Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 13 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Arbeiter Seite 3. allen, die die Lage sehe«, . Wie sie ist, und die die Wirrnisse beseitigen wollen, irt welchen sich die Arbeiterbewegung des Landes befitfdet und die den Willen haben, sie auf jene Stufe emporzuführen, die ihrem quantitativen und qualitativen Wert, ihrem gesellschaftlich politischem .Gewicht entspricht.« Der jüdisch-nationale Arbeiter- Verband in Amerika. Vom 17. bis zum 21. Mai fanden! in' Montreal die Beratungen* des diesjährigen Kongresses der jüdisch'nationalen' Ar'beiterverbandes statt; es ist dies der 12. Kongreß. Wenn man die sehr umfangreiche Tagesordnung liest, die die Generalexeklutive den Delegierten vorgelegt hat, kann man sich eigentlich' selbst ein Bild1 machen, wie sehr der Verband eine Stätte für den jüdischen' Arbeiter Amerikas ist, in 'der er alles findet, was er im1 Alltag nötig hat iund was ihn über kden Alltag hinaushebt. Der jüdischnationale Arbeiterverband wurde im Jahre 1910 gegründet, als sich nach' den russischen Pogromen ein großer jüdischer 'Einwanderungszustrom über das Land ergoß und neben vielen Indifferenten auch1 Menschen mit bewußt jüdischer und sozialistischer Einstellung mit sich brachte. Die Poale- Zion, durch Spaltung geschwächt, in zwei sich1 befehdende Gruppen — Territorialisten und Zionisten — geteilt, h'at sich damals auf Erez Israel konzentriert, so daß die Galuthprobleme, die aus oben angeführtem Grunde geradezu nach einer Lösung schrien, ins Hintertreffen gerieten. Da wurde nun •unter der Initiative der Poale Zion mit einigen anderen Genossen der jüdischnationale Arbeiterverband gegründet, dem es oblag, die jüdischen Arbeiter im alltäglichen Kampf ums Dasein1 zu unterstützen. Heute, nach fast 20jährigem Bestehen, hat sich der Verbarid *zu einem mächtigen ökonomischen, politischen und kulturellen Faktor im Leben der jüdischen Gasse Amerikas entwickelt. Ungeheuer sind seine" Leistungen auf diesen Gebieten, und selbst uns österreichischen Sozialdemokraten, die wir doch' aus unserer Partei ans große Fehlen gewohnt sind', müssen die Lestungen deis jüdischnationalen Arbeiterverbandes imponieren. Auf kulturellem Ge biet leistet der Verband folgendes: er erhält gemeinsam mit der Poale-Zion 100 Volksschulen, die von 5000 Kindern besucht werden. In diesen Schulen unterrichten Lehrer, die in einem eigenen Lehrerseminar studieren, und so wird die Garantie geschaffen, daß die Kinder im Geiste des jüdischen Sozialismus erzogen werden.- Kindergärten sorgen für die Erziehung der Kleinkinder. Ebenso ist für die Erwachsenen all das, was das Arsenal modener Bildungswaffeu enthält, aufgeboten worden. Arbeiterheime, Lesezimmer, Theater, Sprech- und Singchöre, Abendkurse, Seminare usw. stehen jedem, der lernen will, zur Verfügung. In ökonomischer Hinsicht .sind1 die Leistungen des Verbandes direkt hervorragende, und wer sieht, mit welcher Entschiedenheit die Arbeiterschaft aller Länder, in denen eine Sozialversicherung besteht, sich gegen eine etwaige Verschlechterung dieser wehrt, kann die Summe an Arbeit ermessen, in1 einem Lande, dessen ,,Ruhm" nebst anderem auch darin besteht, keine Sozialversicherung zu .kennen, eine solche auf freiwilliger Beitragsleistung aufgebaute durchzuführen; 300 Millionen Dollar erreicht die Vers&cherungssumme. Leih- und Sparkassen vermitteln Angebot, bezw. Nachfrage nach Kapital unter der jüdischen Arbeiterschaft, 400.000 Dollar beträgt das Stammkapital, während ihr Umsatz die Höhe von: 1 Million Dollar erreicht. Neuestens geht d'er Verband daran, zwei neue Gebiete kooperätivenj. Wirkens1 seinen? Mitgliedern zu erschließen./Das eirte Gebiet ist das des kooperativen Baues von Wohnhäusern,- um die Arbeiterschaft vor der Auswucherung durch Zinsgeien oder durch1 Bauspekulanten zu schützen. Das andere Gebiet ist die Errichtung von Sommerkamps für Kinder und Erwachsene, um so den Mitgliedern! die Möglichkeit eines billigen Sommeraufenthaltes inmitten; ihrer Genossen zu bieten. In politischer Hinsicht geht der Verband konform mit der Poale Zion; hier zeigt sich die kluge Voraussicht jener Genossen, die an der Gründung mitgewirkt haben und1, überzeugt von ihrer Weltanschauung, gewußt haben, daß der bewußte jüdische Arbeiter, wenn auch verschiedenen Wegen, eben! jeder auf dem ihm entsprechenden, nur, zui einem Ziele gelangen: kann, nämlich' zum Ideenkreis des arbeitenden Palästina. Der Verband leistet sowohi ideell als auch1 materiell alles, was in! seinen: Kräftert! steht, für das arbeitende Erez Israel, sei es durch1 Schekelkauf, um seine Position zum Zionistenkongreßi. zu stärken, sei es durch' Arbeit für P. A. V. und; J. N. F. oder durch' Unterstützung beim Kampf© unserer Genossen um Anerkennung und! Unterstützung unseres Werkes in der sozialistischen Internationale, dadurch, daß er unsere politischen Büros im London und Paris, also gewissermaßen die Gesandtschaften Erez Israels haowedeth1 unterstützt. Die jüdischen Arbeiter Amerikas anerkennen die Leistungen ihres Verbandes, was insbesondere dadurch* zum Ausdrucke kommt, daß er zu seiner 12. Beratung gestärkt und vergrößert kommt, mit dem Bewußtsein und dem Willen, für das jüdische Proletariat neue Wege in eine bessere Zukunft! zu schaffenf und den jüdischen Arbeitern der ganzen Welt eine Heimstätte in ihrem Lande, im Lande jüdischer Arbeit und Schaffung, gründen zu helfen. r. g. Der Kongreß naht — entrichtet den Scheitel! Resolutionen der Konferenz der Poale Zion in Polen. V. Sozialistische Internationale. Nach allgemein-sozialistischen Feststellungen setzt die Resolution,fort: »2. Mit Befriedigung nimmt die Konferenz die Beschlüsse der Exekutive der sozialistischen Arbeiterinternationale, in welchen diese, die jüdische Arbeiterschaft Palästinas der Solidarität des internationalen Proletariats versicher und ihre Zustimmung zu unserer Arbeit am Werke des Proletarischen Zionismus ausspricht, zur Kenntnis. 3. Die Konferenz stellt fest, daß das Problem der jüdischen Arbeiterschaft eine einheitliche interterritoriale Organisierung des jüdischen Proletariates der ganzen Welt fordert. Dank seiner besonderen Lage ist es auch notwendig, daß der jüdische Sozialismus innerhalb der Internationale als internationale Sektion vertreten sei; bis zur Schaffung einer jüdischen Sektion innerhalb der Internationale ist es notwendig, daß der zionistische Sozialismus durch den Weltverband Poale-Zion | in der Internaitonale vertreten sei. 4. Die Konferenz for- \ dert den Weltverband Poale-Zion auf, seine Arbeit fortzusetzen, und die Probleme der jüdischen Arbeiterschaft in ihrem ganzen Umfang aufzurollen, insbesondere auch die 'Aufgabe des Aufbaues der national-personalen Autonomie in den Ländern der jüdischen Massensiedlung. VI. Gewerkschaftsarbeit.' 1. Die jüdische Gewerkschaftsbewegung liegt in Polen darnieder. Der Landrat hat nur einen Teil der jüdiverpflichtet. Wir erkennen, daß ebenso wie die jüdische Arbeiterschaft unzweifelhaft immer mehr die Notwendigkeit der gemeinsamen Organisation erkennt. (Beschlüsse der Histadruth) auch die arabischen Arbeiter mehr als einmal ihrer Bereitschaft zur praktischen internationalen Solidarität Ausdruck gegeben haben. (Ihr Eintritt in die 'Eisenbahnergewerkschaft, Solidaritätsstreiks anläßlich des Streiks Nur in Akko, ides Streiks Wieland in Jaffa, des Schneiderstreiks in Haifa, des Bäckerstreiks in Jerusalem, die Begrüßungen der Tagungen der jüdischen Arbeiterorganisationen seitens der arabischer Arbeiter.) Größer noch erscheint die Gefahr, die in der nationalen Absonderung liegt, im Lichte der politischen Situation nach den blutigen Ereignissen im Lande. Die Bewohner des Landes, die Juden und die Araber, ihre vitalsten Interessen sind Objekt der Politik einer fremden Macht geworden. Dieser Zustand kann nur durch Kooperation und durch Schaffung brüderlichen Verstehens zwischen den arbeitenden Massen geändert werden. In nicht geringerem Maße fordern die wirtschaftlichen Verhältnisse von den jüdischen und arabischen Arbeitern gemeinsame Aktion und gemeinsame Orgapisation. Die kapitalistische Entwicklung des Landes, das als Ergebnis des Einströmens des nationalen und internationalen Industrie- und Handelskapitals verwischt immer mehr die Grenzen zwischen den nationalen Wirtschaften des Landes, läßt eine einheitliche Volkswirtschaft entstehen, es bilden sich einheitliche Interessen der Unternehmer, die in ihrem Kampfe gegen die Bestrebungen der Arbeiterschaft, ihr Lebensniveau zu heben von der im Lande herrschenden Macht unterstützt werden. . Die. klare und einfache Folgerung aus diesen wirtschaftlichen Verhältnissen ist die gemeinsame Organisation und Konzentration der Tätigkeit der Arbeiterklasse des Landes. Große Anstrengungen sind notwendig, um bei den arabischen und jüdischen Arbeitern die Erkenntnis dieser Tatsachen Wurzel fassen zu lassen und den Willen, sie auf einem gemeinsamen Wege zu bewältigen. Die Größe der Aufgabe erschwert es vielleicht vielen, sich ihrer praktischen Verwirklichung zu widmen. Die Schwierigkeiten, welche den Tatwillen vieler schwächen, be- ' stehen in der Fremdheit, mit der jedes der beiden Völker der Sprache der Kultur und dem Leben des anderen Volkes gegennübersteht — Schwierigkeiten, welche Arbeiter anderer Länder überwunden haben. Das Ziel, diese Schwierigkeiten zu überwinden, stellt sich die »Ichud- Poalim«. Sie will nicht an die Stelle der gewerkschaftlichen und politischen Organisationnen treten. Die Ichud- Poalim erkennt' die Notwendigkeit, der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation, die schon heute die Mehrheit der Arbeiter des Landes erfaßt hat, eine solche organisatorische Form zu geben, daß sie auch zur Organisation werde, in der sich die arbeitenden Massen des Landes im internationalen Maßstab organisieren können. Die Aufgaben der »Ichud-Poalim« sind: 1. Förderung der gemeinsamen Organisierung innerhalb der Histardrut. 2. Förderung der kulturellen Annäherung der Arbeiter der beiden Völker im Wege gemeinsamer Kulturarbeit. 4. Behandlung der Grundprobleme des jüdischen und arabischen Arbeiterlebens. 5. Förderung der ständigen gegenseitigen Erkenntnis der Lage der Arbeiter der beiden Völker und ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen. 6. Propagierung der Idee des Schutzes der gleichen Rechte der Arbeiter der beiden Völker. Der Ichud-Poalim ist jedem Arbeiter ohne Unterschied der Nationalität ,des Glaubens und des politischen Bekenntnisses, der den internationalen Zusammenschluß, die Stärkung, und Entwicklung der jüdischen und arabischen Arbeiterklasse, die Gemeinsamkeit ihrer nationalen und Klasseninteressen bejaht, offen. Wir sind dessen sicher, daß unsere Bestrebungen die Zustimmung und tätige Unterstützung finden werden bei »Er muß ihm die Hand küssen. Küß, dem Onkel Moses die Hand«, schrie Aaron Moische, der Dorfgänger, welcher hier beim Bügeleisen stand, den Revolutionär an. Das Ende war, daß Onkel Moses sich nicht die Hand küssen ließ. Den Landsmann entließ er nicht. Der bekam dann für seine Dummheit den Spitznamen der »Gewerkschaftler«. » 5 Damit ist aber noch nicht gesagt, daß bei Onkel Moses am Sabbat nicht gearbeitet worden wäre. Im Gegenteil, der Sabbat war im Geschäft des Onkel Moses der stärkste Tag. Die Frommen unter den Landsleuten verbrachten wirklich den Sabbat in der »Congregation« und zu Hause bei ihrer Familie. Die Jüngeren aber, welche nicht fromm waren, lud Onkel Moses ein, am Sabbat ins Geschäft zu kommen, um beim Verkauf oder bei den kleinen Aenderungen zu helfen, die bei der verkauften Kleidung nötig waren. Der Sabbat war der Tag der größten Losung. Und da! die Landsleute für ihre Sabbatarbeit nicht bezahlt wurden, hielten sie die Kleinigkeiten nicht für eine Arbeit, sondern für eine Gefälligkeit gegen den Onkel. Aber am Sabbatabend kamen die Aelteren bei einem Von der Familie zusammen und verbrachten den Abend mit ihren Erinnerungen an Kusmin. Es. wurde Bier geholt, und man hatte seine Freude an dem alten Kusmin. Die meisten unter den Kusminer Landsleuten waren in der freien Natur aufgewachsen. Kusmin lag am Ufer der Weichsel, in Zwetschkenbäume und Wiesen gebettet. Wenn der Passach nahte, da durchzog die Luft von Kusmin jener leichte Hauch, der von weiten Feldern herweht und machte die Herzen jung. Unter den Kusminem gab es Leute, welche die Hälfte ihres Lebens im Holzschlag verbracht hatten, es gab Flößer, welche früher Flüsse und Teiche durchschwammen und im Winter das Eis aufhackten, es gab Leute, die daheim Kühe gemolken, mit Milch, Grünzeug und Obst zu tun gehabt hatten. Hier aber waren sie alle von der Natur abgeschnitten und mußten ihre Tage in der staubigen Werkstätte verbringen. Sie sahen nicht, ob die Sonne schien, oder ob es regnete, sie sahen nur die vorbeirasende Hochbahn. Selten hatte einer von den Landsleuten Gelegenheit, den Himmel bei Tag zu sehen. Und entdeckte ein Kusminer einmal plötzlich an einem Winterabend den Mond, der durch eine Ritze des Himmels einen Augenblick in die Essexstreet hineinguckte, so war das für ihn eine ebenso große Sensation, wie wenn ein neuer Landsmann aus Kusmin ankam... So hatten die Kusminer Sehnsucht und wußten selbst nicht, wonach. Sie hatten Sehnsucht nach dem Himmel von Kusmin, nach dem Mond, nach Feldern, nach den Bäumen von Kusmin. Und wenn sie zusammenkamen, so legten sie Kusmin sozusagen auf den Tisch, an dem sie aßen — denn sie besaßen kein anderes Leben als das, das sie in der alten Heimat zurückgelassen hatten, Onkel Moses war ein Kusminer Landsmann. Und obwohl er ihr Brotherr, ihr Herrscher und ihr Machthaber war, war er doch derselbe Kusminer wie sie. Sein Leben hatte sich von ihrem nicht unterschieden. Seine Kindheit, seine Jugend, die schönsten Tage seines Lebens hatte er in Kusmin verbracht, Seine schönsten Erinnerungen waren mit dem kleinen Städtchen verknüpft; und erinnerte ihn jemand an Kusmin, an einen Bekannten seiner Jugend oder an einen Platz daheim, wo er mit den Fleischerburschen gespielt hatte, so war Onkel Moses so gerührt, daß Tränen in seine Augen stiegen. Oft erschien er plötzlich bei den Kusminerh, wenn sie am Sabbatabend zusammensaßen und hörte den Geschichten aus Kusmin zu. Doch wenn Onkel Moses eintrat, verstummten die Kusminer, sie hatte Furcht zu sprechen, und taten nichts als dem Onkel schmeicheln, ihm aufwarten und zuhören. Er fühlte, daß er ihnen durch sein Kommen die Fröhlichkeit vertrieben hatte, und ging. Je älter Onkel Moses wurde, desto größer wurde seine Sehnsucht nach Kusmin. Er stellte sich oft vor, er sei noch ein junger, lediger Bursche und gehe daran, zu heiraten. Er sei in die Fremde gegangen, um sich emporzuarbeiten und Geld zu machen, und jetzt sei er daran, als reicher, junger Mann nach Kusmin zurückzukehren und mit einem vornehmen Kusminer Mädchen Hochzeit zu halten; ein Mädchen aus einem guten Bürgerhaus mußte es sein... Sein Leben in Amerika zählte für ihn gar nicht. Er hatte garnicht hier geheiratet, keinen Haushält geführt, sich bloß emporgearbeitet und Geld verdient. Und jetzt erst wollte er heiraten, ein gut bürgerliches Leben führen, wie es sich für einen Mann wie Onkel Moses paßt. Doch die Jahre flogen dahin, Onkel Moses war mit Geschäften überhäuft und vergaß; doch wenn er erwachte und bereit war, das neue Leben zu beginnen, da sah er freilich ein, daß er für die Rückkehr nach Kusmin schon zu alt war,,. Entnommen aus »Onkel Moses«, (Uebertragen von S. Schmitz.) Mit gütiger Erlaubnis des Verlages Zsolnay,