Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1930-07-18 · Heft 14 (18.7.1930) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 14 (18.7.1930)
Date
1930-07-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2641551-2641599-2641613--337-2642290
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. Ütt jüdische Arbeiter aktuellen Probleme des Sozialismus und1 des palä stinensischen Letten, aber auch die Fragen, die innerhalb ihres eigenen Qetneinschaftslebens auftauchen. Daß auch Hebräisch fleißig! gelernt wird1, ist selbst verständlich — wollen doch unsere Genossen! am Kobenzl aus den Erfahrungen der schon' in Erez Israel weilenden Österreichischen Chäluzim lernen, die uns immer wieder schreiben: „ Oh, hätten wir nur mehr Ivrit gelernt! Die Häeh'scharahgruppe zählt jetzt 14 Mitglieder (11 Burschen, 3 Mädchen). Drei Genossen sind schon im Besitze von Zertifikaten und fahren jm. Juli nach Erez Israel. Im Juli wird die Gruppe auf 18, vielleicht sogar auf 22 Mitglieder ergänzt. Unsere Genossen haben sich über Mangel an Besuchen nicht zu beklagen: die Genossen! der Poale- Zkm, der, beiden Jügendgruppen lassen ies sich nicht nehmen, möglichst oft mit ihren Chaluzischen Freunden 'die wundervolle Aussicht vom Kob'enzl auf das Lichtermeer Wiens, zu genießen. Daß bei solchen Anlaßen Musik und Gesang die Abende verschönern, ist bei Wiener Ch'aluzim selbstverständlich. Hervorzuheben ist insbesondere der Besuch des Gen. Kanitz (Führer der österreichischen sozialistischen Arbeiterjugend), mit dem es eine sehr interessant verlaufene Auseinandersetzung über unsere Probleme gab. Unsere Organisation wird der "Entwicklung der HaChschärahgruppe am Kobenzl besondere Aufmerksamkeit zuwenden müssen : ist sie doch1 — heute in der Idee — morgen in der Wirklichkeit, Teil' jenes österreichisch-poalezionistischten Kibuz £n Rischon le Zion, der für uns'eine wichtige Kraftquelle zui werden verspricht, die konkrete Verbindung der Österreichischen! Poale-Zioni mit Erez Israel! Palästinabrief. (Von unserem Korrespondenten! — Orisch1.) Nach der Hinrichtung. — Klagemauerkommission. — Irgun meschutaf. Einige Zeit stand Palästina im Banne der bevorstehenden Hinrichtung der drei, von der Begnadigung ausgeschlossenen Araber. Hinrichtungen sind in Palästina nichts seltenes, alljährlich werden einige Mörder „sang- und klanglos" ins Jenseits befördert, ohne daß es ernste Proteste innerhalb des Großteils der Bevölkerung gebe. Diesmal handelte es sich1 freilich um (vielfache) Mörder, 'bei denen politische und Tnassenjpsychblogische Momente eine Rolle gespielt haben. Die arabische Exekutive; griff aus Protest zu der hier so beliebten Waffe — dem Generalstreik. Wie alle beliebten Waffen beiallzui häufigem' Gebrauch wirkungslos werden, so ist ,eg auch mit dem „Generalstreik" in Palästina. Der letzte ging trotz seiner dreitägigen Dauer, fast völlig unbeachtet vorüber. Ich setzte das Wort „.Generalstreik" unter Anführungszeichen1, und zwar mit voller, Absicht, denn ein wirklicher Generalstreik ist in"Palästina1 fast undurchführbar * und kommt. überhajpt nicht vor; die allgemeinen Streiks kann man höchstens „Nationsstreiks" benennen, denn 'es streikt jeweils; bloß) die eine der beiden Nationen. Hierin beruht, auch die Wirkungslosigkeit diese anrderswo so gefürchteten (Waffe. Die eine Nation arbeitet nicht, das Leben inimrnt aber trotzdem den gewöhnlichen Gang, denn die andere arbeitet an diesem1 Tage; unter Volldampf, außerdem wird die Wirkung des Streiks noch1 dadurch abgeschwächt, daß Staatsangestellte art ihm' niemals teilnehmen. Diesmal ist selbst dieser einseitige Generalstreik :nich't ganz lückenlos durchgeführt worden. Viele arabische Arbeiter 'beachten die Streikparple einfach nicht, drei Tage zu feiern ist schließlich nicht jedermanns Sache, am wenigsten, des Arbeiters bei seinem kärglichem Lohn. Die erwartete" Verschärfung der Beziehungen zwischen den beiden Nationen! durch die Vollstrek- 'kung der Todesurteile ist nicht eingetreten. Man be-x kommt den Eindruck, däßj sie die; breiten Schichten der Araber, gar nicht berührt hat; das Leben nahm sofort seinen alten Gang, wieder, selbst der Plan, den Boykott zu erneuern, 'konnte nicht durchgeführt werden. Um so mehr kann man die Mache der arabischen Exekutive und ihres Anhanges spüren. Die arabischen Zeitungen versuchen krampfhaft die Hingerichteten zu nationalert Helden und Märtyrern zii stempeln 'und verbreiten verschiedene, zum Teil recht einfältige Legenden über sie. Daßl diese Saat früher, Öder später ihre Früchte tragen wird, ist sicher. ' ' ■* Vor, einigen Tagen hat die internationale Klagemauerkommissiort ihre Arbeit begonnen. Als vor, zirka zwei Jahten1 die Klagemauer zu* einem „Politikum" gemacht werden sollte, dä haben besonnen1 Politiker auf jüdischer Seite vor diesem Schritt gewarnt. Die Warnung ist lungehört geblieben — die unmittelbare Folge der Politisierung der Klägemäuerfrage waren die Augustunruhen. Heute ist ein Zurück kaum noch möglich. In religiösen Dingen sind die Mohammedaner äußerst fanatisch und die Klagemauer ist für sie heute eine religiöse Angelegenheit — ob mit Recht oder Unrecht, mag hier uniuntersucht bleiben, das ändert nichts an der Tatsache. Die Araber haben in dieser Frage die ganze moslemische Welt hinter sich. Vertreter mehrerer mohammedanischer Länder sind bereits in Jerusalem eingetroffen, ,ium arabische Interessen vor der Kommission zu vertraten; Das Auesichtslose an diesem Streit ist, daß es kaum eine befriedigende Lösung geben kann. Wird die Klagemauer selbst den Juden zugesprochen, was historisch berechtigt ist, so ist die Freude nicht „ungemischt", wir haben dann mit einem Sturm der arabischen Welt* gegen uns zu rechnen. Im übrigen haben arabische Vertreter von vorneherein erklärt, daß sie nicht verpflichten können, jeden Schiedsspruch anzuerkennen, da sie in religiösen Angelegenheiten keine äußeren Einmischungen kennen; sie wollen bloß! der Kommission helfen, „die Wahrheit zu finden". Beide Parteien haben umfangreiches \Material der Kommission, überreicht. Seit Langem istfdäs Problem der gemeinsamen jüdisch-arabischen Arbeiterorganisation aktuell. Es wurde oft in den Kreisen der Histadruth und der Partei diskutiert, diesbezügliche Resolutionen wurden angenommen, tatsächliche Arbeit in dieser Richtung wurde, aber nicht geleistet. Selbst der Besch lußi ein arabisches Arbeiterblatt herauszugeben, harrt noch seiner Durchführung. Am 1. Mai erschienen im „Dawar" zwei Aufrufe) der eine war gezeichnet von einem Initiativkomitee (dem zumeist linke Poale-Zionisten angehörten), den anderen unterschrieb eine Reihe von Einzelpersönlichkeiten, beide riefen zur Gründung einer jüdischarabischen Arbeiterorganisation auf. (Einen Aufruf haben wir im Wortlaut publiziert — die Red.) Da die beiden- Gruppen die Gemeinsamkeit ihrer Ziele erkannt haben, schlössen sie sich zu einem Verband zusammen, der den1 Namen „Achwath-Poalim" trägt. Er besteht aus Chawerim der Histadruth, und zielt darauf ab, i nn er halb der Histadruth für den Irgun- Meschutaf zu werben und zu kämpfen. Als selbständiger Klub umfaßt aber Achwath-Poalim bereits arabische Arbeiter, an die sie als Aufnahmsbedingung, die Anerkennung der freien jüdischen Einwanderung stellt. Es sei bemerkt, daß die hiesige; Ortsgruppe bereits einen recht ansehnlichen Prozentsatz arabischer Arbeiter zählt; sie hat unter den Verfolgungen der Regierung viel zu leiden, die durch ihr ausgedehntes [Spitzelwesen jede Versfämm'tagjerßcnwert. Anscheinend hat die Regierung ihr Interesse daran, beide Nationen gegeneinander auszuspielen. Vor 'kurzem' gab,;Aehwath-Poälim" eine Broschüre mit Aufsätzen versie'dener führender Mitglieder, darunter zwei Araber, heraus. Man' kann auf Grund der Diskussionen; die sich auf den: Blättern abspielen1, zwei Richtungen innerhalb des Verbandes unterscheiden. Die eine erstrebt bloß: "eine gemeinsame w-irts c h a f 11 i C h e Organisation', ohne Einbeziehung irgendwelcher politischer oder kultureller Ziele (Wortführer Hugo Bergmahn). In ihrer, Argumentattoni betont sie, daßi genau so : wie der jüdische Arbeiter hundertprozentig national denkt Und fühlt, so muß man 'es auch dem arabischen Arbeiter überlassen, sich national solidarisch mit .den: anderen Volksgenossen zu fühlen. Deshalb soll der Wirkungskreis der zu schaffenden gemeinsamen jüdisch-arabischen Arbeiterorganisation (wirtschaftliche Fragen nicht überschreiten. Ist der, Ausgangspunkt H. Bergmanns die Nation und das Nationsinteresse, so: geht der Wortführer der anderen Richtung Erem (ein Fuhrer den Linken Poale- Zion) von der Klasse und1 dem1 Klasseninteresse aus. Kulturelle Arbeit unter den arabischen Arbeitern zu leisten, ist notwendig, um ihr Niveau! zu heben und sie von ihrer bürgerlichen und halbfeudalen' Intelligenz unabhängig zu machen. Die Arbeiter haben, über die Grenzen ihrer Nation hinaus, gemeinsame politische Interessen1, die sie selbstverständlich' gemeinsam zu1 währen haben. Was die jüdische Einwanderung anbelangt, so weist Erem an! Hand von Tabellen nach1, daßi sie Nutzen der Arbeiterschaft 3'eider Nationen gebracht hat xind noch! weiter bringen wird. Der, Verband „Achwath-Poälim" ist' noch "am Beginne seiner Tätigkeit, jedoch versteht er es, die Notwendigkeit des Irgun-Meschutaf in den Kreisen! der übrigen Arbeiterschaft zu betonen. Auch innerhalb der jüdischen Arbeiterpartei Palästinas gab es letztens Auseinandersetzungen über die Notwendigkeit nnd die Möglichkeiten einer gemeinsamen gewerkschaft- "ichen Organisation. In der letzten Moazah der Histadruth Wurde , dieser Frage vie Zeit gewidmet, mit dem Ergebnis, däß ein' Beschluß gefaßt wurde, vorläufig einen jüdisCh-arabischen Arbeiterklub zu gründen, der Vorläufer der gemeinsamen Organisation sein soll. Der Irgun-Meschutaf ist trotz der vielen, Schwierigkeiten, die seiner Verwirklichung irrt Wege stehen, ieute eine Notwendigkeit, der Anfang mußi endlich einmal gemacht werden. Der jüdische Partner muß sich davor bewahren, diese Organisation bloß: als Hilfsmittel zum Aufbau des jüdischen Palästinas aufzufassen, wie überhaupt sie als Lösung des ganzen Komplexes, das man Araberfrage nennt, zu| betrachten. Jerusalem, Ende Juni 1930. Die Histadruth wächst! In einer Zeit, wo die Arbeiterschaft Palästinas jegen Bestrebungen anzukämpfen hat, die darauf linausläufen, die Grundlagen des jüdischen Jischuw zu! unterminieren, ist es doppelt erfreulich zu hören, daß unsere palästinensische Arbeiterschaft fest und unerschütterlich an ihrem Werk hält und! ihre soziaistischen, konstruktiven Ideen in Taten umzusetzen versucht. Eine der Hauptaufgaben der Arbeiterklasse in Palästina ist Verteidigung des Rechts der jüdischen Arbeiter auf Arbeit, Verhinderung des Lohndruckes und jeder Schmutzkonkurrenz auf sozialpolitischem Gebiete. Unorganisierte Elemente sind eben Schädlinge jedes sozialen Fortschrittes, wie es eben in Kfar Saba zu sehen war. Organ isierung der Arnheiter ist daher Voraussetzung des Erfolges. Und mit Freude können wir konstatieren, daßl die Hist ad r u t h wächst, unaufhörlich' wächst. Der Internationale, Gewerkschaftsbund, der seinen .ordentlichen Kongreß dieser. Tage in Stockholm abhält, verzeichnet Ende 1923 einen Mitgliederstand von 13,800.567 gegen 13,516.269 im Jahre 1928. Die Entwicklung der Hstadruth ist aus der Bewegung ihres Mitgliederstandes zu ersehen. Die Histadruth zählte im fahre 1927 21.873 Mitglieder im Jahre 1928 21.302 Mitglieder im Jahre 1929 26.049 Mitglied'ei; ZuwaChs 4.747 oder 22.3 Prozent. Das Schwergewicht der jüdischen Kolonisation liegt in der Landwirtschaft, was die Tatsache erklärt, daß; der Landarbeiterverband mit seinen 10.000 Mitgliedern den größten Verband innerhalb der Histadruth bildet. Dank der Initiative und dem Verantwortungsbewußtsein der Arbeiterorganisation konnte die Arbeitslosigkeit fast zum Verschwinden' gebracht werden. Es waren Arbeitslose am Beginn am Ende des Jahres 6.780 5100 1927 \- ' 4.973 1.400 1928 s 1.446 188 1929 Ein Beweis der inneren Stärke den Histadruth1 gibt auch die S tr ei k Statistik: 1927 20 13.469 11 (55"cyö) Streiks 1928 22 4.379 14 (64 o/o) Streiks 1929 45 , 8.773 3Q (67 o/ö) Streiks Wozu folgendes zu bemerken ist: die Gewerkschaftsjpraxis lehrt uns, daß je kürzer ein Streik dauert, je rascher er beendet wird1, um so eher, ist ein Erfolg zu erreichen. Zieht er, sich im die Länge, so ist er fastsfchion halb verloren1. Aus der obigen, Streiksatastik ersehen wir, daß trotzdem immer, mehr Streiks geführt wurden, relativ, weniger Streiktage Und Um so mehr Erfolge aufzuweisen; sind1, was für-die erfreuliche Straffheit der Organisation! spricht. Etwas Selbstverständliches ist es, .wenn wir vernehmen, daß die Histadruth auch arabische Arbeiter, wenn auch Unorganisierte in ihren wirtschaftlichen Kämpfen aufs Kräftigste unterstützt. So mancher Erfolg für die arabischen Arbeiter wurde dank der Solidarität ihrer jüdischen Genossen errungen. Viel besser wäre es für alle Arbeiter, wenn1 die arabischen Arbeiter der Organisation überhaupt zugänglicher gemacht werden könnten; es könnten dann' viele Schwierigkeiten1,, wie z. ,B. die noch immer nicht erfolgte Anerkennung der Eisen bahn ergewerkschaft durch die Regierung und der Mangel einer, Organisation der öffentlichen Beamten, behoben werden. Hoffen wir, daß die Histadruth immer mehr wachsen wird und daß es ihr gelingen wird1, die Schwierigkeiten1, die sich ihrer Arbeit .entgegenstellen, zu überwinden und so zum Pionier der Arbeiterbewegung im Orient zu werden. Samu Halpern. Resolutionen des Parteitages der Poale Zion in C. S. R. Wir bringen nur jene Resolutionen, die das Spezifische der Arbeit unserer Bruderpartei zum Ausdruck bringen. PolitischeResolutionen. I. Zur Festlegung unseres politischen Aktionsprogramms wählt der Parteitag eine sechsgliedrige, politische Kommisson, bestehend aus den Genossen Grün, Grünberger, Huber, Keßler, Lindenbaum, Reiß, die bis spätestens Ende August 1930 einer nach Olmütz einzuberufenden, erweiterten Parteiratssitzung das Elborat des Programmes zur Genehmigung vorzulegen hat. Die Kommission soll ein solches Aktionsprogramm festlegen, das sich im Einklänge mit unserer jüdisch-soz. Ueberzeugung und den Interessen der arbeitenden, jüdischen Bevölkerung befinden soll. Diese Kommission soll sich auch mit der Ausgestaltung unserer organisatorischen Arbeit befassen, der politischen Aufklärung der jüdischen Massen der Republik, und insbesondere Wege finden, um in Karpathorußland und in der Slovakei Fuß zu fassen. Staatenlo senfrage. II. Der III. Parteitag der jüd. soz.-dem. Arbeiterpartei Poale-Zion in der CSR. konstatiert, daß es in der, Republik noch immer eine große Anzahl Juden, insbesondere im Osten der Republik gibt, die hier seit Jahrzehnten wohnen und ehrliche Arbeit leisten, jedoch infolge der Nachkriegsfolgen entweder überhaupt staatenlos sind, oder als Ausländer betrachtet werden. Dieser Umstand schädigt diese Menschen empfindlich in ihren bürgerlichen und wirtschaftlichen Interessen, ja in vielen Fällen bedeutet es für sie die Existenzfrage. Vom sozialistischen und wahrhaft demokratischen Gesichtspunkte haben alle diese, durch die Konstitution der Republik zu Staatenlosen oder zu Ausländern gestem-v pelten Menschen das Recht, als vollwertige Bürger in diesem Staate leben zu dürfen. c ü im ii ii

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.