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Der Jüdische Arbeiter · 1930-12-19 · Heft 24 (19.12.1930) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 24 (19.12.1930)
Date
1930-12-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ittii. Der jfldlieh« Arbeiter nrnwertte, sondern sfe werden sich'kritisch! mit ihm auseinandersetzen, genau so, wie wir. es einst getan', Auch heute ist für uns offenbar, "daß nicht alle seine Anschauungen! gleichen Wert haben und ihrer Gültigkeit historische Grenzen gesetzt sind. Oft will es mir scheinen, daß das Auseinanderhalten und Scheiden des Denkers Borochow. von Borochow als Kommentator seiner Zeit, des Zukunfts-Blickendem vom Gegenwartsbedingten', das diese historisch-wissenschaftliche Kritik für uns erst das wahre Führertum Borochows in seiner Klarheit und: Deutlichkeit herauskristallisieren könnte. Nachrnan Sirkin war der Revolutionär gegen Gatuthf und die* Gesellschaft, die von der Ausbeutung lebt, er war der" Kämpfer gegen die alten: menschlichen Lebensformen und Kämpfer gegen; die krankhaften Erscheinungen' im jüdischen Volke.- Er war die lodernde Fackel des sozialistischen Zionismus, der Träger des moralischen Pathos im neuen Strom des jüdischen Sozialismus, den er verband mit den Tiefen der jüdischen Geschichte, bis zu den Wurzeln jüdischer Prophetie. Borochow war der Träger des ideenhaften und intellektuellen Pathos des proletarischen Zionismus. (Die ersten Schotte der Poale-Zion-Bewegumg sind [verbunden mit dem Erkennen der jüdischen Oekomomie, mit der Analyse unserer nationalen Wirtschaftslage im Galuth, mit Hilfe schärfster sozialistischer Kritik. Borochow hat die damalige poale-zionistische Kritik zur Denk-Methbde erhoben,, mit seiner, marxistischen Denkungsweise hat er uns erst den ökonomischen.. Untergrund des Zionistischen Gedankens' in Klarheit gezeigt, und hat so die Klarheit des Weges der jüdischen Arbeiterbewegung zur Erkenntnis ihrer (nationalen und ihrer Klassenaufgaben! gewiesen'. Es ist Borochows Verdienst, daß Palästina im Bewußtsein tausen'der jüdischer Arbeiter zur historischen1 Notwendigkeit geworden ist. Vielleicht können nur die von uws, die in jene bedeutsame Zeit der ersten russischen. Revolution hineingeboren wurden und1 in der goldenen Zeit der anhebenden großen sozialistischen!,Bewegung in! West- Europa aufwachsen durften — vielleicht können nur sie beurteilen, wie viel Borochow für uns und die gesamte jüdische Arbeiterbewegung, die in die nationale Richtung wies, bedeutete. Der revolutionäre Wille Idpeser Zeit wurde erweckt und erhöht durch die wissenschaftliche; Forschung, das' Erkennen der gesellschaftlichen Triebkräfte, wurde" zum ewigen Springquell neuer Kraft und Glaubens im Kampf um unsere Befreiung. Das revolutionäre! Pathos, wurde erweckt ivom intellektuellen Pathos, und gab dem Kämpfer Kraft und Stärke für den mühsamem Weg. Den festen Glauben an die wissenschaftliche und historische Richtigkeit poafe-zionistischer Ideologie hat uns Borochow in dieser Zeit' gegeben. Doch1 Borochow ist nicht nur . der Schöpfer dieser Denk'methodei geblieben, er Ist bei all seiner Forschung nicht versunken in der Oede einer lebensfremdem Studierstube — sondern er war Lehrer und Kämpfer, war Führer und Wegweiser. In1 den Zeiten territorialstischen und sejmistischer Verwirrung erwies er seinen1 Mann und wurde zum Retter des poale-ziionistischen Gedankens in Ruß^ land und der Gründer der russischen Partei Der Strom, von Glauben und1 Vertrauen, den Borochow in der Metropole jüdischer Arbeiterbewegung erweckt 'h'at, hat sich bald1 auch' über Oesterreich [und Amerika' verbreitet;und festigte dort die Kraft und Stärke unserer Genossen!. Und als wir uns im Haag versammelten, um'den Weltverband' Poale-Zion zu gründen —" da stand1 an; seiner Wiege bereits der jüngste und zarteste Zweig unserer Bewegung — die Partei .der palästinensischem Poale-Zion - — gegründet von1 Borochows Jüngern! .und Gefolgschaft. Mit Borochows Namen' sind auch die erstem Anfänge unserer Realisierungs-Arbeit inj Erez Israel verbunden. Es wäre wahrlich eine unhistorische Ueberfreib'ung,, wollte man sagen1, daß! das gesellschaftliche [Werden1 in Erez Israel sich gewiß] genau so ent-i iwickelt, wie Borochow vorausgesehen1, oder daß wir ständig nur in! den Wegen' wandeln; die Borochow gewiesen. Zu dem Fragen; der Verwirklichung hatten wir auch noch zu Lebzeiten unseres großem Genossen oft eine andere Stellung. Der Lauf der Ereignisse hat aber, das Aussehen der Dinge stark geändert, gerade der Din'^e, bei denen ehemals unsere Ansichten auseinandergirtgem. Es wäre ein Akt von! Naivität loder ivon Einseitigkeit einer Sekte, mit Sicherheit erklären zu wollen, was wohl heute Borochows Stellung zu dieser; oder jener Sache wäre. Die schwere und mühevolle Aufgabe, die Verkündigung zu realisieren, die wir dem jüdischen Arbeiter und dem jüdischen Volke in den letztem zehn Jahren1 gebracht haben — die; Schwierigkeit den Idealem auch die Verwirklichung folgen zu lassen; — die Ideale, die wir in der Zeit des Anfanges r verkündet in die schwere Wirklichkeit, geformt aus hartem Steini Erez Israels umzusetzen1, — diese Aufgabe liegt an uns. Wir wollen viel von Borochows geistiger Erbschaft lernen. Wir wären aber schlechte und ungeratene Erben1, wollten wir uns der Pflicht entziehen1, mit unseren eigenen! Kräften das Vermögen! zu ver^ imehren und1 zu verstärken, das uns dieser große •Mensch1 überließ, er, der Träger unserer Fahne gewesen, er, den Herrscher war in unserer Gedankenwelt' zur Zeit des! Anfangs und Erblühens des sozialistischen; Zionismus. Geldjuden wieder an der Spitze der Berliner Kultusgemeinde. Der Wahlkampf um die jüdische Gemeindeverwaltung war überaus scharf. Die nichtjüdische Oeffentlichkeit hat von diesem Ringen um Macht deshalb wenig bemerkt, weil die Juden schließlich doch nur 5 Prozent der Gesamtbevölkerung Berlins bilden, weil sie nirgends konzentriert sind und weil die Parteien einverständlich auf einen Plakatkrieg verzichtet haben. Alle Bereiche des jüdischen Lebens wurden von der Wahlbewegung erfaßt: sie fand im großen Versammlungen, in den jüdischen Zeitungen, in schriftlicher und mündlicher Agitation von Mann zu Mann ihren Ausdruck. Dementsprechend haben die Wahlen — 120.000 Wähler mußten erreicht werden — viel Geld verschlungen, man schätzt die gesamten Wahlkosten mit einer halben Million Mark. Schon das gibt eine Vorstellung vom der schwierigen Lage einer proletarischen Organisation, deren Wahlfonds kaum 1200 Mark betrüg, und man wird sich nicht wundern, daß die Geldjuden am 30. November ihre Chance" ausgenutzt haben. Der Ausgang der Wahlen war von der Wahlbeteiligung abhängig. Der Sieg der allgemeinem Zionisten im Jahre 1926 war das Ergebnis der geringen Wahlbeteiligung, es haben; damals bloß 50.000 Wähler, d. h. 43 Prozent der Wahlberechtigten, gestimmt: die Liberalen sind damals mit 45 Prozent der Stimmen nach 70 jähriger Herrschaft die Minderheit geblieben'. Diesmal haben sich' um 26.000 Wähler mehr an der Wahl beteiligt. Von 76.937 gültigem Stimmen haben die Liberalen41.704 Stimmen,d.s.54.2 Proz. erhalten. Bei den Wählern zum preußischen Landesverband der jüdischen Gemeinden am' 1. Februar 1925 haben die Liberalen 24.692 (50.7 Prozent) erhalten. Die Volkspartei (allgemeine Zionisten) hät 25.526 Stimmen erhalten, gegenüber 16.392 Stimmen im Mai 1926, und 14.491 im Februar 1925. Auch1 prozentuell ist die Volkspartei gewachsen: 29.8 Prozent im Jahre 1925, 32.2 Prozent im Mai 1926 und 33.2 Prozent bei den jetzigen Wahlen. Der Zuwachs der Liberalen' ist aber bedeutend größer. Vollkommen war die Niederlage der kleinen Parteien. Die sogenannte .Mittelpartei — die über große Wahlgelder verfügt hat und an deren Spitze sehr bekannte Persönlichkeiten standen — hat diesmal1 1776 Stimmen (2.3 Prozent) gegenüber 5543 (11 Prozent) bei den letztem Wahlen bekommen. Die Orthodoxen mit Nathan .Birnbaum (Mathias Acher) am der Spitze, haben diesmal 1390 Summen gegenüber 2902 bei den letzten Wahlen erhalten, und werden zum erstem Male in der Gemeinde, nicht vertreten sein. Charakteristisch ist auch die Niederlage der deutsch'nationaleni Juden;. Ihre Wahllosungen waren „Volk gegen Volk" '(deutsches Volk gegen' jüdisches .Volk), „Deutsche gegen Fremde", sie sind die einzigem gewesen1, die plakatiert haben, (offenbar, um zu zeigen1, welch' gute Deutsche sie sind!) und trotz allem haben sie bloß 1344 Stimmen bekommen, und bleiben! ohne Vertretung in der . Gemeinde. Vom den kleinen' Parteien hat die „Ueberpartei", die auf ihrer Liste sowohl Liberale als . auch1 Zionisten geführt hat, einen: gewissen Erfolg gehabt und 1 Mandat erobert. Diesmal hat man auch versucht, unter dem Ostjuden einem antizionistischen Block zu gründen. Der Initiator dieses Blocks war der ehemalige S. S. und jetzige Bundist Dr. Aron Singaliovsky. Im der amtiizionistisch'en! ostjüdischen „Konzentration" ist wegen der Wahltaktik ein Streit ausgebrochen. Während Singalovski, Ben- Adiir und ändere für eine eigene Liste waren, sinjd die berühmten jüdischen Wissenschaftler Leszinsky, Tscherikover und . Gergel1 für die Unterstützung der Liste der Poale-Zion' eingetreten, der letzte hat sogar in unserer Versammlung gesprochen. Im übrigen ist die Liste dieser Gruppe — nachdem die Kandidatur Singalovskys aus. formalen Gründen: als ungültig erklärt wurde —-, im letzten Augenblick zurückgezogen; worden. ' Die Liste der Poale Zion h'at diesmal 1911 Stimmen gegenüber 2143 Stimmern im Jahre 1926 und 1715 im Jahre 1925 bekommen. Sie wird in der Berliner Verwaltung auch fürderhin nur einen Vertreter haben. Das ist natürlich eim Mißerfolg, denn unsere Stimmenzahl ist' trotz der größerem Wählerzahl kleiner geworden. Es hat sich gezeigt, daß in einem solchen Wahlkampfe, wa eine Agitation! unter mehr als 100.000: Wählern notwendig ist, eine mittellose Arbeiterorganisation einfach nicht mitkommen kann. Die Poale-Zion hat ihre Wahlliteratur höchstens 8000 •Wählern zustellen können, und das ist doch nur ein kleiner Teil der 'Wählerschaft gewesen. Wenn man in Betracht' zieht, daß die anderen kleinen1 Grupr pen, die aber über große Mittel verfügten, die Hälfte bis zwei Drittel ihrer Anhänger verloren haben, so kann das Wahlresultat der Poale-Zion als nicht schlecht bezeichnet werden. Dabei muß mani noch' bedenken, daß in Deutschland die allgemein politische Differenzierung im jüdischen Leben eine ganz eigentümliche ist. Sozialdemokraten sind Mitglieder der Misrachi, der allgemeinen zion1. Organisation wie auch der liberalen Organisation. Führende Sozialdemokraten haben sowohl auf der allgemein-zionistischen als auch1 auf der liberalen Liste kandidiert. Eine solche Situation verwirrt den Wähler, der für eine sozialistische Liste gewonnen werden soll. Selbst die Zionisten haben nicht gewagt, von der Verweltlichung der jüdischen Gemeinde zu sprechen. DiePoale*Zion (ist djie einzige Gruppe gewesen, die in Wort und Schrift gegen die riesigen Ausgaben für religiöse Zwecke und für die Verweltlichung der jüdischen Gemeinde eingetreten ist! Auch unter dem 721 Stimmen welche die „jungliberale Liste" bekommen hat, waren solche vion Wä;h'lefir, die das letzte Mal für Jdjie Poale-Zion gestimmt haben,, und es auch diesmal getan hätten, wäre nicht diese Liste aufgestellt worden. Ihre Hoffnung, mit dieser Liste dem Liberalen Abbruch' zu tun, hat sich nicht erfüllt. Palästina hat in dem Wahlkampf eine große Rolle gespielt. Die Liberalen' haben dert Großteil der Agitation damit bestritten, daß sie die Gefahr der Versendung der Gemeindegelder; nach Palästina an die Wand gemalt haben. Die Volkspartei (allg. Zionisten) hat — statt diesem Fehdehandschuh aufzunehmen — sich damit verteidigt, daß von einem Budget vom 12 Millionen Mark bloß 15.000 Mark für Palästjina'zwecke verwendet wurden. Die Poale-Zion! dagegen hat in allen ihren Kundgebungen mitgeteilt, daß sie dm stärkere Beteiligung der Gemeinde am der konstruktiven Palästinaarbeit fordern wird. ■ ' Die Poale-Zion hat eigene große Versammlungen abgehalten. In einer dieser Versammlungen hat Josef Schloßberg einen Bericht über Palästina abgegeben. Die Kommunisten haben: versucht, die Versammlung zu stören, es ist ihnen nicht gelungen. Die Poale- Zjion hat eine Reihe vom Aufrufen (jiddisch und deutsch) und eine Wahlbroschüre herausgegeben. Am Wahltag hat der „Vorwärts" in einer. Notiz aufgefordert, die Liste der Poale-Zion zu wählen. . Das Ergebnis der Wahl ist den Lesern des „jüdischen Arbeiters" bekannt. Es ist' nur noch1 hirtzuzufügen, daßi im Landesverbanld die Liberalen auch früher die Mehrheit gehabt haben; die Poale-Zion hat hier zwei Vertreter, die Genossen Dr. Oskar. Cohn und S. Rudel. M. Neustadt. Wahlrechtskampf in Sachsen. In den jüdischen Gemeinden Sachsens ist ein heftiger Kampf um das allgemeine Wahlrecht entbrannt. In Dresden; ist der Kampf zu Gunsten des demokratischen Wahlrechts entschieden, in Leipzig und Chemnitz geht der Kampf weiter. Unsere Bruderorganisationem nehmen anl diesen Kämpfen lebhaften Anteil. In Leipzig fand am 15. November eine große, Kundgebung der Poale-Zion statt, in der unsere Genossen Seiinger und Schachter und Vertreter der Volkspartei für die Wahlreform plaidierten. Wir wünschen unseren Freunden viel Erfolg in diesem schweren Kampfe! Herr Jabotinsky im Uchte des „Vorwärts". Die .„neue Welt" hat es gewagt, dem jüdischamerikanischen Arbeiterorgan „Vorwärts" die größtmögliche Beleidigung anzutun: sie hat behauptet, daß dieses jüdisch-sozialdemokratische Organ, das sich' um den Sozialismus und um das arbeitende. Erez Israel so hohe Verdienste erworben hat, jüngst für den Mussolini im Taschenformat, für dem Führer des zionistischen Faschismus und Vertragspartner des iPogromisten Petljura, Tür Herrn Jabotinsky nämlich, eingetreten ist. Nun soll auch dieses Bestreben, zwischen den amerikanisch-jüdischen Sozialdemokraten und uns zionistischen Sozialisten einen Gegensatz, zu konstruieren, der „neuen Welt" nicht gelingen. . Wir . bringen" heute im folgenden mur einige wenige Sätze aus einer Auseinandersetzung des „Vorwärts" (4. November) mit. der revisionistischen Bewegung, die aber genügen dürften, um zu beweisem, daß alle jüdischen Sozialistem in der Beurteilung der Rolle des Herrn Jabotinsky einig sind! ,/Mit der Pose eines Mussolini spricht Jabotinsky zu seinen Leuten von dem neuen revisionistischen .Menschentypus. Jabotinsky ist ein guter Redner und Journalist; er liebt es aber, hoh1 e Phrasen zu dreschen. Im Doar Hajom ist kürzlich ein Manifest seiner Majestät Wladimir Jabotinsky erschienen, in welchem' er den! Beschluß der, Prager revisionistischen Konferenz, eine revisionistische Gewerkschaft zu gründen, begründet. Nachdem er seinen Anhängern klar gemacht hat, daß sie sich von Begriffen wie gewerkschaftliche Einigkeit befreien müssen, beginnt er die jüdische Arbeiterorganisation zu beschimpfen und mit einem Pathos, das er Mussolini nachahmt und einer grenzenlosen Frechheit sagt er: „Die bestehende Arbeiterorganisation ist eine Gefahr für dem Zionismus, ein Hindernis für die Entwicklung des Jischuv, eine Quelle der moralischen Vergiftung, die „die Umgebung im Ausland und im Land beschmutzt." ,,Die moralische Krankheit des jüdischen Arbeiters besteht in einem: „'Klassenbewußtsein statt nationalem Be^ wußtseinl" ... Man kann sich vorstellen, mit wieviel Gift da die Revisionisten infiziert .werden1, weim ihr Führer so sßrieht! . . . Diese Art Erziehung Ist

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