Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 17 (1.9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4, Der jüdische Arbeiter lütionert und Beschlüsse gefaßt. Unter ihnen 2wei inhaltsreiche über Fragen der Politik und Wirtschaft, die erste gänzlich nach außen (England 1) gewandt Diese Resolutionen, die außer der altbekannten revisionistischen Kritik, die jahraus, jahrein sich wiederholt, auch positive Vorschläge ernster Natur enthalten, könnten eine Basis für Besprechungen und Vereinbarungen vieler besonnener Elemente im Zionismus bliden. Wenn nämlich eine solche EVentualität nicht durch andere, drohende, kindisch-ultimative Beschlüsse, die die echten Absichten der revisionistischen Führerschaft entblößen, gänzlich durchkreuzt worden wäre. . Wenn die allgemeine politische Resolution in fast sanftem Tone «das jüdische Volk zu einer Reform seiner Führung» auffordert, bevollmächtigt ein anderer Beschluß den Parteirat den baldigen Austritt aus der Zionistischen prganisation, falls der Kongreß nicht in diesem Jahr stattfindet oder nicht eine revisionistische Leitung wählt, zu vollziehen. Und so ein Diktat glaubt eine Fraktion, die von fünfzig Delegierten im nächsten 'Kongreß träumt, sich leisten zu dürfen (Lichtheims Rede). Eine Fraktion, die in ihrem Beschluß zur Jewish Agency-Frage ihren Beitritt von der Demokratisierung derselben in Abhängigkeit stellt! Diktat, als politisches Druckmittel einer Minderheit, für sich selbst von andern Demokratie fordern, — eine bekannte Form bolschewistisch-faszistischer Geistesverfassung, die allein von einem Grundsatz, — vom Willen zur Macht — bewegt wird! Dieser Grundzug hat auch die große Mehrheit der revisionistischen Konferenz in auffallender Weise beherrscht, die meisten Delegierten, wie die Führer selbst: Jabotinsky hat sich leidenschaftlich für sofortigen Austritt aus der Zionistischen Organisation und folglich, für Proklamierung seiner Schöpfung, der revisionistischen Union, zu der Zionistischen Weltorganisation, eingesetzt, drang aber diesmal nicht vollkommen durch. Ünd die Delegierten: der, Bessarabier Jachimson fragte vor der Konferenz, unter deren Beifall, mit bittersten Worten den Führer Nr. 2, Großmann, weshalb er in den Unruhelagen von August 1929 nicht in «direkter Aktion» die revisionistische Exekutive zur Allzionistischen ausgerufen habe.. Die Prager Tagung hat klar bewiesen, daß Jabotinsky und viele seiner ungeduldigen Nachläufer bereit sind, den Revisionismus von der gemeinsamen Organisation loszulösen, den Bürgerkrieg im Zionismus zu proklamieren und an der Spitze der eigenen Partei aui eigene Faust zionistische Politik; im Wettbewerb;miit der alten Organisation zu. treiben. Deshalb auch der Beschluß, der die Abkehr von der einstmaligen Direktive der Wiener revisionistischen Konferenz — die politischen Prörogativen der Londoner Exekutive zu achten, proklamiert, ein Beschluß, der damals gegen den Willen Jabotinskys stattgefunden hat. Den Putsch wollte er schon damals. Schrittweise aber und entschlossen geht der Führer und Ideologe des Revisionismus seinem Ziele entgegen und mit ihm marschierte der Revisionismus von einer Ideengruppe, die den Zionismus anfänglich ideologisch zu erneuern suchte und dafür Verständnis in den verschiedensten Teilen der zionistischen Bewegung, auch weit links fand, — durch die Etappe einer besonderen politischen Partei innerhalb der Bewegung, die um die Mehrheit im Zionismus kämpfte, auf die Unternehmer- und Arbeitgeberelemente im Judentum " und Jischuw sich zu stützen suchte und sich ausgesprochen feindselig der Arbeiterschaft gegenüberstellte, bis zu dem heutigem Stadium einer kämpferischen Stoßtrupp e, die von einem gewalttätigen Umsturz der zionistischen Leitung schwärmt, die Organisation zerfleischen will um sie, wenn die anderen nicht mitmachen wollen, dann allein (Großmanns Rede) — ins Abenteuer zu stürzen. Und dieses «Allein-gehen» bedeutet: Sprengung der zionistischen Weltorganisation; also jener alleinigen nationalen Institution, die vom Völkerbund und Völkerrecht anerkannt wurde, die allein jenen «jüdischen Staat im Werden »verkörpert, nach dem die Revisionisten vermeintlich sich so leidenschaftlich sehnen. «Und der Kaiser absolut, wenn er unseren Willen tut»; ein «jüdischer Staat», ja, gewiß, aber nur, wenn er der revisionistische ist und Jabotinsky zum Duce hat. Der Kongreß soll souverän bleiben, wie man im Streit wegen der Agency vielfach von revisionistischer Seite erklären ließ, aber nur, wenn er eine revisionistische Leitung wählt und Jabotinsky Präsident wird. So verstehen diese Allnationalisten die Losung von «nationaler Einigung» und «nationaler Front», oder, wie es einer der Delegierten erklärte: die «nationale Front» ist hier, die Konferenz selbst ist die nationale Front und nicht «dort» (in London und bei der Mehrheit). Das ist eine der Lehren dieser Konferenz. Bei aller Anstrengung, durch, in korrekter Sprache gefaßte außenpolitische Resolutionen, wie durch Geheimsitzungen, in welchen die arrogantesten Beschlüsse angenommen wurden, das wahre Putschistengesicht dieser Bewegung zu vernebeln, ist jetzt schon allen klar, was das iüdische Volk von (diesen Abenteurern und dem von Machtgier erfaßten «Bahnbrecher neuer Wege» zu erwarten hat. In dieser Hinsicht hat ein Vorschlag, von Großmann dargelegt und durch Schechtmann in vulgärer Weise «popularisiert», vieles zur Klarheit beigetragen; nämlich der Vorschlag, mit einer absichtlichen Pause in unserer Kolonisationsarbeit und Kapitalinvestierung in Palästina einzusetzen, also, die Politik von Non-cooperation England gegenüber zu versuchen, die Großbritannien einschüchtern und zur Beschreitung des Weges des «kolonisatorischen Regimes» bewegen soll. Nach der geistreichen Interpretation von Schechtmann, daß mit diesem Vorschlag unter anderem auch die Sperrung des zionistischen Schulwesens und der Spitäler (!! --Die Red.) in Palästina gemeint ist, wurde auch diese Konferenz in so einen Schrecken versetzt, daß die Beschlüsse der Tagung den genialen Einfall der beiden Führet zweiter Garnitur einfach stillschweigend übergingen... Diese Kulturträger, die die Idee einer jüdischen Mission in Palästina als einer der «weißen europäischen Kolonisatoren» in ihr großes Maul nehmen, greifen doch gerne zu den Kampfmitteln der asiatischen Völker, die jene in ihrer Abwehr des «weißen» europäischen Imperialismus anwenden: zur Non-cooperation. Nur, daß die Non-cooperation-Aktion von 300 Millionen Indern vielleicht zu einem Kompromiß zwischen Indien und dem britischen Imperium führen wird, — aber durch eine «Pause» der revisionistischen Union, auch wenn sie sich als die zionistische Weltorganisation erklären sollte, England einschüchtern wollen?... So schauen sie aus, die weisen, alles prophetisch voraussehenden, revisionistischen Weltpoiitiker. Dabei hängt man ängstlich an der eigenen ursprünglichen englischen Orientierung, auf der alle Pläne des «kolonisatorischen Regimes» bis zum Dominiontraum einst aufgebaut wurden, ohne auch nur den Versuch zu wagen, die zionistische Politik nach der Herzlianischen Hauptauffassung des jüdischen Problems, als eines internationalen, dessen Lösung auch int e r n a t i o n a 1 zu" (gewährleisten sei, zu orientieren. Doch «droht man auch England gegenüber: gibt es nicht Jabotinsky nach, dann.. Was denn? Die Antwort dieser Konferenz war ein leerer Raum. Also, bleibt uns nur übrig, die nächste revisionistische Konferenz geduldig abzuwarten. Sie werden schon den Ausgang finden, die «Weisen von Zion». Allenfalls, hat hier die berühmte prophetische Gabe des revisionistischen Führers, mit der er. immerfort so bescheiden prahlt, offensichtlich versagt. Einen besonderen Platz hat die soziale Frage auf der Konferenz eingenommen. Einen besonderen deshalb, weil jene Meinungsverschiedenheiten, die im Revisionismus noch schlummere und bei den anderen Fragen verdeckt blieben oder wurden, hier gewissermaßen ans Tageslicht kamen. Jene sozialanständig eingestellten Menschen, die der Revisionismus durch seine politische Opposition und seine Verheißungen seinerzeit angelockt hat und deren soziales Empfinden für die palästinensische Arbeiterschaft er. bis zu dieser Konferenz gewissermaßen zu beruhigen suchte, — diese Leute erkannten im Vortrage des palästinensischen radikal-gelben Führers, Weinstein, eine so klare arbeitgeberfreundliche und der Histadruth Ovdim gegenüber feindlich-kämpferische Einstellung, daß vor vielen von ihnen das Problem ihres Verbleibens in Jabotinskys Union auftauchen mußte. Und in der eisten Reihe — vor den Brith-Trumpeldor-Leuten, die die schmutzige Suppe, die Jabotinsky-Weinstein für die revisonistischen Chaluzim nach dem Beschluß der Schaffung einer selbständigen revisionistischen .«Nationale^ Arbeiter-Organisatioi» i;n Palästina, jetzt kochen lassen, essen werden müssen: den Geschmack dieser Suppe hat Kfar-Saba schon gezeigt. Deshalb haben sich die Führer des Brith-Trumpeld0r _ Hofmann, Proppes, wie auch einige Nicht-Trumpeldorer — Klinov, Bonnfild, Danzis — entschieden geigen diesen! Vorschlag Weinsteins^ welchen Jabotinski kräftigunterstützte, gewendet. Aber Vergebens, der Duce, unterstützt von der übrigen Führerschaft (Großmann und Schechtmann), erklärte, daß er in dieser Frage auf keine Kompromisse sich einlassen werde und somit wurde der Entschluß, die Einheitsfront der palästinensischen Arbeiterschaft zu durchbrechen, mit 81 Stimmen gegen 40 bei 5 Enthaltungen von der Konferenz angenommen. Das Mitglied des revisionistischen Parteirates, Klinov, hat daraus die Konsequenzen gezogen und die Partei verlassen. Wir halten die Hoffnung für berechtigt, daß noch viele Revisionisten mit einem anständigen sozialen Empfinden denselben Weg beschreiten werden, um mit vielen anderen Zionisten, die in Fragen allgemeiner zionistischen Politik mit ihnen gleichen Sinnes sind, in den Reihen des demokratischen und sozialistischen Zionismus für ihre Ansichten zu kämpfen. Auch wissen wir bereits, daß die Jugend vom Brith Trumpeldor sich nicht mehr lange von den gelben Helden führen lassen wird und den Weg zur Einheit der Arbeit, der der Weg der Histadruth Ovdim ist, rasch finden wird. Das Aufbauwerk des Ort in Ziffern. Dem von der Zentralverwaltung des Verbandes Ort in Berlin} soeben veröffentlichten Finanzbericht ist zu entnehmen, daß der Verband seine Bilanz für das Jahr 1929 mit einer Ausgabensumme von 759.657 Dollar abgeschlossen hat; dazu kommt für das gleiche Jahr eine Summe von 387.813 Dollar für Versorgung von deklassierten Juden in Sowjetrußland mit Maschinen für Rechnung der ausländischen Verwandten dieser Juden. Außerdem haben die verschiedenen Gesellschaften der Kreditkooperationen in Sowjetrußland Maschinen und Rohstoffe im Kreditwege geliefert bekommen. Laut dem Bericht der russischen Vertretung des Verbandes Ort an das Finanzkommissariat der fSowjetregierung haben diese Lieferungen von Produktionsmitteln an die Kooperativen eine Summe von 465.717 Rubel betroffen. An die jüdischen Landwirte in Sowjetrußland wurden landwirtschaftliche Artikel um einen Gesamtbetrag von 84.268 Rubel abgegeben. Für Industrialisierungsarbeit wurden aus den Mitteln der Zentralverwaltung des Ort-Verbandes und der Verwandten-Aktion zusammen 465.445 Dollar ausgegeben; dazu kommen die für Produktionsmittel an die Kreditgenossenschaften verwendeten 465.717 Rubel. Tausende Handwerker wurden mit Maschinen und Werkzeugen versorgt, zum größten Teil aus den Mitteln der «Volks- Werkzeugskampagne» in Amerika wurden 20 Arteis (Produktionsgenossenschaften) für Deklassierte organisiert, Arteis und einzelne Heimarbeiter wurden mit im Auslande eingekauften, weil in Rußland nicht vorhandenen, Rohstoffen versorgt. Alle nach Rußland eingeführten Maschinen, Werkzeuge und Rohstoffe haben gemäß einem zwischen dem Verband Ort und der Sowjetregierung getroffenen speziellen Abkommen Zollfreiheit. Für landwirtschaftliche Tätigkeit hat der Verband Ort im Jahre 1929 162.952 Dollar ausgegeben, dazu kommen Zuwendungen an jüdische Landwirte in der Gesamthöhe von 84.268 Rubel. Mehr als 150 -andwirtschaftliche Siedlungen in Sowjetrußland, Bessarabien und Polen mit einer Gesamtbevölkerung von über 25.000 Seelen wurden vom Verband Ort betreut. Darlehen wurden gewährt zur Anschaffung von lebendem und totem Inventar, zum Bau von Wohnhäusern und landwirtschaftlichen Gebäuden, zur Anschaffung von Saatgut, zur Einführung neuer Wirtschaftszweige, wie Weinbau, Milchwirtschaft u. a. m. Größere Darlehen wurden zur Anschaffung von Traktoren für die Kolonien bewilligt. Für Berufsausbildung hat der Verband Ort im Berichtsjahre 174.703 Dollar ausgegeben. Es wurden 97 technische Rildungsanstalfen in verschiedenen Ländern Osteuropas unterhalten oder unterstützt. Diese Anstalten wurden von 7779 Personen, und zwar von Jugendlichen, die das Handwerk erst erlernen, sowie von Erwachsenen, die infolge der Wirtschaftskrisis aus ihren bisherigen beruflichen Positionen hinausgestoßen wurden >und zum Handwerk übergehen mußten; schließlich von fertigen Handwerkern, die sich in ihrem Fache spezialisierten, um der Konkurrenz von Nichtjuden begegnen zu können oder — was in Polen zu einer Notwendigkeit wurde — die amtlichen Gesellen- und Meisterqualifikationen erhalten zu können. In Rußland, insbesondere unterstützte Ort verschiedene Fachkurse, die die jüdische Jugend in den Kleinstädten für die Großindustrie, Transport- und Bauarbeit vorbereiten. Von der Äusgabensumme von 759.657 Dollar «und den für konstruktive * Verwandtenhilfe ausgegebenen 387.813 Dollar entfielen 7 Prozent für Organisations- und Verwaltungskosten., Die Ausgaben für die Sammeltätigkeit in allen Ländern hinzugerechnet, machen diese Kosten 12 Prozent der Umsatzsumme aus/ Dem Finanzbericht ist weiter zu entnehmen, daß der Verband Ort im Jahre 1929 in Amerika und in den europäischen Ländern weitere 456.278 Dollar aufgebracht hat, davon haben Amerika 288.175 Dollar, die westeuropäischen Länder 44.910 Dollar geleistet. Hervorzuheben ist die Leistung Deutschlands, wo für das Werk des Ort wie für die Aufbauarbeit im Osten überhaupt ein starkes Interesse sich kundgibt. Trotz der außerodentlich schweren Wirtschaftslage, des osteuropäischen Judentums wurden allein aus Osteuropa im Berichtsjahre nicht weniger als 121.909 Dollar (27 Prozent der Gesamtausgaben) für das Aufbauwerk des Ort geleistet. Diese Summe schließt Mitgliedsbeiträge, Einzelbesteuerungen. Subventionen der Stadtverwaltungen u. a. m. ein. Palästina-Arbeiter-Fonds. Seemann S 20.— (Nachtrag Blau-Weiß-Aktion zusammen S 1167.—); Dr. Karpelesz S 5.—-. Leb en s v ersieh er ungs- Gesellschaft PHÖNIX Zentrale: Wien, I.» Riemergasse Nr. 2 Venicherungsbestand per Mitte 1930: s 4,450,000.000- Qarantiemittel Ende 1929: t* 300.000.000'— Prämien-und Zinsen einnahmen im Jahre 1929: s 125,000.000 — Auszahlungen an die Versicherten im Jahie 1929: 8 30.500.000'— TÄTIGKEITSGEBIET: Oesterreich, Deutsches Reich, Prankreich, Belgien, Holland, Italien, Spanien, öechoslov. Republik, Polen, Ungarn, Jugoslavien, Bulgarien.Griechenland.Türkei,Aegypten,Palästina. Pensions-Versicherung UgH; mit Rentenansammlung (Rentenbezug beim 55., 60. oder 65. Lebensjahr oder bei früherer BERUFS-UNFÄHIGKEIT. Monatliche Prämie. Sofortige Unveifallbarkeit.) gemeinschaftlich mit der Versicherungs-Aktien* Gesellschaft früher PENSIONS-VEREIN für Handel Industrie und Gewerbe Wien, I, ScbeUinggasse Nr« 1 Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortt. Redakteur: Markus Lachs, Angestellter, Wien, II., Gr. Sperlgasse 19. — Druck: «Adria», Wien, IL, Taborstraße 52».