Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 14 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. Ii« b. '^w^mu-.miiottek ■ /«gjgfe^f' , * /'^i « ß iÄ' / Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Ostern Erscheint jeden Zweiten Freitag . " -i Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1/111 — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig S 1.20, halbjährig S 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 14. Wien, 18. Juli 1930. 7. Jahrgang. Zehn Jahre zionistisch-sozialistische Partei in Rußland. \ 'Am 20. Mai sind' zeh'n Jahre seit dem Tage vergangen, da in Ch'arkov bei Anwesenheit von 452 Delegierten die zionistisch-sozialistische Partei Rußlands gegründet wurde; zehn Jahre schwersten Kamp^ fes für unsere Idee, zeh'n Jahre, von welchen jeder Tag, ja jede Stunde von unseren' Genossen Beweise ihrer heroischen Treue zu unserem gemeinsamen Werke forderte. Wir grüßen' unsere Ch'averim .und beugen luns in Ehrfurcht vor ihrem! stillen Heldentum! Zeitnotizen. „Saujud!" — Die Wirtschaftskrise. Politische Lage im Zionismus. — Gruß dem Genossenschaftskongreß. . Da haben in Gloggnitz Heimwehrbub'en in die Rennerbrücke 'das Wort Saujüd eingemeißelt; die Arbeiterzeitung (14. Juli) setzt sich1 an; leitender Stelle mit dieser Tat auseinander. In welcher Form? Indem sie etwa auf die Verwilderung deg politischen Kampfes in1 diesem Lande hinweist, im dagegen dieses die jüdische Bevölkerung verunglimpfende Schimpfwort Protest einlegt? Nein, nein, der Leitartikler — in der Psychoanalyse wohl bewandert—schreibt eine Psychologie der Heimwehrantisemiten: statt ihr ),Saujud" dem Rothschild zuzurufen, g e ge n d en esangebr ä:c h t wäre; schmähen sie mit diesem verdrängten.Worte den Bauernsoh'n Renner! '' - Wir möchten! dem Leitartikler des Zentralorgans' unserer Partei in aller Freundschaft sagen: wir lassen uns von keinem Genossen1 an Gegnerschaft zu den jüdischen Kapitalisten übertreffen, — aber gegen die Auffassung, als ob gegen' siet der Antisemitismus und 'das Schimpfwort Saujud angebracht wäre, protestieren wir, wie wir auch — nicht zum ersten Male — gegen: die in der Arbeiterzeitung zum System erhobene Methode der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus (Verstehen und1 Verzeihen) im Namen der1 jüdischen1 Parteigenössen aufs energischeste Einspruch erheben- Nicht nur um unserer Menschenwürde willen! In diesen Tagen finden!;in Rumänien Pogrome statt, Blut jüdischer Menschen fließt: das ist antisemitische Praxis. Und wer in Oesterreich den Antisemitismus nicht a b so 1 ii t verwirft und1 bekämpft, vielmehr ihn unter Umständen für angebracht 'hält, der ist und1 bleibt ein unfreiwilligen Wegbereiter für Pogrome! * . * Eine furchtbare Krise lastet auf dem Wirtschaftsleben Oesterreichs. Gewiß ist diese Krise Teil der allgemeinen1 Weltwirtschaftskrise, sie hat aber in keinem Staate der Erde so fürchtbare Formen angenommen, wie. in unserer Republik. Und! wenn die Tatsache der Weltwirtschaftskrise an sich in den ehernen Gesetzen der planlosen anarchischen auf Ausbeutung d'er Arbeiter und Angestellten beruhenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung begründet ist, die hoffnungslose Lage d'er österreichischen Wirtschaft ist in nicht 'geringem Maße das1 Ergebnis einer bürgerlichen Wirtschaftspolitik, die — das werden auch WirtsChäftskonferenzen nicht verdecken — die Interessen der städtischen in Industrie und Händel wirtchaftlich eingegliedreten Bevölkerung preisgegeben hat lindlrtur ei n Objekt für ihre;Tätigkeit kennt, das Wohl und Wehe des agrarischen Teiles der österreichischen Bevölkerung. Angesichts dieser fast ' vollkommenen Passivität der fürchtbaren Notlage der Industrie iund des Handels gegenüber und vor allem! angesichts der Tatsache, daß diese negative Stellung der maßgebenden' Faktoren unter Duldung der Führen der Industrie 'möglich ist, läßt es * einem als evident erscheinen, daß 'hier ein großangelegter Plan obwaltet: Desindustrialisierung der österreichischen Republik bedeutet Stärkung der Machtstellung des konservativen Elementes innerhalb der österreichischen Bevölkerung1, bedeutet die Schaffung der sozialen Voraussetzung für Restaurationsbestrebungen, die früher öder später einsetzen wenden. Diesem1 Ziele werden die Wirtschaft, das* Proletariat uimsdl. innerhalb' dieses nicht zuletzt auch das jüdische Proletariat geopfert. Es ist unmöglich! statistisch die Lage des jüdischen' Proletariats in Oesterreich zu* erfassen: nur mittelbar können wir die schreckliche Notlage, in der es sich'' heute befindet erschließen. Wir wissen, daß schon in der Vorkriegszeit die überwieglend&Mehrneit der in Händel' und Industrie beschäftigten Juden unselbständig war, welch' großen Anteil die Juden an der Zahl der Angestellten in Wien hatten: d'as Angestelltenschicksal ist typisch1 für das Schicksal der Juden im Oesterreich. Kürzlich hat nun die industrielle Bezirkskommission einige Zahlen veröffentlicht, welche die Lage /der Augestelltensch'aft grell' beleuchten: von 15.000 stellenlosen Angestellten sind1 3600 mehr als 2 Jahre, 1400 mehr als 4 Jahre, 900 mehr als 7 Jahre arbeitslos. Von den mehr als 40 Jahre alten Angestellten^ sind 50 Prozent im Bezüge der Notständsunterstützung! Wenn man nun bedenkt, unter welch' schweren Bedingungen der jüdische Angestellte seinen Kämpf um Arbeit führt, wird manj sich dessen bewußt werden, wie groß die Zahl der zur Dauerarbeitslosigkeit veru rteil teni Jüd en. Wir wissen, welch' wachsenden Einfluß die gelben, antisemitischen Gewerkschaften auf dem Arbeitsmarkt haben'. Die öffentlichen' Betriebe 'des Staates sind dem Juden nunmehr völlig verschlossen; gewiß der Bund wirft die jüdischen öffentlichen Angestellten'aus der« Vorkriegszeit nicht heraus, welch Utopie wäre es aber, wenn ein Jude, heute eine Anstellung bei der Post oder bei den Bahn, bei der Hoh'eitsverwältung' des Bundes anstreben wollte! > Auf diese Not der Arbeiter;'iind Angestelltensch'aft weiß das Bürgertum nur eine Antwort: Vernichtung des revolutionären Schuttes, Verschlechterung der ArbeitslosenversiCh'enung. Die jüdische Angestelltenschaft ist sic'h dessen' bewußt, daß! nur die Beseitigung des Kapitalismus, seine Ersetzung durch 'die sozialistische Planwirtschaft einem Zustand das Ende bereiten *wird!, in welchem sie Spielb'all blind, wirkender ökonomischer Kräfte ist, sie weiß) daß es^ im Sozialismus unmöglich wäre, daß die Wohl-* tat der Rationalisierung der Wirtschaft — und die jüdische Arbeitslosigkeit füst im Wesentlichen: die Folge der Mechanisierung der Bureauarbeit — zur Plage 'für die arbeitenden Menschen wird. Sie hat -aber auch .'(erkannt, daß die für das spezifische österreichische Elend verantwortliche Politik nur dann ihr unrühmliches Ende finden wird1, wenn es gelingt, der Partei/des österreichischen Proletariats, der Sozialdemokratie den; Anteil an der Leitung dieses Staates zu erobern. Für dieses Ziel wollen: wir kämpfen; darüber hinaus aber wollen wir innerhalb unserer Partei um Verständnis für die spezifische Not der arbeitshungrigen Jugend' unseres Volkes werben. "■""■*•' * ■ ■ Ob dies in der gegenwärtigen politischen Situation des Zionismus begriih'd'dtilsti oder nicht — Tatsache ist, das Geheimdiplomatie heute den die zionistische politische Praxis beherrschende Grundsatz geworden" ist. Mit größter Spännung haben wir der am 25. Juni stattgefundenen Tagung den politischen Kommission der Jewish Agency entgegengesehen: leider haben wir bloß erffahren," däßi Weizmann und Sach'er Erklärungen abgegebenhaben, Gen. Kaplansky über verschiedene von der Agency der englischen Regieruwglunterbreifete Vorschläge lundf Dr.!jäCob*soh'n über die Lage in Genf berichtet haben, aber über den Inhalt dieser Enunziationen auch nicht ein Wort! die gefaßten Resolutionen bringen eine Kritik der englischen Mandatspolitik und wenden sich im letzten Absatz au das arabische Volk! und die britische Regierung: „In dieser Stunde, in der die Wege bestimmt werden, welche wir vielleicht für lange Zeit werden gehen müssen, wenden wir uns noch einmal sowohl an die Araber, als an die Mandatarmächt. Wir werden keinen ehrenhaften Versuch1 scheuen, zu einer Kooperation mit den Arabern in der Arbeit an der Entwicklung des Landes zu gelangen, und wir appelieren an sie, eine solche Kooperation zu ermöglichen. Die britische Regierung fondern wir auf, ihre Aufgabe in Palästina wiederum in dem Geiste jener aufzufassen, die für die Balfour-Deklaration verantwortlich1 waren." f .. . .* Eine Klärung /der politischen Situation scheint man sich vom zionistischen Kongreß zu1 versprechen; dieser soll laut Beschluß der Exekutive noch1 vor / Dezember 1930 stattfinden. Allerdings muß festgestellt werden, daß es vor allem1 die rechten, reaktionären und1 chauvinistischen Gruppen* des- Zionismus sind, die die Einberufung des Kongresses fordern: sie versprechen; sich offenbar anläßlich1 den Kongreßwah'lert* eine Stärkung ihrer Macht. Es1 wird' die Aufgabe der zionistisch-sozialistischen Gruppen sein, Vor-, •sorge zu treffen, damit die Hoffnung der Revisionisten zu Schanden werde und der kommende Zionistenkongreß eine vom wahrhaften Willen zum Frieden und1 sozialem Aufbau erfüllte Majorität h'abe! . * < . Die p roletarische GenossehsCh'aftsb'ewe'gung Oesterreichs rüstet in diesen Tagen zum' Empfang der Genossenschafter aller Länder, die zum internationalen Genossen'schaftskngreoß nach Wien kommen. Auch wir Poale Zionisten dieser Stadt begrüßen den Ge- >nossenschaftskongreß aufs herzlichste: als Sozialisten, weil wir in der Genossenschäftsb'ewdgungj nicht nur — neben Gewerkschaft und Partei — einen' Weg zur Hebung des proletarischen Lebensniveaus sehen, sondern die genossenschaftliche Arbeit als «positive Aufbauarbeit am wirtschaftlichem ..Gebäude des Sozialismus betrachten; als zionistische Sozialisten, weil das Prinzip des1 positiven Sozialismus, wie es die Grund läge der Genossensch'äftsb'ewegung, bildet, das charakteristische Merkmal der jüdischen Arbeiterbewegung Palästinas darstellt, die wie keine! der Internationale vom Verwirklich'un'gswillen erfüllt, ist. Als österreichische Genossenschafter (und Exponenten des jüdischen .arbeitenden Palästina1 wünschen wir dem .internationalen Genossenschaf tskongreßi viel Erfolg! Die Hachscharahgruppe am Kobenzl. Auf dem Gute Kobenzl befindet sich1 dank der Vermittlung der österreichischen Lärtdärbeiterge\verksChaft seit einigen Monaten eine HaChsCharäh'gruppe, in welcher sich die Chaluzim der; p;oalezionistischen1 Jugendorganisationen I. S. A. J. und Mischmar haov- 'dim für Erez Israel vorbereiten1. Die Genossen', die hier arbeiten, sind bereits in' städtischen Berufen^ — zum Teil in1 hochqualifizierten (Elektrotechniker) tätüg gewesen, und ih'r Ziel ist es, sich hier landwirtschaftliche Kenntnisse zu erwerben, Um soi für die Eingliederung in das " palästinensische Wirtschaftsleben d'ojppelt ausgerüstet zu sein. Charakteristisch' fürunsere Chaluzgrujppe. ist es, daß sie über-das Ziel der fachlichen: Vorbereitung ihrer, Mitglieder als1 der wichtigsten Voraussetzung d'er Eingliederung in das arbeitende Erez Israel hinaus b*ereits ganz konkrete Pläne für Palästina hat: und zwar fühlt sic^ 'die Qrujppe am Kobenzl als Sammelpunkt der poalezionistisch'en Chaluzim aus Oesterreich, die sich In Erez Israel dem' in Rischon1 le Zion von unseren im Februar nach Palästina ausgewanderten Genössen gegründeten Kibuz anschließen wenden. Es ist zu hoffen, daß dort in Rischon le Zion eine Konzentration österreichischer Poale-Zionisten stattfinden wird — welche Bedeutung das für die Alijah aus Oesterreich aber au'ch' für jeden einzelnen; Genossen, der im Kibuz die im vertraute und liebgewordene poalezionistisch'e Athmosphäre vorfinden wird1, braucht nicht erst aufgezeigt zu werden! Die Arbeitsverhältnisse auf dem Gute, das der Arbeitsplatz unserer. Freunde ist, können als gut bezeichnet werden. Die Genossen' lernen alle landwirtschaftlichen! Arbeiten', insbesondere ist die Erlernung des Weinbaues für die zukünftigen Arbeiter von Rischoni le Zion wichtjg. Das Verhältnis unserer Ch'aluzim zu ihren Arbeitsgenossen und1 ihren! Vorgesetzten wird von ihnen selbst als „tadellos" bezeichnet. Zwischen den Ch'aluzim und den Arbeitern des Betriebes besteht engste. Gesinnungsgemeinschaft, sind doch die letzteren durchwegs rot organisiert, Iund zeigen auch lebhaftes Interesse für Palästina. Die Hachscharahgruppe ist sich! dessen b'ewiußt, daß die physische Vorbereitung) fün Palästina! nicht genügt, daß geistige Hachscharah unbedingte Notwendigkeit ist. Die Gruppe hält! Siehot mit den noch1 in Wien weilenden Ch'aluzim der beiden! ppale-zionistisch'en »Jugendgruppen ab, sie diskutiert fleißig die