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Der Jüdische Arbeiter · 1930-09-12 · Heft 18 (12.9.1930) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 18 (12.9.1930)
Date
1930-09-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. De* jüdische Arbeiter Vorkämpfer "der Verständigung zwischen Arabern und 'Juden — Ruppin ist Mitbegründer des Brith Schalom — und darum wollen wir der Machteinbuße der Arbeiterschaft nicht allzu großes Gewicht beilegen. Aber ein es möchten wir wünschen: daß sich die bürgerlichen Gruppen im Zionismus nun einmal als ebenso sachlich eingestellt zeigen mögen, wie die Arbeiterfraktion es auch diesmal war. —Z— Zur Frage des Irgun meschutav. ii. Bei 1 i Iis o h n s E n tgegn u ng. Beilinsohn wendet sich vor allern gegen die Thesen Hugo Bergmanns, daß eä unmöglich sei, eine autonome, auf dem arabischen Lebensstandard und den arabischen Löhnenaufgebaute arabische Gewerkschaftsbewegung zu schaffen, daß: die Absonderung der arabischen Arbeiter gleichbedeutend sein wird mit dem Kampf der arabischen' Arbeiterorganisation •gegen die jüdische. Beilinsohn sieht in diesen Thesen den Ausdruck einer unhistorischen und utopistisch'en Auffassung der sozialen und ökonomischen Entwicklung. „Die Unterschiede in der Lebenshaltung zwischen Arabern und Juden sind historische Tatsachen, sie sind die wichtigsten Hindernisse der Einigung der beiden Völker, sie sind aber nur auf geschichtlichem Wege zu bewältigen. Keine künstlichen Mittel werden hier helfen. Die jüdische Kolonisation und die jüdische Arbeiterbewegung können den Prozeß: der Angleichung des Lebensstandards fördern, aber eben nur fördern. Der Prozeß, ist organisch, langsam. So lange das Lebensniveau des arabischen Arbeiters dasjenige des jüdischen nicht erreicht hat, kann man die arabischen' Arbeiterorganisationen auf der Basis des arabischen Lebens aufbauen. Der Zweck der Organisation ist die Aenderung der arabischen Lebensbedingungen — dieses Ziel wird keine Deklaration verwirklichen. Wenn wir die arabischen Organisationen auf den jüdischen Lebensbedingungen aufbauen wer-!den, werden sie keinen Bestand haben. Die Angleichiing der Lebensbedingungen kann nur das Ergebnis .wirtschaftlicher, kultureller politischer und sozhiler Wanldlungen — eines langwierigen Prozesses sein. Gegen die Forderung Bergmanns, daß sich die von ihm geforderte, einheitliche, national undifferenzierte arabisch-jüdische Organisation jeder Politik enthalten, un;d nur wirtschaftliche Ziele zu verfolgen habe, wendet Beilinsohn ein, daßiaucli dies eine blanke Utopie sei: Nirgends besteht eine rein wirtschaftliche Arbeiterbewegung; wo dies der Fall' ist, ist siei auf einer gewaltsamen oder ideologischen Verfälschung aufgebaut (Italien, Amerika). Ahe Versuche, die Arbeiterschaft rein wirtschaftlich1 zu organisieren, schlugen fehl. Die Arbeiter verzichten niemals auf politische Betätigung ihrer wirtschaftlichen Organisationen und können auf sie nicht verzichten. So wird es auch in Plästina mit seinen komplizierten Problemen sein. Der jüdische Arbeiter betrachtet seine Klassenorganisation nicht bloß als ein ökonomisches Werkzeug, und zwar deshalb, weil es die politischen, nationalen und sozialen Ziele, um derentwillen er hier lebt, so verlangen. Kamen wir denn nach' Erez Israel, um zu einem höheren Lohn und eine begrenzte Arbeitszeit hindurch zu arbeiten? Die. Auffassung, als ob' sich die wirtschaftliche un'd politische Arbeit der jüdischen Arbeiterschaft trennen ließe, ist wirklichkeitsfremd. Es ist unmöglich, zu sagen: „Hier arbeite ich' als Arbeiter, dort als. Zionist". Unsere gesamte Arbeit, in der Gewerkschaft, in der Konsumgenossenschaft, in!der Kwuzah mnd in der Kolonie, in1 der Fabrik, in der Kulturorganisation — sie hat kein anderes 'Ziel als die Verwirklichung des Zionismus. Die Forderung einer unpolitischen Organisation ist nicht nur den jüdischen Arbeitern gegenüber utopisch: ihre Verwirklichung würde auch die Entwicklung der Ablösung der arabischen Arbeiterklasse von der Führung durch ihre Ausbeuter verhindern. Beilinsohn bejaht die Forderung Bergmanns, daß die gemeinsame Organisation die jüdischen und arabischen Arbeiter ihren nationalen Zielen! nicht entfremden dürfe: „wenn wir von der gemeinsamen Organisation sprechen, so denken wir nicht daran, die zionistische Organisation oder die Kneset Israel (die öffentlich-rechtliche Organisation des palästinensischen Ifu'dentums, die Red.) zu verlassen,, und dieses Recht ■haben natürlich auch' die arabischen1 Arbeiter. Aber daraus folgt nicht — wie Flugo Bergmann meint —, 'daß die gemeinsame Organisation nicht das Ziel habe, in1 das arabische Lager politischen1 Kampf h'ereinzu- .tragen. Der jüdische Arbeiter führt — wenn', seine {Vertrauensmänner auch in der Leitung der Agency und im Wa'd Leumi Funktionen] übernommen haben' .— diesen politischen Klassenkampf innerhalb seines Volkes, er ist nicht das Werkzeug des jüdischen Bürgertums. Er hat sich vom' 3ürgertum politisch1 und geistig losgelöst, er sucht es auch wirtschaftlich! zu tun, warum'soll er dies nicht auch von seinem arabischen Genossen fordern, und ihm bei diesem Emanzipationsprozeßi nicht. helfen?" Im übrigen! weist Beilinsohn Bergmanns Verallgemeinerungen zurück: nicht 'mit jeder bürgerlichen Gruppe darf das Proletariat 'koalieren: mit Stresemänn z. B. ja, mit Hitler nicht! ■Das zionistische Bürgertum wäre mit der arabischen Feüdalität nur dann auf eine Stufe zu stellen, wenn es Pogrome auf Araber, veranstaltet hätte; dann dürften Sozialisten und bürgerliche Zionisten nicht in einer Organisation vereinigt sein. Hugo Bergmann leugnet den feudalen Charakter der arabischen Politik, sie verfolgt nach seiner Ansicht progressive Ziele: solche sind die; Forderungen nach einer Wuchergesetzgebung, nach Errichtung einer Agrarbank etc. Beilinsohn sieht in dieser Meinung Bergmanns den Ausdruck großer politischer Naivität. Statt die Wirklichkeit zu analysieren,, statt die soziale Struktur der arabischen Bewegung zu untersuchen, statt die praktischen Taten ihren Führer zu betrachten, nimmt Bergmann die Schlagworte der Führer ernst: es kommt oft vor, daß Parteien aus taktischen, agitatorischen Gründen, politische Ziele zu haben vorgeben, die ihrem Wesen fremd sind, und es' ist naiv zu glauben, daß sich aus taktischen Gründen das Wesen einer Bewegung ändern könne. Die russischen Kommunisten haben die Regierung Kerensky mit den •Schlagworten: „für die konstitutionelle Nationalversammlung, gegen die Todesstrafe" bekämpft, nachdem sie aber die Macht ergriffen haben, jagten» sie die Nationalversammlung auseinander und machten von der Todesstrafe Gebrauch, wie dies nicht einmal unter dem Zar der Fall war.; Als Mussolini den Kampf um die Macht führte, stand in seinen Zeitungen in großen Lettern: geschrieben: „Wenn wir zur Herrschaft kommen, werden wir die Ketten des Finanzkapitals brechen, werden wir das Eigentum an den' Fabriken an die Gewerkschaften übertragen". Jetzt, da Mussolini die Gewalt innehat, sind die Bankiers seine Verbündeten. Die Führer der Araber proklamieren heute den Schutz der Fellachen, um die Herzen der Massen zu erobern, um üen Gegnern desi Zionismus Argumente zu liefern — aber ihr innerstes Wesen werden sie nicht verändern, aus ihrer Haut können sie nicht heraus, .und1 sie werden sich, alle Mühe geben, das Schlagwfort vom Schutz des Fellachen Lügen, zu strafen!' Nach Bergmanns Ansicht soll aucH die- Alijahforderung außerhalb des Wirkungskreises der gemeinsamen Organisation fallen, und zwar, bis die Araber ihre Gegnerschaft gegen die jüdische! Einwanderung aufgegeben haben. Aber — fragt Beilinsohn — wie erreichen wir dieses Ziel? Vielleicht so, daß wir von der Alijah schweigen, unser Streben nach ihr verbergen, uns den Arabern ---- sie so betrügend — nähern? Können sich die arabischen Arbeiter mit der Alijah anders befreunden, als wenn wir sie bei jeder Gelegenheit von der segensreichen Wirkung der jüdischen Einwanderung auf das Land zu überzeugen suchen? Und darüber hinaus: Ist es möglich, daß der jüdische Arbeiter, den sich in der gemeinsamen Organisation um die jüdische Einwanderung nicht kümmert, außerhalb ihrer sie fordert? Ist das der Weg zur Schaffung einer Gemeinschaft zwischen den beiden Völkern? Schließlich wirft Beilinsohn die Frage auf: wohin führen Bergmanns Vorschläge? Seine Antwort lautet: zum Verzicht auf die Alijah, zur Aufhebung des Zusammenhanges zwischen dem Jischub und den Massen im Galut, zum Pejruk ha Mifaf, zur Zerstörung unseres Werkes! Der allweltliche arbeitende Zum allweltlichen Kongreß für das arbeitende Palästina. Wir haben es wohl alle schon oft und1 oft erfahren, daß die Menschen nur zu sehr geneigt sind, Ereignisse, an welchen sie, sei es mittelbar, sei <es unmittelbar, in irgendeiner Form beteiligt sind, zu überschätzen, ihre Bedeutung für die Entwicklung einer Klasse, eines Volkes oder gar der Menschheit zu jübertreiben. Wenn wir uns heute über die Bedeutung des vom 27. bis 30. September in {Berlin tagenden allweltlichen Kongreß für das arbeitende Palästina klar werden wollen, so warnt uns jene Erkenntnis vor Ueberschätzung und Uebertreibüng! Und trotzdem: bei aller Zurückhaltung, bei aller gebotenen Nüchternheit, zu der wir schon deshalb verpflichtet sind, damit wir nicht eine arb'eitsläh'mende Enttäuschung erfahren — trotz aller Bemühung auch hier, wo es uns tun eine Herzenssache geht, jti'en Weg objektiver Betrachtung/ nicht zu verlassen, dürfen wir es wagen, auszusprechen: der Kongreß für das arbeitende Palästina ist für die Geschichte vder auf Palästina gerichteten jüdischen Arbeiterbewegung, ist für den' zionistischen Sozialismus, ist für den Zionismus ein Ereignis von entscheidenden und grundlegender Bedeutung. Diese Bedeutung des Kongresses beruht nicht auf der Teilnahme der bedeutendsten Führer der jüdischen Arbeiterschaft und des internationalen Sozialismus, sie leitet sich überhaupt nicht aus der persönlichen Sphäre her, sie ist begründet in der geschichtlichen Entwicklung der Bewegung für das jüdische arbeitende Palästina, in der Evolution des zionistischen Sozialismus vom Stadium einer Partei zu einer breiten, den Osten und Westen) jüdischer Siedlung umfassenden Massenbewegung. Der Kongreß' für das arbeitende Palästina bildet den Abschluß', die Krönung der Epoche der Sammlung, der Zusammenfassung, er kamt eine Epoche fruchtbarster Arbeit für das zionistisch-sozialistische Siediungswerk in Palästina eröffnen, darin liegt seine entscheidende Bedeutung! Die grundlegende Wandlung, die die soziale Entwicklung; innerhalb des jüdischen Volkes, die die Geschehnisse des letzten Jahrzehnts innerhalb des zionistischen Zionismus gezeitigt haben, sie zum Ausdruck zu bringen, das ist die erste und' 'nicht unwichtigste Aufgabe des Kongresses. Der zionistische Sozialismus ist keine Bewegung von heute oder gestern: schon seit Jahrzehntenhaben jüdische Arbeiter und Angestellte, hat jüdische Jugend des Ostens erkannt, daß es gilt, innerhalb des Zionismus für die sozialen Interessen des jüdischen Proletariats im Galut und in Palästina zu kämpfen, daßi nur die sozialistischen, gemeinwirtschaftlich'en Aufbauprinzipien das Gelingen des nationalen! Aufbauwerkes^ in Palästina ermöglichen, daß kapitalistische Kolonisation nie und nimmer den Arbeitshünger jüdischer Massen befriedigen kann, schon seit Jahrzehnten kämpft die Poale Zion ihren Kampf für das arbeitende Palästina. In zweifacher Hinsicht nun hat die Nachkriegszeit da Wandel geschaffen: heute ist die Erkenntnis der Notwendigkeit einer proletarischen: Sonderaktion nicht mehr das Monopol einer Partei, heute ist aber auch die Idee des zionistischen Sozialismus nicht mehr eine Angelegenheit ausschließlich der ostjüdischen Massen, die westjüdische Jugend in ihren besten Teilen bekennt sich zu der Idee des Kongreß für das Palästina. Arbeiterzionismus. Zwei Grundkräfte waren es, die diese geschichtliche Umwälzung herbeigeführt haben: vor allem die wachsende soziale) Differenzierung innerhalb des jüdischen Volkes, dann aber auch' die neuen Arbeits- und Verwirklichungsbedingiingen des Zionismus; der Zionismus hat aufgehört, ausschließlich1 eine Angelegenheit der Propaganda, der ideologischen Auseinandersetzung zu sein, er trat in das Stadium der Verwirklichung. In dieser Epoche der Verwirklichung mußte sich die soziale Differenzierung Geltung verschaffen, mußte es den breiten jüdischen Massen, der zionistischen Jugend bewußt werden, daß die zionistische Idee kein uns von einer gütigen Vorsehung gemachtes Geschenk ist, daß alle Schichten und Klassen des Zionismus bemüht sind, ihm das Gepräge ihrer sozialen Interessen zu verleihen iiind daß es unsere Aufgabe, die Aufgabe der jüdischen Sozialisten sein muß, innerhalb der zionistischen Bewegung für die Lebensinteressen der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina zu kämpfen. Diese Grundtatsachen, sie haben den Nährboden für die Entstehung der Bewegung für das arbeitende Palästina gebildet, die ihren organisatorischen Ausdruck in den überparteilichen, föderativen Ligen für das arbeitende Palästina gefunden hat, deren allweltliche Zusammenfassung zu den Hauptaufgaben unseres Kongresses gehören wird. Diese Zusammenfassung wird die Arbeit der einzelnen Ligen unendlich verstärken, sie wird die.Schlagkraft unserer Bewegung vervielfachen! Und' wann, wenn nicht jetzt ist die Stärkung unserer Bewegung Gebot der Stunde, dringlichste Aufgabe d'erer, die sich zum proletarischen. Zionismus bekennen? Fleute, nach einem Jahre schwerster, Schläge für unsere Bewegung? Nicht als ob das Jahr, das den uns niederschmetternden blutigen1 Ereignissen im Lande gefolgt ist, ein Jahr des Stillstandes unseres Aufbauwerkes gewesen wäre! Nein, diejenigen1 unserer Feinde von Rechts und Links, die da im August 1929 gejubelt haben, nun sei es mit dem Zionismus zu Ende, sie haben sich gründlich geirrt. Wir dürfen in aller Ruhe allen jenen, die infolge ihres schlechten Gewissens so überlaut dem Zionismus: das Totenlied gesungen, in Zahlen faßbare Tatsachen entgegenhalten und auch unseren Willen wird es .stärken, wenn wir uns der Fortschritte unserer praktischen Arbeit in Palästina bewußt werden: Vom September 1929 bis März 1930 sind 5000 Juden, davon 3915 Chaluzim, ins Land eingewandert, von welch letzteren sich 80 Prozent in die Landwirtschaft eingegliedert haben. Der Jüdische Nationalfonds — jene sozialste Schöpfung des Zionismus — hat in diesem Zeitraum 15.000 Dunam speziell für Arbeitersiedlungen zur Verfügung gestellt. Es sind in diesem schicksalsschweren Jahre eine Reihe neuer Arbeitersiedlungen in Tel-Aviv, in Haifa entstanden, die Schchunat Borochov wurde vergrößert, die zerstörten Siedlungen des Gdud und der Frauenkwuzah in1 Jerusalem sind wiederaufgebaut worden. In dieses Jahr fällt die Baubewegung in Jerusalem, Haifa undl Tel-Aviv, in diesem Jahre wurde der jüdische nationale Besitz um die großartigen Gebäude der jüdischen Nationalbibliothek und des Nationalfonds bereichert. Die gemeinwirtschaftlichen Institutionen der jüdischen Arbeiterschaft haben sich in der Periode nach den blutigen Ereignissen außerordentlich entwickelt: der Jechin hat um 500 Dunam mehr bearbeitet als im vorigen Jahre, die

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