Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 13 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Der jüdische Arbeiter Der Kongreß naht - entrichtet den Schekel! lHlH|aHiaHgHBiMMMnaM tmtf in Palästina bereit zu mach'en sucht. Zum Kampfe gegen ih'n: rufen wir unsere Freunde allüberall) auf; von'der Exekutive erwarten wir, «daß es ihr nicht schwer fallen wird1, diesem Dokument den richtigen. Ort zuzuweisen. Von 'den Kämpfern um die Kooperation zwischen den arbeitenden Klassen der beiden Völker aber erwarten wir, daß sie allen Anfechtungen und Bedrohungen zu Trotz ausharren werden, eingedenk des Dichterwortes: Wahre Verantwortung! ist wie ein mit Herzblut unterschriebener Vertrag. Er bindet über alte Einwände der Bequemlichkeit hinaus! -Z— Palästinabrief. Von unserem Korrespondenten —orisch. Es gibt nichts Schwierigeres, als eine Analyse der gegenwärtigen1 politischen Lage zu geben. In so einem Dunkel gehüllt war sie in der neueren! zionistischen Geschichte noch' nie. Prognosen sind in diesem (Zeitpunkte fast ganz tunmöglich1, rundi wenn sie sich auch' bloß auf die nächsten Tage erstrecken sollen. Das Wechseln1 in den letzten Tagen zwischen Wellenberg und1 Wellental in der Politik Englands! uns gegenüber war so rasch1, daß man' befürchten muß, Ueb'erlegungen, die heute angestellt werden, können morgen unrichtig werden. Ganz unerwartet traf den Jischuw die Nachricht »von der Einschränkung der Aliah; um so unerwarteter, als dieses „Stop" bloßi einige Tage nach' Bewilligung der neuen Zertifikate durch1 die-Palästinaregierung vort London aus kommandiert wurde. Man war bestürzt, die verantwortlichen Stellender zioiin'stiscftera Exekutive nicht weniger, als die breiten Massen, denn, obwohl diese verhängnisvolle Nachricht Jerusalem am' Mittwoch abends erreicht hatte, hielten sie mit der Veröffentlichung noch einige Talge zurück, wahrscheinlich in der. Hoffnung, die unglaubwürdige Verfügung würde bald zurückgezogen) werden.. Erst Sonntag früh' druckten die hebräischen Zeitungen diese Nachricht ab, drei Tage nach' ihrer Veröffentlichung in der arabischen Presse. Die praktische Wirkung dieses Dekretes ist zwar nicht jgroß> es ist ja bloß ein] vorläufiges und kann in wenigen Wochen aufgehoben werden. Es gibt ja noch zirka 900. Zertifikate, die in1 der Zwischenzeit ausgenützt werden können'. Das ist auch1 die Antwort der Engländer auf unsere Proteste. Von diesem Gesichtspunkte aus gesehen wären die Proteste des Gesamt) udentums unverständlich1. Man muß aber die Verordnung von einer ganz anderen Seite auffassen. Sie ist Symptom der politi- . sehen Einstellung, Anzeichen der Wendung in! der Politik, sie ist Glied in der Kette der kommenden politischen Entwicklung, die eine verhängnisvolle Richtung einschlagen kann; wer weiß, was das nächste Glied bringen wird. Schon wollen Stimmen, nicht verstummen, die von einem noch' größeren Schlag gegen' den Jischuw, der vorbereitet wird, sprechen. Da der neue Kurs von der Zentralregierung in London diktiert wird, kann die Mission Simpsons heute eirfe ganz andere Bedeutung bekommen als sie ursprünglich hätte haben sollen. Wenn wir die Hintergründe dieses Schlages betrachten, so gelangen wir zur Erkenntnis, daß es unser. Unheil ist, daß die Palästinapolitik stets bloß ein Nächhängsel in der Politik des britischen' Imperiums ist und1 von ihren Schwankungen und ihrer Konjunktur abhängt. Mißgeschicke, die England1 an irgendeiner Stelle seines Weltreiches zu erleiden hat, Die Kusminer Landsleute. Vonn Schaiom Asch. Copyright by Verlag Paul Zsolnay, Wien, Berlin. Onkel Moses' Werkstatt gewerkschaftlich zu organisieren war unmöglich. So sehr sich auch die jüdischen Arbeiteragitatoren bemühten, die Landsleute von Onkel Moses gewerkschaftlich zu organisieren, sie stießen stets auf eine eiserne Mauer. Das hatte seine Ursache darin, daß das Verhältnis zwischen Onkel Moses und seinen Landsleuten nicht ein Geschäfts-, sondern ein Familienverhältnis war. Onkel Moses war für die Kusminer Landsleute das Haupt einer Familie, der Regent eines klugen Königreichs. Die Kusminer Landsleute waren stolz auf Onkel" Moses' Vermögen. Wenn sie an einem Hause vorbeikamen, das dem Onkel Moses gehörte, so rühmten sie sich dessen, als wäre es ihr eigenes Haus. Onkel Moses kümmerte sich um alle ihre Familienangelegenheiten. Sie trugen ihre Rechtsstreitigkeiten vor ihm aus, und Onkel Moses fällte seine Urteilssprüche wie ein Patriarch der Urzeit über die Angehörigen seiner Sippe. Sie waren Onkel Moses treu ergeben, und wenn einer seiner Unzufriedenheit Ausdruck gab oder es wagte, ein Wort wegen der Gewerkschaft zu sprechen, so hinterbrachten es t die Landsleute sofort dem Onkel Moses. Dann kam Onkel ' Moses in die Werkstätte hinauf, suchte sich den Revolutionär heraus, blieb neben ihm stehen und betrachtete ihn zunächst lange und genau, so daß er glaubte, es sei sein Tod. »Sam, wie hat er doch daheim geheißen?« fragte Onbekommt der Zionismus zu fühlen1. Die verwickelte Lage in Indien und die Politik Britanniens,, den mohammedanischen Teil der Bevölkerung; der ja einmal gegen die Balfourdeklaration protestiert hat, zu gewinnen, waren nicht zuletzt die Ursachen des neuesten Schlages gegen den Zionismus. Bei genauerer Betrachtung des Verbotes sehen wir, daß es ein neues Moment in die Einwanderungsfrage hineinbringt. Wir waren gewohnt, die Aliah, bis nun durch' wirtschaftliche Argumente angegriffen zu sehen. Die Regierung wollte Zertifikate bloß im Einklang mit der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes gewähren. Der größere Teil der Zionisten hat sich bereits mit dieser Formel zufriedengestellt/ obwohl sie äußerlich so bestechend', doch nicht ganz gerecht ist. Wir haben schon in einem1 anderen Bericht dargelegt, daß zwischen der Aufnahmefähigkeit des Landes und der Einwanderung z. T. ein Verhältnis der gegenseitigen Abhängigkeit besteht. Dieser. Formel. gemäß wurden auch1 die letzten Einwanderungsbewilligungen von der Regierung erteilt. Die Arbeitergewerkschaft erforschte die Arbeitslage in Stadt und. Dorf, errechnete eine bestimmte Anzahl Arbeiter, die das Land jetzt braucht, die zionistische Exekutive prüfte die Läge ihrerseits, machte Kürzungen lurid stellte ihre Forderung an: die; Paiästinaregierung. Dieser kann man wahrlich' nicht nachsagen, sie sei bei der Erteilung vom Zertifikaten freigiebig, doch1 konnte sie nicht blind der Arbeitslage des Landes gegenüberstehen: und bewilligte 2100 Zertifikate. Es ist also klar — die wirtschaftliche Lage erfordert neue Arbeitskräfte, die Chaluzalijah steht jetzt nicht im Widerspruch zur Aufnahmsfäh'igkeit des Landes. Und trotzdem wird die Einstellung der Einwanderung mit dem wirtschaftlichen Moment begründet. Freilich';känn man daneben ein anderes lesen, und dieses scheint mir das ausschlaggebende zu sein. Die jüdische Einwanderung — heißt es — darf die politische Lage der andersvölkischen Gemeinschaften nicht berühren. Was soll das bedeuten? Ganz klar ist die Bedingung nicht, sie ist jedenfalls sehr dehnbar und gefährlich. Die politische Lage der Araber wird sicher geändert, wenn die zirka 18prozentige jüdische Minderheit durch' Einwanderung auf eine 40prozentige heranwächst, öder gar auf eine Bevölkerungsmeh'rheit. Das bedeutet freilich' nicht, daß die politischen Rechte des einzelnen Arabers in irgendwelcher Weise geschwächt werden. Soll man deshalb die Einwanderung, .sperren? Wo bleibt dann die Balfourdeklaration? In aller Welt wehrt sich gerade die Arbeiferschaft dagegen', wenn ein Land aus anderen Erwägungen als Arbeitsmangel und Arbeiterüberschuß gegen eine Arbeiterimmigration sich absperrt. Man konnte Amerika nicht verzeihen, daß es aus rassepolitischen Gründen die gelbe Einwanderung verboten hatte, man kann es auch anderen Staaten nicht vergeben, wenn sie aus irgendwelchen politischen Gründen Leute, die ehrlich arbeiten wollen1, von ihren Ländern fernhalten. Soll gerade das jüdische Volk sich diesen Standpunkt gefallen lassen? Es ist verständlich, daß maßlose Erbitterung diesmal den gesamten Jischuw ergriff, von den äußersten Rechten der Agudas-Isroel, bis zur äußersten1 Linken, der linkesteit Poale-Zion. Die einen protestierten aus „verwundetem jüdischen Herzen", die anderen aus der Erwägung heraus, daß Massen: deklassierter Elemente in Osteuropa ins Land drängen, um hier durch Arbeit ihr Brot zu verdienen. Der Protest hat seinen Höhepunkt im lückenlos durchgeführten Generalstreik erreicht. Es war ein stummer, eindrucksvoller \ * kel Moses dann seinen Gouverneur, indem er auf den Revolutionär deutete, der sich mit der Gewerkschaft abgab. »Moische Gerngroß«, antwortete Sam kurz. »Sooo, das bist du, Moische Gerngroß? Du willst also bei mir eine Organisation einführen? Bei mir nicht, lieber Freund. Bei mir wird am Sabbat und an Feiertagen nicht gearbeitet. Bei mir ist keine Werkstätte, in die man Organisierte hineinläßt. Bei mir gibt es nur Landsleute, Familie. Gäbe es bei mir Arbeiter und eine richtige Werkstätte, so würde man bei mir am Sabbat und an Festtagen arbeiten, sogar am Roschhaschanah und Jörn Kippur, wie in jeder Werkstätte, wo es Organisierte gibt. Ich brauche den ganzen Krempel nicht« — Onkel Moses deutete auf die Werkstatt — »ich zahle dabei nur drauf. Ich führe das Zeug ohnedies nur euch zuliebe — damit meine Landsleute leben können. Was hättet ihr ohne mich angefangen? Wer hat euch nach Amerika geholt? Zu wem seid ihr um die Schiffskarten und um Geld gekommen, wie ihr eure Angehörigen habt herbringen wollen? Zu wem kommt ihr, wenn es ein Unglück gibt? Wenn; Gott bewahre, einer von' euch krank wird?« Onkel Moses schrie bereits so laut, daß die Landsleute wie Espenlaub zitterten. »Zu wem kommt ihr dann? Mit allem zu Onkel Moses, wie? Ist es nicht so? Und der will bei mir eine Organisation einführen. Bei mir nicht, Freund! Mich wird niemand zwingen, daß man bei mir am Sabbat und an Feiertagen arbeitet. Bei mir gibt es keine Arbeiter. Bei mir sind Landsleute. Meine Familie findet bei mir ihr Auskommen, und ich arbeite genau so schwer wie ihr alle. Ihr seht es ja selbst Und für wen arbeite ich? Für inich brauche ich es wirklich nicht! Nur für euch. Ich Protest — von den Regierungen in: Jerusalem und London wurde er wenig beachtet und hat genau so wenig genützt wie manche anderen stummen Proteste des Jischuws (man denke an die Abdankung der Jerusalemer Gemeinderäte). Viel wichtiger können hier Aktionen des Gesamtjudentums der Galuth sein, das einen größeren Machtfaktor bildet als der zwar durch Solidarität verbundene, jedoch kleine Jischuw Palistinas. Jerusalem, Ende Mai 1930. Aufruf der Gesellschaft „Ichud- Poalim" an die Arbeiterschaft in Palästina. (Entnommen dem »Dawar«.) Wir haben bereits über die Bestrebungen berichtet, die sich zum Ziele setzen, eine gemeinsame Organisation der jüdischen und arabischen Arbeiter zu schaffen. Wir halten diese Bemühungen für wichtig genug, um unseren Lesern das Wesentlichste des Wortlautes dieses Aufrufes der Initiatoren desselben zur Kenntnis zu bringen. Der Aufruf ist von fünf Arabern mitunterzeichnet. Von jüdischer Seite haben vor allem führende Mitglieder der linken Poale-Zion und des Brith Schaiom unterzeichnet. »Die Frage der gemeinsamen Organisation der jüdischen und arabischen Arbeiter in Palästina steht schon seit vielen Jahren auf der Tagesordnung der Arbeiterbewegung des Landes. Die Erkenntnis ihrer Notwendigkeit erfaßt immer größere Kreise, wenn sie auch in manchen Perioden recht verschwommen war und in Vergessenheit zu geraten schien. Die politische und wirtschaftliche Wirklichkeit des Landes aber, die Arbeit für das Bestehen und für die Entwicklung der Arbeiterschaft der beiden Völker im Lande, die jüdische Einwanderung ins Land und die wachsende Bedeutung der Arbeiterschaft innerhalb der sich entwickelnden Wirtschaft des Landes, —- diese Tatsachen stellen die Frage der gemeinsamen Organisation ins Zentrum des öffentlichen Interesses, erheben sie zur Frage, von deren Lösung der Sieg der Arbeiterklasse in allen ihren Teilen innerhalb der verworrenen Politik dieses Landes abhängt. In ihr liegt das Schicksal der beiden Völker beschlossen, die Möglichkeit des Aufstieges beider zu freien Völkern, welches Ziel sie sich naturnotwendig stecken. Im Gegensatz zu dieser notwendigen Zielsetzung einer gemeinsamen Organisation, der Schaffung von menschlichen und nationalen Verhältnissen, die dem binationalen Charakter des Landes — Palästinas — entsprechen, besteht die Tatsache der völligen unnatürlichen und gefährlichen Absonderung und Fremdheit zwischen beiden Völkern und den Arbeiterklassen derselben, was den Zukunftsinteressen der Arbeiterschaft vollkommen widerspricht. Diese Kluft hat bisher alle Ausdrucksformen der Erkenntnis und alle Bestrebungen, die Lösung des Problems zu suchen, verschlungen, einschließlich der diesbezüglichen Beschlüsse der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation in Palästina. Angesichts dieser sich seit den Augustereignissen verschärften Beziehungen — gekennzeichnet durch endlose gegenseitige Vorwürfe — um die Interessen der jüdischen und arabischen Gemeinschaft und der jüdischen und arabischen Arbeiterschaft besorgt, ist es uns klar geworden, daß die Spaltung, der beiden Teile der Arbeiterklasse des Landes sie selbst bedroht, weil sie notwendig ein Anwachsen des nationalen Haßes zur Folge hat, der jene Klassensolidarität verdrängt, die auch zum vollen Verständnis der nationalen Nöte der beiden Völker werde meine Werkstätte schließen und dann sucht euch irgendwo anders Arbeit. Wenn ihr mal ein paar Dollar braucht, so will ich sie euch ja trotzdem geben. Ihr braucht keine Angst zu haben. Aber ich will nichts mein damit zu tun haben.« »Aber, was sagt der Onkel? Warum hört der Onkel auf das, was so ein dummer Kerl redet?« beginnen di« Landsleute Onkel Moses.zu bitten. »Durch ihn sollen wir alle leiden?« fährt Aaron Moische, ein naher Verwandter des Onkels, hitzig drein, der in Kusmin ein Dorfgänger gewesen war, . Wind und Wetter widerstanden hat und hier beim Bügeleisen steht, »Laßt mich nur zu ihm, ich will ihm schon eine »Organisation' geben«, schreit Aaron Moische mit erhobener Hand. »Pst! Ruhe! Bei mir wird nicht geprügelt.« Onkel Moses hält den Hitzkopf zurück, »Doch .wem es bei mir nicht gefällt, der kann sich irgendwo anders etwas Besseres suchen. Sam, schau nach, wieviel er zu bekommen hat und bezahle ihm bis zum letzten Cent; da, hier, hast du noch ein paar Dollar auf den Weg!« Onkel Moses Güte rührte alle. Er gewann sich stets die Herzen seiner Kusminer Landsleute durch seine freigebige Hand. Nie schlug er einem Landsmann eine Bitte ab. Der Revolutionär selbst wurde gerührt über Onkel Moses' Rede und durch die paar Dollar und bereute schon seine Worte. »Bitte den Onkel Moses um Verzeihung! Augenblicklich bitte ihn um Verzeihung«, schrien die Kusminef Landsleute.