Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 22 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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V. b. b. *Qxei*ä«0bittiot)i«k 99 JUDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poate Zion Österreich Erscheint jeden zweiten Freitag [g % Miktion und Administration: Wien; II., Blumauergasse 1/111 - Postscheckkont<r^^8T042 Bezugspreis: ganzjährig S 480, halbjährig S 2.50 Ejn2e,ne Nummer 20 Groschen Nr. 2k. Wien, 21. November 1930. 7. Jahrgang. Zeitnotizen. Nach den Wahlen. Trotz aller wütenden Angriffe der Antimarxistenj aller Farben, die in der Wahl der Waffen! wahrlich skrupellos waren wie noch' nie, ist die Oesterreichischö Sozialdemokratie aus diesem schärfsten aller Wah'lkämpfe siegreich' hervorgegangen: sie ist dank ihres Mändatgewinnes und dank der vernichtenden Niederlage der Christlichsozialen zur stärksten, Partei des Parlaments aufgestiegen. Und dennoch1 gilt es heute nicht ganz in der Freude über unseren Erfolg aufzugehen, es ist unsere .Aufgabe uns klar, un'd nüchtern' über die durch die Wahl geschaffene Situation Rechenschaft zu geben. Und da ist vor allem eines festzustellen: noch' niemals!häben wir die Grenzen der Demokratie so stark empfunden wie in diesen' Tagen! Was gilt der Sieg im Wahlkampf mit dem Stimmzettel, wenn 'uns ein Gegner gegenübersteht, der seine Sache keineswegs nur auf die Demokratie gestellt h'at, der die selbstverständlichsten politischen Folgerungen' aus unserem Erfolg zum Gegenstand — der Diskussion/ macht? Wahrlich, wenn wir je in Gefahr waren, der Ueb'erschätzung des Parlamentarismus zu verfallen^ die Lektion, die uns HerrVaugoin heute erteilt, werden wir nicht vergessen. Und diese Lehre lautet: nicht auf die erlangte Mandatzahl allein kommt es an, wir müssen in diesen Tagen, da der Sieg der Demokratie! durch die Rückkehr des Putschisten Pab'st gekrönt! wird, unsere Aufmerksamkeit auf Wesentlicheres richten: auf die innere reale; Stärke unserer Partei. Und 'da hat der Wahlkampf folgende wichtige! Tatsache gezeitigt: während wir in Wien Tausende von; Stimmen gewonnen haben, muß in der Provinz ein nicht [unwesentlicher Stimmenverlust festgestellt werden. Neben den bekannten Ursachen wie Arbeitslosigkeit,! {Abwanderung muß: dieser Stimmenverlust auch1 in1 A'Iängeln unserer Arbeit begründet sein: es muß: verlangt werden, daßi die berufenen1 Instanzen unserer, Partei sich einmal gründlich mit dem Problem der gleichmäßigen quantitativen und qualitativen Organisations- und Bildungsarb'eit in allen Siedlungsteileni der Republik befassen! Daß in diesen Tagen, da esi in Oesterreich1 unter Bürgern Mode geworden: ist, der Verfassung so laut und deutlich' als nur möglich' seine Verachtung auszudrücken, die Wahrhaftigkeit des: Proletariats nicht geschwächt, sondern verstärkt werden! muß, braucht nicht betont zu werden: nlur sie gepaart mit der Verwurzelung der Parte? im Herzen aller ihrer. Mitglieder und Anhänger bildet die wahre Garantie1 dafür, daß unser Wahlsieg ein wirklicher Sieg der sozialen Demokratie über den Faschismus sein wird! Die Gefahr des Antisemitismus. Neben der Verschiedenheit des Wahlausgangs in! Provinz und Hauptstadt ist das starke Anwachsen der radikal-antisemitischen Stimmen als besonders beachtenswert hervorzuheben! Die 100.000 Stimmen der Hitlerianer sollen für uns alle ein Signal sein, Vorkehrungen zu treffen, um die Gefahr des Nationalsozialismus rechtzeitig zu bannen. AuCh' hier ist es! unsere parteigenössische Pflicht, die berufenen1 Parteiinstanzen aufzurufen, dem Problem des Nationalsozialismus die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken;,, und die Mittel zu sichern, mit welchen verhindert! werden kann, daß wesentliche Teile der österreichischen Arbeiter- und Angestelltenschaft durch1 die. antisemitische Phrase ins Lager .der Reaktion verführt werden. Uns scheint, daß dieses Ziel nur auf einem' Weg verwirklicht werden kann: es ist dies der Weg! der absoluten und offenen Bekämpfung des Antisemit tismus! Vor allem ist aber zu fordern, daß jene Methode des politischen Kampfes endgültig aufgegeben! wird, die dem antisemitisch-reaktionären' Gegner vorwerfen zu müssen glaubt — dies ist leider auch' im' Wahlkampf geschehen — daß er gar nicht antisemiv tisch oder nicht genügend antisemitisch1 ist: dieses! Argument hat nur die Wirkung, daß bei vielen Arbeitern die; Vorstellung entstehen' mußi, als sei Antisemitismus etwas durchaus nicht zu Verwerfendes, und es wird so im Proletariat die Disposition für das Hakenkreuzlertum erzeugt. Wir haben .in unserem Blatte immer .wieder Entgleisungen der Parteipresse) in dieser Richtung bekämpft, wir haben dies immer mit prinzipiellen Argumenten getan: das Wahlergebnis zeigt, daß jedes — auchl das leiseste — Kokettieren mit dem Antisemitismus auch parteipolitisch' eine Gefahr ist! * Die Juden und die Wahlen. Daß 'die Gefahr des!Antisemitismus! für uns Juden nicht im Wege einer besonderen jüdischen Mandats-, politik gebannt werden kann, das hat nun die Majorität]' des'Wiener Judentums erkannt: die; endgültige Niederlage der „jüdischen Liste", der sozialistische Stimmenzuwachs in den jüdischen Bezirken beweist, daß, die Wiener Judenschäft sich dessen bewußt geworden ist, daß sie nur im Rahmen der sozialdemokratischem Partei ihren Kampf ums Dasein führen kann. Die jüdische Ganzheitspolitik jst durch1 die Tatsache des Wahlergebnisses für immer als Utopie! gekennzeichnet, die These, daß eine jüdische Liste aussichtsvoll sei, weil es in Wien mehr als 100.000 jüdische Wähler gebe, ist durch die Tatsache der sozialen Differenzierung und Proletarisierun'g 'des Wiener Judentums ad absurdum geführt worden! Es wäre aber durchaus falsch1, zu glauben1, daß die Eingliederung des werktätigen Judentums in die Sozialdemokratie bedeute, daß eine Vertretung spezifisch jüdischer kultureller und wirtschaftlicher Interessen -nicht mehr möglich ist, daß sie die Verneinung der These von! der besonderen; Lage der jüdischen arbeitenden Bevölkerung bedeute. Wie wäre das auch' möglich1: unser tagtägliches Leben: bringt uns immer wieder — um nur vom Wirtschaftlichen zu sprechen — Beweiset für das rapide Wachsen1 des ökonomischen Antisemitismus und nur die Rücksicht auf den Lebenskampf unserer Genossen veranlaßt1 uns, nicht mit einer Liste jener Wiener Großfirmen vor die Oeffentlichk'eit zu treten, die die Aufnahme bestqualifizierter jüdischer Angestellten ablehnen. Die1 Lage des jüdischen Proletariates fordert eine spezifische Sozialpolitik und wir werden! auch1 auf die Öffentlich-rechtlichen Institutionen bei der Bewältigung ihrer Aufgaben nicht verzichten. Nicht unsere Aufgabe, die Methode h'at sich geändert: nicht im Gegensatz zur großen Partei des österreichischen Proletariats, als ein vollberechtigter Teil desselben, wollen und1 werden wir für unsere Ziele kämpfen! Doch' muß gesagt werden: Voraussetzung für den Erfolg dieses Kampfes ist die Entwicklung unserer jüdisch-sozialdemokratischen Bewegung, die Zusammenfassung aller jener, die jüdische) Gemeinschaftsarbeit nicht aus taktisChLparteipoli'tiscfreni Gründen, sondern aus dem Bewußtsein von ihrer inneren Notwendigkeit, aus der sachlichen Kenntnis der spezifischen Bedingungen des Lebens der jüdischen Massen dieser Stadt leisten: laßt uns eine Macht werden und das Ende der jüdischen: Liste wird der Anfang einer Epoche segensreichen jüdisch-sozialistischen1 Wirkens in unserer jüdischen Metropole sein! Die zionistische Lage. Es war die kulturhistorische Rechtfertigung des Zionismus, wenn zwei so grundverschiedene Geister1 wie der rationalistische Spencerschüler Achäd Haam und der vom deutschen Idealismus und vom Chassidis-, mus kommende Martin Buber den tiefsten: Sinn des Zionismus darin sahen, daß es dem jüdischen' Volke durch Freiwerdung seiner schöpferischen Kräfte möglich sein werde, die menschheitliche Kultur, um ein großes Stück vorwärts zu bringen. Der Glaube des Kulturzionismus scheint sich schon heute zu erfüllen!, denn schon in! unseren Tagen hat der Zionismus weit über den Bereich des Judentums' hinausreichende Folgen gezeitigt. Man denke da an die Schaffung und) völkerrechtliche Verankerung der Agency, durchweh che zum erstenmal in* das ausschließlich' auf das Machtgebilde Staat gerichtete internationale Recht die- Kulturgemeinschaft Volk eingeführt wurde! Heute —> so möchte man glauben und hoffen — ist' der Zionismus im Begriffe, eine Umwälzung in der politischen] Praxis herbeizuführen, Und den Lehrsatz der Weltgeschichte — vielleicht den einzigen — daß Macht von Recht gehe, ad absurdum zu führen. Das Weißbuch — das war die Frucht der Gewalt des von) den Effendjy aufgehetzten Mobs und der Macht einer ihrem Ursprung vergessenden Regierung, die ach1 so zögernde Rückzugsbewegung der Arbeiterregierung ist eim Zeichen dafür, daß auch' in diesem Nachkriegseuropa das Recht eines gewaltlosen Volkes, dessen; Mächtigil längst jede Verbindung mit ihm gelöst haben, nicht Spielball eines wortbrüchigen Ministers werden kann! Doch, Freunde, verlassen wir uns nicht darauf, daß! in unserem Falle Recht vor Macht gelten wird, un'd geben wir der zionistischen Organisation, deren Teil' wir sind, Macht: der näch'ste Kongreß, im ußj ein Kongreß von Millionen von Sch'ekel- Ziahlern werden. Beginnet tatkräftigst mit der, Schekelaktion! * Ecrasez l'infame! Nicht nur außenpolitische Bedeutung h'at diel kommende Schekelaktion, bedeutet sie doch! die! Ouvertüre zum Wah'lkampf zum Zionistenkongreß! Es gilt alle Kräfte anzuspannen', um auch diesmal1 für das arbeitende Palästina einen Sieg zu erkämpfen'. Auch in Wien macht sich die zionistische Reaktion! in ihrer faschistischen Form, dem Revisionismus, immer mehr breit. Die revisionistische Organisation] sucht die Jugend, an, sich' zu reißen: das Linkskartei 1 ab erschlaff! Erwachet, Freunde'! Kläret die jüdische Jugend über den arbeiterfeindlich'en! und natipnalverräterischen Charakter derrevisionistischen Organisation1 auf un'd traget dazu bei, daß diese! infame, auf die Zerstörung der jüdischen Arbeiterorganisation und der zionistischen Weltorganisationf hinzielende Partei aus dem jüdischen Leben baldigst vollständig verschwinde. —Izer— Wahlfinten für jüdische Wähler. Ein Rü ckb'lick. Bei den Versuchen,' die jüdischen Stimmen! nlacN rechts zu locken, kamen groteske Erscheinungen zustande. So erlebte man es, daß das „Neue Wiener, Journal", während es auf der einen Seite seine: gewohnten demütigen Verbeugungen vor der Faschfstenpartei und ihren prominenten Antisemiten machte,, auf der anderen Seite ernst und ohne jedes Bewußtsein der eigenen Lächerlichkeit von „aufrechtem Judentum" sprach und sich1 überhaupt förmlich' zionistisch! gebardete. Dieses begabte Faschistenblatt zeigte, ein starkes Interesse für das Schicksal des jüdischen Palästina, besonders stark, da es auf diese Art Gelegenheit fand, die englische Arbeiterpartei anzugreifen. Nur schade, daß auCh im jüdischen Palästina, welches! mit so liebevollem Antimarxismus verteidigt wird'„ eine Arbeiterpartei, die wichtigste Rolle spielt. Schade! um diesen angestrengten logischen; Sprung, um diesen! krampfhaft konstruierte Wahlschlager: „die englische Arbeiterpartei' h'at das jüdische Volk enttäuscht,, darum wählt in Oesterreich keinem Sozialdemokraten!" Das jüdische Volk hat nun einmal die Eigenschaft,, daß es auch' nach den schwersten Enttäuschungen; seinen jüdischen: Kopf nicht verliert. Daß seine Intelligenz auch weiter genügend scharf bleibt, um zwischen tagespolitisCheu Fehlern einer Arbeiterpartei und1 dem Geiste des Sozialismus die Hawdalah' zu machen. Nicht weniger komisch waren die Flugblätter,- die in der Spannung der letzten Wahl kämpf tage den jüdischen Wählern ins Haus flatterten. „Wählt Schober, wählt Euren einzigen Beschützer!" lautete ihr wohlwollender Rat. Der Appell an eine gewisse alte1 und! zum Glück schon ziemlich überwundene Ghetfcogewohnheit wurde hier hörbar, an die Gewohnheit .politischer Ueberzeugung und selbstbewußter Entscheidung ängstlich' aus dem Wege zu gehen' und1 sich1 blindlings an die einzelne mächtige oder mächtig! scheinende Persönlichkeit, an den Protektor und Gönner anzulehnen, gleichgültig, welcher Richtung er angehörte, gleichgültig sogar, ob er der offizielle , Verbündete antisemitischer Parteien war.