Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 22 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2. Der jüdische Arbeiter Das aufrechte Judentum (es bleibt ein historischer Witz, daß das „Neue Wiener Journal" sich1 nicht scheut, diesen Ausdruck zu ziieren, während es wocW vor der Heimwehr auf den Knien) Hegt), das wirklich* aufrechte Judentum also, ist mit derlei politn sehen Ghettogewohnheiten: längst fertig geworden; Es sucht fceinen Beschützer mehr, am wenigsten! einen so kompromittierenden Beschützer, wie das „Neue Wiener Journal". Es sieht' auch1 nicht in' der Sozialdemokratie eine Judensch utztruppe, wie es die jüdische Liste, diese kleine Partei mit der großen; Arbeiterfeindschaft, irrtümlich behauptete. Es marschiert nur einfach' dort mit, wo schon seit Anbeginn seiner Geschichte sein Herz und sein1 Intellekt mitmarschiert sind: in den Reihern der Kämpfer gegen' Unterdrückung und Gewalt, der Kämpfer für Freiheit und Recht Klara Blum. Men'del Singer. Zwischen Revisionismus und Brith Schalom. 1. Gibt es eine Krise des Zionismus? In kien dem Zionismus fein'dlichen Kreisen, rechte und links, wird seit Jahren» (Rückschlag der vierlent Alijah, der Jahre 1924/25) von' einer Krise des Zionismus gesprochen. Die blutigen Ereignisse des August 1929 haben die Behauptungen' von,' der Krise des» Zionismus derart verdichtet, daß sie auch in zionistische Kreise Eingang gefunden1 haben. Die Behauptung, daß sich der Zionismus in' einer Krise befinde, entbehrt in Wirklichkeit jeder ernsten» Begründung. Unter der Krise einer Idee oder einer Bewegung versteht man die Erschütterung wichtiger Voraus* Setzungen, wesentlicher Grundpfeiler der Idee oder, ihrer Umsetzung in die Tat. Von alldem kanin1 in der, zionistischen Idee und Bewegung keine Rede sein. Die zionistische Idee: die Regenerierung des jüdischen! Volkes kann auf große Erfolge im letzten Jahrzehnt hinweisen. In den Ländern jüdischer Massensiedlung) ist der bewußte Wille zur Erhaltung und Entfaltung des jüdischen Volkes Gemeingut der, jüdischen Massen' geworden. Die religiösen, wie die weltlichen1 und sozialistischen Teile des jüdischen Volkes nehmen an1 dem Kampfe um die Vollberechtigung der Juden/ als Volk teil. Um den' Zionismus und den Palästinaaufbau sammeln sich' unaufhörlich' neue Schien 'en und! Gruppierungen1 des jüdischen' Volkes. In1 Palästina selbst 'können wir im letzten' Jahrzehnt nicht nun ein stetes zahlenmäßiges Wachsen1 der jüdischen Bevölkerung und ihrer Siedlungspunkte, sondern eine fortschreitende Konsolidierung des gesamten Aufbauwerkes konstatieren. Die Erstarkung des nationalen Willens 'und/ Kampfes der Juden in Osteuropa und der herrliche! Fortschritt des Aufbauwerkes in Palästina haben auehl natürlich1 ihre günstige Rückwirkung auf die Judenj in den anderen Teilen der Welt nicht verfehlt. Ueberau ist das Interesse für Zionismus und Palästina waefo geworden. Die jüdischen Gemeinden in fast allen! Ländern der Welt nehmen in irgendeiner Form an) der jüdischen Renaissancebewegung und am Palästmaaufbau teil. JWie reimt sich' nun 'die Behauptung von der Krise des Zionismus . mit seinem ununterbrochenen;' Fortschritte auf allen Gebieten des jüdischen Lebens,, in allen Ländern, wo Juden fn größerer Zahl leben? Freunde und Gegner verwechseln' normale! Wae h'stumsersch'ei nun gern einer Bewegung! mit einer Krise, die nur als Folge einer Erschütterung] der wesentlichen Voraussetzungen, der wichtigsten1 Grundsätze oder 'der Verwirklichungsmö'glichkeiten; einer Idee, einer großen Bewegung! denkbar ist. Die Tatsache, daß das Interesse für den Zionismus, für den Palästinaaufbau dem Krefs der zionistischen Weltorganisation überstiegen' hat, ist eine Wächstumserseh'einung, wenn sie auch' zui dem sehr unerquicklichen Kampfe um die Erweiterung der Jewish Agency geführt hat. Die Fortschritte in Palästina führten1 naturnotwendig zur Entstehung eines zahlenmäßig, wirtschaftlich und politisch' mächtigen Arbeiterschaft in Palästina. Die! Mehrheit der zionistischen Weltbewegung, die eine Abspiegelung 'des jüdischen Volkes darstellt, besteht nicht aus Arbeitern, sie stellt also den) sozialistischen] Bestrebungen 'der jüdischen Arbeiterschaft im Lande feindselig oder zumindest fremd gegenüber. Man mag darin eine Tragik erblicken, daß das jüdische' Bürgertum sich selbst als Klasse das Grab' schaufeln muß-, da der Zionismus in Palästina1 nur dann verwirklicht werden kann, wenn das Volk der Händler und Makler dort in ein Volk der, produktiven' Arbeit umgewandelt werden wird, aber das ist eine Wachstumserscheinung des Zionismus. Das zionistische Bürgertum wird schließlich' erkennen müssen, daß) dieser Umwandlungsprozeß 'des jüdischen Volkes historisch bedingt ist und sich mit ihm abfinden. Bis1 dahin aber werden diese inneren! Widersprüche, die eine Folge des Umwandlungsprozesses sin'd, uns viel zu schaffen geben. Die Erfüllung der zionistischen! Massen mit dem wahren Wesen1 des Zionismus kann 'die Ueberwindung dieses inneren Widerspruches gewiß beschleunigen. ■ Das jüdische Palästina ist heutzutage ein ernster Machtfaktor in Palästina geworden. Es ist also nur begreiflich', 'daß sich die Man'datarmach't und alle atfderen Staaten, die im Völkerbund mitwirken; für die Entwicklung Palästinas interessieren1. Es ist gewißi bedauerlich, aber nicht so sonderbar, daß für ihre Stellungnahme zum Palästinaproblem andere als die jüdischen Gesichtspunkte maßgebend sin'd. Zweck und Aufgabe unserer Aufklärungstätigkeit muß es sein, nachzuweisen, daß sich1 unsere Bestrebungen im Einklänge mit allen progressiven und demokratischen Tendenzen der Entwicklung der Welt befinden. Diese Aufgabe ist gewiß schwierig, aber diese Schwierigkeiten können doch nicht als Krise bezeichnet werden. Die fortschreitende Entwicklung Palästinas, die natürlich auch das Erwachen der Araber günstig beeinflußt, hat die Notwendigkeit einer gründlichen Klärung de Vesrhältnisses zwischen Juden und Arabern in Palästina in den Vordergrund gerückt. Das sind wohl zum Teile neue, zum Teile alte Probleme, die an Aktualität viel gewonnen haben, aber das sind keine krisenhaften, sondern normale Erscheinungen, die auf der Linie der Entwicklung der zionistischen Idee, ihrer Umsetzung in! die Tat in Palästina liegen. Sie sind aber nicht Symptome des Rückschlages, des Versagens unserer Palästt'nabestreb'ungen« In der Behandlung und in den Versuchen einer Lösung dieser wohl normalen, aber schwierigen Probleme des Zionismus haben sich' zwei klare Richtungen: der „Revisionismus" und der „Brith Schalom" herauskristallisiert. Der Auseinandersetzung mit diesem beiden Richtungen sollen die folgenden Aufsätze gewidmet werden. Zur Generalversammlung. Am 18. Oktober fand die Generalversammlung} unserer Organisation statt und es ist daher notwendig,, uns selbst über unsere Arbeit! im vergangenen Arbeitsjahre Rechenschaft zu geben. Gewiß, gemessen! art dem „Soll", das den Motor unserer Arbeit darstellt,, wird die Generalversammlung nach Anhörung des Rechenschaftsberichtes wohl zum Ergebnis kommen', [daß die Organisation nicht alles das geleistet hat, was zu leisten ihre Aufgabe gewesen wäre: betrachten! wir aber die Zahl der aktiven Genossen1, die schwerem Bedingungen, unter welchen (gerade wir Wiener Poale-Zionisten zu arbeiten haben, den sch'weren Lebenskampf, den heute jeder in1 Oesterreich' führen) muß und der die Freizeit jedes einzelnen1 aufs Mini-; mum einschränkt, idanni werden wir wohl sagen müssen, daß die Bilanz, die wir heute ziehen können, keineswegs als passiv bezeichnet werden! kann. Wenn wir nun auf das. vergangene Jahr zurückblicken, so ist gerade angesichts des vergangenen) Wahlkampfes ein Erfolg unserer jahrelangen: Aufklärungsarbeit innerhalb des jüdischen Wiens festzustellen: daß der Gedanke der Neutralisierung der allgemein-zionistischen Organisation der LandespolitiW gegenüber siegreich geblieben ist. Die Niederlage,, di dsich Herr Robert Stricker bei der letzten1 Wahl zum zionistischen Landesparteitag geholt hat, war . die Niederlage des Standpunktes, der den Zionismus in! Oesterreich1 mit einer bürgerlichen jüdisch'nationalen] Landespolitik auf Gedeih und Verderb verknüpfen] wollte, nnd der bekannte Beschluß des zionistischen} Parteirats hat diese Niederlage zu einer endgültigeni gemacht. Mit Genugtuung stellen1 wir heute die indirekte Wirkung unserer Aufklärungsarbeit in derj Tatsache fest, daß der jüdische, noch im Kleinbürgertum wurzelnde Angestellte bei diesen Wahlen nicht vor der Frage zionistisch' oder sozialdemokratisch' zu wählen, gestanden ist! Es soll nicht unvermerkt bleiben, daß wir in dieser Aufklärungsarbeit, im diesem' Kampfe um die Entpolitisierung des „allgemeinen! (Zionismus" innerhalb des Landeskomitees selbst in! der Hitach'dut einen Bundesgenossen gefunden) h'abeni: diese Stellungnahme der Hitach'duth1 wird sicher jene Kooperation beider zionistisch-sozialistischen Organisationen Wiens erleichtern, die angebahnt zu haben1 ein Verdienst der abtretenden Leitung ist, die zum gedeihlichen Ende zu führen Aufgabe der neu zu wählenden Leitung sein wird. / (War somit die Aufklärungsarbeit, die wir als! Sozialdemokraten innerhalb des Wiener Zionismus geleistet haben, von unzweifelhaftem Erfolg, so waren! wir auch' bemüht, innerhalb des Wiener Sozialismus! Verständnis für unsere Bewegung, für den Zionis-i mus, zu verbreiten. Die Methoden' dieser Arbeitj waren verschiedene. Aus mehreren 'Anlässen* haben! Genossen unserer Organisation Artikel in sozialisth sehen Zeitungen und Zeitschriften' (Arbeiter-Zeitung, Abend, Kampf, Arbeit und Wirtschaft) über unsere Bewegung, ihr Wesen und ihre Ziele berichtet; vor allem ist in diesem Zusammenhangt das von unseren Organisation herausgegebene Buch' über die blutigen) Ereignisse in Palästina hervorzuheben!, dessen Vertrieb allerdings manches zu wünschen übrig läßt. Es muß die Aufgabe der Organisation im kommendem Jahre sein, für die Verbreitung dieses überaus wichtigen Buches zu sorgen, wozu sie die Hilfe der Bruderorganisationen im tieutsch'sprechehden Auslande beanspruchen darf. Neben dieser publizistif sehen Methode haben Genossen, die Gelegenheit] hatten, in Parteikreisen zu referieren' oder an Diskussionen teilzunehmen, zum Zwecke der Aufklärung} unsere "Probleme zumindest als verifizierende Beispiele heranzuziehen sich1 bemüht Als Symptom des wachsenden Verständnisses für unsere Bewegung mußt die Tatsache gewertet werden, daß der Aufruf zum Berliner Kongreß von J. Braunth'al mitunterzeichneü war. Wenn wir uns nun der Arbeit nach' innen zuwenden, so muß vor allem jenes Ereignisses innerhalb unseres Organisationslebens gedacht werden1, das alle anderen überschattet: der Alija unserer Genossen.« Der Wirksamkeit unserer Organisation foi es gelungen, einen Zustand herbeizuführen, der dadurch charakterisiert ist, daß die Mehrheit aller aus Wien emigrierenden Chaluzim Parteigenossen sind; übrigens gilt dies auch für die auf Hachschärah befindlichen/ Chaluzim. Die Alijah hat selbstverständlich' an uncere Organisation nicht unwesentliche materielle Anforderungen gestellt, und es ist der Opferwi.ligkeit unserer Genossen zu danken, daß sie ihnen voll und ganzi entsprechen konnte. Die Paläs'inaarbeit hat in 'dieserrf Jahre durchaus befriedigen können: während den außerordentlichen Aktion für den! Keren Kajemet hat unsere Organisation einen relativ hohen Betrag aufbringen können, die Arbeit im P. A. F. lastete fast ausschließlich auf unserer Organisation und auch' die Zahl der regelmäßigen Zahler für den Keren Hajessocfl konnte erhöht werden. Wer es weiß, welche finanzielle Opfer die leistungsfähigen Genossen für unsere Organisation bringen, wird ihren Opferwillen für. die Fonds hoch einschätzen müssen! In diesem Zusammenhang ist auch die gelungene Aktion für den Berliner Kongreß zu erwähnen, die uns ein Mandat eingebracht hat. Die Bildungsarbeit bestand im Veranstaltung von Vorträgen, zu welchen audh außerhalb der Organisation stehende Männer (wie Dr. Goldhammer) herangezogen wurden, und in Vermittlung) erlesener jüdischer Kunst durch Veranstaltung eines Theaterabends) mit den Wilnaern. Die Bibliothek' leidet an1 einen geringen Leserzahl — es wird ja jetzt überhaupt weniger gelesen. Von politischen Aktionen ist insbesondere die Debatte über das Problem des Vollzugs der Todesstrafen im Lande hervorzuheben, die., teilweise stürmisch verlief und schließlich1 mit einem Ergebnis, das den Standpunkt unseres Blattes akzeptierte, beendigt wurde. Anläßlich der Wahlert hat unsere Organisation Dutzende von Versammlungen in allen} (Bezirken Wiens veranstaltet und am Wahlaufmarsch1 im 2. Bezirk teilgenommen. Unser Organ hat zwei Nummern dem Wahlkampf gewidmet. Durch' die Alijah ist in einem Teil unserer Jugendbewegung, in der J. S. A. J., eine Krise ausgebrochen, deren Herr zu werden die Aufgabe der kommenden] Leitung sein muß. Insbesondere muß die Frage des1 Uebergangs der Genossen von der Jugend organiisa-4 tion zur Organisation der Erwachsenen endlich gelö'st werden, sollen für unsere Sache nicht wertvolle Kräfte verloren gehen. Als Aktivum der vergangenen Arbeitsperiode1 muß auch das regelmäßige zweiwöchige Erscheinen unseres Blattes bezeichnet werden. Die politische Haltung des jüdischen Arbeiters war durch die Grundprinzipien des Poale-Zionismus bestimmt: in Zeiten schwerer Kämpfe haben wir die Parolen der Partei an unsere Leser weitergegeben, wir haben einen schärfen Kampf gegen, die Reaktion; im Zionismus geführt* wir haben uns aber auch1, .wenn es notwendig war, nicht gescheut,, unseren parteigenössischen Freunden) die Wahrheit zu sagen. Was die zionistischen Probleme anbelangt, so haben wir das' Verständigungsproblem ins Zentrum stellen zu müssen geglaubt und haben uns bemüht, in dieser Frage jeden Standpunkt, der mit den Prinzipien Ües internationalen Sozialismus! vereinbar ist, zu Worte kommeni zu lassen. Im übrigen] wardie Redaktion darauf bedacht, alle Bereiche des jüdischen Lebens des Gagut und Palästinas in unserem1 Blatte zum Ausdruck zu bringen, und sie gibt sich' der Hoffnung hin, daß sich' die Partei des Niveaus; ihres Blattes nicht schämen mußte. Alles in allem ,'darf wohl gesagt werden1, daß) unsere Organisation einen relativ hohen Grad an Aktivität entwickelt hat und den Vergleich' mit keinen Organisation des Weltverbandes zu scheuen1 hät. Die Wahrheit über Biro Bidschan. Von Prof. M. C r o 1 e. (Zukunft, Mai 1930.) Um eine Vorstellung darüber zu gewinnen, was die jüdische Kolonisation in Biro-Bidsch'an geleistet hat, welches die Bedingungen dieser Kolonisationi sind, ■ darf, man sich nicht an' die Berichte der verschiedenen Delegationen halten; man muß vielmehr die sozialistischen Quellen selbst benützen. Die zwei Jahre Arbeit in Biro-Bidsch'an haben viel zur Richtigstellung der Nachrichten beigetragen, die die bekannte Expedition des Prof. Bröks verbreitet hat. Den Leitern der Kolonisation ist inzwischen eine Reihe? von Tatsachen bekannt geworden', die früher vollständig unbekannt waren; im folgenden lassen! wirr nur diese Sachkundige sprechen'. Die wichtigste Frage ist, ob' die geographischen! und klimatischen Verhältnisse in Biro-Bidsch'an wirklich für eine jüdische Kolonisation so überaus gü'nstig sind, wie es Prof. Bröks, Williams und An'de (z. B. die Delegation des Ikor) berichtet haben. Ueber diese Frage gibt es noch jetzt einen Streit zwischen' den! Anhängern und Gegnern der Kolonisation. Der jüdische Kommunist Larin hat in der Zeitschrift „An der agrarischen Front" (Nr. 3, 1929) die Behauptung aufgestellt, daß die klimatischen Verhältnisse in Biro-