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Der Jüdische Arbeiter · 1930-10-23 · Heft 20 (23.10.1930) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 20 (23.10.1930)
Date
1930-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Der jQdische Arbeiter und der Lehrlingsurlaub, der sozialpolitischen Tat der Sozialdemokratie zu danken sind? Ist nicht die wunderbare Aufbauarbeit unseres roten Wiens fast zur Gänze auf die Bedürfnisse der Jugend zugeschnitten? Ist nicht die Jugendfürsorge ihr zentrales Stück? Hat nicht die Schulreform die ehemalige Lernschule, die auf Zwang und n u r auf Zwang beruhte, in eine Lehrstätte umgewandelt, nach der sich die Jugend geradezu sehnt? Hat nicht erst die Schulreform die Möglichkeit geschaffen, das Bildungsmonopol der besitzenden Klassen zu zerstören? Eröffnet nicht die Gemeinde Wien planmäßig begabten Proletarierkindern den Weg zur Hochschule? Habt ihr jüdisch'e Lehrlinge und Lehrmädchen Rat und Hilfe bei den von den sozialdemokratisch geführten Arbeiterkammern gegründeten Lehrlingsschutzstellen gefunden? Ist die Wohnbaupolitik der „Rathausmarxisten" nicht geeignet, es der reifen Jugend zu ermöglichen Familien zu gründen? Wahrlich: die Sozialdemokratie ist nicht nur ihrer Zusammensetzung nach, sondern auch auf Grund ihrer praktischen Politik-die Partei der Jugend! Unsere Jugendlichen, die in der jüdisch-sozialistischen Arbeiterjugend und im Bund Mischmar-Ovdim organisierten Jugendgenossen bedürfen; keiner Aufmunterung, jede Minute ihrer Freizeit in den nächsten Wochen der Wahlarbeit, dem Kampfe um die lebenswichtig^ Entscheidung vom 9. November zu widmen. Sie wissen, daß; es um die Lebensgrundlagen des österreichischen Proletariates, um die demokratische Republik und um die sozialpolitischen Errungenschaften der Arbeiterschaft geht! So wenden wir uns denn vornehmlich1 am jenen; Teil der jüdischen Jugend, der sich' zionistisch-sozialistisch nennt und der mit anerkennenswerter Energie für das arbeitende Palästina eintritt: Werdet euch Chawerim endlich bewußt, daß es ein eurer unwürdiges Doppelspiel ist, sich zu einem sozialistischen Erez Israel zu bekennen, und in eurem Heimatland durch passives Verhalten in diesem schweren Kampfe die Reaktion zu .stärken: denn wahrlich', wenn je, so muß das Proletariat in dieser Stunde von jedem, der sich zu ihm und zu seiner historischen politischen und sozialen Sew dung, zum Sozialismus bekennt, fordern, daß er mehr tut, als rot wählen, daß er zum Propagator wird. Unsere vornehmliche Aufgabe ist es in diesem Kampfe im Bereiche des Wiener Judentums für die Sozialdemokratie zu wirken, den Juden dieser Stadt vor die Augen zu führen, was für sie ein Sieg der bürgerlichen Reaktion, ganz gleichgültig, ob sie klerikalkatholisch oder völkisch-agrarisch gefärbt ist, bedeitten würde, zu verhindern, daß die Juden dem Schwindel 'jener „antiklassenkämpferischen" Liste mit ihrem Schober des 15. Juli, der reaktionären Verfassungsreform, des Au titer rorgesetzes, des Preßkneblungsgesetzes und der Arbeitslosenvorlage hereinfallen f Jugendgenossen und Genossinnen, Chaverim und Chaverot der zionistisch-sozialistischen Jugendbünde, an die Arbeit! Erfüllt eure Pflicht und sorget dafür, daß die Frucht der Reaktion Wirklichkeit werde, und wir den 12. November als den Tag der roten Republik Oesterreich feiern können! x. r. Der allweltliche Kongreß für das arbeitende Palästina. Deklaration des ersten Kongres ses für das arbeitende Palästina, Zum erstenmal in der Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung, zum erstenmal in der Geschichte des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina, ist, dem Rufe der jüdischen Arbeiterorganisation in Palästina folgend, ein Weltkongreß zusammengetreten, welcher eine Viertelmillion jüdischer Arbeitsmenschen repräsentiert, "und den Zweck! verfolgt, die Kraft der organisierten Arbeiterschaft in Palästina zu vergrößern und zu befestigen, ihren Kampf als den seinen betrachtet und ihr. helfen will, ihre historische Aufgabe, eine freie jüdische Gesellschaft aufzubauen, zu verwirklichen. Aus allen Weltteilen und von allen Richtungen des Judentums entsendet, sind die Delegierten zum Kongreß gekommen:Vertreter von Zehntausenden jüdischer Arbeiter in Polen, von tausenden Wählern in Litauen und Lettland, Deutschland, Oesterreich und •Tschechoslowakei, England, Belgien und Rumänien, in 24 Ländern allen Erdteile gewählt, Vertreter aller 'Richtungen des proletarischen Zionismus und jüdischer Arbeiterorganisationen, die außerhalb' des Zionismus stehen, Vertreter von Jugendverbändeu und Chaluzorganisaliionen, die sich als die zukünftigen jüdischen Arbeiter fühlen, Kräfte, die sich erst jetzt in unsere Bewegung eingegliedert haben, Sozialisten die für die sozialerneuernden Taten der jüdischen Arbeiterschaft Bewunderung hegen, Volksmenschen, 'die erkannt haben, welche Bedeutung die Aufgabe, die die jüdischen Arbeiter Palästinas auf sich' genommen haben, für die Genesung und Befreiung des jüdischen Volkes hat: sie alle, ungeachtet der Verschiedenheit ihrer sonstigen politischen Anschauungen, vereinigen 'sich zu einem Ziele, die Kraft des jüdischen Arbeiters im Lande zu' befestigen i{nd zu vergrößern. Vor der ganzen Welt' diesen seinen unumstößlichen Willen und Einheitlichkeit demonstrierend, legt der Kongreß; den Grundstein zum Aufbau der Volks- 'organisation für das arbeitende Palästina, und proklamiert die Errichtung der Weltliga für das arbeitende Palästina. Die Weltliga wird es.als ihre Aufgabe betrachten, dem jüdischen Arbeiter in Palästina ihre Verbundenheit mit seinem Schicksal zu beweisen, indem sie mit entschiedener Entschlossenheit seinen Kampf um sein Recht auf Arbeit, auf Selbstbestimmung in sei- 'ner wirtschaftlichen und kulturellen Tätigkeit, für den Schutz und die Gleichberechtigung! seiner neu geschaffenen Lebensformen (Kwuzah, Kibuz, Moschav) mitkämpfen wird, alles tun wird, um die Front des arbeitenden Palästina zu stärken, jeden Angriff auf dasselbe abzuwehren, und ihm1 die brüderliche moralische, politische und finanzielle Hilfe zu gewähren. Nicht nur mit befeuernden Ideen kommt der, jüdische Arbeiter Palästinas zu seinen Freunden, sondern mit großen Leistungen, nicht aus seiner Schwäche heraus fordert er von uns Hilfe, vielmehr einzig und lallein um seines und unser aller felsenfesten Glaubens willen, aus seiner und unserer klaren Erkenntnis, das aus dem begonnenen Arbeitswerk das jüdische Nationalheim entstehen wird, auf der Grundlage'der gerechten Arbeit, der nationalen Unabhängigkeit, der sozialistischen Verwirklichung und der internationalen Solidarität! Resolutionen und Beschlüsse des allweltlichen Kongresses für das arbeitende Palästina. 1. Der erste Kongreßl für das arbeitende Palästina, der hunderttausende jüdische Arbeiter und Freunde des arbeitenden Palästina aus 24 Ländern Europas, Amerikas und Erez Israels repräsentiert, und von der Histadruth in einer Zeit einberufen wurde, in welcher die politische Reaktion und die wirtschaftliche Not der jüdischen Massen aufs neue die Tragik des heimlosen jüdischen Volkes aufgedeckt hat, proklamiert seinen festen Glauben an die revolutionäre Bedeutung einer jüdischen Arbeitsgesellschaft in Palästina für die nationale Emanzipation und den sozialdemokratischen Umbau des jüdischen Lebens. 2. Der Kongreß weist jene Verleumdung der arabischen Effendis" der englischen Kolonialbeamten' und der kommunistischen Feinde des Zionismus zurück, welche behauptet und sie hat auch' im Bericht der Mehrheit der Shawkommission ihren Niederschlag gefunden -- daß die jüdische Einwanderung und Kolonisation die ökonomischen Interessen! der arabischen' Bevölkerung Palästinas schädige. Der Kongreß bringt seine Ueberzeuguug zum Ausdruck, daß Millionen jüdischer Arbeitsmenschen ein Heim und ,eiue produktive Existenz auf dem ungeteilten Territorium Palästinas finden können, ohne hierbei die Existenzmöglichkeiten der arabischen Bevölkerung zu schmälern. 'Die jüdische Einwanderung mit ihrem höherem Lebensniveau, ihren gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Methoden, hat den Lohn der arabischen Arbeiten gesteigert, der die Lohnhöhe in den arabischen Nachbarländern längst überschritten hat; sie entwickelt die Produktivkräfte des Lahdes, sie zerstört die feudalen Formen des Landes, •und schafft hierdurch neue Lebensmöglichkeiten auch für die arabischen Arbeiter und Bauern. 3. Der Kongreß erklärt, daß es keinen dauernden Gegensatz zwischen den Interessen der jüdischen und arabischen Massen gebe. Ein national-autonomes Leben für Juden und Araber in Palästina, frei von Beherrschung des einen Volkes durch das andere, kann nur durch gemeinsame Anstrengung und Klassensolidarität der arabischen und' jüdischen werktätigen Massen verwirklicht werden. '4. Der Kongreß solidarisiert sich mit dem von der Histadrut an die Untersuchungskommission gerichteten Memorandum, und erinnert die Mandatarmacht an ihre Verpflichtungen dem jüdischen Volk und 'der Bevölkerung des Lahdes gegenüber. Die August- Ereignisse haben in schärfster Form'die Sünden' der Mandatsregierung offenbart, welche die ihr durch das Mandat auferlegten Verpflichtungen nichterfüllt hat. Sie hat den Aufbau des Nationalheimes nicht gefördert, ihn vielmehr oft gestört, sie hat die Interessen der herrschenden Klasse des Landes vernachlässigt. Der Kongreß macht sich die Forderungen der Histädrut zu eigen: Die Regierung muß aktiv die jüdische Einwanderung vergrößern .helfen, 'eine genügende Bodenreserve für eine intensive Kolonisation1 schaffen, der jüdischen Arbeiterschaft den entsprechenden Anteil an den Regierungs- und Kommunalarb'eiteri gewahren, den Fellachen bei der Entwicklung ihrer Wirtschaft helfen, die Steuerlast der Landwirtschaft verkleinern, ein progressives Steuersystem einführen, das Agrarrecht reformieren und Boden für eine jüdische und arabische Kolonisation von Arbeitern freimachen, allgemeinen Arbeiterschutz und Schutzgesetze für die arbeitende Frau und Jugend einführen, und die Arbeitsbedingung bei den Regierungsarbeiten' verbessern'. Der Kongreß drückt seinen besonderen Schmerz und seine Erbitterung darüber aus, daß gerade unter dem Regime der Arbeiterpartei die jüdische Arbeiterschaft und der jüdische Jischuv eine Reihe ihnen feindlicher Regierungsmaßnahmen erfahren mußte, deren beklagenswerteste das Einwanderungsverbot ist Der Kongreß erklärt feierlich, daß alle Versprechungen das Mandat zu erfüllen keinen Wert haben, so lange nicht vor allem die ununterbrochene und stets wachsende, der vollen Kapazität des Landes, entsprechende Einwanderung^ gesichert erscheint. Die Weltliga für das arbeitende Palästina. Der erste Kongreß für das arbeitende Palästina beschließt die Gründung der Weltliga für das arbeitende Palästina. Die Organe der Liga sind der Hauptrat und die Exekutive. Der Hauptrat besteht aus 13 Mitgliedern, die der Kongreß' wählt, und 15 Mitgliedern, welche die einzelnen Landesorganisationen zu jeder Sitzung des Rates, die einmal im Jahr stattfindet, ernennen. Der Kongreß; hat folgende 13 Mitglieder für den Hauptrat gewählt: Palästina: Ben Gurion, Neustadt, Sprinzak, Amerika: Finestone, Shipliakov; Rechte Poale Zion: Dovkin, Reis; Hitachdut: Silberschein; Haschomer Hazair: Chazan. Dann die Genossen: Oskar Cohn, Fritz Naph'tali, Jakob Flelman. Die linke Poale Zion wird erst beschließen, ob sie einen Vertreter für den Hauptrat nominieren wird. Empfang des Kongresses durch den allgemeinen deutschen Ge werkschaftsbund. Am 2. Oktober fand! ein vom allgemeinen Ger werkschaftsbund veranstaltete!- Empfangsabend für die Delegierten des Kongresses für das arbeitende Palästina statt. Der Empfang fand in dem herrlichen Verwaltungsgebäude des Gewerkschaftsbundes statt. In Vertretung des Vorsitzenden Gen. Leipart, der in Amsterdam weilte, begrüßte der erste Vizepräsident Gen. Sassenbach die Anwesenden. Es sprachen: Gen. Neustadt, Gen. Finestone, der deutsche Gewerkschaftsführer Furtwängler (Verfasser des bekannten Buches über das werktätige Indien; die Red.), Gen, Knoll und schließlich Rubaschov. Erste Sitzung des Hauptrates der Weltliga für das arbeitende Palästina. Am '4. Oktober fand! die erste Sitzung des Hauptrates der Weltliga statt. Es. wurde die Gründung des europäischen Sekretariats mit dem' Sitz in Berlin beschlossen. Folgende Aufgaben des Sekretariats wurden festgestellt: 1. dafür zu sorgen, daßi die Parolen des Kongresses in den Ländern Widerhall finden (durch planmäßige Berichterstattung); Herausgabe des . Kongreßprotokolls; Organisatorischer Ausbau der Ligen; energische finanzielle Arbeit für den P. A. F. n Europa. Der „Dawar" wurde als das Organ: der Ligen festgestellt. Die Exekutive der Weltliga besteht aus 8 Mitgliedern, vier sind vom Rat entsendet, vier sind von der Histadruth ernannt. Der Rat hat die! Chaverim Bloch Poale Zion West (Hitach'dut) und Jaori (Haschomer) entsendet, den vierten Vertreter werden die amerikanischen Genossen ernennen, In1 der Sitzung wurde auch der lausbübischen Handlungen der revisionistischen Rotzbuben in Tel-Aviv anäßlich der Aufführung des jiddischen Tonfilms gedacht und die Haltung des Dawar, der diese Ausschreitungen verurteilt hat, mißbilligt! | Markus Lachs. | Es ist kaum faßbar: wir werden unsere Arbeit nunmehr ohne unseren Freund und treuen Genossen Lachs fortsetzen müssen! Nur derjenige, welcher am Leben unserer Organisation teilnimmt, weiß>, was uns da angetan ward: wir werden uns mit diesem nüchtern denkenden Genossen nicht mehr beraten1 können, er wird nicht mehr unverdrossen; die undankbarsten und schwierigsten Arbeiten auf sich' nehmen! Eine kleine Organisation wie die Wiener, Poale Zion' ist auf jeden angewiesen, der willens ist, aktiv an ihrer Arbeit mitzuwirken': wird es uns gelingen, diese Lücke, die der Tod in unsere Reihen gerissen hat, auszufüllen? Nur dann, Freunde, wenn wir es mit jener Hingabe versuchen werden, mit welcher Genosse Lachs unserer Sache gedient hat, werden wir' sein Andenken wahrhaft ehren. Max Pilzer,

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