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Der Jüdische Arbeiter · 1930-12-06 · Heft 23 (6.12.1930) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 23 (6.12.1930)
Date
1930-12-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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fielt* 1 Der jüdische Arbeiter tili Schimpfwort! Heute wollen wir nur noch1 fragen: wann werden wir vort den, zahlreichen jüdischen .Genossen nichtpoalezionistischer Richtung Unterstützung iri unserem Kampfe gegen derartige antisemitische; Entgleisungen» unseres Zentralorgans fintiert? Die antisemitische Welle. Die nationalsozialistische Seuche schreitet mit Riesenschritten vorwärts. Man hat vielfach geglaubt, daß (die deutsche Reichstagswahl den Höhepunkt des Siegeszuges der Hakenkreuzler darstellt: es war ein Irrtum, denn bei den in den letzten Wochen stattgefuntienen Gemeindewahlen hat sich ihre Stimmenzahl selbst im Vergleich zu dem Wahlergebnis vom 14. September ganz außerordentlich vergrößert, in Bremen zum Beispiel verdoppelt! Und in Oesterreich ist es nicht anders: bei den Gemeinderatswahlen in Wiener Neustadt haben die Sozialdemokraten gegenüber den Wahlen vom .9. November 363 Stimmen gewonnen, gegenüber 1927 837 Stimmen verloren, die Hakenkreuzler haben gegenüber den Nationalratswahlen ein Plus von 464, gegenüber 1927 ein Plus von 981 Stimmen aufzuweisen! Unsere Partei hat an die Nationalsozialisten zwei Mandate abgeben müssen. Wir haben in unserem Blatte — wie die obige Glosse zeigt natürlich vergeblich — des öfteren den einzigen Weg gezeigt, auf welchem die nationalsozialistische Gefahr gebannt werden kann: das Proletariat kann gegen die antisemitische Seuche nur durch schärfste Bekämpfung des Antisemitismus in allen seinen Formen immunisiert werden. Auch die geringfügigste Konzession an den Antisemitismus verstärkt nur die Empfänglichkeit des Arbeiters für die antisemitische Phrase, die ihn' von der Partei, weglockt: denn es Ist naheliegend, daß er sich sagt, wenn schon antisemitisch, dann eben ganz! Darum ist unser Kampf gegen die antisemitischen Entgleisungen unserer Presse nicht nur Gebot unserer Menschenwürde sondern auch parteigenössische Pflicht. Jüdische Wahlen in Berlin. Wir nehmen das Ergebnis der Wahlen vorweg; es wurden gewählt: 24 Liberale, 14 Volkspar teil er, Relig, Mittelpartei 1 Mandat, Poale-Zion 1 Mandat, Ueberparteiliche Gruppe 1 Mandat. Die folgende Darstellung bietet einen guten Einblick in die Verhältnisse der Berliner jüdischen Gemeinde und wird unseren Lesern willkommen sein. Die Redaktion. Am 30. November wurde die Berliner jüdische Gemeindeverwaltung neu gewählt. Gleichzeitig fand auch die Neuwahl des preußischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden statt Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich aber auf die Wahlen in Berlin, denn auch der Wahlkampf innerhalb des Landesverbandes wurde nur in Berlin geführt; in allem übrigen 11 Wahlkreisen wurden Kompromisse zwischen den Parteien abgeschlossen, indem man einheitliche Listen im allgemeinen auf Grund! der Wahlergebnisse vom Jahre 1924 aufgestellt hat. Die Wahlen haben überlokale Bedeutung. In Berlin mit seiner jüdischen Bevölkerung von fast 200.000 Seelen lebt fast ein Drittel der deutschen Juden. Das Jahreshauptbudget der jüdischen Gemeinde beträgt 600.000 Pfund, fast so viel' wie das Jahresbudget der Jewish Agency, Davon widmet die .Gemeinde sozialpolitischen Zwecken 180.000 Pfund, religiösen Zwecken 175,000 Pfund, Bildungszwecken 75.000 Pfund. Diese Ziffern zeigen, daß wir hier eine mächtige Organisation des jüdischen Lebens vor uns haben. Dazu kommt noch, daß in Berlin alle Juden, Männer und Frauen, deutsche Staatsbürger und Ausländer, Steuerzahler und solche, die es nicht sind, das Wahlrecht haben, wenn sie das 21. Lebensjahr erreicht haben: 130.000 Wahlberechtigte zählt die jüdische Gemeinde in Berlin! Die Berliner jüdische Gemeinde ist durch Jahrzehnte von einer assimilatorisch-liberalen Mehrheit verwaltet worden. Im Jahre 1926 haben die Liberalen diese Mehrheit verloren: Von 21 Gemeindevorstehern wurden gewählt 10 Liberale, 7 Volksparteiler (allgemeine Zionisten), 2 von der Mittelpartei1, 1 Konservativer und 1 Poale-Zionist (Dr. Oskar Cohn). Infolge der scharfen Gegnerschaft der übrigen Parteien gegen die Assimilanten begannen sich die Liberalen als Minderheit zu fühlen und die Herrschaft in der Gemeinde ging auf die Volksp;artei über. Um sich1 einerseits die Mitarbeit der konservativen Kräfte zu sichern, andererseits um sich' weltlich-kultureller Arbeit den Weg freizumachen, hat auch die Volkspartei für Kulturangelegenheiten große Ausgaben gemacht. Eine — natürlich das g^nze Jahr leer stehende — reformierte Synagoge wurde um 2 Millionen Mark gebaut, und um das Gleichgewicht zu halten, wird nun einer konservativer Tempel um eine dreiviertel Million gebaut. Trotz alledem muß aber ein Fortschritt im Vergleich zur liberalen; Verwaltung festgestellt werden. Seit Monaten bereiteten die Parteien den Wahlk'ampf vor: die Liberalen' wollten das eine Mandat und somit die Mehrheit wieder erobern, die Volkspartei wollte ihre Stellung verstärken. In allen anderen Städten hat man von Wahlkämpfen in Anbetracht der ungeheuren antisemitischen Welle abgesehen, in Berlin sind die Verhandlungen gescheitert. Beide Parteien hielten in Berlin ihre Konjunktur für günstig. Die Zahl der zw wählenden Mandatare betrug nun 41. Die Liberalen führen ihre Niederlage von 1926 auf die geringe Wahlbeteiligung zurück: von 120.000 Wahlberechtigtem sind bloß 50.000 zur Urne gegangen. Und sie haben nicht Unrecht: denn die aktiveren Elemente gehören der Richtung der Volkspartei an, die passiven dürften eher „liberal-assimilatorisch" eingestellt sein. Die Liberalen hofften durch starke Agitation ihre indifferenten Anhänger zur Urne zu bringen; auch1 bauten sie auf die schwierige politische Lage des Zionismus. Auch die Volkspartei hatte ihre Chancen: Sie hatte die Gemeindeverwaltung in der Hand, was im Wahlkampf nicht ohne ist. Unter den Liberalen gab es Konflikte; es gab drei liberale Listen, die offizielle, die Liste der liberalen „Ueberpartei" und die der liberalen Jugend und Keren-Hajessodzahler. Auf die Unterstützung der letzteren hoffte die Volkspartei, die sich ihrerseits gerade auch von den, letzten Ereignissen' im Zionismus gewisse Vorteile versprochen hat. Außer den genannten drei liberalen! Listen, der Liste der Volkspartei und der Poale-Zion, gab es folgende Gruppen: die 'Partei der Moschkos, genannt „nationaldeutsche Juden", die Mittelpartei (Kandidaten: Prof. Georg Bernhardt, Prof. Sobernheim), die Konservative Gruppe (Spitzenkandidat Dr. Nathan Birnbaum) und die demokratische Volkspartei, die eine Schöpfung der Liberalen ist, die den Zionismushaß gewisser bundistischen, sich um den „Ort" scharenden Kreise für sich1 ausnützen wollten. M. N. Jüdische Erziehung und Sprache in Amerika. Kürzlich fand in Newyork eine jüdische Erziehungsberatung statt. Dem Bericht des Direktors der jüdischen Erziehungsgesellschaft S. Chipkin entnehmen wir folgende Daten und Tatsachen: Die Zahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren in Newyork beträgt 375.000. Sie gehen in die öffentlichen Schulen. Da in Newyork das religiöse Bekenntnis und die Abstammung der Schulkinder nicht registriert wird, hat man jene Zahl derart ermittelt, daß man die am Jörn Kipur fehlenden Schüler gezählt hat — eine offenbar nicht sehr genaue Methode. Man nimmt aber an, daßi die Zahl dreihundertsiebzig stimmen durfte, da sie mit dem Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung übereinstimmt: ein Drittel der Bevölkerung Newyork sind Juden und die ermittelte Zahl der jüdischen Schulkinder stellt 38 Prozent der gesamten Schülerzahl, also etwas mehr als ein Drittel. Von den 375.000 jüdischem Schulkindern genießen bloß 72.000,. d. s. 19 Prozent eine jüdische Erziehung. Sie besuchen die öffentlichen Schulen und jüdische Lehranstalten gleichzeitig. Von den 72.000 jüdischen Kindern besuchen 47.000 Talmud-Torah1schulen — die sich aber nicht mit solchen in Europa ganz decken. 15.000 gehen: in Sonntagschulen. In jene jüdische Schulen, in welchen allgemeiner und jüdischer Unterricht erteilt wird — für jede religiöse Gruppe ist die Errichtung einer gewissen Zahl solcher Schulen erlaubt — gehen; 4500 Schüler. Die verschiedenen jiddischistischen Schulen (die Schulen des Arbeiterringes und nationalen Arbeiterverbands, die Schälom-AIejch'em-Sch'ulen, die unparteiischen, halb oder ganz kommunistischen Schulen) werden von 5600 Schülern besucht. Die Schulen des Arbeiterrings, der nicht zum jiddischistischen Lager gehört, zählen 1800 bis 2000 Schulkinder. Wenn aus diesen Ziffern hervorgeht — 80 Prozent der jüdischen Kinder genießen keine jüdische Erziehung —, daß) das Bestreben der jüdischen Eltern, ihren Kindern jüdische Bildung zu geben, nicht sehr intensiv ist, steht andererseits fest, daß sie in besonders hohem Maße für deren allgemeine Bildung Sorge tragen: 59 Prozent aller Schüler der höheren Schulen Newyorks sind Juden. Es wurde auch' über die Verbreitung der jiddischen Sprache berichtet. Dieser Bericht war ziemlich trostlos: „jetzt ist", sagte der Berichterstatter, „das jüdische Heim ohne die jüdische Sprache kein Kuriosum mehr. Ueberall ist Englisch die Sprache des jungen Geschlechtes geworden". Jiddisch hat aufgehört die Muttersprache zu sein: man lernt sie besten Falls wie eine Fremdsprache. Vielfach wird innerhalb 'der jüdischen Familien ein scharfer Sprachenkampf geführt, die Jugend für Englisch, das Alten für Jiddisch. * Interessant in diesem Zusammenhang! ist eine Broschüre, die Chaim Grünberg kürzlich unter dem' Titel „Kulturprobleme des amerikanischen Juden" veröffentlicht hat. Er stellt fest, daß Englisch die jüdische Volkssprache ist, und das Jüdische beginnt ein „Luschen kojdesch" Nr. 2 zu werden. Chaim Grünberg polemisiert mit jenen Jiddischisten, die über jene Propheten spotten, die vor dreißig Jahre'n den Tod der jüdischen Sprache vorausgesagt haben: nach Grünberg haben jene Propheten' Recht behalten, denn die Generation, die in diesen 30 Jahren aufgewachsen ist, spricht nicht mehr jiddisch! Diesen Assimilationsprozeß führt Grünberg auf den ökonomischen Aufstieg 4er jüdischen Massen zurück'. .* Mit dem Problem der Zukunft der jiddischen Sprache in Amerika befaßit sich auch Buxbaum in einem in den Warschauer Literarischen Blättern veröffentlichten Jnterview: „Jiddisch lebt irt Amerika; nur ist es ein schweres Leben. Und schwer ist das Leben unserer Sprache deshalb, weil die Immigration ,der osteuropäischen Juden aufgehört hat." Der Kampf, den die Freunde der Jiddischen Sprache in Amerika führen, ist um so tragischer als sie sich dessen bewußt sind, daß der Bestand der jiddischen Sprache auch im Osten nicht gesichert ist. Wie wehmütig sind die Berichte des Führers der amerikanischen Jiddischisten, Chaim Shitlowsky, verfaßt, die er aus Polen nach Amerika schrieb: er hat in Polen gesehen, wie eine kulturnationale Position nach der anderen verloren geht, wie die Assimilation immer größere Fortschritte macht; und Shitlovsky sieht nur einen Weg zur Rettung, den Uebergang der Juden von der Stadt zum Land! Ist es angesichts dieser Ausführungen des Führers ein Wunder, daß die amerikanischen Kämpfer für die jüdische Kultur immer mehr das Gefühl haben, an einer verlorenen Front zu stehen? Fritz Fraenkel: Jüdisch-arabische Verständigung. Als Moses hieß sein Rom und Jerusalem, die letzte Nationalitätenfrage, schrieb, und mit tiefem Instinkt die jüdische Nationalitätenfrage und den jüdischen Freiheitskampf in die Kette der Nationalitäten kämpfe einordnete, deren erste siegreiche Schlachten um Griechenland und Italien und deren erste Niederlage um Polen geschlagen wurden, da konnte er noch nicht ahnen, wie unerhört eng verstrickt die jüdische Freiheitsbewegung mit der Freiheitsbewegung der anderen Völker einmal sein werde. Es ist kein Zufall, daß die Balfourdeklaration um die Zeit entstand, daa die alte Welt erschüttert wurde, die großen Despotenreiche Rußland und Oesterreich', Deutschland und die Türkei mit ihrem feudalen Imperialismus zusammenstürzten, und jene schrecklichen, und doch zukunftsträchtigen „Chewle-Maschiach" einsetzten, die, so sehr sie vielfach zu trügen scheinen; der Menschheit doch für eine kurze Zeit die Vision der „Weltrevolution", des „Aufstandes der Nationen" gaben. Ob die sozialen und staatspolitischen Erschütterungen wie in der Tschechoslowakei vom Bürgertum, oder wie in Rußland vom Bauern- und Industrieproletariat getragen würden, überall leuchtet wie ein Fanal der Gedanke der Freiheit der Völker. Der Zionismus ist ein Teil dieser Freiheitsbewegung; auch in einer Zeit, in der Teile des jüdischen Kleinbürgertums den sozialreaktionären Revisionisten und ihren verkappten klerikalen Gefolgsleuten vom Schlage des Rabbi Berlin zujubeln, sollte dieser Ursprung, der dem Zionismus seinen revolutionären' Elan, seinen sozialen Ethos, gegeben hat, nicht vergessen werden. Es sollte auch nicht vergessen werden,. daßi diejenigen Gruppierungen im Zionismus, die diesen nati'onalrevolutionären Gedanken am tiefstem und leidenschaftlichsten erfaßt hatten, eine wahrhafte breite Volksbewegung ins Leben gerufen haben, die Gläubigsten, Besten der zionistischen Bewegung folgten den Fahnen des Hapoel fiazair und der Poale-Zion. Die soziale und nationale Revolution, befindet sich gegenwärtig im Stadium des Wellentales. Wo wir hinschauen, ist die Gegenrevolution auf dem Marsche. Ob in Italien durch Mussolini, in Deutsch^ land durch1 Hitler, in Oesterreich' durch Vaugoin und Starhemberg, überall wird die Menschheit geschlagen; auch das neue englische Weißibuch' ist ein Glied in dieser Kette. Wir sollten die Dinge immer in ihrem geschichtlichen Zusammenhange begreifen; dann verstehen wir auch die Unvereinbarkeit der revisionistischen Idee mit der nationalrevo1 utionären Freiheitsidee des Zionismus. Es liegt eine tiefe Tragik darin, daß diejenigen Prager, Berliner, Jerusalemer zionistischen Kreise, die auch! nicht für einen Augenblick in einer Zeit der Zurückdrängung aller fortschrittlichen Kräfte in; der Welt diesen Ursprung der zionistischen Bewegung vergessen haben, heute verfemt und ausgekastet ihren ihren Einfluß auf die Gestaltung der zionistischen Politik zu verlieren drohen, wenn sie ihm jemals besessen haben. Der Zionismus konnte auf die jüdische Jugend jenen gewaltigen umwälzenden Eindruck machen, weil er ein neues Charakterideal des neuen jüdischen1 Menschen aufstellte. Dem Mauschel, der im Unglück ein erbärmlicher Bettler, im Glück ein ebenso erbärmlicher Protz ist, stellte Herzl den neuen freien jüdischen Menschentyp gegenüber. Dä$ war der erlösende Ruf der nationalpersönlichen Autoemanzipation, "in diesen Bahnen sollten auch die politischen Geschäfte des jüdischen Volkes geführt werden. Noch' lebt nicht überall die Erkenntnis, daß der Revisionist m u s die andere Seite des Mauschels ist, jenes Mauscheis, der, wenn er sich stark fühlt, gegen eine erwachende Nationalbewegung mit den zynischfrechen Argumenten europäischer Herren-Ueb'erheblichkeit und öder un d ungerechter Anti-Native-Gesinnung oneriert. A b e r e s i s t s c h o n so, n e b e n d e m C. V.- Mauschel, der vor dem Tritt des Preußen kuscht, steht der Brith'-Trumpeldor- Mauschäl, d«r telb'er treten will.

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