Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 21 (6.11.1930)
- Date
- 1930-11-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Osterrej Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion.und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 /III — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 21. Wien, 6. November 1930. 7. Jahrgang. Das jüdische Gewissen und der 9. November. Noch wenige Tage und Oesterreichs Bevölkerung wird zur Wahlurne schreiten, um über das Schicksal unserer Republik zu entscheiden. Nicht an unsere Genossen wenden wir uns in diesen schicksalsschweren Stunde, da jeder einzelne wahlberechtigte Oesterreicher darüber schlüssig werden! muß, welchen der wahlbewerbenden Parteien er am 9. November seine Stimme geben: wird, da wir alle so deutlich1 das empfinden und erleben, was der oberste Grundsatz unserer Verfassung in (die Worte kleidet: alles Recht geht vom Volke aus! Wir wissen, daß) unsere Genossen sich1 der Verantwortung, die ihnen! die Demokratie auferlegt, bewußt sind, daß sie auch1 am' 9. November sich nicht damit begnügen werden, mit ihrer Stimme den Sieg der Sozialdemokratie vorzubereiten, daß! sie vielmehr unter Einsatz ihrer ganzen Kraft die gerade am diesem Tage so notwendige' Wahlarbeit leisten werden! Nicht an! sie sei heute das Wort gerichtet}! Zu jenen jüdischen Wählern wollen; wir sprechen, die das zionistische Landeskomitee als die für sie maßgebende politische Instanz betrachten1, die sich also gemäß der Wahlparole des Lahdeskomitees die Frage zu stellen haben, w i e s i ö i h r e m jüdischen Gewissen' entsprechend am 9. November wählen solle n. Was ist. nun aber die jüdische Pflicht, die wir am 9. November zu erfüllen! haben? Wir 'haben den Sieg deren zu verhindern'; die sich' zum' Antisemitismus bekennen, wir haben1 jenen eine Niederlage zu bereiten, die unsere Republik in einen Bürgerkrieg, stürzen wollen, der —- das zeigt die Erfahrung des letzten Jahrzehnts — immeri die Tendenz hat, in einen Pogrom überzugehen, wir haben! jene zu bekämpfen, die die wirtschaftliche Grundlage der. Existenz der Juden dadurch zerstören, daß) sie eine einseitig agrarische Wirtschaftspolitik befürworten. „Wir senden unsere Vertreter nur als Sturmpatrouille ins Parlament, die aufzupassen hat, daß1 dort nicht gepackelt wird. Sollte dies doch1 der Fall sein, dann wollen wir mit unseren Ochsenziemer n un d G u m m i k n ü 11 e 1 n einen energischen; Kursus abhalten!" Wer hat. diese Drohung ausgesprochen, wer will mit Gewaltanwendung das verhinr dem, was zum' Wesen der Demokratie gehört: das friedliche Kompromiß der streitenden Parteien? Jrgendein Heimwehrunterführer? Nein, es ist ein hakenkreuzlerischer Minister, der, statt die Schulbank zu drücken, beim' Po'grommisten Hitler in die Lehre gegangen ist, und den die Christlich'sozialem in den Sattel gehoben haben. Es ist jener Fürst, der zu den größten Grundbesitzern unseres Staates gehört, in dessen Interesse die Handelspolitik der letzten1 Jahre liegt, welche zur Zerstörung des Handels und der Industrie, also derjenigen Wirtschaftszweige, in welchen die Majorität der österreichischen Juden erwerbstätig ist, geführt hat. Ihn hat die ehristliehsoziale Partei ans Ruder gebracht, in ihm ist die christlichsoziale Dreieinigkeit verkörpert: Bürgerkrieg, Pogrom und Desiridustrialisierung der österreichischen Wirtschaft, Schaffung der sozialwirtschaftlichen Grundlage für eine monarchistische Restauration, das wären die Folgen eines Sieges der christlichsozialen Partei und ihn zu verhindern ist Gebot jüdischen Gewissens! Die zweite Liste, die in besonders zudringlicher Weise um jüdische Stimmen wirbt, ist die des Bundeskanzlers a. D. Dr. Johann Schober. Wir wissen nicht, welche Verdienste sich Herr Schober um das österreichische Judentum erworben hat, die ihn für jüdische Wähler so ganz besonders anziehend machen) sollen! Wir wissen aber, daß; sich Dr. Schober in diesen Tagen dazu hergibt, einen Betrug an der jüdisch'eri Wählerschaft zu ermöglichen, wie er ärger gar nicht auszudenken ist. Herr Schober glaubt das Vertrauen gewisser jüdischer Wählerschichten zu haben und stellt sich an die Spitze eines ausgesprochen ant isemitischen Blocks, in welc hem Pogrom ist en wie es die Nationalsozialisten sind, Platz gefunden haben, der aber die Demokraten nicht aufnehmen wollte, und wagt es auf jüdische Stimmen zuspekulieren. Es kann nicht deutlich genug ausgesprochen werden: wer Schober wählt, wählt antisemitisch, wählt nationalsozialistisch, wählt Pogromisten, wählt den Landbund, der der, Hauptträger einer handels- und industriefeindlichen! Wirtschaftspolitik ist. Auch hier spricht das jüdische Gewissen laut und deutlich': keine Stimme den Schoberantisemiten! Daß, den Demokraten keine jüdische Stimme gebührt, aus Gründen des Prinzips und der Zweckmäßigkeit, wird jeder aufrechte und denkende Jude verstehen. Diese Partei, die zur überwiegenden Mehrheit aus Juden besteht, hat sich trotz mehrfacher Hinauswürfe dem Schoberblock angebiedert; sie war willens, Arm in Arm mit den nationalsozialistischem und großdeutschen Antisemiten in die) Schranken des Wahlkampfes zu treten. Aber darüber hinaus ist es für jeden klar, daß bei dem gegebenen: Wahlrecht die Demokraten "keine Aussicht haben, ein Mandat zu erringen, und daß jede Stimme für diese Partei in letzter Linie eine Stärkung der reaktionär-antisemiti-' sehen Parteien darstellt. D a s ha t a u c h! d i e dem okratische Jugend eingjesehen und — bei aller B eto n u n g des 1 t'a n s c h a u 1 i che n Gegensatzes — die Parole herausgegeben: wählt rot! Das jüdische Gewissen muß es jedem Juden verbieten, den Demokraten, die bereit waren, sich' mit Hakenkreuzlern zu prostituieren, seine Stimme zu geben. Keine jüdisch(e Stimme den Christlich'sozialen, dem Schoberblock und den Demokraten — wie steht es aber mit der sogenannten jüdischem Liste? Jüdische Liste? Nun die Liste dieser patentierten jüdischen Nationalisten bedeutet auch' vom Standpunkt des' bürgerlichen jüdischen Nationalismus einem nationalen Disziplinbruc'h sondergleichen, denn; sie ist ja gegen den Willen der Mehrheit des zionistischen Parteirates -aufgestellt worden. Die Wiener radikalen: und revisionistischen Zionisten nehmen sich am ihren Genossen in Erez ein Beispiel: wie diese durch eihen nationalen Disziplinbruch, durch die entgegen den Weisungen des Wa'd leuml veranstalteten Demonstrationen an den-blutigen Ereignissen und all dem politischen Unglück, das uns seither betroffeni hat, mitschuldig sind, wollen die Wiener Radikalem und Revisionisten durch ihre Kandidatur bewußt das österreichische Judentum ins Unglück stürzen. Bewußt: denn kann es auch1 nur einen Juden geben1, der die Motive des zionistischen Landeskomitees nicht als richtig anerkennt, wenn dieses eine voll und ganz aussichtslose jüdische Kandidatur ablehnt, wei l d iese d o c h n u r die eine Folge haben kann, der, Sozialdemokratie Stimmen zu entziehen und so der pogrom istiischen, antisemitisch-reaktionären Bewegung dieses Landes das Rückgrat zu stärken? Die Radikalen und die Revisionisten sind aber nur konsequent, wenn! sie ihren Kampf gegen die Sozialdemokratie führen, auf die Gefahr hin, dadurch die antisemitische Reaktion in den Sattel zu heben! Sie setzen damit nur im Bereich der Lahdespolitik ihre zionistische Politik fort: sie scheuen sich doch nicht, auch int Palästina die wichtigste Kraft des jüdischen Aufbaues, die Histädruth zu zerstören, warum sollen sie in Oesterreich üm jüdischer Interessen willen ihre arbeiterfeindliche faschistische Gesinnung verleugnen! Lieber die Pogromisten Starhemberg und Schulz in den Sattel heben, als eine Stärkung des Sozialismus zuzulassen, das ist die Parole der Stricker und Konsorten. Doch1 nicht nur unser jüdisches, auch unser zionistisches Gewissen verbietet es uns,' den Radikalen und Revisionisten! — und sie beide verbergen sich hinter der jüdischen' Liste — unsere Stimme zu geben, Nicht nur durch ihr provokatorisches Verhalten in den Augusttagen sind sie an der Krise des Zionismus* schuld! Sie haben es verhindert, daß in den Tagen der amerikanischen Prosperität die Agency gegründet wurde und' haben! bewirkt, daß der, Aufbau des jüdischem Nationaiheims langsam vor sich' gegangen ist: unsere politische Krise ist die Folge der Langsamkeit unserer wirtschaftlichen Aufbauarbeit in Erez Israel! Und zur Krönung ihres zionfeindlichen Wirkens werfen sie für einte aussichtslose jüdische Kandidatur Geld hinaus, statu sich auf die Arbeit für die zionistischen Kolonisationsfonds zu konzentrieren. Wir fassen zusammen: wer sich! verantwortlich fühlt für das Leben den jüdischen' Gemeinschaft in Oesterreich, wer verhindern will, daß) die Gleichberechtigung der Juden vor dem Gesetze; durch' die antisemitische Reaktion gefährdet werde, der versage der jüdisch-faschistischem Liste, des Robert Stricker seine Stimme! ■ ..t So ist es denn für jeden', der sein jüdisches Gewissen sprechen lassen will, unmöglich, für eine der wahlbewerbenden bürgerlichen Parteien) seine Stimme abzugeben. Die Sozialdemokratie ist es, die berufen ist,; in der österreichischen Politik die oben; gekennzeichneten jüdischen Interessen zu vertreten. Sie bekämpft dem Antisemitismus — nicht nur, weil sie für. Völkerversöhnung eintritt, sondern auclf deshalb, weil die Antisemiten die größten und blutgierigsten Feinde der Arbeiterbewegung sind. Sie bekämpft dem Bürgerkrieg, weil sie weiß, daß sie auch auf friedlichem1 Wege der Demokratie ihr geschichtliches Z'ejf verwirklichen wird. Als Partei vornehmlich des Industrieproletariats bekämpft sie eine Wirtschaftspolitik, die zur, Zerstörung des Handels und der Industrie führt/ verlangt sie die Förderung der "für uns Jüdemso wichtigen Wirtschaftszweige. Während die antisemitische Bundesregierung prinzipiell den Juden die Aufnahme in staatliche Aemter versagt, wahrt die Sozialdemokratie — das muß, entgegen allen Bestreitungen betont wer-' den— das Recht der Juden auf Arbeit in ihrem Wirkungskreise. Zeugen dafür sind jüdische Aerzte, Ingenieure und Mittelschullehrer, die im Bereich' der Institutionen der Wiener Gemeinde ihren Erwerb' gefunden haben. Wir haben heute die Wahl arm 9. November nur unter dem Gesichtspunkt der jüdischen Interessen1 betrachtet. Nur unser jüdisches Gewissen hat uns dabei geleitet, und dieses jüdische Gewissen mahnt uns: verhindert die Machtergreifung durch1 die antisemitischen Parteien, um Euretwillen und um Eurer Kinder willen sollt Ihr, die Ihr das Proletariat unter, den Völkern' seid, die Partei! des Proletariat wählen. Wählt sozialdemokratisch! —lz— Der Aufbau geht weiter! Für die palästinatreuen jüdischen Massem sind wieder schwere Tage angebrochen. Und' wie oft wiederholen sich leider im letzten Jahre diese schweren Tage! Wir empfinden die Schicksalsschwere! dieser Tage um so mehr, als die Schläge, die da auf uns niedersausen, von einer Seite kommen, von der wir Unterstützung, und Ermutigung erhofft, derert Herrschaft wir sehnsüchtig entgegengesehen! haben1. Aber auch ini dieser schicksalsschweren! Stunde dürfen wir unser Gleichgewicht nicht verlieren, dürfen! wir auch nicht auf einen Augenblick die Realität! unserer Lage vergessen, dürfen wir uns nicht den1 Luxus bloßen Klagens, gerechten, zornentbranntört Protestes erlauben, weil unsere einzige Kraft die kon* krete Palästinaarbeit ist. Darüber müssen wir uns auch1 in dieser Stunde im klaren sein! ■Politische Konstellationen ändern sich, Resolutionen können heute so und morgen anders gedeutet werden, Wirklichkeiten ändern sich nicht so schnell und sie sind es, die in letzter Linie die Entwicklung! entscheiden. Wieviele Berichte und Beschlüsse; wurden! nicht schon gegen unser Werk gerichtet! Die Koloriisierung des Emek Israel, die Gründung Tel Avivs, die Einwäderung und Eihwurzelung von 100.000 Juden1 in Palästina in den1 letzten 10 Jahren, die Ent< Wicklung der Landwirtschaft, der glänzende Wuchs der Industrie — alle diese Etappen' unserer Arbeit! sind vor ihrem Beginn als utopisch und undurchführbar bezeichnet worden1. Nachdem dank des Blutet und Schweißes unserer Besten die Träume Wirklichkeit geworden sind* mußte auch die Politik mit ihneri