreiches nur eine Richtschnur für ihre Palästinapolitik anerkennen wird: es sich mit der mohämedanischem Welt, deren wesentlicher Teil zu Großbritannien gehört, nicht zu verderben. Erhaltung des Weltreiches, das ist oberstes Ziel aller britischen Politik: für sie ist die Erlangung des Palästinamandats ein strategisches Ziel gewesen; es ging und geht ihr um die Erlangung der militärischen Basis zur Sicherung des Suezkanals, des Stützpunktes der. Luft- und Seestreitkräfte des Empire auf der Transitlinie Europa—Indien—Australien, der Endstation für das Mossulpetroleum. Zur Verwirklichung dieses Zieles erschien ihr die Balfourerklärung als ein geeignetes Mittel, ebenso wie sie um der Schwächung der Türkei willen dem Arabern Versprechungen! machte.. Wir hoffen, daß es unseren Unterhändlern gelingen wird, die englische Regierung von den beabsichtigten Attentaten auf unser Werk abzuhalten; niemals aber dürfen wir vergessen, daß die endgültige Gewinnung der Mandatmacht die Verständigung mit dem arabi sehen Volke zur Voraussetzung hat. Es wird die Aufgabe des Kongresses sein müssen, Mittel und Wege der Verwirklichung dieses Zieles zu suchen. Deklarationen und Deklamationen genügen' nicht mehr! Und erst im diesem' Zusammenhang gewinnen die Personenfragen, die den Kongreß beschäftigen werden, wesentliche Bedeutung. Man kennt die Namen, die im Zusammenhang mit der Neuwahl des Präsidenten der zionistischem Weltorganisation genannt werden: ihre Träger haben alle den Ruf der „starken Hand". Nun, auch wir zionistische Sozialisten wünschen, daß die politischen Interessen unserer Bewegung energisch vertreten werden. Niemals werden: wir es/aber zulassen, daß die Leitung unserer Bewegung einem Manne anvertraut wird, der, wie dies bei Ussischk'in der Fall ist, in: aller Oeffentlichkeit seine Verachtung des arabischen Fellachentums ostentativ zum Ausdruck gebracht hat! Das wäre Kampfansage an das arabische. Volk, das wäre der Weg zum Abgrund- Aufbau und Friede, das sind die .Ziele, die sich ein realpolitischer Zionismus zu setzen hat. Sie bedingen sich gegenseitig: Fortsetzung und Intensivierung unseres Aufbaus bildet die. beste Garantie für den Bestand des Friedens, nur der Friede zwischen beiden Völkern Palästinas ermöglicht unsere Arbeit. Friede und Arbeit: ist es notwendig, zu untersuchen, welche Partei im Zionismus die Hüterin, welche die Zerstörerin dieser Güter ist? Der Revisionnismus, er ist ja nicht nur. der Feind.des Friedens zwischen Dr. Martha Hof mann. Die Genossinnen von V. . . Wenn in der von großen Aspirationen und Hoffnungen getragenen Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes; einer versagt hat, so ist es der bürgerliche Zionist jenes nicht ganz seltenen Typus, der sich — ob nun in Nalewki oder Broadway, auf dem Kurfürsten dämm oder in Whitechapel — stets an den Opfern der anderen berauscht und an ihrem Heroismus die kalte Flamme seiner* nationalen Leidenschaft entzündet. Eine Flamme, nicht warm genug, umi die billige Zigarette des Chaluz daran zu entzünden. Daß es zu den Elementen jedes nationalen Narkotikums gehört, die „Aufhebung der Klassengegensätze durch das nationale ]deal<f zu verkünden, ist bekannt; bekannt auch, daß im ersten Schwünge des sich selbst befreienden Volkes solche Täuschung und Selbsttäuschung manchem1 vorübergehend gelingen mag. Gemeinsames Ringen um1 Wüste und Brachland, gemeinsamer Kampf gegen einen blutigen Feind, können eine Volksgruppe für kurze Zeit derart zusammenschweißen, daß die sozialen Kontraste einen Augenblick lang, versinken, und der eine heiße Wille alle unterschiedslos durchweht. Derartiges haben Völker und Voljksteile seit jeher in Kriegszeiten für kurze, trügerische Augenblicke erlebt. Aber Begeisterung ist keine Herimgsware und nun gar der Bürger vermag solchen Augenblicken keine Dauer zu geben. Der Rausch verfliegt und der Klassenkampf geht weiter, Der sich am Heroismus der anderen berauschte, verlangt kalten Btfutes Erhöhung der opfervolJen Mühe und der Entbehrungen, pnd der Darbende kann nicht ruhigen Blutes sich selbst und den Nächsten verkümmern sehen, indessen der nüchtern Berauschte sich weiterhin bläht und spreizt. Die Stärke,, mit der mir persönlich die hier angedeutete Erkenntnis im Rahmen der jüdischen Nationalbewegung zum Erlebnis wurde, sei an einem kleinen Erltbnis illustriert, einer Skizze, die so aufschlußreich und beziehungsvoll ist, daß Ort und Namen nichts zur Sache tun. So allgemeingiltig ist sie. Und was mir im) kleinen Fllecken V. widerfuhr, konnte jedem und jeder von uns an anderen Orten widerfahren. * ' '; Es war im Frühling dieses Jahres, als ich — Geschäftsträgerin der Weltorganisation zionistischer Frauen -- die einige Zehntausende von Bürgerinnen in der Diaspora und einige Tausende Arbeiterinnen in Palästina umfaßt — eine Anzahl judenreicher Städte im Nordwesten Europas aufsuchte, um dort für das Werk der W. ]. Z. O. in Palästina Verständnis und Mitarbeit zu erwecken. Meine Reise war wohl dotiert und es war mir von den Spitzen der Organisation in London aufgetragen, überall repräsentativ aufzutreten. Jch hielt also in einigen Städten Vorträge, wohnte in guten Hotels, empfing Besuche und Abordnungen der führenden jüdischen Männer und Frauen und sprach abends in großen öffentlichen Sälen vor einem geputzten Publikum. Manchmal sprach ich auch im1 engeren Kreise eines luxuriös eingerichteten Bürgerhauses, wo die aller Achtung werte Hausfrau eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten zu* sammengebeten hatte, darunter vorwiegend Damen, aus deren Mitte ich das leitende Komitee einer neuen Gruppe der W. 1. Z. O. zu bilden hatte, was übrigens in den meisten Fällen gelang. So auch in B. Um drei Uhr nachmittags betrat ich in Begleitung meiner Gastgeberin das schöne Stadthaus der Madame F., die in ihrem! 'Louis-XV].-Salon für diese Stunde etwa^ dreißig Damen der jüdischen Hautevolee dieser auch he*ute luxuriösen Stadt gel/aden hatte» Ich fand außer der — für die anderen beschämt — um Entschuldigung bittenden Hausfrau erst zwei der Geladenen vor; es vergingen ein bis zwei Stunden, ehe etwa die Hälfte sich eingefunden hatte und an ein weiteres Erscheinen nicht mehr zu denken war. Alle Erschienenen — und die versöhnlich lächelnde Hausfrau nicht minder — trugen selbst an dem Nachmittage, bei einem Damentee, schwere seidene Toiletten und einen Brillantenschmuck, an dessen Echtheit nicht zu zweifeln und dessen Wert auf mehr als das Gesamtvermögen der Frauen-Weltorganisation einzuschätzen war. Insbesondere das dreifache Brillantenkollier der Juweliersgattin Mme. A. und die große Rubinagraffe ihrer Tochter Desiree fielen um so mehr auf, als diese Damen in ihrem1 Entzücken über den Opferwilften und den idealistischen Verzicht der Arbeiterinnen Palästinas sich nicht genug tun konnten. Mit mehrstündiger Verspätungschritten wir endlich an die Konstituierung des leitenden Komitees dieser anscheinend von so viel Idealismus getragenen neuen zionistischen Frauengruppe. Seltsamerweise« wollte aber gerade hier die Konstituierung des Komitees nich^l gelingen. Dje eine Dame war leidend, die andere zwar begeistert, aber zur Führung ungeeignet, wie sie mil ije-

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