Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 20 (23.10.1930)
- Date
- 1930-10-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Der jüdische Arbeiter zusammengebrochen. Tausende Chaluzim haben sich in t die Wirtschaft eingegliedert. Monatelang hat es keine Arbeitslosigkeit gegeben. Diese Tatsachen haben keine geringere Bedeutung für unser Werk als Lucks Taten und Muftis Interwievs! Aber von all dem findet ihr jn der zionistischen Presse kein Wort. Die jüdische Presse ist überhaupt ein Kapitel für sich. Früher glaubte man, daß die amerikanische jüdische Tagespresse in ihrer Sensationslust nicht übertroffen werden kann. Heute wissen wir, daß' ihr die polnische jüdische Presse in dieser Hinsicht den Rang abgelaufen hat. Palästina ist für sie Quelle für Sensationsnachrichten. Da zum Beispiel die Entwicklung 'der Tenuvah keine Sensation ist, wird darüber nicht berichtet. Von unserer eigenen Arbeit kein Wort, es {gibt für diese Presse in Palästina überhaupt keine normale wirtschaftliche Entwicklung, sondern nur Katastrophen. Das ist der schreckliche Niedergang des bürgerlichen Zionismus in Polen, der dazu geführt hat, daß sich Sn Ostgaüzien Weizmanntreue Zionisten mit den Revisionisten verbunden haben, daß. ein solcher Kriecher wie Farbstein als Revolutionär gilt, daß der Et Lion'oth aus strategischen' Gründen mit den Revisionisten „Nieder mit Weizmann" schreit! Ein solcher Zionisten beherrscht werden, regiert derselbe rejüdische Jugend nicht befriedigen. Der zweite Grund für den' Niedergang liegt in der reaktionären Rolle, die die Zionisten im lokalen Leben spielen. Der Zionismus als revolutionäre Bewegung, die die Struktur des Volkes verändern will, müßte ihren revolutionären Charakter auch in der täglichen gesellschaftlichen Arbeit zum Ausdruck bringen. Dies ist auch in den ersten Jahren' des Zio- |m'smus 'der FaMjgewesen, als eber die allgemeinen Zionisten eine Partei geworden1 sind, als sie in' den Gemein'deräten und jüdischen Gemeinden] eine Rolle zu spielen begannen, hat sich die Lage1 von Grund auf geändert. In! den Gemeinden, welche von1 den ZZioriiste'n1 beherrscht werden, regiert derselbe reaktionäre Amtsschimmel wie in den von den Assimilanten beherrschten. In den Gemeineräten' machen 'die bürgerlichen Zionisten eine reaktionäre bürger- {lich'e Politik und denken nicht einmal am die Vertretung 'der Interessen der jüdischen Armut. . In 'den letzten Monaten] hat Grünbaum mit seinem Äl hamisChmar die Führung der allgemeinen Zionisten .übernommen, ein Mann, auf den1 die obige Charakterisierung nicht paßt. Aber das schreckliche Erbe, das ihm der „Et livnot" zurückgelassen,' h'at, der starke Einfluß der Misrachi, die Furcht vor der Konkurrenz 'der Revisionisten, —- das alles läßt es zweifelhaft erscheinen, ob es Grünbaum und die Seinen1 gelingen wird, die Phisiognomie des bürgerlichen! Zionismus in Polen radikal zu ändern. Die Wahlen in Polen. Bekanntlich' finden im November die* Sejm wählen statt. Die Reaktion wendet alle Mitteln des1 Terrors an, um einen Sieg des Faschismus herbeizuführen. Die Zionisten gehen auch1 diesmal nicht einheitlich yor, die ostgalizischen Zionisten haben im Gegensatz zu 'denen Kongreßipolens einen1 Wahlblock1 mit der Agudali geschaffen. Die Polnische Sozialdemokratie (P. P. S.) geht mit dem Ze'ntrolev, in welchem alld 'b!ürgerlich-'demol<ratisch'en polnischen Partein vereinigt sind. Die Bildung eines .sozialdemokratischen Blocks 'der Minderheitsvölker ist daran gescheitert, daß. die 'deutsche Sozialdemokratie Polens mit dem Centrolev .vereinigt ist, 'un'd die ruthenische S. P. auf einer nationairuth'einisCh'en Liste kandidiert. Von wahrhaft historischer Bedeutung ist die Tatsache, daßi die beiden jüdischen, sozialdemokratischen Arbeiterparteien, der Bund und unsere Bruderpartei Poale-Ziion zusammengehen: sie bilden (mit der unabhängigen polnischen S. P. — Dr. Knick) den linkssozialistischen Block. Wir wissen im Augenblick nicht, ob Aussichtbesteht, daß diese Liste durchdringt: ini ch"ts'd es towe n iger s e he n wir i n diesem •Wah'labkom m en den ersten geschichtlichen Schritt zur Annäherung der beiden wichtigsten Teile der jüdischen Arbeiter beweg'funfg. Gab es Möglichkeiten einer Verständigung? 'Mehrere Leser unseres Blattes rich'tenl an uns 'die Anfrage, welche Tatsache wir im Auge hatten, als wir im Leitartikel der letzten Nummer unter „Verständigungsproblem einst und jetzt" von einem unbeachtet gebliebenen arabischen Vorschlag sprachen. Im folgenden die Beatwortung der Anfrage: In der Enquete, welche die Exekutive der Zionistischen Organisation im Sommer 1929 über die arabische Frage und ihre Bedeutung für die Errichtung von Vertretungskörperschaften in Palästina herausgegeben hat, berichtet in seinem Gutachten M. Kal- .varisky iüb'er den Plan eines Parlaments, der als Grundlage einer Verständigung vom' Sekretär der arabischen Exekutive entworfen und in privater Form Herbert Samuel einige Monate vor seinem Abschied unterbreitet worden war. Er schreibt hierbei: „Auf der Basis meiner Verhandlungen mit der arabischen Exekutive schlug Djemal Husseini vor, ein Parlemeut zu errichten, das aus zwei Häusern, einem Unteren und einem Oberen, bestehe, die eine kleine Zahl von Mitgliedern enthalten sollen. Nach diesem Plan sollten alle Mitglieder des Unterhauses direkt nach dem Proportional-Wahlrecht gewählt werden, die Hälfte der Mitglieder des Oberhauses sollte gewählt werden, die andere Hälfte aus Beamten bestehen. Jedes Gesetz, das vom Unterhaus angenommen wäre, müßte auch vom Oberhaus angenommen und außerdem vom High Commissioner gebilligt werden. Damit das Parlament nicht eine Waffe gegen die Juden würde, erklärt sich Djemal nach' nach ausführlicher Diskussion damit einverstanden, seinen Freunden von der Exekutive folgendes vorzuschlagen: a) die Einwanderung und andere Gegenstände, die unmittelbar mit Wem Mandat jn Verbindung! ständen, sollten von der Zuständigkeit des Parlamentes ausgeschlossen werden. b) das Oberhaus sollte aus zwei nationalen Kollegien mit gleichen Rechten zusammengesetzt werden, indem nämlich die Hälfte seiner Mitglieder Juden und die andere Hälfte Araber sein sollten." Es muß; nicht betont werden, daß auch' wir diesen Vorschlag nur dann für annehmbar betrachten', wenn er nicht unwesentliche Veränderungen erfahren hätte. Trotzdem muß jeder, der nicht wie die Revisionisten ein Kolonialregime für Palästina anstrebt, den arabischen Vorschlag als mögliche Verhandlungsgrundlage betrachten und bedauern, daß er älif der zionistischen Seite kein Echo gefunden hat. Simon Dubnov 70 Jahre. Man m'u'ßi wahrlich' kein Freund politischer Geschlechtslosigkeit sein, ium doch im dieser Zeit vollständiger Zerklüftung des Judentums sich an der Tatsache zu erfreuen, wenn sich1 einmal die Bejahung und Verehrung der gesamten jüdischen Oeffenthchkei,t einer zentralen Persönlichkeit des Judentums zuwendet. Anläßlich Simon Dubnovs 70. Geburtstag trat dieser so seltene Fall ein -.' jüdische Menschen aller Parteirichtun'gen, wenn sie mur eine lebendige Beziehung zum jüdischen Kulturleben der Gegenwart haben, bringen in diesen Tagen1 dem- Schöpfer der Weltgeschichte des jüdischen Volkes ihre Glückwünsche dar! , , Auch wir jüdischen Sozialisten haben allen Anlaß, Simon Dubnov an seinem 70. Geburtstag, der gleichzeitig der 50. Jubiläumstag seiner wissenschaftlichen Wirksamkeit ist, zu grüßen un!d ihm zu danken. Berührt sich1 doch sowohl seine wissenschaftliche als auch seine politische Tätigkeit mit unserem Ideenkreise. Wissenschaftlich' hat Dubnov mit jener jüdischen Geschichtsschreibun'g gebrochen, die die jüdische Geschichte als eine Geschichte der Verfolgjungen und der Literatur aufgefaßt hat, und' ihr gegenüber betont er 'die Auffassung des jüdischen Lebens im Laufe der Jahrh'underte als des Lebens eines integralen sozialen Organismus. Programmatisch stellt sich Dubnov (die Aufgabe, die jüdische Geschichtsschreibung aus den Fesseln der Theologie und der Scholastik zu befreien, bewußt stellt er "die Forderung nach Sekularisation der jüdischen Geschichtswissenschaft. Verweltlichüng als wissenschaftspolitisches Programm Simon Dubnovs, Verweltlichüng als Kulturprogramm des Poale Zionismus, muß da noch die Wahlverwandtschaft der beiden Ideenkreise bewiesen werden? Auch die Galuthbejahung Dubnovs findet ihr Verwandtes im Poale-Zionismus: wenn sie auch innerhalb. unserer Bewegung auch niemals die absolute Form gewann, wie es innerhalb' der volkistischen Partei, an deren Wiege Dubnov, stand, der Fall war, immer hat der Poale-Zionismus die Bedeutung der Galutharbeit in allen ihren Formen betont, immer hat er das Wort Nathan Birnbaums, der in seinen jüngeren Jahren Dubnov geistig nahe stand, verwirklicht: Zion ist für das jüdische Volk da, nicht umgekehrt! Im übrigen besteht jene Differenz, die sich aus unserem Bekenntnis zum Zionismus und dem absoluten und ausschließlichen Galuthbekenntnis Dubnovs einstens ergab, heute nicht mehr: heute steht Dubnov durchaus positiv zum Zionismus und insbesondere zum arbeitenden Palästina, dessen Kongreß in Berlin er herzlich begrüßt hat, dessen Aufruf er unterzeichnet hat. Als Zeichen seines Bekenntnisses zu Erez Israel ma'g auch die Tatsache gewertet werden, daß er sein neuestes Werk, eine Geschichte des Chassidismus, in hebräischer Sprache schreibt. Wir schließen uns heute dem Wunsche an, den Genosse Rubaschov seinem Lehrer dargebracht hat: Möge es Dubnov beschieden sein, sein Werk noch viele Jahre an der Universität in Jerusalem fortzusetzen! lllllM^^ Wir gratulieren herzlichst zur Vermählung unseres Freundes Josef Brand mit Fräulein Mina Proczyner, Morschen1 u. Feiwel Schwarz. iBIilllllilillllSIllBlil Nach Redaktionsschluß Weizmann zurückgetreten. London, 21. Oktober. (Reuter.) Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency in Palästina, Dr. Weizman, hat dem englischen Kolonialminister in einem Schreiben mitgeteilt, daß er seine Aemter niederlege und einen Kongreß der beiden zionistischen Organisaionten einberufe. Der Rücktritt Weizmans ist auf seine Unzufriedenheit mit dem Regierungsbericht über Palästina zurückzuführen. In seinem Rücktrittsschreiben erklärte Weizman insbesondere, daß der Regierungsbericht sehr dazu beitragen müsse, den Juden die Rechte zu verweigern und die Hoffnung der Juden bezüglich' des nationalen Heims in Palästina zu vereiteln. Die getroffenen Entscheidungen würden das künftige Werk der Organisation, deren Vorsitz er führe, sehr, behindern. Weizman veröffentlicht auch eine Erklärung, in der es heißt, daß die Politik der Regierung im Gegensatz zu allen vorhergegangenen Erklärungen stehe und darauf abziele, nur die Interessen der bereits in Palästina befindlichen Juden zu; begünstigen, während die jüdische Einwanderung eingeschränkt werden soll. Die englische Regierungserklärung über Palästina. In der soeben erlassenen Erklärung wird betont,, es 'sei nicht angebracht, daß die jüd. Führer darauf bestehen) daß die Regierung ihre Einwanderungspolitik mit den Ansprüchen intransigenter zion. Richtungen in Einklang bringe; es sei auch nicht angebracht, daß die arabischen Führer auf ihrer Forderung nach einer Verfassung bestehen, die es der Regierung .unmöglich machen würde, ihre doppelte Verpflichtung gegenüber den Juden und den Nichtjudem zu erfüllen; denn die Regierung verfolge das Ziel, die Interessen der einen und der anderen Seite gemäß den ihr aus dem Mandat auferlegten Verpflichtungen zu schützen. Die Regierung beabsichtige, einen gesetzgebenden Rat gemäß der Erklärung Churchills' vom Jahre 1922 zu schaffen, der aus dem Oberkommissär sowie zehn amtlichten und zwölf nichtamtlichen Mitgliedern bestehen soll. Nur durch1 eine ganz methodische Entwicklung der Landwirtschaft werde die Ausbreitung des jüdischen bäuerlichen Elements erleichtert werden. Es sei jedoch unmöglich, vorauszusehen, wann eine Herabsetzung der Ausgaben! für den militärischen Schutz werde eintreten können. Praktische ■ Gasgeräte I in den | Ausstellt! n gen der Wiener sföOtisdien Gaswerke VIII., Josefstädterstraße 10 XII., Theresienbadgasse 3 XX., Denisgasse 39 18 bis 18 Uhr Teilzahlungen Wien, I., Schellinggasse Nr. 1 Lebens v er sich er ungs* Gesellschaf t PHÖNIX Zentrale: Wien, I., Riemergasse Nr. 2 VerslcherunßsbeBtand per Mitte 1930: 8 4,450,000.000 - Garantiemlttel Ende 1929: » 300,000,000'- Prämien-und Zinsen einnahmen Im Jahre 1929; 8 125,000.000 - Auszahlungen an die Versicherten im Jahte 1929: 8 30.500.000- TÄTIGKEITSGEBIET: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Spanien, cechoslov. Republik, Polen, Ungarn, Jugoslavien, Bulgarien,Griechenland,Türkei,Aegypten,Palastina. Pensions-Versicherung Ulli; mit Rentenansammlung (Rentenbezug beim 55., 60. oder 65. Lebensjahr oder bei f ruhet er BERUFS-UNFÄHIGKEIT. Monatliche Prämie. Sofortige Unveifallbarkelt.) gemeinschaftlich mit der Versicherüngs* Aktien* Gesellschaft früher PENSIONS-VEREIN für Handel, Industrie und Gewerbe Eigentümer Verleger, Herausgeber u. verantwortl. Redakteur: Franz Lustig, Elektromonteur, Wien, VI., Stiegeng. 16. — Druck: „Ädria", Wien, II., Taborstr. 52b.