Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 19 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2641551-2641599-2641618--363-2642321- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der jüdische Arbeiter Seite 3. der BemeindB Wien Die Gemeinde Wien haftet mit ihrem gesamten Vermögen für alle Einlagen in der Zen- - - - - tralsparkasse - - - - Es lebe der allweltliche Kongreß für das arbeitende jüdische Palästina! Am Samstag, den 27. d. M. wird in: Berlin der Kongreß für das arbeitende jüdische Palästina eröffnet. Es ist nicht notwendig, zu .unseren! Lesern noch' einmal über die Bedeutung des Kongresses zu sprechen, der — wie die letzten1 Nachrichten: feststellen — 200.000 Wäh ler und 4Wäh 1 eri n n en r e p r ä s e n't i e r e n wird. Zweihün'derttaiusencl jüdische Arbeiter und Angestellte haben' sich' zum arbeitenden Palästina bekannt, eine mächtige Kraft; die alle Hindernisse und Schwierigkeiten .unserer Aufbauarbeit überwinden wird! Wir grüßen: den Konigreß aufsherzlichste, möge er :uns um' ein1 großes Stück auf lunserem Wege vorwärtsbringen! Aus der jüdischen Gemeinde. Zwecks Schaffung der Organisation f ü r d i e j üdi s che Wanderf ürsorge i m O es terr eic h.. fand am 8. September eine) von der Zentralkommission für soziale Fürsorge der Wiener Kultusgemeinde einberufene Konferenz statt, 'an der Delegierte aller jüdischen Gemeinden in Oesterreich, ferner Vertreter aus Deutschland (Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge irr Berlin), aus der Tschechoslowakei (Fürsorgezentrale in Prag, Brünn und Lundenburg), Polen und Jugoslawien teilnehmen. Referate erstatteten Dr. Kreuzberger (Jüdische Wanderb'ewegung), Herr Amtsvorstand -Engel (Zweck der Beratungen) und Dr. Blauer (Richtlinien und Aufgabenkreis der Organisation). Nach1 einer ausführlichen. Debatte wurde beschlossen, die Fürsorgezentrale der Wiener Gemeinde als Zentrale für die jüdische Wanderfürsorge in Oesterreich zu konstituieren, der sämtliche jüdischen Gemeinden Oesterreichs angeschlossen werden, eine Kooperation mit den in Betracht kommenden jüdischen Gemeinden und Verbänden1 der an Oesterreich1 angrenzenden Länder angebahnt und der Zusammenschluß der Zentralen für die jüdische Wänderfürsorge in Deutschland der Tschechoslowakei und Oesterreich vollzogen'. . In den nächsten Tagen erscheint unter dem Titel „Mitteilungen der isr. Kultusgemeinde" eine unentgeltlich1 an sämtliche Kultussteuerträger zur Versendung gelangende Informationsschrift über dasf jüdische Fürsorgewesen. Bei allen diesen erfreulichen Maßnahmen handelt es sich 'um Verwirklichung von Forderungen, die unsere Vertreter im Kultusvorständ seit Jahren er- Tob'en haben! Weigerung, Juden anzustellen, an?. Es ist jetzt nicht leicht, die Ursachen dieses Boykotts zu erfahren. Noch vor einigen Jähren haben sich die antisemitischen Arbeitgeber frank und frei zu ihrer Judenfeindschaft bekannt. Seit aber Henry Ford seine antisemitischen Behauptungen (in seinem Buch „Der internationale Jude") vor der Oeffentlichkeit zurückgezogen hat, wagt es kein prominenter Kauf mann, sich zum Antisemitismus zu bekennen. Sie sind, sogar bemüht, ihr Prinzip, keine Juden anzustellen, zu verheimlichen. Sie haben viele jüdische Geschäftsfreunde und wollen daher nicht in den Ruf kommen, . Antisemiten zu sein. Es gibt Firmen, die einen, oder zwei Juden aufnehmen, um so den Beweis dafür bringen' zu können, daß sie nicht antisemitisch sind; es handelt sich da, wie man sieht, einmal ,um „Päradejuden". Im übrigen stellt Braun fest/ daß es auch jüdische Firmen gibt, die nur nichtjüdische Angestellte aufnehmen; darunter gibt es Firmen, deren Chefs Führer jüdischer Organisatoren sind. Auch diese jüdischen Unternehmer stellen ein oder zwei Juden an, um sich' gegen den Vorwurf, sie seien Antisemiten1, schützen zu können. Der Boykott richtet sich am stärksten gegen! die jüdischen Angestellten. Es gibt Unternehmer, die jüdische Arbeiter irt ihre Fabriken aufnehmen, den jüdischen Angestellten aber den Weg in ihre Bureaus versperren. ■' Der Boykott gegen die Juden hat bereits alle Berufskreise erfaßt, er beschränkt sich nicht auf industrielle Unternehmungen. Auch auf den Hochschulen greift er stetig um sich. Es ist kein Geheimnis, daß, der jüdische Mediziner nur sehr schwer in den Spitälern zum Praktizieren zugelassen wird. Es gibt Spitäler, die überhaupt keine Juden zur Praxis zulassen. Andere nehmen nur ein1 paar „Päradejuden" auf. Eine Stelle kann ein Jude nur dann in eime'rn Spital bekommen, wenn qv zehnmal intelligenter und sachkundiger. ist als der nichtjüdische Konkurrent. Ein junger jüdischer Advokat kann nicht ini einer großen nichtjüdischen Advokaturskanzlei unterkommen. Ein Jude erhäLt nur selten eine Berufung an eine Universität. Die höheren Bildungsanstalteni wenden eine ganze Reihe von Mitteln an, um1 auf indirekte Weiise den Numerus clausus praktisch durchzuführen. Man begrenzt zum Beispiel die Aufnahme von Studenten von der East — und meint' damit die Juden. An der medizinischen Fakultät in Newyork waren vor fünf Jahren 40 Prozent Juden; heute studieren dort bloß 10 Prozent Juden. Braun hat sich übrigens nicht begnügt, den ökonomischen Antisemitismus in Amerika zu erforschen: er stellt auch das Vorhandensein eines „gesellschaftlichen" Antisemitismus fest. Die Juden sind von der Anteilnahme an den Klubs, in welchen sich das gesellige Leben in Amerika abspielt, zum größten Teil ausgeschlossen. Aus unserer Weltbewegung. Partei in Lett im letzten Wahlkampf für die Partei bloß 540 Stimmen abgegeben wurden, waren es diesmal 1421,, bloß 20 Stimmen weniger als der Bund, bei der letzten Wahl hatte er doppelt so viel Stimmen! Sq haben wir diesmal in Pinsk drei Mandate erobert. Die Erklärung Gen. Jahrb lums zum Eintritt des Bund in die Internationale,/ Bei der letzten Sitzung der Exekutive der soziä^ listischen Internationale gab Gen. Jahrblum zum Beschluß des Bund, der SI. beizutreten, die folgende Erklärung ab: „...Wir begrüßen den Beschluß des Bund aus zwei Gründen. Erstens werten wir ihm als einen großen moralischen Erfolg der sozialistischen Internationale auf der jüdischem Gasse. Man muß die traurige ökonomische und politische Lage der jüdischen Arbeiterschaft im Osten, selbst dort, wo sie politisch gleichberechtigt ist, kennen, um es zu verstehen, warum die bolschewistische Demagogie einen solchen Einfluß auf die jüdische Gasse gewinnen konnte. Wir Poale-Zionisten waren dort die einzigen', die mutig für die Idee der sozialistischen Internationale gekämpft haben. Uns haben alle ohne Ausnahme bekämpft: die Kommunisten, ünsere ehemaligen Parteigenossen, die zum Bolschewismus übergegangen sind, und schließlich auch der Bund, der für das Pariser Bureau und gegen unsere Internationale war.;Unsere Propaganda hat aber Erfolge gezeitigt. Die Demagogie hat zu wirken aufgehört. Wir haben!, die Zahl unserer Anhänger vergrößert, die Anhänger der sozialistischen Internationale im Bund habenl in ihrer Umgebung gearbeitet, der Erfolg unserer Arbeit ist da. Der Bund ist der sozialistischen: Internationale beigetreten. Der Kampf gegen die bolschewistische Demagogie wird' mit verstärkter Energie geführt werden, das ist der Erfolg der sozialistischem Internationale! Und nun zum zweiten Punkt! Der Gegensatz zwischen den beiden Tendenzen des jüdischem Sozialismus — der zionistischen tind bundistischen — besteht nicht seit heute. Er besteht schon' seit fast 25 Jahren, und ich mache mir in dieser Richtung keine Illusionen. Dieser Gegensatz wird auch weiter bestehen. Ich habe aber zü dem Milieu unserer Internationale Vertrauen, und ich1 hoffe,' daß der Kampf zwischen den beiden Richtungen geführt werden wird im Geiste der Toleranz, der gegenseitigen: Achtung, entsprechend dem 'Geiste, der die gegenseitigen Beziehungen der unserer Internationale angeschlossenen Parteien erfüllt. Es wird noch ein weites Feld gemeinsamer Arbeit für beide Parteiert zusammen mit der polnischem Partei, übrigbleiben, und im diesem Sinne begrüße ich den Beschluß-des Bund aufs herzlichste!"! Zur Frage des Eintrittes des Bund sprachen noch die Genossen Renaudel (Frankreich) und Niedzalovski (Polen). Der Wirtschaf tsantisemitismus in Amerika. Kürzlich ist in Newyork von dem bekannten nichtjüdischen amerikanischen Journalisten' Jeywood Braun, ein Buch mit dem eigenartigen Titel „Christians only", dv h. auf deutsch „Nur Christen", erschienen. In diesem Buche stellt sich Braun die Aufgabe, aufzuzeigen, in welchem Maße der Aritisemiismus bereits in das gesellschaftliche Leben in Amerika eingedrungen;ist. - In dem letzten 10 Jahren hat sich der Boykott gegen die jüdischem Angestellten sehr, verstärkt. Wenn man jetzt die Arbeitsangebote irt' den großen amerikanischen Blättern durchsieht, trifft-man; immer wieder auf die Bedingung: „nur. für Christen". Manche Annoncen verlangen vom Arbeitsuchenden das1 Becenntnis, zur 'katholischen [oder presbiteriainisch'ert Kirche. Die meisten Anzeigen offener Stellen enthalten den indirekten Hinweis, daß sich Juden] nicht melden mögen, weil sie nicht aufgenommen werden. Welche Gründe geben die Unternehmer für ihre B e r a t u. n g der z i 'o 'n'. - s o z land. '* Ende vorigen Monats fand inj Riga die Beratung der lettländischeni zion,-soz. Partei statt. Es nahmen an der Konferenz Delegierte der Organisationem in Riga und in der Provinzi und die Führer der zion.-soz. Jugend teil. Hauptsächlichst hat sich die Konferenz mit den Organisationellen Fragen beschäftigt. Alle Delegierten wiesen darauf hin'/ daß noch niemals eine so günstige Gelegenheit für eine .weitverzweigte zionistisch-sozialistische Tätigkeit bestand1, wie im gegenwärtigen Augenblick. Die zionistisch-sozialistische Idee findet immer mehr Anhänger unter der arbeitendem jüdischem Bevölkerung Lettlands. Die Partei verfügt über einen Kader tüchtiger Genossen und revolutionärer, arbeitswilliger Jugendlichem; diese Tatsache muß aber ohne Wirkungbleiben, wenn! die Partei keinen gut funktionierenden Apparat besitzt. Und wirklich entspricht die Aktivität der Partei! nicht den gegebenen Möglichkeiten. Es wurden auch die Vorbereitungsarbeiten zum Zionistenkongreß und den! Berliner Kongreß beraten. Sehr ausführlieh1 wurde auch die Frage des Ichud in Lettland behandelt. Der Parteitag 'hat fast einsitmmig (mit einer Stimme dagegen) die bisherigen Verhandlungen des Zentralkomitees wegen der Ichudfrage bestätigt. . Das Zentralkomitee hat alles getan, um die Vereinigung mit der Hitachdut herbeizuführen,;und wir können nunmehr nur die Antwort der Hitachdut erwarten, Die-Vereinigungsplattsform, welche das Zentralkomitee der Hitachdut vorgelegt hat,, stellt die einzig' mögliche Vereinigungsgrundlage dar, und der Parteitag lehnte jede Vereinigung ab, die den sozialistischen Inhalt unserer Parteiarbeit vermindern könnte, Es wurden auch die entsprechenden Resolutionen über unsere .nächsten Aufgaben angenommen. Es wurde auch der Beschluß gefaßt, die vollständige Vereinigung nicht abzuwarten, sondern auf die Konzentration aller zionistisch-sozialistischen Kräfte Um Lande in unserer Partei hinzuarbeiten. Es wurde auch über unsere Jugendarbeit im der Chaluzbewegung und im der Borochovjirgend beraten. Das Zentralkomitee wurde reorganisiert und dem gewählten Genossen' Direktiven für ihre Weiterarbeit mitgegeben. Der Wahlsieg unserer Bruderpartei in Pinsk. Nach einem sehr schweren Kampfe ist es unserer Bruderpartei in Pinsk (Polen) gelungen,, die Gemeindewahl zu einem Erfolg für sich zu gestaltem. Während Der Roman vom jüdischen Minderwertigkeitsgefühl. Die Lehre Alfred Adlers hat' nus das soziale Moment, die Stellung des Einzelnen im der, engeren und weiteren Umwelt als entscheidend für die Entwicklung des Seelenlebens aufgezeigt. Sie hat nachgewiesen, daß in unserer Gesellschaft, welche eine Gesellschaft der ungerechten Rangordnungem ist, in . unserer Kultur, welche eine Kultur des Individualismus und der Entwertung der einem zugunsten der anderen ist, die häufigste Ursache aller seelischen Schwierigkeiten und Leiden in einem tiefem! und überreizten Minderwertigkeitsgefühl liegt. In einer Unzahl von Situationen ist der Mensch1 diesem' nervösem Minderwertigkeitsgefühl ausgesetzt, das ihn mutlos macht und ihn der Wirklichkeit entfremdet: als Kind im Rahmen der konservativen Erziehung, als Frau im Rahmen der Männerherrschäft, als Proletarier im Rahmen des Kapitalismus lumd schließlich! als Angehöriger unterdrückter- 'und verfolgter Völker und Rassen. In seinem Roman „Das "Erbe im' Blut" (Paul List-Verlag, Leipzig), behandelt Ludwig Lewisohn dieses seelische Rassenproblem, behandelt erschöpfend und doch1 resultatlos die Frage des jüdischem Minderwertigkeitsgefühl.. Er erzählt die Geschichte einer jüdischem Familie, skizziert die Schicksale mehrerer Mitglieder im Polen und Deutschland und verweilt schließlich mit einer Art vom melancholischer Gründlichkeit bei den äußeren und innerem Erlebnissen ihres amerikanischen Abkömmlings, des Arztes und Psychologen Artur Levy. Unter, den geschilderten Typen heben sich deutlich zwei verschiedene Arten hervor: die Alltäglichen, Phlegmatischen, die mit Kompromissen zwischen Tradition und Assimilation, mit einem Leben der Geduld1, der List, der verblaßtem Frömmigkeit und geschäftlichen Betriebsamkeit die jüdische Minderwertigkeitspositiom zu erleichtern versuchen und die anderen, die geistig Glühenden, die Unbedingten, welche das Judentum leidenschaftlich verneinen. Drei von ihnen sind1 durch eine starke nrid rassige Familienähnlichkeit besonders gekennzeichnet und miteinander» verbunden. In der polnischem Gene* ration/die Stammesmutter Braine, eine Frau von romantischer Frömmigkeit, die ihr Lebern nach alter Tradition in Palästina beschließt. In der. deutschem Gemeration der getaufte Justizrat Burghammer, der die Assimilation entschlossen auf die Spitze treibt