Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 14 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4. Der jüdische Arbeiter Moazah des österreichischen Hechaluz. Aus dem Bericht der* am 28. und 29. Juni stattgefundenen Beratung des Hechaluz von Chaver J. Singer erstattet wurde, ist zu ersehen, daß von den 64 auf Hachscharah befindlichen Chaluzim 25., d. s. 33 Prozent den poalezionistischen Jugendorganisationen angehören. Weiters entnehmen wir den Resofutionen, daß das Beispiel der poalezionistischen Plugah Rischon Lezion wirkt: sowohl der Schomer als auch die bürgerlichen Jugendbünde (Zirenu, Makabi) streben die Konzentrierung. ihrer ^Gruppen in Erez Israel an. { —- ■.....■ Palästinaarbeiterfonds« Der Verein der Freunde des arbeitenden Palästinas hat, wie aus dem Bericht der anläßlich seiner General- )rsammlung erstattet wurde, im abgelaufenen Arbcifsjahr 7408 Schilling nach Erez Israel überwiesen. Davon entfallen 2000 Schilling auf den Beitrag der Kultusgemeinde. Uneheliche Geburten bei den Juden. Im Juniheft der Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik veröffentlicht Prof. Hanauer eine statistische Studie über die Zahl der unehlichen*Geburten bei Juden, wobei er unter einer »unehelichen Geburt« das von ♦ einer, jüdischen 'ledigen Mutter geborene Kind, ohne Rücksicht auf die Konfession des Erzeugers definiert. Er befaßt sich — da die Statistik des Deutschen Reiches von einer Gliederung der Geburten nach der Konfession abgesehen hat r~ mit den Verhältnissen in den großen Ländern und Städten Deutschlands; allerdings sind zum Vergleich auch einige außerdeutsche Länder herangezogen. In Preußen waren unter 100 jüdischen Geburten im Durchschnitt der Jahre: 1821—1823: 1.6 unehelich, (bei der Gesamtbev.: 4.8); 1830—1832: 1.7 » » » » 4.7); J842—1844: 2 » » » » 4.9); '1851—1853: 2.6 » » » ' » 5.2); 1860—1862:'3 » *| » » 5.8); ,1876—1880 : 2.7, » >> » » 7.6); 1881—1885: 2.7 » » .*» » *8.1); 1886—1890: 2.8 » ■ » » » S ); 1891—;1895: 2.8 » » «» » 7.7); 1896—1900: 3.3 » » . » x » 7.6); 1901—1905: 3.6 > - » » » 7.1);;1906—1910: 4.3 » » » » 7.6); 1911—1915: 7.8 » » » »• 8.6); * 1916—1920: 6.5 » » » » 10.7); 1921—1925 : 5.9 » » 1926: 6.1 » » » » , 10.6); 1927: 6.7 '» » . In Berlin waren unter 100 jüdischen Geburten unehelich im Durchschnitt der Jahre: 1904: 5.5, 1905: 6.0, 1906 bis 1910 : 7.6, 1911—1915: 11.0, 1916—1920 : 9.5, 1923 bis 1927: 7.6. In Frankfurt verläuft die Entwicklung des Perzentuals der jüdischen unehelichen Geburten seit 1876, wenn wir immer den Durchschnitt von vier Jahren in Betracht ziehen, folgendermaßen: 2.5,. 1.9, 2.4, 2.7, 4.1, 3.9, 5.4, 6.1, 7.7, 5.0, 6.0. In Hamburg und in Leipzig verläuft die Kurve nach abwärts, das Perzentual nimmt ab, was auf die zunehmende Zahl der nicht nur konfessiqnell, .sondern auch staatlich geschlossenen Ehen zurückzuführen ist, da ja die Kinder aus nur konfessionell geschienenen Ehen als illegitim gelten. Hanauer begnügt sich nicht nur mit der Feststellung der statistisch erfaßbaren Tatbestäde — wozu auch die Zahl der Totgeburten gehört, während die Zahl xler ehelichen Totgeburten bei den Juden niedriger ist als bei der Gesamtbevölkerung, sind sie bei den Unehelichen ziemlich gleich hoch — er sucht diese Tatbestände kausal zu erklären. Was nun die Frage anbelangt, warum die U n - e h e 1 i c h e n z i f f e r \b-e i| d e n J ,u d e n geringer ist als bei der Gesamtbevölkerung, so lehnt Hanauer die rassentheoretische Beantwortung entschieden ab: Die Ursachen der niedrigen Uneehelichkeitsziffer besteht darin, »daß die Juden sich im allgemeinen in einer günstigeren sozialen Stellung befinden, den besser situierten und den gebildeten Schichten angehören, bei welchen die unehelichen Geburten im besonderen Maße verpönt und daher selten sind«. Im übrigen kommt nach Hanauer auch der strengen jüdischen Sexualgesetzgebung, die bei Ostjuden und den jüdischen Einwohnern der süddeutschen Kleinstädte noch Geltung hat, eine gewisse Bedeutung als retardierendes Moment zu. Für die Tatsache der Zunahme der unehelichen Geburten bei den Juden führt der Verfasser folgende Gründe an: 1. Einströmen der Juden in die Großstädte und Loslösung von. der religiösen Tradition; 2, der große Frauenüberschuß bei den deutschen Juden; 3. das Entstehen freier Anschaungen über die Ehe und die Beziehungen der Geschlechter. Was. die Herkunft der unehelichen jüdischen Kinder anbelangt, so ist ihre Zeugung nach Ansicht des Autors in den wenigsten Fällen Folge gelegentlichen geschlechtlichen Umgangs; zumeist entstammen sie einer vorübergehenden kürzeren oder längeren Verbindung bezw. einer Verbindung, die mit der Absicht einer späteren Verehelichung eingegangen wurde. Jung-jiddische Literatur. S. Drechsler. IV. Jiddische Sprache und Literatur in Palästina, l. Es gehört zur Tragik des jüdischen Lebens und ist Symptom und Folge der eigenartigen, abnormalen jüdischen Wirklichkeit, in all ihren Ausdrucksformen, daß unsere Renaissancebewegung auf der Linie nationaler7 und sozialer, Gesundung von komplizierten Problemen und Konflikten umstrickt ist. Ein Problem solchen Formats und solcher Tiefe ist unsere Sprachen frage, jiddisch oder hebräisch, die auch zur Spaltung der poalezionistischen Bewegung iem Jahre 1921 sehr viel beigetragen hat. Die Sprachen frage ist ein Stück unserer geistigen Realität und die Auseinandersetzung mit ihr ist ein notwendiges Uebel für jeden, der sich über die Mentalität der jüdischen Regenerationsbewegung und die mit ihr verbundenen Problemen und Erscheinungen Klarheit verschaffen will. Das Spezifische an dieser Frage ist, daß sie sehr gefühlsbetont ist und daher rein dialektisch kaum bewältigt werden kann. Einem, der nicht selbst in ,den Gebieten jüdischen Massenlebens erzogen worden ist, ist es kaum möglich, klar zu machen, wie tief dieses Problem in die Gefühls- und Gedankenwelt der jüdischen Massen einschneidet. Die Entscheidung für die eine oder andere bedeutet ein großes Opfer und die Freigabe eines großen Teiles jüdischer Kulturwerte .ufkl geistiger Errungenschaften. ' " 'H Man muß selbst das. Jiddische mit der Muttermilch in sich aufgesogen haben, das weiche, zarte aus den Tiefen des jüdischen Volkslebens hervorquellende jiddische Volkslied auf sich wirken lassen, die belebende Kraft des perlenden, spielerischen und doch ernsten, gedankenschweren und doch kindlich-naiven, frischen und erfrischenden jiddischen Humors spüren und überhaupt die reiche, prächtig entwickelte jiddischer Literatur kennen, um die tiefe Verbundenheit mit dieser Sprache zu verstehen, in der ein Millionenvolk,» jahrhundertelang seinem Schöpfergeist Form und Gestalt verlieh. Andererseits kommt das Hebräische und fordert seine Rechte. In ihm hat das jüdische Genie stärksten Ausdruck gefunden. Es ist, Prägerin des tirjüdischen Geistes. Als Sprachrohr des jüdischen Volkstums von der Morgendämmerung seines geschichtlichen Seins, bis zu jener Kulturhöhe, von der aus die Geistesgeschichte der zivilisierten Menschheit aufs fruchtbarste und nachhaltigste beeinflußt hat, ist von de^m , Begriff »jüdisches Volk« das Attribut »hebräische Sprache« gar nicht mehr wegzudenken. » Als zweites und entscheidendes Moment kommt die Tatsache hinzu, daß das neue Palästina sich e n d g ü 1ti g mit der hebräischen Sprache zu einer Einheit verbunden; hat und in dieser neuen Gestalt Wunder an Schöpferkraft vollbringt! (Die Entwicklung der hebräische Literatur'in Palästina beweist es!) Aus dem Gesagten ist ersichtlich, wie kompliziert, für so manchen sogar tragisch dieses Problem ist. Es soll auch hier nicht versucht werden, diese Frage in ihrer vollen Bedeutung aufzurollen. Man müßte gar tief schürfen. Eines jedoch läßt sich jetzt schon feststellen: Für Palästina kann das Problem als gelöst betrachtet werden! Das gegenwärtige Palästina ist eine reale Gegebenheit mit zwei .besonders hervorstechenden, wesentlichen Charaktermerkmalen: 1. das arbeitende Palästina und 2. das hebräische Palästina. Wir betonen es: in'der Diaspora ist der Kampf für jiddisch vollständig berechtigt und oft auch wünschenswert ,da er vitalen Volksinteressen entspringt, da er lebensnotwendig ist, und da, es nicht bloß ein Kampf für eine Sprache, sondern auch für eine bestimmte Summe von Kulturwerten, die in ihrer Gesamtheit das Geistesbild des Volkes zeichnen ist. Kampf für jiddisch in der Diaspora bedeutet Kampf gegen Assimilation und Degenerierung und ist daher ein nationaler Kampf. Anders aber in Palästina. Dort, wo das Leben sich ganz hebräisch gestaltet, wo die Jugend sich im Hebräischen voll und ganz auslebt und wo hebräisches Schaffen sich in einer kurzen Zeitspanne so wunderbar entfaltet hat, ist Kampf für jiddisch kein berechtigter und kein nationaler Kampf. Sprache ist wohl unendlich mehr als eine Summe von Worten, aber noch lange keine Weltanschauung und mag, sich ein solch geistreicher Denker, wie Dr. Schitiovsky — der Ideologe des Jiddischismus — auch winden und drehen und mehr oder weniger geistreiche Theorien aufstellen, jeder Versuch, dem Kampf für jiddisch auf eigens zurechtgezimmerter Weltanschauung zu basieren, zerrint bei der leichtesten Kritik. Kampf für Jiddisch in Palästina ist also kein Kampf für eine bestimmte Weltanschauung, sondern für ein Fetisch, das als totes Prinzip lebendiger Wirklichkeit entgegengestellt wird. Andererseits muß gegenüber jenen Bürschchen des »G e d u cl m e g i n e j h a s a f a« festgestellt werden, daß die Sprachenfrage ein Kulturkampf ist und als solcher mit roher Gewalt nicht ausgefochten werden kann und darf, Die barbarische Kampfart dieser Leute kann nicht genug 'verdanimt werden. Die Sprachenfrage ist eine edle Materie und ist so manchem unserer Besten in Osteuropa zum tragischen Erlebnis geworden, da sie beide Sprachen viel zu sehr lieben und schätzen, um leichten Herzens eine Entscheidung zu treffen. Und kommen daher solche Leute, wie die vom »G e d u d m eg i n e j h a s a f a« und wollen das alles» durch Drohungen, Beschimpfungen, Versammlungen-Sprengen, Fenstereinhauen u, dgl. aus der Welt schaffen, so gehört es zu den abscheulichsten Handlungen, die die Ehre des neuen Palästina beflecken. Und wenn dagegen die Jiddischisten atis aller Welt stürmisch protestieren, können wir nichts anderes als ihnen, in diesem einem Punkte, ehrlich und aufrichtig die Hand reichen : wir gehen zusammen! Wie verdammenswert auch vom rein taktischen Standpunkt die Handlungsweise der »Gedud«-Leute ist, beweist folgender interessante Fall: Im Jänner vorigen Jahres gaben einige Jiddischisten in Palästina ein jiddi sches Sammelheft heraus, »Eins« benannt. Es war ein armes, unschuldiges Heft,, das normalerweise kaum erwähnt worden wäre. Der »Gedud« aber roch hier Pulver und ließ sogleich sein ganzes Werk^ in Bewegung. Hölle und Teufel! Sie fraßen sich selbst vor Wut. Sie schlugen Fenster ein, -sprengten Versammlungen, drohten den Druckereien mit Boykott, schickten Proteste und die offizielle und halboffizielle zionistische Presse schrieb Artikel und Abhandlungen gegen jiddisch, die jiddischi stische Presse für Jiddisch — es war Sturm auf der ganzen Linie, Indessen wurden die paar palästinensischen Jiddischisten populär, das Sammelheft wurde ausverkauft und nach drei Monaten erschien ein weiteres Heft »Zwei«. Diesem Heft passierte aber das Unglück, vom »Gedud« übersehen zu werden. Man stürmte nicht, man drohte nicht und... ein »Drei« erschien nicht mehr. Fünf Monate nach dem »Zwei« erschien ein drittes Heft »Zwischen zwei und drei«, das noch unscheinbarer ist als seine Vorgänger. Seit dem »Zwischen zwei und drei« sind schon mehr als sechs Monate verilossen und ein »Drei« ist noch nicht erschienen und wird auch höchstwahrscheinlich nicht mehr erscheinen. Dieser Fall beweist, wie, abgesehen vom prinzipiellen Standpunkt, schon rein taktisch die Handlungsweise des »Gedud« zu verurteilen ist. Wären sie gegen »Eins« nicht Sturm gelaufen, wäre ein »Zwei« nie erschienen. Durch ihre Drohungen machen sie die Jiddischisten Palästinas zu Märtyrern und,wir wissen es doch, daß die Glorie des Martyriums einee Bewegung nur fördern kann. So manche Bewegungen in der Geschichte haben sich nur dank den Verfolgungen durchgesetzt. Die Handlungsweise des »Gedud« ist somit prinzipiell „und taktsch falsch und verdammenswert. Auf diesem Hintergrund von Konflikten und Spannungen ist in Palästina eine kleine, in manchen Belangen sehr interessante Gruppe von jungen jiddischen Schriftstellern aufgetaucht, von denen besonders der "Lyriker J. Papiernikow mit seinen Palästina-Motiven ein Neues an der jiddischen Literatur ist. (Eine ausführlichere Würdigung in der nächsten Nummer.} f-» ■ f die der Gemeinde ■! Die Gemeinde Wien haftet mit ihrem gesamten Vermögen für alle Einlägen in der Zen- - - - - tralsparkasse Leb ensversi eher ungs^G.es ellschaft. Zentrale: Wien, I., Riemergasse Nr. 2 Versicherungabestand Ende April 1930: 8 2,400,000.000' Garantiemittel Ende 1929: 8 3p O,OO ©.OOO'-__ Prämien-und Zinsen einnahmen im Jahre 1929: s »20,000.000 - Auszahlung an die Versicherten im Jahie 1929: 8 28.000.000- TÄTIGKEITSGEBIET: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Spanien, ßechoslov. Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien; Bulgarien,Griechenland,Türkei,Aegypten,Palastlna, Pensions-Versicherung mit Rentenansammlung (Rentenbezug beim 55., 60. oder 65. Lebensjahr oder bei früherer BERUFS-UNFÄHIGKEIT. Monatliche Prämie. Sofortige Unverfallbarkeit.) gemeinschaftlich mit der Versicherüngs* Aktien * Gesell schalt früher PENSIONS-VEREIN für Handel, Industrie und Gewerbe Wien, I, Schellinggasse Nr. 1 Eigentümer, Verleger, Herausgeher u. verantwortl. Redakteur: Markus Lachs, Angestellter, Wien, IL, Gr. Sperlgasse 19. — Druck: »Adria«, Wien, IL, Taborstraße 52 b.