Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1930-10-23 · Heft 20 (23.10.1930) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 20 (23.10.1930)
Date
1930-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2641551-2641599-2641619--366-2642325
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

itätöbibliothek b* b« ER JÜDISCHE HRBEIFER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österrj Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, IL, Blumauergasse 1/111 — Postscheckkonto Nr. 38.042 iezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 20. Wien, 23. Oktober 1930. 7. Jahrgang. Wahltag ist Zahltag! Furchtbare Arbeitslosigkeit herrscht in Oestereich, die allgemeine Wirtschaftskrise hat in unserer Republik die schrecklichste Form angenommen. Tauende Arbeiter und Angestellte sind brotlos und müssen mit dem lächerlich kleinen Betrag der Ar- )eitslos'enunterstützung ihr Auskommen finden. Die Zahl der aus dem Wirtschaftsprozeß' Herausgestos-;enen wächst von Tag zu Tag. Der Winter mit meiner notwendigen saisonmäßigen Verschlechterung der Konjunktur naht: es stehen uns Monate bevor, die alles das, was dieses schwergeprüfte Land zu erleiden hatte, übertreffen werden. Welche Maßnahmen wird die bürgerliche Regieirung treffen, um die Not und das Elend der Bevölkerung zu lindern? So fragten wir, denn daß sich selbst dieses österreichische Bürgertum angesichts der wachsenden Not zur Anwendung irgendwelcher Mitteln der Linderung derselben aufraffen werde, davon waren selbst die größten Pessimisten unter uns überzeugt. Das österreichische Bürgertum hat sich' aufgerafft: die ökonomische Krise hat den Christlich'sozialen nicht genügt, sie haben unser Staatswesen in eine politische Krise hineingestürzt, von der jeder weißi, daß sie nur noch zur Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage Oesterreichs beitragen wird. Und warum das alles: warum wurde der Nationalrat gerade im Augenblick aufgelöst, da es seine Pflicht gewesen wäre, Wege zur Milderung der Krise unserer Volkswirtschaft zu suchen? Warum wurde der Staatsapparat gerade heute einem Manne ausgeliefert, der sich jofifenl 'zum; Faschfism'us ibekenint,, ■ von dem man wußte, daß jede seiner Aeußerungen im Auslände nur Beunruhigung und Unlust, in Oesterreich1 Kapital zu investieren, hervorrufen müsse? Ihr wißt die Antwort: damit ein Inflationsspekulant, ein Mann, der zu den brutalsten Scharfmachern unseres an solchen wahrlich nicht armen Landes, gehört, 'ein Mann, dem gerichtsordnungsmäßig bestätigt wurde, daß er inkorrekt und unsauber ist, Bundesbahndirektor werden kann, um dieses hehren Zieles willen wurde die politische Krise herbeigeführt. Wahltag ist Zahltag: wahrlich, hätten die Christlichsozialen nichts mehr verbrochen als dieses frivole Spiel mit der Not und den Nerven des Volkes, das Maß ihrer Schuld wäre übervoll! Wir stehen heute noch am Anfang des Wahljkampfes: während die Arbeiterschaft wie immer auch diesmal in vollständiger Einheitlichkeit — denn wer beachtet die paar Kommunisten — und größtem Elan den Kampf eröffnet hat, bietet die Bourgeoisie ,das Bild vollkommenster Zersplitterung. Welch ein Weg von der Einheitsliste des Jahres 1927 bis zum Tohuwabohu des Jahres 1930: der Groß bourgern s wird am 9. November die Qual der Wahl stark zu fühlen bekommen. Und wir jüdische Angestellte 'und Arbeiter, wir jüdischer Mittelstand, wir werktätige jüdische Kaufleute und Gewerbetreibende, wir 'jüdische Intellektuelle, wir jüdische Jugend? Nun, wir lassen uns durch irreführende Firmenänderungen nicht täuschen; wir wissen, daß all das, was auf der bürgerlichen Seite vorgeht, nichts anderes ist als Familienzwist und daß beide Gruppen, ob von Seipel oder Schober geführt nichts anderes sind als arbeiterfeindliche, antisemitische Organisationen. Alle drei bürgerlichen Parteien haben alles das, was der seit Jahren regierende Bürgerblock versündigt hat, zu verantworten: Schober und Seipel haben "die reaktionäre Verfassungsänderung herbeigeführt, Schober und Seipel haben uns dieses Antiterrorgesetz beschert, sie haben die Möglichkeit der praktischen Aufhebung der Pressefreiheit geschaffen, sie haben durch ihre agrarisch orientierte Handels- und Wirtschaftspolitik die Industrie und den Handel zugrundegerichtet, sie haben den Mieterschutz verschlechtert. Wahltag ist 'Zahltag: wahrlich hätten diesich heute zerfleischenden bürgerlichen Parteien nur diese Taten auf 'dem Kerbholz, hätten sie nicht überdies den Versuch' gemacht, 70.000 Arbeitslosen das Brot zu rauben, hätten sie nicht eine judenfeindliche Personalpolitik getrieben 'und der arbeitshungrigen jüdischen Jugend das Recht auf Arbeit verweigert, auch dann wäre das Maß ihrer Schuld übervoll! Ein besonderes Wort sei nun dem Listenführer Johannes Schober und dem von ihm geführten Wahlblock gewidmet. Schober, der Demokrat und der Judenfreund, mit diesem Schlager wirbt man um jüdische Stimmen. Schober, der Demokrat? Nun, wi'r haben den Schober des 15. und 16. Juli noch nicht vergessen: nicht vergessen die 100 Toten, die Krüppeln, Witwen und Waisen, nicht vergessen: die Verfolgungen, die diesen Tagen gefolgt sind* nicht vergessen jenes Erwin Kieslers, der, an den Geschehnissen unbeteiligt, auf der Straße von einer Kugel ins Rückenmark getroffen wurde, und monatelang im Wasserbett unter wahnsinnigen Schmerzen mit dem Tode rang. Schober, der Judenfreund? Er ist der Führer zweier Parteien, die program m atische Rasse n antisemiten sind, deren, Jugend an der Universität« Jagd auf jüdische Studenten un d Studentinnen veranstaltet. Wahltag ist Zahltag: Hätte Schober auch nichts anderes auf dem1 Gewissen, als den 15. und 16. Juli, und die Tatsache, daß er den jüdischen •Wählern zumutet, aus Liebe zii ihm, ihrer eigenen Schlächtern ihre Stimmen zu geben, auch' dann wäre das JVUß seiner Schuld voll! **■ ■ - Kaum hat der Wahlkampf begonnen, noch' haben wir zionistische Sozialdemokraten nicht angefangen, als Gesamtheit für unsere Partei,, die Sozialdemokratie, in unserer Einflußsphäre zu werben, und schon haben wir einen großen Wahlerfolg, errungen! Unsere langjährige Aufklärungsarbeit hat endlich Früchte getragen: das zionistische Landeskomitee hat endgültig beschlossen, in diesem Wahlkampf keine Liste aufzustellen. Jahrelang haben wir um die Neutralisierung des allgemeinen Zionismus gekämpft; jahrelang haben wir immer wieder die These vertreten, daß eine einheitliche jüdische Kandidatur, eine einheitliche jüdische Landespolitik au der harten Tatsache der sozialen Differenzierung des österreichischen Judentums scheitern müsse. Nunmehr hat sich die Mehrheit der im zionistischen Landeskomitee organisierten Zionisten unserer Ansicht angeschlossen und es wird dem organisierten Zionisten die Wahl unter den demo kratischen Parteien freigegeben. Und wer die soziale Struktur der Wiener Zionistenschaft kennt, weiß, daß dieser Schritt die Eingliederung der zionistischen Wählerg ru p p e i n d i e S o z i a 1 d e m o k r a t i e b e d e u t e t. Also keine jüdische Kandidatur? Wer das nach der Beschlußfassung des zionistischen Parteirates vermeint hat, der kannte Herrn Robert Stricker nicht: eine jüdische Kandidatur muß sein, erklärte Herr Stricker, und läßt sich von seinen radikalen Freunden als Listenführer einer jüdischen Gruppe aufstellen. Es soll hier nicht die Frage aufgeworfen werden, ob das, was zu tun sich die „radikalen Zionisten" anschicken, nicht einen nackten! Diszipleinbruch bedeutet: sie mögen nur in den Wahlkampf eintreten, es wird uns nicht darauf ankommen, ihnen auch diesmal eine Niederlage zu bereiten! Kein Jude, dem die Idee der jüdischen Renaissance und das arbeitende Erez Israel heilig ist, wird Robert Stricker seine Stimme geben: ihm, dessen Wirksamkeit die Zerstörung des österreichischen Zionismus fast gelungen wäre, der es durch seine „Morgenzeitung" bewirkt hat, daß eine tiefe Kluft zwischen Zionismus und Sozialismus entstanden ist, der unter der Maske des radikalen Zionismus die Geschäfte des faschistischen Revisionismus besorgt, dessen Blatt den Gelben von Kfar Saba Beifall gespendet hat! Wahtlag ist Zahltag: und hätte Strickers Tätigkeit nur den einen Erfolg gezeitigt, daß ein Großteil der jüdischen Jugend, sein en Zionismus für den Zionismus haltend, sich von der jüdischen Bewegung abgewendet hat, auch dann wäre das Maß seiner Schuld übervoll! Muß nun diesem Sündenregister a 1 ler bürgerlichen Parteien die positive Leistung der Sozialdemokratie entgegengehalten werden? Muß wirklich' von dem stolzen Gebäude der österreichischen Sozialpolitik gesprochen, daß trotz aller wütenden Angriffe der Feinde unversehrt dasteht? Soll von den Taten und Erfolgen des roten Wien gesprochen werden: von einer Fürsorgepolitik, deren Ergebnisse sich in der stetigen Besserung der Volksgesundheit äußert, von einer Schulpolitik, die den neuen, selbstbewußten, selbsttätigen und dennoch disziplinierten Menschen schafft, von einer Wohnpolitik, die breiten Massen den Weg zur Wohnkultur eröffnet hat, von einer Investitionspolitik, die bewirkt hat, daß die Wirtschaftskrise in Wien bedeutend weniger fühlbar ist als in den übrigen Bundesländern? All das ist uns ja;iinmittelbare Wirklichkeit! Und darum, Genossen und Genossinnen, an die Arbeit! Wir wollen arbeiten, daß auch nicht eine Stimme der jüdischen proletarischen Wähler dem Bürgertum zufalle: nur dann wird der 9. November ein gerechter Zahltag werden! —lz— Die Jugend und der 9. November. Der neunte November, der Tag, an dem das österreichische Volk zur Wahlurne schreiten! wird, er ist nicht nur ein Tag der Entscheidung über die zukünftige Gestaltung des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens in unseifer Republik, er ist ein Tag der Abrechnung mit den politischen Parteien dieses Staates. Nicht nur das Wahlprogramm und die Wahlversprech'ungen sollen in diesem Wahlkampf entscheiden, es gilt vor allem auf Grund der Taten der Vergangenheit das Urteil zu fällen. An1 ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen! Auch die Jugend — ganz gleichgültig, ob sie bereits das Wah'lalter erreicht hat, oder ob sie aufgerufen ist, den! politischen Parteien in diesem schwersten aller Wahlkämpfe wertvolle Wahlhilfe zu leisten — die Jungwähler aber, vor allem werden an die um ihre Stimmen werbenden Parteien die Frage zu richten, haben: Daß ihr in diesem Augenblick euer Herz für uns — die Jugend — entdeckt habt, ist recht schön. Wir aber lassen uns nicht zum Stimmvieh degradieren! Was habt ihr für uns geleistet? Habt ihr unseren Bedürfnissen Rechnung getragen, habt ihr euch' um .uns wenigstens einmal in der abgelaufenen! Legislaturperiode gekümmert und Maßnahmen getroffen, die unseren Lebenskampf zu erleichtern bestimmt waren? Nun denn, die bürgerlichen Parteien haben' sich um die Jugend gekümmert! Zweimal haben sie bewiesen, daß sie der Jugend nicht vergessen, zweimal haben sie den Gesetzgebungsapparat auch1 um der -Jugend willen in Bewegung gesetzt: einmal im Zuge der Verfassungsreform haben sie das Wahlalter heraufgesetzt — dank des Widerstandes der Sozialdemokratie nur um ein Jahr —, das zweitemal mit der .vom aufgelösten Parlament nicht mehr behandelten Regierungsvorlage zur Reform der Arbeitslosenversicherung, in welcher die bürgerlichen Parteien den jugendlichen Arbeitern unter' 18 Jahren' die Arbeitslosenunterstützung zu rauben, die Ansprüche der Jugendlichen bis zum 21. Lebensjahr an die Arbeitslosenversicherung herabzusetzen versuchen! Wollt ihr Genossen und Genossinnen, die Gesinnung ken-' nen lernen, die das Bürgertum bei diesen politischen und .wirtschaftlichen Raubzügen geleitet hat? „Es muß mit den Jugendlichen unter allen Umstän'den aufgeräumt werden. Wir finden es unwürdig, daß der alte und brave Arbeiter dafür schuften' soll, damit das junge Mädel in Kinos, in Theatern und in Bars sich' unterhält", dies sprach Herr Küemann, der Repräsentant des „freiheitlichen" Flügels des Bürgertums. Wahrlich, niemals war die Einheit von Tat und Wort so vollkommen verwirklicht, als in der bürgerlichen Politik der Jugend gegenüber. Diesen bürgerlichen jugendfeindlichen Parteien steht die Sozialdemokratie gegenüber, jene Partei, von der ohne jede Uebertreibung gesagt werden kann, daß die Jugendfürsorge im weitesten Sinne des Wortes das Leitmotiv ihrer Politik war. Muß! daran erinnert werden, daß die Jugend es der Sozialdemokratie zu verdanken hat, wenn sie in Oesterreich1 zum politischen Faktor geworden ist und es nicht nach der Verfassungsreform aufgehört hat zu sein? Habt ihr daran vergessen, daß euer Recht auf Arbeitslosen Unterstützung, die Lehrlingsentschädigimg

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.