Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 12 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2641551-2641599-2641611--328-2642279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
pef jüdische Arbeitet Seite X klar bewußt, daß die Klassenintef essen der jüdischen Arbeiterschaft im Zionismus identisch sind mit den Interessen der ganzen Nation. Die Konferenz protestiert daher aufs entschiedenste gegen alle Versuche, die selbständige organisatorische, wirtschaftliche und politische Tätigkeit der jüdisdieft Arbeiterschaft in Paläsina zu beschränken und zu begrenzen, und sagt allen jenen Kräften, die die Träger jener arbeiterfeindlichen Begebungen sind, ihren schärfsten Kampf an. 3. Im Verwirklichungsprozeß des Zionismus ist die konkrete Realisierungsarbeit in Palästina der entscheidende Ausdruck der zionistischen Tat. Die Konferenz proklamiert den Willen der Öewegung, alle ihre Kräfte anzustrengen, damit die Aufbauarbeit im weitesten Umfang und in schnellstem Tempo fortgesetzt werden kann. Die Konferenz ruft die breitesten jüdischen Massen auf, in dieser historischen Stunde des Zionismus, ungeachtet der schweren politischen Lage die Fahne der praktisch e n A u f b a u a r b e i t im Lande hochzuhalten, denn diese ist der Weg unserer Verwurzelung im Lande und die sicherste Grundlage einer erfolgreichen politischen Arbeit. Die poalezionistische Bewegung wird auch weiter ihren Kampf gegen diejenigenn führen, die den zionistischen Massen einreden wollen, daß nicht die praktische Aufbauarbeit eim Lande die zentrale Aufgabe des Zionismus ist. 4. In den vielen Hindernissen und Störungen unserer Arbeit im Lande hat die jüdische Arbeiterschaft Palästinas das Resultat der Tätigkeit der lokalen kolonialen Administration und der reaktionär-kapitalistischen Kräfte an England gesehen. Die poale-zionistische Bewegung hat immer im internationalen Sozialismus die feste Stütze unserer nationalen und sozialen Befreiungsarbeit in Palästina gesehen. Die Uebernahme der Regierung durch die englische Arbeiterpartei hat die jüdische Arbeiterschaft in Palästina mit Freude begrüßt, und hat in diesem Ereignis die Garantie für eine gerechte Behandlung unserer Aufbauarbeit gesehen. Mit tiefstem Schmerz müssen wir aber feststellen, daß eine Reihe von Maßnahmen nach den blutigen Ereignissen im Lande und insbesondere die letzte zeitweilige Sperre der Arbeitereinwanderung, die von der Zentralregierung erlassen wurde und die keineswegs in den wirtschaftlichen Verhältnissen begründet ist, nichts anderes darstellen als Konzessionen an die muffi-effendische Clique, die die Stellung der ruchlosen Hetzer noch stärken wird und-daher den entschiedensten Protest der jüdischen Arbeiterschaft hervorrufen muß. x Der Weltverband Poale-Zion wird aufgerufen mit aller Kraft von der englischen Arbeiterregierung zu fordern, daß" sie ihre Mandätspflicht erfülle, und die Bestrebungen der jüdischen Arbeitermassen, sich in Palästina einArbeitsheim zu schaffen, das gleichzeitig auch sv den arabischen Massen zum Segen gereicht, zu unterstützen. In diesem Augenblick ruft die Konferenz den Weltverband zu intensiver politischer Wachsamkeit aufiund fordert ihn auf, das zionistische Problem in seinem ganzen Umfang vor dem Forum der Internationale zu vertreten und mutig für unsere politischen und ökonomischen Rechte in Erez Israel zu'kämpfen. Die Konferenz stellt fest, daß keinerlei Bedrohungen und Beschränkungen unseres Rechtes auf Aufbau, und Alijah imstande sein werden, den Willen der jüdischen Volksmassen und der jüdischen Jugend zur Alijah und zum Aufbau brechen werden!; 5. Die Parteikonferenz macht sich die Erklärungen der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina zu eigen, in welchen diese ihrer Bereitschaft zur Schaffung eines brüderlichen Solidaritätsbundes mit den ausgebeuteten arabischen Massen Ausdruck gegeben hat. Die poalezionistische Bewegung muß weiter mit aller Energie gegen alle offene und maskierte Tendenzen des nationalen Chauvinismus im Zionismus kämpfen. III. Schul- und Kulturarbeit 1. Die Konferenz bestätigt die kulturpolitische Tätigkeit des Zentralkomitees.' 2. Die Konferenz betrachtet den Verband »Schulkulte als jene Organisation, die die Schaffung eines weltlichen Schulwesens zum Ziele hat, das unserem Ideal der nationalen und sozialen Befreiung der jüdischen Volksmassen iienen wird. 3. Die Konferenz betrachtet den Schulkult als jene Kraft, die zur Konsolidierung aller Faktoren führen wird? iie berufen sind, sich um das jüdisch-weltliche Schulwesen zu konzentrieren. 4. Die Konferenz beauftragt das Zentralkomitee, Jinen Mobilisierungsplan jener Kräfte auszuarbeiten, die flen Ausbau des Verbandes- »Schulkult« entsprechend den Schul- und Kulturbedürfnissen der jüdischen Massen vornehmen sollen. Der Parteitag hält es für die Pflicht jedes Genossen; für den Ausbau des »Schulkult« die Verantwortung zu tragen, der das einzige Instrument unserer Kulturarbeit und unseres Bestrebens ist, immer größere Massen der jüdischen Arbeiterschaft und revolutionären Intelligenz zum Kampf um die Anerkennung des jüdischen Schulwesens in jiddischer Sprache zu aktivieren. (Die ttbrigen Resolutionen bringen wir in der nächsten Nummer.) Palästinas Arbeiterschaft protestiert. Am 14 Mai hat die jüdische Arbeiterorganisation'die Nachricht von der Einwanderungssperre erhalten. Noch an demselben Tage hat die Exekutive der Histädrut ein Protesttelegramm an die Labour-Päftei abgeschickt. In diesem Telegramm heißt es: »Die Sperre steht im vollen Gegensatz zu allen Deklarationen der Regierung und zu der letzten Erklärung des Premiers, sie widersprechen den dringenden wirtschaftlichen Interessen des Landes, sie kann erneuern und verstärken die Hetze gegen den jtidi^ sehen Jischub und im jüdischen Volk und in der Arbeiterbewegung das Vertrauen zu den Deklarationen der englischen Regierung erschüttern. # Aus der Protestbewegung. Aus der Fülle der Protestkundgebungen im Galut gegen die Einwanderungssperre veröffentlichen wir nur die folgenden zwei: Die pro-palästinensische amerikanische Arbeiterschaft an > Macdoanald Das National Labour Committee fqr Palestinc und die amerikanische Landesorgartisation der Poale Zion sandten än den Premierminister Ramsay Macdonald in seiner Eigenschaft auch als Führer der britischen Arbeiterpartei das folgende Telegramm: Tief bestürzt durch die .Suspendierung der Einwanderung nach Palästina, die ein schwerer wirtschaftlicher Schlag und eine politische Demütigung für die Judenheit ist, erbitten wir dringend Ihre persönliche und sofortige Intervention.!^ Weltverband Poale Zion interveniert bei der Labour Party Das politische Büro des Weltverbandes Poale Zion hat bei den führenden, Instanzen der Labour Party durch ■persönliche Vorstellungen und Ueberreichung eines Memorandums interveniert. Die Führer der Poale Zion haben den Eindruck bekommen, daß die maßgebenden Instanzen der Labour Party mit Aufrichtigkeit und Ernst an die Prüfung der Forderungen der Poale Zion herangehen. Jüdisches aus Amerika. (Von1 unserem Korrespionidenteni S—T.) Wirtschaftliche Lage. — Die jüdische Kulturgesellschaft. Die neue wirtschaftliche; Krise irr •Amerika' haifür 'die jüdische Arbeiterschaft und für den jüdischen Mittelstand,besonders nachteilige Folgen. Die jüdische Arbeiterschaft .ist in' solchen* Industrien' beschäftigt, deren;Unterne'hrfier zu 'den kapitalärmsten' ge- 'hö'ren. Diese 'Kategorie von' Arbeitnehmern' wird von der ersten Krisenwelle berührt. Die Banken verweigern ihnen Kredite; 'sie werden von .Insolvenzen in ihrer Branche, am stärksten betroffen. Der' jüdische Arbeiter leidet infolge seiner spezifischen Stellung in; der Industrie;mehrals* der Amerikaner. Hierzu, kommt noch: das Problem 'cjer jüdischen1 Mittelklasse, deren;ökonOmisChe Existenz aufgebaut-ist auf der Kaufkraft der Arbeiterschaft. Wir sehen erst 'jetzt sö recht die anormale Lage der jüdischen' Arbeiter und des jüdischen Mittelstandes in Amerika, die von de'Kökonomischen Krise katastrophal getroffen werden. Im übrigen .bleibt die Krise' nicht ohne Wirkung auf das nationale und1 Klassenbewußtsein', der jüdischen' Arbeiterschaft: sie erkennt ihre spezifische Lage im Wirtschaftsleben; sie, erkennt aber auch den kapitalistischen Charakter der Krise, aus der es nur einen endgültigen Ausweg gibt: die Aufhebung des' kapitalistischen Systems selbst.; 1 * Die Hoffnung vieler Genossen, daß die Konferenz der „jüdischen Kulturgesellschaft" ihre Statuten dahin ändern werde, daß nicht jedes Mitglied die jiddische Sorache -als die einzige nationale Sprache des jüdischen Volkes' anerkennen muß; ist getäuscht worden. Damit schließt diese Organisation1 alle, die den: Willen zur jüdischen! Kulturarbeit haben, aber nicht Träger der jiddischistischen Weltanschauung sind, von vornherein aus. Da hilft kein Tüfteln : als die Czernowitzer Konferenz' vor 22 Jahren proklamiert hat: „jiddisch ist eine nationale Sprache", so/wollte sie damit sagen, nicht die einzige. Im Gegensatz dazu' bezeichnet die jüdische Kulturgesellschaft Jiddisch als die nationale Spräche, was für jeden1, der; jiddisch' lesen* kann, die einzige nationale Sprache bedeutet.' Mit vollem Be-; wußtsein ist die Kulturgesellschaft weitergegangen als die Sprachkonferenz in Czernowitz. Die übrigen Resultate der Konferenz entsprechen dieser Grundtendenz. Bezüglich^ Palästinas — nur ein Protest gegen die .Unterdrückung der jiddischen Sprache, ohne jedes Bestreben; die Wandlung), die dort in den letzten jähren im - Verhältnis zuh Jiddisch vor sich gegangen ist (? die Red.), anzuerkennen: Rußland1 gegenüber dagegen — ein. Lobgesang, vollständiges Verschweigen der Schattenseiten der Politik der Jevsektion. Wobei ich davon! absehe, daß, wenn sich die Kulturgesellschaft wirklich1 als Teil, der nationalen und1 sozialen Befreiungsbewegung betrachten würde, sie doch1 den1 Jischuw in! Palästina nicht nur vom Standpunkt der Sprachenfrage betrachten 'konnte. Es steht also fest; die jüdische Kulturgesellschaft hat nicht das Monopol auf jiddisefte Kulturarbeit in Amerika. Viele, die für die Erhälfutfg tmtf Entwicklung dfer.jSddrschen! Sprache arbeite**, könnefr ihr irir, keinen Platz finden. Die KulttirgeselfsChaft ist efft Kreis von' Menschen; 'deren1 einziger Glaubenssatz de* Jfflschismus ist. Der Antizionismus steht nicht im Programm, aber er schafft die Atmosphäre. Matt mttö sehr naiv sein,, um das zu leugnen'. Der Antisemitismus in RüBlaftd. Wladimir Lebedjev, der Führer der russischen! Sozialrevolutionäre und1 Redakteur der in Prag erscheinenden Monatsschrift der Sozialrevolutionären1 Emigration hat kürzlich inkognito Rußland! bereist nittdi. in seinem Organ über seine Erfahrungen berichtet Er kommt (unter anderem auch auf den) Antisemitismus in Rußland1 sprechen. Als eine der Häüptursacheni dieses Antisemitismus bezeichnet er die Tatsache, daß die Regierung den Antisemitismusbestraftund Jäfe Konterrevolution! verfolgt; vielfach zieht eine dumme antisemitische Pöbelei schwere Strafen nach' sich, w^s zur Folge hat, daß den Massen das; Judentum als eine besonders privilegierte Schichte erscheint. Durch!; die vielen Prozesse gegen kleine antisemitische Vergehen) wird der Antisemitismus nur gefördert. Der Kampf, gegen den Antisemitismus wird auf eine solche Weise geführt, daß die antisemitische Stimmung noeh'.'verV stärkt wird1. Insbesondere in Kreisen von Intellektuellen "hört man oft sagen, 'daß die Juden doch Jetzt nicht mehr verfolgt seien und1 es sei .unverständlich, warum Antipathie gegen das Judentum gleichbedeutend1 mit .Staatsverbrechen ist. Der, Antisemitismus 'fÄ. Moskau bat seine, besonderen Ursachen. -Vor allem1 ist hier die Zahl der jüdischen1 Einwohner! sehr gestiegen: zweihunderttäusend Juden wohnen jetzt irr Moskau, d. s. 10 Prozent der Gesamtbevölkerung) der Stadt. Da es sich zu großem Teil tum' Neuangekommene handelt, stechen sie den Ortsansässigen! sehr in die Augen. Die Juden haben sich' in dast wirtschaftliche Leben 'der Hauptstadt vielfach1 nicht schlechter als? die christliche Bevölkerung, manchmal besser eingev gliedert, und1 -das erweckt natürlich' Konkurrenzneid1: Die Juden sind in Moskau überalL stark vertreten: ml den öffentlichen Aemtern, in den verschiedenem Kommissariaten 'und schließlich im privatem Handel. Die Großzahl der Juden' ist fast auf einmal nach . Moskam gekommen — unmittelbar nach der Uebersiedtung der. Behörden vom Petrograd nach Moskau. So haben) die durchschnittlichen' Bewohner Moskaus den Eindruck, daßi die Juden die Oktoberrevolution'gemacht haben, um so mehr als. sie nicht zwischen dem Eijri; fluß einzelner exponierter, Judenrun^dem1 „jüdischen Einfluß'' zu unterscheiden vermögen. ,:' ' ,. <.. - . : ' Daß o!ie Juden in:Moskau1 'und "in1 LeWhgrad jetzt * eine größere! Rolle als' im der Vorkrfegszei! ■ Spfelen^ is£. eine Tatsache, die unleugbar ist. Die Bevölkefung sieht nur die Juden, die öffentliche' Stellungen bekleiden: die vielen Jude n, d i e, } n d e n| O* e\ fängnissen, auf den Sölovetz¥y-InSeTn, und in Sibirien schmachten,- sieh'f m'ant ebensoweni g wie die t aus ende jüdischer •Händler und Handwerker, die in deri Städtc he n* Weißruß 1 a nds*u.n d der Ukr-aime des H u ngers sterben. Die Presse ver-, s c h w ei g t a b s i c h 11 i c h' 'd ie f •uit c h'.t.b a r e L a'ge , der Juden in den eh'emalige;n. Ansied!r? Iungsrayo ris, und1 dne c h'ristliche B evö lkerung Moskaus hat keine. Ähnung davon, daß es dien jüdischen Massen nojöh, schiechter geh't, als den.ü.brj!gen,: BewohS n e r n R u ß I a n d s. Auch die Tatsache, daß das ausländische Judentum den russischen Juden!'"'htelfend/ZUB Seite steht, verstärkt die antisemitischen Gefühle gewisser Kreise der russischen Bevölkerung Diei.ttäT^t-j schuld am Antisemitismus trägt aber die Räteregierüng, die'die Legende verbreitet, daß^ falls) die Diktatur" liquidiert werden würde, im Rußland1 furchtbare Pfc grome ausbrechen würden1: die Bevölkerung! fühlt' sich durch diese Behauptungen,' deren* Zweck es ist, die Juden bei der Stange zu halten, beleidigt, und die' Juden haben das Bad auszugießen'. ';>i Im übrigem macht trotz der antisemitischen Strö-- mungen die Assimilation des russischen Judentums große Fortschritte. Mischehen sind in' den: Großstädten an . der Tagesordnung. Die Schulen heben) den Sprachunterschied auf; schon: heute; «Jcann man1 die' jüdische Jugend von der. nichtjüdisch'en kaum, unterscheiden. Das wirkt dem Antisemitismus ebenso entgegen wie die vielfach' festzustellende Tatsache den Verringerung, der Zahl der jüdischen Beamten. Kleinbürgerliches Revoluzertum. Der Schomer-Hazair in Polen spielt sich bekanntlich auf eine besonders »revolutionäre« Jugendbewegung heraus, und steht auf Seite seiner Kameraden in Palästina,; die sich der jüdischen Arbeiterpartei nicht angeschlosseW' haben, weil diese nach ihrerrAHte^.zi?-pp^^rii8t|sch' ist. Man sollte meinen, daß diese Jugend es sich nicht nehmen lassen wird, am proletarischen Weltfeiert'ag mit dem gesamten Proletariat zu demonstrieren. Weit gefehlt* Die Leitung des Schomer in Polen ha} an Uirf^ Ofganisa; tipnen ein Verbot erlassen, an den Maiaufmärschen.teil-',?;iineHinen. Ihr werdet nach. ^mvOmriii^ese^;. SchritWs*'' fragen: nun, mit den »Rechten«\wollen diese Revolution näre nicht gehen, weil sie ihnen zu opportunistisch sind,