Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 21 (6.11.1930)
- Date
- 1930-11-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Der jüdische Arbeiter rechnen1. Wie anders wäre unsere Lage, wettn iri Palästina nicht 170.000, sondern 340.000 Juden wären! Simpsons Bericht und das Weißbuch: der Macdonald-Regierung werden schon längst vergessen sein, wenn Ejn Charod und Dagania, Tel' Aviv und das jüdische Haifa dafür zeugen werden, wieviel Ungerechtigkeit und Unrichtigkeit in der schrecklichen! und uns beleidigenden "Lüge enthalten ist, daß1 unser Werk die Lage der palästinensischen Araber verschlechtere. Es ist wahr, unser Werk kann üble Folgen zeitigen, nicht aber für das arabische Volk, sondern nur für ein kleines Häufchen arabischer Ausbeuten und Unterdrücker ihres eigenen Volkes. Für eine kleine, blutdürstige Clique arabischer Muftis und Effendis, welche die Hunderttausende von Fellachen aufs schändlichste: unterdrücken! Diese Regierung, welche es wagt, uns Moral zu predigen, stört in Wahrheit jeden ernsten! Versuch, zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern die Solidarität herzustellen; sie stellt sich so, als ob sie sich1 um das Los der arabischen Massen) sorgen würde, während sie in Wahrheit.auf der Seite! der Unterdrücker dieser Massen steht. In der heutigen Situation bleibt uns neben' dem1 schärfsten Protest'gegen das Vorgehen der Mandatarmacht nur der Weg, iri dem gegebenem Rahmen unser Werk zu vergrößern und zu befestigen. Auch: um die uns gebotenen Möglichkeiten! auszunützen, bedarf es gewaltiger Anstrengungen' und größter Opferbereitschaft! Vergessen wir nicht, daßi das Maximum an unter den gegebenen Bedingungen möglicher Aufbauarbeit den schärfsten Protest gegen den Versuchunser Aufbauwerk zu beschränken darstellt! In unserem stürmischen Streben nach' Verwirklichung unseres Endzieles vergessen wir nur zu leicht das in Erez Geschaffene und das trotz allem Mögliche. In unserer großen Verbitterung, über den Versuch, die gewalligen Perspektiven unseres Werkes zu verkleinern, vergessen wir nur zu leicht, daß unser Werk, auf das wir uns' in unserem- Kampfe stützen1, unserer Hilfe und Mitwirkung noch1 bedarf, daß es auch nicht einen Augenblick vergessen oder vernachlässigt werden darf. Unser Protest und unser tiefer* Zorn darf nicht nur in Resolutionen und Reden seinen Ausdruck finden: Unser unbeugsamer Wille? zur konkreten Aufbauarbeit soll unseren Feinde*»1 beweisen, daß wir fester denn je zu unserem Werke stehen! M. Neustadt. Zionisten! Das schöpferische Werk des jüdischen Volkes in Palästina, unser Stolz und unsere; Hoffnung, h'at durch1 'das neue Weißbuch der Regierung einem schweren! Schlag erlitten. Eine tiefe Kluft scheidet dieses Dokument von der historischen Balfour-Deklaration, den magna Charta des Judischen Nationalheimes, der heiligen, durch' den Völkerbund bekräftigten! Verpflichtung Englands. Das jüdische Volk und die Rechtdenikenden anderer Nationen erblicken, im dem neuen Dokument einen Versuch der Regierung, die Balfour- Deklaration ihres Inhalts zu entkleiden. Eine Erregung und Erbitterung, erfüllt die Herzen von Millionen! unseres Volkes so tief und1 leidenschaftlich1, daß wieder taghell sichtbar wird, was das Jüdische Nationalheim' für Idas jüdische Volk bedeutet. In :diese Unruhe und Entrüstung rufen wir: Steht fest und tut Eure Pflicht, die Arbeit geht weiter! Wir werden es nicht geschehen lassen, daß die historische! Große der internationalen' Verpflichtung Englands durch einseitige Kommissions-Berichte' und engherzige! Deutungen entwürdigt und entwertet wird. Wir wer- 'den mit einer durch nichts zu erschütternden' Energie und Entschlossenheit den uns aufgezwungenen Kampf für unser Recht weiterführen. In 'diesem' Kampfe gibt 'es-'keinen Unterschied zwischen sogenannten Extremen! und' Gemäßiigten. Der Rücktritt des Präsidenten Doktor •Weizmann war der erste, würdige Ausdruck unseres Protestes. Wir sind überzeugt, daß die vom! gegenwärtigen Kolonialamt erlassene Interpretation des' Mandates nicht der WillensauSdruck des englischen! Volkes ist. Nicht gegen dieses ist daher unser Kampf; gerichtet. Wir 'haben den Glauben an den; Gerechtigkeitssinn des britischen Volkes und der anderen Signatarmächte des Mandates nicht verloren1. Schon jetzt haben führende Männer der englischem Politik erklärt,, daß die Interpretation des Weißbuches in direktem! Widerspruch' stehe zu den Aufträgen des Völkerbundes und dem Geist der Balfour-Deklaration. Aber nicht auf andere, wie wertvoll auch' immer ihre Hilfe ist, auf uns selbst in erster Linie kommt es an in unserer Arbeit. Die Entschlossenheit des Volkes, die starke Organisation, deren Grund vor Jahrzehnten! auf 'dem J. Zionistenkongreß gelegt worden ist, h'at die- Welt auf die Stimme des jüdischem Volkes hören| lassen. Diese Organisation stark und schlagkräftig zu) erhalten, ist jetzt nach den neuesten Angriffen auf uns notwendiger denn je. Macht sie stärker, mächtiger! Jeder werbe neue Genossen! Der Kongreß, den wir zusammenrufen, muß machtvoll den: ungebrochenen; Willen des verstreuten, aber iri seiner Treue zu' Zion geeinten Volkes zeigen. Hunderttausende von! neuen; Zionisten müssen ihre Delegierten zu! dieser Tagung entsenden. Tut Eure Pflicht gegenüber Eurer Organisation! Unbeirrt durch politische Konjunkturen geht unser! Werk in Erez-Israel vorwärts. Die Tore seiner Nationalen Heimstätte können dem jüdischem Volke nicht verschlossen werden. Keine Unterbrechung in der Vorbereitung der Menschen, die das Wachstum des jüdischen Gemeinwesens brauchen wird. Gedenket! der Pflichten, die Ihr gegenüber unserem Vorposten] im Lande habt, dem Jisc'huw, der uns ein Vorbild der Unerschütterlichkeit und Treue ist. Fremde, die die Größe unserer Idee nicht kennen, mögen Euch1 vorwerfen, daß Ihr zuviel getan' habt, Ihr selbst aber müßt fühlen, daß es zu wenig war. Frem'de mögen sagen1, daß kein Kulturboden mehr im Lande vorhanden ist; wir wissen, daß jüdische Hände imstande sind, bisher unfruchtbares Gelände in Kulturboden umzusch'affeW. Wir weisen die Verunglimpfung unseres Siedlungswerkes in dem Weißbuch zurück, die nur geeignet? ist, die Beziehungen zwischen uns und den Arabern zu trüben. Unser Werk der Vermählung vom Volk und Land 'durch' Arbeit ist niemandem zum Schaden, dem jüdischen Volke zum Heile. Gedenket Eures Keren Kajemeth, der den Grund schafft, auf dem unsere Siedler drüben' stehen. Gedenket des Keren Hajessod, der diesen: Boden urbar macht und besiedelt jüdische Dörfer und Städte baut, unser Schul- und Gesundh'eitswerk erhält und den! befruchtenden Strom der Einwanderung leitet. Glück und Unglück mögen wechseln, Recht aber ist unzerstörbar. Wir kämpfen für das Recht! Juden, wo Ihr seid, in allen Teilen der Welt, in welcher 'Arbeit Ihr Eure Tage verbringt, welche Sorgen1 Euch drücken, gedenket: Eureerstö Sorge gelte Eurem' Volke, Eurem Lande, dem großen', Werk des Aufbaues1 Erez-Israels. Die Exekutive der Zionistischen Organisation. von Arabern bestellt werden, Anspruch', aber selbst wenn dieser Anspruch1 zu Recht bestehen' sollte, könnten die betreffenden Ländereien der jüdischen Ansiedlung nicht zur Verfügung gestellt werden, da sie von arabischen Landwirten besetzt sind und für die gegenwärtig landlose arabische Bevölkerung Böden zur Verfügung gestellt werden muß. Die Entstehung eines für die jüdische Siedlung in Betracht kommenden Bodenüberschusses hängt von der Steigerung der Produktivität der bereits besetzten' Ländereien ab. Nach' zuverlässigen Schätzungen beträgt das Ausmaß kulturfähigen Bodens in Palästina, das früher auf 10 bis 11 Millionen Dunam geschätzt wurde (mit Ausnahme der Beer Sheba-Region) 6,544.000 Dunam. Eine arabische Bauernfamilie benötigt bei Einhaltung eines entsprechenden Lebensstandards zu) ihrem Unterhalt eine Bodenfläche von mindestens* 130 Dunam in den unbewässerten Gebieten. Würden' toorn gesamten1 anbaufähigen Boden Palästinas' mit Ausnahme der bereits in jüdischen Händen sich befindlichen Komplexe jeder arabischen Bauernfamilief 130 Dunam zur Verfügung gestellt werden, so müßten 29.4 Prozent der 86.980 in den arabischen Dörfern! lebenden bäuerlichen Familien landlos bleiben. Im! gegenwärtigen Augenblick ist es nicht möglich, festzustellen, wie viele von diesen Familien einen früheren Bodenbesitz verloren haben, doch" werdet diese Verhältnisse durch die im nächsten Jahre stattfindende Volkszählung geklärt werden. Eine Politik der Landentwicklung wird auch auf Verbesserung der Lebensbedingungen der arabischen Fellachen gerichtet sein müssen. Bisher haben nur die öffentlichen und privaten jüdischen Kolonisationsvereinigungen folgerichtige Bodenpolitik betrieben. Die jüdischen Siedler haben die durch Kapital» Wissenschaft und Organisation gebotenen Vorteile genossen und verdanken ihnen nebst ihrer eigenen. Tatkraft ihre bemerkenswerten Fortschritte. Andererseits hat sich die arabische Bevölkerung, welcher keiner dieser Vorteile zugute kommt, dadurch, daß die Zahl der Geburten die der Todesfälle weit übersteigt, mit großer Geschwindigkeit vermehrt, während das für ihren, Unterhalt verfügbare Land um eine Million! Dunam kleiner geworden ist. So großi ist nämlich die Bodenfläche, die in jüdischen Besitz übergegangen ist. Insoweit die Politik der P. I. C. A. in der Vergangenheit in Betracht kommt, hat der. Araber von' Jüdische Soziatöemoftrafistfie Hrbeiferorcantaffcn Poale Zion. II. Blumauergasse 1 Mittwoch, den 12. November 1930, V28 Uhr abends II. Blumauergasse 1 12.-November-Feier Das Weißbuch. 'Nachstehend' veröffentlichen wir in wichtigsten Auszügen das Dokument, In welchem' die britische Regierung ihr mehrfach angekündigtes „konstruktives Programm der Palästinapolitik" bekanntgibt. Einrichtung einer Selbstverwaltung. Die Regierung Sr. Majestät möchte; darauf hinweisen, daß die Bevölkerung Palästinas heute schon eine größere Erfahrung in der Handhabung des verfassungsmäßigen Apparates besäße, wenn die gesetzgebende Körperschaft schon zu der Zeit hätte geschaffen werden können, als der, erste diesbezügliche Vorschlag erfolgte. Aus der Errichtung eines Legislative Council werden alle Teile der Bevölkerung bedeutende Vorfeile ziehen. Eine besondere Wohltat wird er für den arabischen Teil der Bevölkerung darstellen, welcher gegenwärtig über keinerlei verfassungsmäßige! Möglichkeit verfügt, seine Anschauungen über soziale und wirtschaftliche Fragen der Regierung zur Kenntnis zu bringen. Die Zusammensetzung des neuen Legislative; •Council wird den Richtlinien folgen, die in dem/ politischen Statement vom Jahre 1922 festgelegt sind. Er wird aus dem High1 Commissioner und 22 Mitgliedern bestehen, von denen TO ernannt und 12 gewählt werden sollen. Die Wahl der Mitglieder des Council wird im allgemeinen in zwei Wahlgängen1 erfolgen. Um einer abermaligen Verhinderung des Zusammentrittes des Legislative Council begegnen zui können, wird die Regierung Sr. Majestät jenie Anzahl1 von zu wählenden Mitgliedern, deren Wahl durch Verweigerung der Mitarbeit seitens irgendeines Teiles der Bevölkerung aus welchen Gründern immer nicht' erfolgen sollte, durch ernannte Mitglieder ersetzen. Der High1 Commissioner wird auch weiterhin dringende Verordnungen erlassen können und für Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen haben1. Nach Artikel 85 des Statuts des Council aus dem1 Jahre 1922 ist eine Petition an den Völkerbund im' Falle; von Meinungsverschiedenheiten über die Durchführung der Bestimmungen des Mandats durch die Martdatarmacht zulässig. Kein Boden für neue Ansiedlung frei. Die in Betracht kommenden praktischen! Probleme" beziehen sich' vorwiegend auf Bödenfrage, Einwanwanderung und Arbeitslosigkeit. Gründliche Untersuchungen haben ergeben', daß sich bei dem gegenwärtigen Stand der arabischen landwirtschaftlichen! Methoden kein Bodenüberschuß für landwirtschaftliche Kolonisation neuer Einwanderer ergibt, mit Ausnahme der im Besitze verschiedener jüdischer Körperschäften befindlichen, noch nicht in« Kultur genommenen Bodenreserven. Die Annahme, daß die Palästina-Regierung im Besitze großer Mengen freien Bodens sei, der der jüdischen Ansiedlung zugänglich1 macht werden könnte, ist irrig. Die Regierung erhebt zwar auf große Landkomplexe, die gegenwärtig der Errichtung der Kolonien zweifellos erheblich' profitiert, und die Beziehungen zwischen den Kolonisten und ihren arabischen Nachbarn sind in der Vergangenheit ausgezeichnet gewesen. Die jetzt von den1 jüdischen maßgebenden Stellen zitierten Fälle zurr Stützung der Behauptung, daß jüdische Kolonisation! den benachbarten Arabern Vorteile gebracht hat, beziehen sich' auf die P. I. C A.-Kolonien, die errichtet wurden, bevor die von dem Keren Hajessod, dem Häuptinstrument der Jewish Agency,, finanzierte Kolonisation ins Leben trat. Einzelne der Versuche, die gemacht wurden, um den Beweis zu erbringen, daß die zionistische Kolonisation nicht die Wirkung gehabt hat, die früheren Landpächter in die Klasse der Landlosem zu überführen, haben sich bei näherer Nachprüfung als nicht überzeugend, um nicht zu sagen, irreführend, herausgestellt. (Fortsetzung folgt.) Die Arbeiterregierung ignoriert den Simpsonbericht! Die zionism'usfeindlic'he Einstellung des britischen] Kolonialministers Lord Passfield kommt insbesondere in der Tatsache zum Ausdruck, daßi das Weißbuch! ■.bewußt die für uns günstigen Aeußerungen! des Simpsonberichtes ignoriert. Wir wollen dies an der Grundfrage, der Imigrationspolitik zeigen. Das Weißbuch? fordert, die jüdische Einwanderung solle beschränkt werden, nicht nur deshalb, weil sie Arbeitslosigkeit verursacht, sondern wenn immer Arbeitslosigkeit unter, den Arabern besteht. Im Gegensatz zu diesem Standpunkt der Regierung betont Simpson die segensreiches Wirkung der jüdischen Arbeitereinwanderung auf den arabischen Arbeitsmarkt. Er schreibt: Es ist offenbar von keinem Vorteil für den arbeitslosen Araber, daß jüdisches Kapital von dem' Zustrom in das Land abgehalten werden sollte. D er arbeitslose Araber befindet sich in1 keiner schlechteren Lage durch den Import von jüdischen Arbeitern, zur Ausführung von Arbeiten in Palästina, für die infolge des gleichzeitigen Zuflusses von jüdischem Kapital, die finanziellen