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Der Jüdische Arbeiter · 1930-10-23 · Heft 20 (23.10.1930) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 20 (23.10.1930)
Date
1930-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Der judische Arbeiter Seite 3. i Fritz Frankel. Eindrücke von der Konferenz für das arbeitende Palästina. Leipzig, den 8. Oktober 30. Daß in Berlin Ende September nicht irgend eine jüdische Arbeitskonferenz eines bestimmten, engen Parteikreises stattfinden sollte, sondern ein wirklicher Weltkongreß, das spürte der Kongreßteilnehmer schon im Büro der Konferenz, dort im Berliner Norden, in der Auguststraße, wo der Jüdische Arbeitsnachweis, das Sekretariat der Poal-Zion, eine Reihe jüdisch-sozialer Institutionen, beheimatet sind. Im Kon greßbüro drängen sich die Leute, Quartiere für die Kongreßbesucher müssen besorgt werden, Eintrittskarten werden abgeholt, es wird telefoniert, Pressevertreter erhalten Informationen, man sieht Chaluzim aus Polen, Leute vom Haschomer Hazair aus Rumänien, die Ordner vom Jungjüdischen Wanderbund holen ihre roten Armbinden, Rubaschow, Neustadt, eine Reihe von Genossen aus Palästina sind da, aus vielen Städten Deutschlands, aus Oesterreich, sieht man bekannte Gesichter, wer zählt die Genossen, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen Man spürt, keine noch so hervorragende Organisationsarbeit kann 'das erzielt haben, hier ist lebendige Bewegung, Bereitschaft zur Arbeit für das arbeitende Palästina. Sonnabend Abend, bei den Begrüssungen, Sonntag bei den Referaten, als Shipliakow sprach1, als Erem sprach, verstärkte sich dieser Eindruck trotz aller Gegensätzlichkeiten der Anschauungen, daß hier Menschen sind, die das Gleiche wollen, für das gleiche Ziel kämpfen. Ueberraschend war die Wärme, mit der Shipliakov sprach. Wer hatte vermutet, daß Menschen des amerikanischen „Bundes" diesen Tom der Liebe und wahrhaften Anteilnahme finden würden? Vom „Bund" in Europa, der ja noch die letzte Sitzung der S. A. J. zum Kampf gegen den proletarischen Zionismus benutzt hatte, sah man niemanden, 'aber überall wurden Stimmen laut, die in diesem Weltkongreß für das arbeitende Palästina, an dem außer den Amerikanern beide Flügel der, linken Poale-Zion teilnahmen, einen verheißungsvollen Anfang sahen für den Jüdischen Arbeiter-Weltkongreß, ein Gedanke, den die Poale-Zion schon immer vertreten hat und' der so lange, lange, utopisch schien. Die Teilnahme der linken Poale-Zion war in der Tat mehr als eine Sensation, es war ein historisches Ereignis, das auch dadurch nicht kleiner wird, daß ein Teil der linken P. Z. durch ein unglaublich kindisches Benehmen dem' Sinne der Stunde nicht gerecht wurde. Wie auch immer die Sprach'enfrage beurteilt werden mag, es kann schwerlich als Zeichen politischer Intelligenz bei den linken gewertet werden, die Eröffnungssitzung, in der die allgemeine sozialistische und die jüdische Oeffentlichkeit das Wort hatten, zu fortwährenden Demonstrationen in der Sprachenfrage zu mißbrauchen. Es war daher nicht fernliegend, daß viele sich die Frage vorlegten, ob der politische Gegensatz zwischen der linken P. Z. und den1 übrigen' Teilen der zionistischen Arbeiterbewegung wirklich so tiefgehend 'sein könne, wie; die linke mit vierTemperament zu behaupten versuchte, wenn die Sprachenfrage mit einer derartigen Ueb'erbetonung der Leidenschaften Zum Zankapfel gemacht werden konnte. Man koninte, nach der Rede von! Erem z. B., sich' des Eindrucks nicht erwehren, als ob mangels' wirklicher grundsätzlicher Gegensätze der Kampf um Symbole an 'deren Stelle'getreten war, um das Existenzrecht der Parteien recht hervortreten zu lassen und zu rechtfertigen. Wer etwa erwartet hatte, die linke würde mit positiven Vorschlägen und Ideen für die Schaffung eines besseren Verhältnisses zwischen Juder und Arabern kommen, sah sich getäuscht, ihre „Radi kalität" schlug andere Wege ein, die den Vorzug hatten, gleich1 während der Konferenz verwirklich': werden zu können. — Auch in der Haltung England gegenüber beschränkte sich die linke auf ihr Gerede gegen den Imperialismus, ohne konkret zu sagen, wie sie ihn bekämpfenl werde, und auch' die Forderung das Mandat Sowjetrußland zu übertragen, wurde nicht gestellt. Begrüssungen in allen Sprachen, Telegramme aus allen Ländern, die ganze jüdische und sozialistische Welt nimmt Anteil am "Kongreß. Im Saal sieht man J. Steinberg, Holitscher, Toller, Oskar Cohn, es sprechen der alte Eduard Bernstein, der Veteran der deutschen Sozialdemokratie, Prof. Einsteein, Genosse Sassenbach vom. Internationalen Gewerkschaftsbund Sokolow, Donalt vom Internationalen! Arbeitsamt, jean Longuet, der Enkel von Karl Marx spricht für die französische Sozialdemokratie, Alexander Knolf vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund gewinnt durch das Wort: „Auch wir haben unsere Effendis, die die Arbeiterschaft knechten wollen" — er meint Hitler und die Nationalsozialisten, sich das Herz der Versammlung. Sonntag Vormittag werden die Delegierten der linken P. Z. nicht in den .Saal gelassen, nachmittags erklärt Ben Gurion, die Linke wäre , wegen nichtproletarischer und nichtethischer Aufführung! für die Dauer einer Sitzung ausgeschlossen worden, nach'dem die Linken dann nach' Intervention von Toller und Oskar Cohn ihren ehrlichen Willen: zur Mitarbeit erklären, ist diese Angelegenheit erledigt, und Serubabel nimmt am Vorsitz teil. Finestone's und Schloßbergs Reden finden große Aufmerksamkeit, der Wandel im Denken der amerikanischen jüdischen Arbeiterschaft bedeutet nach einem Jahre der Unruhe und des Stillstandes viel, Finestone berichtet, daß die Jüdischen Gewerkschaften dreiviertel Millionen Dollar für die Histadruth aufgebracht hätten. Mit gespannter Aufmerksamkeit gehört und mit stürmischen Beifall bedankt wurden vor allem Artur Ruppin und Genosse Kaplansk'y für ihre Referate, die den Delegiertem so entscheidend wichtiges Wissen vermittelt haben. Die Gründung einer Weltligä für das arbeitende Palästina wird beschlössen, 'überhaupt nehmen' die organisatorischen Fragen einen großenl Platz in den Debatten der letzten Tage ein. Die große Mehrheit der Konferenz spricht sichf für das von Rubäshow vorgelegte Manifest aus, 'die politischen Resolutionen unterstreichen noch1 einmal die von Histadruth vertretene Politik: Freie Einwaderimg, Arbeiterschutz und Schutzgesetze werden von der englischen Regierung gefordert, die Klassensolidarität zwischen1 den jüdischen und arabischen arbeitenden Massen! in Palästina findet in einer Resolution ihren Ausdruck. Am 'Ende der Konferenz, die der Willensausdruck von ein Viertel Million von Wählern war, stehet! die Hoffnungen von Hun'derttausenden jüdischer Sozialisten, Chaluzim, jüdischer Arbeiter auf die Unterstützung der jüdischen Massen und der anderen politischen Faktoren, von denen die zukünftige Arbeit abhängt. Werden die Hoffnungen erfüllt werden? Der bürgerliche Zionismusin Polen. (Von unserem polnischen Korrespondenten M. N.) Anläßlich der Wahlen in* Polen sind die folgenden Ausführungen von besonderem Interesse. Die Red. Es ist keine Uebertreibung, wenn man behauptet, daß der größte Teil des polnischen Judentums — der größten jüdischen Gemeinschaft in Europa — aufs en'gste mit Palästina1 verbunden ist. Der Palästinagedanke ist heute die einzige Idee, die imstande ist, , das gesamte polnische Judentum um sich zusammeln. Es wäre aber grundfalsch, daraus zu folgern, daß in Polen eine mächtige allgemeine zionistische Organisation besteht, welche den Palästinagedanken popularisiert und in der zionistischen Arbeit vorangeht. Das Gegenteil davon ist richtig. Die allgemeine zionistische Organisation ist* als organisatorische 'Kraft sehr schwach, und die Treue der jüdischen Massen zum Zionismus hält trotz der Tätigkeit der zionistischen Organisation an, die vielmehr geeignet ist, den Palästinagedanken vor den jüdischen Massen zu diskreditieren und ihnen den Glauben an den1 Zionismus zu rauben. Wie engl die jüdischen Massen in Polen mit Palästina verbunden sind, haben die tragischen Ereignisse des August 1929 und auch die Alijah'sperre gezeigt. Zehntausende Juden sind rein persönlich' mit Palästina verbunden, jedes Geschehnis im Lande trifft sie ebenso wie die Einwohner Palästinas. Andererseits zeigen die Stadtratswahlen und die Kultusgemeindewahlen, wie weit die bürgerlichen Zionisten davon entfernt sind, die jüdischen Massen, die doch' ohne Zweifel zur Mitarbeit am Palästinawerk bereit sind, zu beherrschen. Die Sejmwahlen, die im' allgemeinen für die bürgerlichen Zionisten' erfolgreich1 sind, können nicht als Gegenargument angeführt werden, weil die bürgerlich-zionistische Liste die einzige bürgerlich-jüdische Liste ist, die Aussicht auf Mandate hat Ueberdies steht die tägtäglich'e Praxis der bürgerlichen Zionisten im strikten Widerspruch zu ihrem Wahlprogrmam. Nicht der zionistischen Organisation als 'solcher spricht der zionistische Sejmwähler sein Vertrauen aus. Trotz dieser Vorbehalte muß zugegeben werden, daß die allgemeinen Zionisten die stärkste Kraft auf der bürgerlich-jüdischen Gasse sind. Das ist aber die Folge 'des gewaltigen Rückganges des gesellschaftlichen Lebens überhaupt, der Passivität der jüdischen Massen, der volslrändigen Ideenlosigkeit der antizionistischen bürgerlichen Parteien. Eine Ausnahme bildet da bloß die A'gudah. Ihre organisatorische Kraft ist noch stark genug, ihre Peripherie ist' noch' breit genug. Gott ist noch ein wichtiger Partner im politischen Kampf innerhalb des Judentums, und solange man hinter dem Rücken: Gottes reaktionäre, volksfeindliche Taten ungestört begehen wird könnenwird die Agiidah ihre Anhänger finden. Zwei Ursachen haben zu der geschilderten Lage des bürgerlichen Zionismus geführt: 1. die Fremdheit, mit welcher die führenden bürgerlichen Zionisten' Palästina gegenüberstehen, 2. die reaktionäre Rolle, die sie im täglichen politischen Leben der jüdischen Massen spielen. Ihre Fremdheit der palästinensischen1 Wirklichkeit gegenüber kommt auf Schritt und Tritt zum Ausdruck. In keiner zionistischen Landesorganifcition der Welt werden in so intensiver und marktschreierischer Weise die politischen Fragen des Zionismus diskutiert. Der Kampf um die Verbreiterung 'der Agency wurde mit einer Leidenschaft geführt, 'daß man einer Spaltung fast nahe stand. Die blutigen! Ereignisse, die Einwandert! ngssperre, die späteren politischen Ereignisse haben im' polnischen Judentum einen starken Widerhall gefunden, ohne daß er in1 tätige Energie für den1 Palästiuaaufbau transformiert worden wäre. Ueberhaupt sind der Palästinaaufbäu, die praktische Palästinaarbeit nicht die bewegenden Kräfte des ' bürgerlichen Zionismus in Polen. Und das beweist, wie wenig die Führer des bürgerlichen! Zionismus die Nöte und Bedürfnisse der jüdischen Massen verstehen. Es wäre z. B, begreiflich, wenn die allgemeinen Zionisten im Westen, wo die Not der jüdiäaaafl«H»WMy« Ring des „Jüd. Arbeiter". Gen. Dr. Bernay spendet S 2.— und ruft folgende Genossen und Freunde auf, denselben Betrag zu spenden: Dr. E. Bloch, Dr. Gelbard, Dr. Goldschmidt, Dr. Rosenfeld, Dr. Schäfler, Dr. S. Sokal, Dr. Steinberg, Dr. Sternberg. Gen. Sorokin spendet S 2.— und ruft folgende Genossen und Freunde auf, denselben Betrag zu spenden: Dr. H. Glanz, Dr. Gelber, Dr. L. Goldhammer, L. Hendler, N. Hochstimm, Stella Hochstimm, Hans Mandler, Lotte Mandler, Dow Sorokin, Lotte Sorokin, Dr. F. Spitzer, N. Weich'selbaum, Saul Weinreb, Dr. Clr. Tartakower, Zahler, Zipkin f. Gen. Salem Mayer spendet S 2 und ruft folgende Genossen und Freunde auf, denselben: Betrag! zu spenden': Karl Rottenstreich, Di-. Emil Gaster, Irig. Steid- Iing, Siegmun'd Schön, Jone Stent, Otto Reich'-Fis'ch'er, Samson Wagen'b'erg, Awner Kuner, Mayer Rosenblatt, Salomon Vogel, Josef Preis, Moses Suess, Sami Auerbach, Gottfried Salamon Tauber. Herr Emil Nimmhäuser beantwortet die Aufforderung des Gen. Mendel Singer, spendet! S 2.— und ruft zu weiteren Spenden auf: Sam. Lack, Salo Lauer, Siegm. Immerguf, K. Safier, Heinrich Safier, Sch'ije Wachs. Gen. Moses Schwarz beantwortet die Aufforderung des Gen. Mendel Singer, spendet? S 2.— und ruft zu weiteren Spenden auf: Josef Goldstaub, Josef Schuler, Sofie Schüler, Rosa Katz, Dr. Ginsberg, Dr. Rost, Josef Schwarz. Gen. Scharf berg beantwortet die Aufforderung des Gen. Mendel-Singer und spendet S 2. Eingelangte' Spenden: Ungenannt S 10—, Fritz Flesch S 2.-, sehen 'Massen nicht sq brennend ist-das Schwergewich't. der zion. Arbeit auf das politische Gebiet verlegen! würden. Aber gerade in Polen, wo die Lage der jüdischen Massen einen Zionismus erfordert, der eine! Antwort auf die tägliche Not derselben gilt, ausgerechnet da spielen im' bürgerlichen Zionismus die politischen Fragen die entscheidende Rolle. Die Krise des Keren ha Jessod in Polen wird nicht dadurch hervorgerufen, daßi der' Jude nichts für Palästina geben will, auch' ist sie nicht nur jn der ökonomischen Krise in Polen begründet! Ihre wichtigste Ursache ist die Form der zionistischen! Arbeit in Polen. Als 'das wichtigste erscheint den bürgerlichen Zionisten die Demonstration, der äußere Glanz, der Eindruck, den man hervorruft', auf diese Ziele konzentriert sich' die bürgerlich-zionisti-. sehe (Arbeit, damit glaubt man seine zionistische Pflicht erfüllt!zu haben. Für die praktische Palästinäarb'eit' bleibt da keine Kraft und Geduld mehr übrig, es besteht für sie aber auch: kein Verständnis, und man' fragt sich oft, wie bei dieser Haltung der bürgerlichzionistischen Organisation die Opferbereitschaft der jüdischen Massen andauern kann. Diese einseitige Einstellung der bürgerlichen Ziü onisten auf das Politische stört diel Entwicklung1 des . polnischen Zionismus schlechthin. Der palästinatreüe Jude will wissen, was es in Palästina' gibt, und der zionistische Führer erzählt ihm', welche Tratschereien in London im Umlauf sind. Der palästinatreüe Jude' will etwas über die wirtschaftliche Lage im' Land, über den /Aufbau, über die; Verwendung seiner Gelder, über die Arbeit der Chaluzim erfahren, der ziönistisch'e Führer erzählt ihm tagaus, tagein vom Mufti, vom Boykott, von der Gefahr, die" dem jüdischen Volk droht, wenn eine Tür in die Klagemauer hineingeb'äut' wird, wenn das konstitutionelle "Re'gierungssystem im Land eingeführt wird, und schließlich' aber nich't zü* letzt von Weizmanns Erfolglosigkeit. Nach' den b'kh. tig'en Ereignissen sind im Land wichtige ökonomische Prozesse vorsichgegangen. Der arabische! Boykott ist'

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