Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 14 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Der III. Parteitag fordert alle soz.-dem. Klubs im Parlament und Senate, sowie die jüdischen Abgeordneten auf, einen energischen Kampf für die Herstellung des Rechtes in dieser Hinsicht sofort aufzunehmen und dafür zu sorgen, daß den Staatenlosen das tschechoslowakische Bürgerrecht rückhaltlös verliehen werde und daß die Bemessung der Abgaben für diesbezügliche Amtshandlungen nicht so angewendet werde, daß zunächst' Arbeitet oder Gewerbetreibende .durch zu hoch vorgeschriebene Gebüh ren, von der Verleihung des Staatsbürgerrechtes keinen Gebrauch inachen können. HI. Die neugewählte Exekutive hat an alle soz.-dem. Parteien der Republik ein Memorandum zu überreichen, das unsere Minimalforderungen für die arbeitende Juden schaff der Republik enthält. IV. Die jüdische Kultusgemeinde ist ein wichtiger Mittelpunkt der Betätigung einzelner und der Gesamtheit zum Aufbaue der jüdischen Arbeit. Die mangelnde Initiative der jüdisch-bürgerlichen Parteien verhindert die Fortentwicklung der jüdischen Kultusgemeinde zur Volksgemeinde und die tatkräftige Durchsetzung des zionistischen Programms. Der Parteitag beschließt daher, den Kampf um die Kultusgemeinde durch eigene Bewerberlisten auf unser Programm kompromißlos durch alle Parteiorganisationen durchzuführen. V. Im Hinblick auf die national-chauvinistische und sozial-reaktionäre Entwicklung des Revisionismus, der das Aufbauwerk in Palästina in seiner schwersten Stunde gefährdet; der Partei'zwecken zuliebe die zionistische Einheit« in unverantwortlicher Weise selbst bis zum Verrate durchbricht, werden die Ortsgruppen verpflichtet, durch Aufklärung der wirklichen, faschistischen Ziele des Revisionismus, den schärfsten Kampf gegen denselben zu führen. Der Pro-Palästina-Kongreß der Linken Poale Zion. . Um der wachsenden Opposition, innerhalb der Linken Poale Zion gegen die vollkommene Passivität der Partei dem arbeitenden Erez Israel gegenüber zu begegnen, hat die Parteileitung einen speziell der Palästina- Arbeit gewidmeten Parteitag nach Warschau einberufen. Diese Unzufriedenheit der Parteimitglieder kam beim Kongreß klar zum Ausdruck; wir bringen dafür nur einige wenige Beispiele. Vor allem forderten einige Redner die Beteiligung der Partei an der Arbeit im Hechaluz. So führte ein Delegierter aus: »Es ist eine Lüge, daß der Hechaluz sich aus kleinbürgerlichen Menschen zusammensetzt. In vielen Lokalorganisationen haben Arbeiter die Majorität. Auch viele radikale Arbeiter haben sich in der letzten Zeit dem Hechaluz angeschlossen. Wir müssen in den Hechaluz gehen und dort Einfluß zu gewinnen suchen. Weniger weltfremde Diskussionen, mehr praktische: Arbeit. Wir haben unsere Arbeit zu einer bloßen Sammlung von einigen tausend Zloty degradiert.« Ein anderer Genosse aus Lublin sagte: »Die ökonomische Lage der Juden in Polen ist überaus traurig. Die Genossen, die nach Palästina emigrieren wollen, kann man nicht mit bloßen Resolutionen abspeisen, man muß praktische Palästina- Arbeit leisten. Es wurden sogar Stimmen laut* welche die Teilnahme an der Liga für das arbeitende Erez Israel gefordert haben. Leider haben sich diese Anhänger der praktischen Palästina-Arbeit auf dem Kongreß nicht durchsetzen können. Die Anträge, am Hechaluz und an der Arbeit für den PAF. teilzunehmen, wurden aus formalen Gründen gar nicht zur Abstimmung gebracht. Nur von Zeit zu Zeit sollen Aktionen zur moralischen und politischen Forderung der jüdischen Arbeiterklasse in Palästina durchgeführt werden. Als positives Ergebnis der Konferenz darf der Beschluß gewertet werden, die von der Histadruth einberufene Weltkonferenz für das arbeitende Palästina zu beschicken. Wie skeptisch man nun auch diesen Beschlüssen der Konferenz der Linken Poale-Zion gegenüberstehen mag, sie muß als Symptom dafür gewertet werden, daß auch unter der kommunistisch orientierten jüdischen Arbeiterschaft Polens die Verbundenheit mit Erez Israel wirksam ist! Das Judentum in den südamerikah. Republiken. Ein Vortrag, des Gen. S. Ä'd ler-Rudel. (Von unserem Berliner Korrespondenten.) Genosse S. Ädler-Ru'del hielt in Berlin äufi Einad'ung 'des gemeinschaftlichen Hilfskomitees Ort-Ose- Emigdirect vor Vertretern der jüdischen1 Presse einen Vortrag über das Judentum in den südamerikanischen Staaten, in dessen Mitte er als Bevollmächtigter von 3rt-Ose-Emigid'irect einige Monate geweilt hat. Der vortragende gab ein eindrucksvolles Bild von der politischen, kulturellen uncl1 wirtschaftlichem Gestaltung/der ■üdamierikanischen Republiken Argentinien', 'Brasilien und Uruguay und zeichnete die Rolle den jüdischen Gemeinschaft 'der einzelnen Länder im Rahmen dieser Gestaltung. Diese Gemeinschaften, die vom übrigen Judentum infolge der großen "Entfernung fast isoliert artet, entfalten ein sehr reges jüdisch-soziales und kulturelles Leben, dessen weitere Entwicklung allerdings von einer verstärkten Zuwanderung aus Europa und dem Zusammenhang mit dem übrigen Judentum ab-* längig ist. Eine zuverlässige jüdische Bevölkerungsstatistik ist zwar nicht vorhanden, doch wjrd die Zahl der Juden in Südamerika auf 300 bis 350.000 geschätzt, von denen allein zirka 150.000 in Buerios- Aires, der Hauptstadt Argentiniens,.leben 'dürften. Diese Zahl scheint nicht ^übertrieben, wenn man bedenkt, daß: allein in der aschkenasischen Chewra- Kadischa in Buenos-Aires 20.000 Familienoberhäupter organisiert sind. Die Chewra beschränkt sich nicht nun auf Totenbestattung, sondern sie entfaltet auch eine große soziale und' erzieherische Tätigkeit. Sie unterstützt sämtliche sozialen Einrichtungen, wie Krankenhaus, Waisenhaus mnd außerörtliche judi- *sche Institutionen, wie Keren Hajessod, Palästina- Arbeiter-Fonds, Ort. Allein zur Unterstützung des jüdischen Schulwesens hat sie in ihrem letzten fah'resbudget 80.000 Pesos (zirka 150.000 M.) eingesetzt:. Da jüdische Gemeinden im europäischen Sinne in Südamerika nicht vorhanden sind, kann man die Chewra-Kadischa als die jüdische Gemeinde ansprechen, um so mehr, als gerade jetzt Tendenzen zu ihrer Umgestaltung im Sinne einer' Gemeinde sich bemerkbar machen. Die in Südamerika lebenden Juden stammen zumeist aus Bessarabien, in den letzten Jahren ist es doch auch eine starke Zuwanderung aus Polen; und Litauen zu verzeichnen. Hierzu kömmt noch eine beträchtliche Zahl sephardischer Juden. Die Juden gehören im wesentlichen dem Mittelstande an. Sie haben sich als Industrielle, I^aufleute, Handwerker sehr bewährt und wesentlich * dazu beigetragen, däßi das! Bedürfnis der argentinischen Bevölkerung nach höherer Lebenshaltung, nach Wohn- und Bekleidungsk'ultur geweckt wurde. Einen 'besonderen Typus für sich bildet die Bevölkerung der von der Icai gegründeten jüdischen Kolonien. In den Kolonien und deren Umgebung leben zirka 32.000 Juden, die ihre eigenen sozialkulturellen Einrichtungen haben und nur" losen Zusammenhang mit den Städten unterhalten., Das jüdische Zeitungswesen steht in hoher Blüte. In Buenos-Aires erscheinen zwei Tageszeitungen in jiddischer Sprache und mehrere Wochenschriften, die zusammen eine Gesamtauflage von 35.000 Exemplaren haben dürften. Obwohl es an einer großen zionistischen1 Organisation fehlt, ist die Grundstimmung [der jüdischen Bevölkerung sowohl in „ den' Städten als auch in den Kolonien zionistisch. An der Demonstration, die aus Anlaß, der Palästina-Ereignisse in Buenos-Aires stattfand1, beteiligten sich 30.000 Menschen. Für den Palästina-Hilfsfonds wurdejl in ganz kurzer Zeit 300.000 Pesos aufgebracht. In; fast allen größeren Städten^ gibt es jüdische Zentren, die Synagogen-Klubs und Schuleinrichtungen enthalten. Der Redner schilderte 'noch die junge aber zukunftsreiche Gemeinschaft in-Brasilien, die zu den besten Hoffnungen' berechtigt. f. r. Verständigung im täglichen Leben. Ein Treffen jüdischer und arabischer. Dorf er. — Die Arbeit verbindet. — Araber bereuen. — Man schließt Frieden Auf Initiative der Kwuzah Misre und der Kolonie Tel Adaschim im Emek Israel fand eine Begegnung der Vertrauensleute der jüdischen und arabischen Dörier in der Gegend von Afule'h statt, mit dem Zweck, gemeinsame Maßnahmen gegen die Landwirtschaft bedrohenden Feldmäuse zu treffen. Die Besprechung fand in Misre statt. Es wurde beschlossen, eine Delegation der jüdischen und arabischen Dörfer zu dem Gouverneur von Nazareth mit folgenden gemeinsamen Forderungen zu entsenden: 1. Die Regierung soll eine Kommission mit der Schätzung des au« den Feldern angerichteten Schadens beauftragen. 2. Die Regierung soll dem Kampf gegen die Mäuse eine größere Aufmerksamkeit zuwenden. Die Araber, die sich an dieser Besprechung beteiligt haben den Wunsch ausgesprochen, es mögen die jüdischen und arabischen Dörfer auch in der Zukunft der Regierung gegenüber einheitlich ihre gemeinsamen vitalen Interessen vertreten. * Beim Bau des neuen Regierungspalais in Jerusalem arbeiten 130 Araber aus der Umgebung und 25 Juden. Die Arbeiter der beiden Völker sind einander sehr nahe gekommen und die arabischen Arbeiter haben schon einige Male die jüdischen Arbeiter eingeladen, sie in ihren Dörfern zu besuchen. Vier jüdische Arbeiter haben die Einladung ihrer arabischen Kollegen aus Reit Zephah an-r genommen' und sie daselbst besucht. Die Einwohner des arabischen Dorfes sind ihnen entgegengegangen und haben sie mit großer Freundlichkeit empfangen. Man hat sie in das Haus des Dorfältesten geführt — eines Arabers von 70 Jahren — der sie herzlichst begrüßt hat. Nach der Begrüßung wurden die jüdischen Arbeiter in das Haus eines Arbeitskollegen geleitet, wo man ihnen zu lehren ein Mahl veranstaltete, es haben sich hier auch viele Dorfbewohner eingefunden. Die Unterhaltung war sehr rege, man besprach die gemeinsamen- Arbeitsinteressen, und die arabischen Arbeiter brachten ihre "Freude zum Ausdruck, daß Juden zum ersten Male nach den blutigen Ereignissen ihr Dorf besuchten. Am Abend brachen die jüdischen Arbeiter zur Rückkehr nach Jerusalem auf. Viele Araber begleiteten sie.. Beim Abschied baten die Juden die Araber/sie auch in ihren Häusern zu besuchen, Einige Araber aus Safed, die anläßlich der Augüstunruhen gehetzt und sich-an diesen aktiv beteiligt haben, haben kürzlich in Gesprächen ihre Reue über ihre Teilnahme an den Pogromen zum Ausdruck gebracht: »Er wird für uns eine Lehre sein«, sagen sie, »nie mehr den Hetzern Gefolgschaft zu leisten und uns an solchen Dingen zu beteiligen.« * v Vor einigen Wochen haben die Araber des Dorfes Refet die Felder des jüdischen Dorfes Etrut besetzt, und als die Juden sie aufforderten, die Felder freizugeben, begannen sie zu schießen. Die jüdische Kolonie hat die Angelegenheit dem Gericht übergeben. Als die Polizei sich mit der Sache zu beschäftigen begann, baten die. Araber, man möge die Klage zurückziehen und versprachen, sie würden nunmehr gegen Etrut keine Angriffe mehr richten. Die jüdische Kolonie hat unter der Bedingung zugestimmt, daß die Araber ihre Verpflichtung vor der Polizei unterzeichnen. Die Araber sind darauf eingegangen. Vor der Unterzeichnung hat der arabische Polizeioffizier. Evden den Arabern folgendes gesagt: »Ihr müßt auf gute Beziehungen zu den Juden sehen. Die Juden sind friedliche Menschen und wollen den Arabern nichts schlechtes tun.« Die Araber haben den Juden sehr gedankt, daß sie die Klage zurückgezogen haben. Ein englisches Eisenbahnerkomitee für die Eisenbahner-Gewerkschaft in Palästina! Am 15. Mai fand in London eine Konferenz der Abgeordneten der Labour-Party statt, die insbesondere die Interessen der englischen Eisenbahner in der gesetzgebenden Körperschaft zu verterten haben; auf der Tagesordnung stand die Frage der Lebensbedingungen der Eisenbahnarbeiter in Palästina. Die Diskussion wurde mit einem Referat des Leiters unseres politischen Büros in London, des Gen. Dov Hos eröffnet. Er hat in sehr wirkungsvoller Form die Eisenbahner-Abgeordneten aufgefordert, ihren ganzen Einfluß darauf zu verwenden, damit die palästinensische Eisenbahnergewerkschaft endlich anerkannt werde und es ihr gelinge, ihre Forderung auf Verbesserung, der Lebensbedingungen ihrer Mitglieder durchzusetzen. An der {Diskussion beteiligten sich die Genossen Charlton (Vorsitzender), Fallin, Wodkin, Wilson und andere. Es wurde beschlossen, daß sich alle Anwesenden zu einer Gruppe zusammenschließen sollen, deren Aufgabe die Hilfeleistung an die palästinensische Eisenbahnergewerkschaft sein soll. Es soll eine Delegation aller englischen Eisenbahnergewerkschaften geschaffen werden — auf Grund des ProportionalprinzipSi mit dem Zweck, beim Kolonialamt vorstellig zu werden, und daselbst die sofortige und volle Anerkennung der palästinensischen Eisenbahnergewerkschaft zu fordern. Der Vorsitzende hat im Namen der Versammlung an die palästinensischen Eisenbahner eine Begrüßung gesandt und hat in seinem Schlußwort festgestellt: »Wenn unsere Bemühungen im Kolonialamt keinen Erfolg zeitigen werden, so werden Gen. Hos und ich diese Frage auf die Tagesordnung der Landeskonferenz der Eisenbahnergewerkschaft stellen. Nach Ansicht unserer englischen Freunde hat diese Aktion Aussicht auf praktische Erfolge. * Abraham Cahan 70 Jahre. Kürzlich feierte Abraham Cahan, der Herausgeber der amerikanischen jüdisch-sozialistischen Zeitung »Vorwärts« seinen 70. Geburtstag. Wer Genosse Cahan ist, brauchen wir unseren Lesern nicht zu sagen: sie wissen, daß er der Erzieher des jüdischen Proletariates in Amerika zum Sozialismus ist. Jahrzehnte stand Cahan dem zionistischen Sozialismus fern: heute ist er ein warmer Freund des arbeitenden Erez Israel. In der nächsten Nummer unseres Blattes werden wir ein Bekenntnis Cahans zum arbeitenden Palästina abdrucken, heute wollen wir uns mit unserem herzlichsten Glückwunsch an 'Abraham Cahan be-, gnügen. . Der ordentliche Delegiertentag der österreichischen Zionisten. Am 26. Juni wurde der Delegiertentag der österreichischen Zionisten zu Ende geführt. Herr Stricker ist mit seinem Antrag, daß man gleichzeitig zwei politischen Parteien nicht angehören könne, durchgefallen und sind daher die Radikalen in das neugewählte Land4eskomitee nicht eingetreten. Von den beschlossenen Resolutionen sind hervorzuheben: der nicht einstimmig gefaßte Protest gegen den Brit Schalom (6 Stimmen dagegen, 6 Stimmenenthaltungen), eine Resolution für den PAF., die Forderung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts für die Kultusgemeinde, der Auftrag an das Landeskomitee, die Bildung des Territorialverbandes ehestens in die Wege zu leiten und schließlich die Schaffung einer Sparkonimission. Die Entscheidung über die Frage der Landespolitik soll einem außerordentlichen Delegiertentag vorbehalten bleiben. Präsident des neuen Landeskomitees ist Herr Dr. Oskar Grünbaum. Die Hitachdut ist im Landeskomitee durch dje Chaverim Dr, Steinberg und Pinkas Silberherz vertreten, Leset und verbreitet den „Dawar" deutsche Ausgabe.