Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 17 (1.9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2641551-2641599-2641616--353-2642309- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 2× ep/1047930
OCR text
Der jüdische Arbeiter Seite 3; Für jeden Sparer die 1EIUINUII der Gneiniie Wie« L WipplinaersIrsBe II Die Gemeinde Wien haftet mit ihrem gesamten Vermögen für alle Einlagen in der Zen- - - - - tralsparkasse Genosse Saborsky über die Produktivgenossenschaften in Palästina. ' Genosse Sabarsky hatte trotz seines Zeitmangels die Freundlichkeit, unserem Mitarbeiter folgende Angaben, über die städtischen Produktivgenossensch aften zur Verfügung zu stellen: „'Anfangs 1930 gab es im Lande. 42 Genossenschaften, die über 700 Arbeiten beschäftigten, deren 'Bilanzsumme 82.000 L. P. betrug, die einen! Umsatz von 169.050 L. P. erzielten und deren Eigenkapital 38.000 L. P. erreichte. Die notwendigem Kredite erhalten (die Genossenschaften von defl Arbeiterbank und von der Zentralbank für genossenschaftliche Institutionen. Die Kredite dieser Institutionen sind kurzfristig, währen'd der neugeschaffene Keren h'a1 Kooperativa 'die Genossenschaften mit langfristigen Krediten! versorgt. Die Leitung dieses Fonds setzt sich' aus Vertretern 'd'er Arbeiterbank, der Histädrut und1 der Zentralbank für genoss. Institutionen zusammen. Die Genossenschaften sind im „Merkäs .lekooperativim" organisiert, der auch als Revisionsverbandifungiert. Den Zweigen nach teilen sich die Genossenschaften in! folgende Gruppen: Transport (10), Metallgewerbe (8), Holzindustrie (3), Installation (4), Bekleidung .(3), Druckereigewerbe (2), Restaurants (5), Baumaterialien (5). Die Genossenschaften im Transportgewerbö stehen an erster Stelle, sie umfassen mehr als 41 Prozent aller Beschäftigten' und verfügen über 51 Prozent des gesamten Eigenkapitals der Produktivgenossenschaften. Die günstigen Wirkungen d'er genossenschaftlichen Organisation kann man auch am besten im Transportgewerbe erkennen. Die Arbeiter, die einander vorher durch h'arten Konkurrenzkampf wirtschaftlich .und physisch1 schwer schädigten, die eine unbegrenzte Arbeitszeit hatten, erwarben sich dank der Genossenschaft mehr oder weniger normale Arbeitsbedingungen. Es ist hervorzuheben, daß der Existenzkampf der Transportgenossenschaf.ten dadurch erschwert wird, daß die Regierung! Palästinas die an möglichst hohen Einnahmen der Eisenbärini interessiert ist, den Kampf gegen das Auto (hohe Lizenzgebühren, hoher Zoll auf Brennstoffe) eröffnet bat. Auch' in arideren Zweigen war die genossenschaftliche Form 'der Zusammenfassung der Kräfte die einzige Mögllichkeit, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Im übrigen stellen die Genossenschaften auch Stützpunkte der gewerkschaftlichen Fachvereine dar. Die letzte Landeskonferenz der Genossenschaften hat wesentliche Statutenänderungen vorgenommen. So wurde festgesetzt, daß jeder Arbeiter, der mehr als 12 Monate in der Genossenschaft arbeitet, atomatisch ihr Mitglied wird: Jeder Arbeiter, der mehr als 6 Monate in 'der Genossenschaft arbeitet, wird am Reingewinn beteiligt. Ebenso wurde im den Statuten das Kontrollrecht d'er Chevrat Haovdim (Histädrut als juristische Körperschaft) in allen genossenschaftlichen Angelegenheiten verankert, gleichfalls auch1 ihr, Vetorecht gegen Beschlüsse, die genossenschaftliche Prinzipien oder 'die Statuten der Chevrat ovdim verletzen." lieber diese Darstellung hinaus hat uns Genosse Sabarsky einige uns besonders interessierende; Informationen gegeben. Wir fragten Gen. Sabarsky, ob es unter der arabischen Bevölkerung eine Genossenschaftsbewegung gebe. Er verneinte die Frage. Allerdings hat die Regierung -einen ehemals in Indien! tätigen Beamten' (Strikland) beauftragt, unter der arabischen Bevölkerung mit Regierungsgeldern eine Genossenschaftsbewegung zu schaffen. Genosse Sabarsky. steht diesem widerspruchsvollen Beginnen, die Selbsthilfe mit Staatshilfe zui organisieren, skeptisch gegenüber. An 'der jüdischen1 Genossenschaftsbewegung nehmen die 'arabischen Arbeiter im allgemeinen nicht teilt. Eine Ausnahme bilden 'da bloß; die Kreditgenossenschaften, und zwar in Tel-Aviv, Haifa und Jerusalem; diese zahlen auch Araber zu Mitgliedern. Was die Frage der Streikhilfe seitens der Genossenschaften anbelangt, so findet eine solche in Formen statt, die sich der öffentlichen Kontrolle entziehen, und aus taktischen Gründen entziehen müssen. Wir danken Gen. Sabarsky auch an dieser Stelle für sein bereitwilliges Entgegenkommen! Genosse Saborsky am internationalen Genossenschaftskongreß. Der palästinensische Delegierte am internationalen Genossenschaftsköngreß, Gen. Sabarsky hat in der Debatte zum Bericht des Vorstandes das Wort ergriffen. Er führte im wesentlichen folgendes aus: Wenn auch die Entwicklung des internationalen Ge- 'nossenschaftsb'undes anerkannt werden muß, seine praktische Tätigkeit entspricht nicht seiner Größe. Die Berichte der internationalen genossenschaftlichen Bankbrganisation, Versicherungs- und Großeinkaufsgesellschaft sind sehr mager. So muß z. B. festgestellt werden, daß bisher nicht nur) keine internationale Bank geschaffen wurde, vielmehr es auch1 um die Korresporidenzverbindurig zwischen den nationalen genoss. Bankorganisationen schlecht bestellt ist. Weiters ist festzustellen, daß;, trotzdem der Genossenschaftsburid zur überwiegenden Mehrheit aus Proletariern besteht, im Bericht kein Wort über die Beziehungen zur sozialistischen;un'd gewerkschaftlichen Internationale steht. Schließlich hat Gen. Sabarsky darauf hingewiesen, daß sich das Organisationsgebiet des Genossenschaftsb'urides riur auf Ost- und Westeuropa beschränkt; der nahe Orient vor allem ist eine genossenschaftliche Wüste, Palästina mit seiner entwickelten Genossenschaftsbewegung bildet da die einzige Ausnahme. Der internationale Genossenschaftsbund1 sollte dort die Initiative ergreifen, und die Voraussetzungen! zur Entstehung einer Genossenschaftsbewegung schaffen! Zur Frage des Irgun meschutav* Das Problem der gemeinsamen Organisation de» jüdischen und arabischen Arbeiter steht im Zentrum der Diskussion innerhalb der jüdischen Arbeiterbewegung in Palästina. Wir halten es für unsere Pflicht, unsere Leser über diese lebenswichtige Frage genau zu informieren. Wir bringen im folgenden Aeußerungen Hugo Bergmans, des Vertreters des Brit-Schalom und Beilinsohns, der den Standpunkt der Histädrut vertritt. Die Red. Hugo Bergmann: 1. Die Notwendigkeit der gemeinsamen Organisation der jüdischen und arabischen Arbeiter ist so klar, daß es keiner weiteren Erörterungen bedarf. «Es ist dies keine platonische Erfüllung der gebotenen Klassensolidarität, sondern vielmehr eine Lebensfrage (Ben Gurion).» Und vor kurzem schrieb Chawer Sirini im «Dawar»: «Der jüdische und der arabische Arbeiter sind auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden. Der jüdische Arbeiter wird nicht acht Stunden täglich arbeiten, solange der arabische zehn bis zwölf Stunden arbeitet, der jüdische Arbeiter wird nicht 300 Mill Tageslohn annehmen, solange der arabische einen solchen von 150 MÜ hat. Unklar ist es nur, warum die Histadruth während ihres neunjährigen Bestandes an ihre Pflicht — eine Pflicht dem jüdischen Arbeiter gegenüber —, den arabischen Arbeiter zu organisieren, nicht herangetreten ist. 2. Die letzte Konferenz der Histadruth (Sommer 5687) beschloß, daß «die gemeinsame Tätigkeit der jüdischen und arabischen Arbeiter auf Basis zweier autonomer, nationaler Organisationen, die eine Allianz zu schließen hätten, zu beruhen habe! Die Tatsachen haben den Irrtum dieses Beschlusses erwiesen. Die autonome arabische Organisation wurde nicht errichtet, dagegen vernachlässigte die Histadruth ihre Pflichten gegenüber dem arabischen Arbeiter und die Ideologie von Kibusch Haawodah (Eroberung der Arbeit) und awodah Iwrit (jüdische Arbeit) machte eine Verständigung der Arbeiter beider Nationen unmöglich. Die nach den Ereignissen zusammengetretene arabische Arbeiterkonferenz in Haifa nahm eine ausgesprochen antijüdische Haltung ein. Eine arabische Arbeiterorganisation, die auf der gegenwärtigen arabischen Lage aufgebaut ist: bedeutet: Kampf derselben gegen die jüdische Organisation, Haß des billigen Arbeiters gegen den bevorzugten, nationaler und sozialer Kampf im Arbeiterlager des Landes. 3. Nur gemeinsame Organisation kann das Problem lösen. Was ist nun die Basis derselben? Diese kann nur eine ökonomische sein, jede Einbeziehung politischer Momenteist unzulässig. Arbeiter des gleichen Faches vereinigen sich zur Verbesserung ihrer Arbeitslage auf rein ökonomischer Grundlage. 4. Daher kann ich der Ansicht, man müsse die gewerkschaftliche Organisierung des arabischen Arbeiters dazu benützen, den politischen Kampf in das arabische Lager selbst hineinzutragen, nicht zustimmen, wie Chawer Erem meint. Im «Dawar» schreibt er: «Gemeinsame Organisation — dies bedeutet vor allem Durchbrechung der stärksten Front, die gegen Alijah und jüdischen Aibeiteraufbau sicji wendet. Die Alijah ist heute keine ökonomische oder Klassenangelegenheit, sondern eine nationale, da ja eines der im Land wohnhaften Völker sie fordert, um seine Macht zu steigern, während das andere aus Furcht vor dem Wachsen jenes gegen eine Einwanderung ist. Die gemeinsame Organisierung als Mittel zur Verwirklichung der nationalen Bestrebungen eines Volkes zu benützen, bedeutet von vornhinein Sabotage der* selben. Erem wird mir erwidern: die Alijah verbessert die Lage des arabischen Arbeiters, erhöht seinen Lohn usw. Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache bestehen, daß die jüdische Einwanderung die politische Macht des arabischen Volkes schwächt und die des jüdischen stärkt; es besteht alsd ein nationaler Kampf, der durch keinerlei Klassenideologie aus der Welt geschafft werden kann* Kein Araber, nicht einmal der Arbeiter, wird einer sol, chen gemeinsamen Organisierung, die die obigen Zwecke (sei es offen oder versteckt) verfolgt, zustimmen. Statt eine Annäherung beider Völker herbeizuführen, wird der Nationalhaß dadurch noch verschärft. 5. Gleiches Maß für den jüdischen und arabischen Arbeiter. Der jüdische Arbeiter steht im Bund mit seiner Bourgeoisie; wir müssen dem arabischen Arbeiter, der der Führung durch die bürgerliche Intelligenz noch mehr bedarf, das gleiche Recht zugestehen. Der Irgun meschütaf darf dagegen nicht ankämpfen. 6. Man entgegnet mir: Zwischen jüdischer und arabischer Bourgeoisie besteht ein Unterschied. Die erstere ist progressiv, während die arabische Nationalbewegung «ein reaktionärer Feudalismus ist, der den Arbeiter beherrscht (Erem).» — Was die arabischen Führer wollen, ist doch bedeutungslos gegenüber der Tatsache, daß die historische Entwicklung sie zwingt, die progressiven Forderungen der Fellachen zu vertreten; denn im Interesse seines Kampfes gegen den Zionismus muß der Eftendt gegen die Grundbesitzerinteressen und für die Belange der Fellachen und Arbeiter kämpfen. Vor der Shaw-Kommission haben die Araber die progressiven sozialen Forderungen aufgestellt. Sie setzten Gesetze gegen Wucherzins und Ausbeutung, Errichtung einer Agrarbank usw. durch. Demgegenüber bekämpften die Juden die Forderung nach einem Parlament. Ich glaube nicht, daß diese Situation ewig dauern wird, doch im Augenblick hat die arabische Bourgeoisie eine fortschrittliche Rolle im sozialen Sinn. Die Auffassung des «Dawar», als ob die arabischen Führer lauter Feudale wären, ist falsch, vielmehr sind es Advokaten, Aerzte, Lehrer, Beamte usw. Die , neue Partei «Istiklal» wird diese Kreise noch mehr hervortreten lassen. 7. Daher kann die gemeinsame Organisierung nur eine ökonomische Grundlage haben, ohne jedes politische Nebenziel. Sie wird von selbst zum Kampf gegen die billige nichtorganisierte Arbeit führen. Die Arbeitslöhne werden sich ausgleichen, und der arabische Arbeiter wird dem jüdischen diesbezüglich gleichgestellt sein. Natürlich gibt es noch andere Fragen zu lösen: die Zahl der Arbeiter jeder Nation auf den Arbeitsplätzen: in den jüdischen Kolonien, arabischen Bauten, bei Regierungsarbeiten usw., kurz ein «Plan der jüdisch-arabischen Kooperation (siehe Heft 4 von «Scheifotenu», hg. vom Brith- Schalom).: In diesem wird die Aufteilung der Regierttngsarbeiten nach dem perzentuellen Verhältnis der beiden Völker gefordert; ferner die Zugänglichkeit aller Betriebe für Angehörige beider Nationen. Dies ist nur ein allgemeiner Rahmen. 8. Schwer und verwickelt ist die Lage der Histadruth und ihre Stellung zum Irgun meschutaf. Chawer Erem schlagt vor, alle arabischen Arbeiter, die in die Histadruth eintreten wollen, in diese aufzunehmen. Die Histadruth ist aber eine jüdische Organisation, in ihrer Sprache, ihren zionistischen Zielen, in ihrem ganzen Wesen. Der Weg muß yon unten nach oben gehen: Gründung von gewerkschaftlichen Verbänden und deren Vereinigung zu einer umfassenden Organisation, welche die rein gewerkschaftlichen Aufgaben der Histadruth übernimmt, während letztere als Kolonisationsorgan bestehen bleibt. Die Entgegnung Beilinsohns folgt in nächster Nummer. Prof. Dr. S. G o 1 d e 1 m a n (Prag):' ' Zionistischer Putschismus. Eindrücke von der Weltkonferenz der Revisionisten. Die Prager Konferenz der revisionistischen Partei hat mehr als 200 Delegierter aus 20 Ländern vereinigt; fast 150 kamen aber aus Osteuropa, mehr als hundert und fast sämtliche Führer aus ehemals russischen Gebieten. Ostjudennot, insbesondere russisch-jüdisches Elend und Enttäuschung, tiefe Unzufriedenheit mit den Resultaten der zionistischen auswärtigen Politik, Eindrücke der Geschehnisse des letzten Palästinajahres und eine von Jabotinsky und einigen seiner Jünger stammende, vom mitteleuropäischen antisemitisch-rechtsradikalen Nationalismus ausgeliehene, nationalistisch-fascistische Ideologie —haben auf dieser Konferenz endgültig einander die Hände gereicht und somit den Abschluß einer raschen Entwicklung und — Entartung dieser in ihren Anfängen reinlichen Bewegung für Erneuerung des Zionismus — vollbracht. Auf der Konferenz herrschte eine Siegesstimmung: 200 Delegierte, 30.000 Mitglieder, 17.000 im Brith Trumpeldor; die schlimmsten Prophezeihungen des revisionistischen Hellsehers bezüglich der Politik des Zionismus haben sich bewahrheitet: «vollstes Versagen» der Londoner Exekutive; «hundertprozentiger Zusammenbruch» der offiziellen Politik,., Für gehobene Stimmung einer unverantwortlichen und rücksichtslosen Opposition, als die sich die revisionistische auf dieser Konferenz erwies, hat das genügt., Diese Merkmale der Unverantwortlichkeit und Rücksichtslosigkeit zeichnen diese Konferenz aus, wie auch die Beschlüsse dieser Konferenz in entscheidender Weise den Stempel des Urhebers und Führers des Revisionismus, seiner tiefsten Aspirationen, tragen. N Die Konferenz hat eine große Menge längerer Resd-