Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 11 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Arbeiter Seite 3. Achtung! Abonnements, die keine Unterschrift der Abonnenten tragen, werden nicht berücksichtigt. sehen Arbeiters, der sich erst aus dem geistigen Ghetto befreien mußte. Die Poale-Zion teilt mit allen sozialistischen Paiv teien die Erkenntnis, daß der Kampf um eine soziale Acncleiung der heutigen Ordnung auch die Menschen ändert, die an diesem Kampfe teilnehmen, nicht jedoch die umgekehrte, unmarxistische Auffassung der Freidenker, die geistige Umstellung jedes einzelnen der kämpfenden Massen wäre die Vorbedingung für diesen Kampf. Mit Otto Bauer,, dem österreichischen sozialistischen Führer, weiß sich die Poale-Zion einig darin, daß sie die religiös denkenden Proletarier nur gewinnen kann, wenn sie jeden als gleichberechtigten vollwertigen Kampfgenossen willkommen heißt, der mit ihr den Kampf um die irdischen Ziele teilt, wie immer er über den Himmel denkt. (Otto Bauer: Sozialdemokratie, Religion und Kirche, Seite 32/33.) Im Lager des proletarischen Zionismus, in den Reihen der großen vereinigten jüdischen sozialistischen Partei Palästinas ,stehen neben einem Salman Rubäschow und einem Berl Kaznelson auch ein so religiöser Arbeiterführer wie Süßkind Rabinowitsch, und die jüdischen Arbeiter ehren den alten Rabinowitsch ebenso wie ihre anderen unreligiösen Führer. Da der Ausgangspunkt der Poale-Zion in ihrer Stellung zur Religion kein anderer sein kann als ein rein soziologischer, so liegen die Argumente gegen die Freiden ker auf einer anderena Ebene als bei Heinz Kappes. Sie kann der Freidenkerbewegung mit Recht» vorwerfen, die Grundsätze marxistisch-soziologischen Denkens auf die jüdische Oesellschaft künstlich außer Kurs gesetzt zu haben. Wer aus einer nominalistischen und formalistischen Befangenheit nicht herauskommt, wird allerdings in der Organisationsform der jüdischen Gesellschaft, der jüdischen Gemeinde, nur die Religionsgemeinde sehen, die sie ihrem amtlichen Charakter nach ist. Nicht jedoch ihrem tatsächlichen Charakter nach. Die Soziologie pflegt ja nur, eine voraussctzungslosc', kritische Wissenschaft zu sein, sie begnügt sich nicht mit amtlichen Determinationen, bei der Analyse der soziologischen Struktur der jüdischen Gemeinde muß die feststellen, daß ihrer alltäglichen Praxis nach, ihrer Verbundenheit mit den Fragen des Arbeitsnachweises, der Jugendfürsorge,' der Jugendpflege, den Ferienkolonien, den Beamtengehältern, dem, Palästinaaufbau, der Berufsberatung und der Sorge um die Produktivierung jüdischer Menschen, die jüdische Gemeinde eine vorwiegend weltlich-soziale Institution ist Während nun die Poale-Zion, ebenso wie der zionistische Teil: des jüdischen Bürgertums, dieser Wirklichkeit ihre Theorie anzupassen wußte, leugnet der liberale Teil des bürgerlichen Judentums diese tatsächliche längst vollzogene Säkularisierung der jüdischen Gesellschaft, sei es weil er aus seiner Staatsbürgerideologie heraus die Proklamierung dieser Weltlichkeit für gefährlich hält, sei es aus, anderen Gründen. Es ist klar, daß die Poale-Zion an der Behandlung rein religiöser und Kult-Angelegenheiten nicht interessiert ist, als Ziel in ihrer Gemeindearbeit, schwebt ihr die Trennung der religiösen Aufgaben von den anderen Aufgaben vor, wie dies in Hamburg durchgeführt ist, an den Diskussionen, über Chor, Orgel usw. pflegen sich die Vertreter der Poale-Zion in . den Großgemeinden Berlin und Leipzig nicht zu beteiligen. Wenn die Poale-Zion für einen "ortschrittlichen jüdischen Unterricht eintritt, der dem <inde die jüdische Wirklichkeit, seine Kultur, den Kampf;icr jüdischen Arbeiterschaft in der ganzen Welt, besoniers in Palästina, vor Augen führen soll, so mögen das Renschen, die die jüdische Masse nicht kennen, bekämpf en. Wenn die Poale-Zion etwa für die Verbilligung von (oscherfieisch eintritt, so nicht, v/eil die Poale-Zion reigios-kültisch gebunden ist, sondern, weil die tatsächlihen Verhältnisse, hervorgerufen durch die Kompliziertet des jüdischen Lebens, eine andere' Stellung als tino z i a 1 nicht zulassen würden. Ebenso wie die Soziallemokratie trotz der weitverbreiteten Einsicht von der ichädlichkeit des Alkohols für den Arbeiter jederzeit gefen die unsoziale Biersteuer aufgetreten ist, so kämpft uch die Poale-Zion trotz ihrem Befreitsein von allem leligionsrituellern für die Verbilligung der Koscherpreise: ie den Haushalten der frommen, minderbemittelten jüis'chcn Bevölkerung schwer belasten. Durch die Aufrechterhaltung des 'religiösen Firmenzhildes, das von der liberalen jüdischen Bourgeoisie als ehutzmittel benötigt wird, wird auch in die Kreise nichtidischer Sozialisten die irrtümliche, den Tatsachen nicht ^sprechende"- Auffassung hineingetragen, die jüdische lemeinde wäre lediglich eine religiöse Körperschaft, und! nach der religiös-soziälistisechen oder freidenkerischen instellung des nichtii'tdisehen Genossen wird dem jüdi- :hen Sozialisten der Rat gegeben, für eine »religiöse Ereucrung« innerhalb der Gemeinde zu kämpfen oder dieir klerikal-reaktionären Institution den Rücken zu kehra Es liegt auf der Hand, daß diese Denkart, wie aufezeigt, bei beiden Gruppen auf ein und derselben Fenloraussetzung beruht. Die falsche ^arallelstellüng zwi- :hen christlicher Kirche und der jüdischen Perspektive, us mangelndem Einfühlungsvermögen in die Einzigartigeit des jüdischen Volkskörpers. Daß muß man bedauern, enn w4enn schon unsere Freunde uns so wenig kennen, ras könanen wir von unseren Feinden erwarten! Unter dem Druck der Realitäten sind die Poale-Zionemeindeparteien in den verschiedensten Städten entstandean, das Ueberwiegen der sozialaen Aufgaben der Gemeinde und in Konsequenz der eigenen Handlungen der Liberalen, deren Haltung selbst zwingt dazu, jede Religieonsgemeinschaftsideologie zu revidieren und auf den Schutthaufen veralteter Begriffe zu werfen. Ist der Standpunkt des liberalen jüdischen Bürgertums jedoch aus seiner Schutztendenz an die Staatsmacht, die wohl das Eigen leben von religiösen Körperschaften sanktioniert, nicht jedoch die Existenz andersgearteter Minderheitsgruppen, zu. verstehen, die diese ausgesprochen liberal-bürgerliche Auffassung aufnehmend, zu einer negativen oder verkennenden Haltung der Poale-Zion gegenüber kommen. Während sie durch seine Auffassung von der Poale-Zion als einer religiös-sozialistischen Gruppe diese mit ihrer konsequent marxistischen sozial- und geistesrevolutionären Grundauffassung diskreditieren, tragen manche Freidenker aus eben derselben Unkenntnis zur Erschwerung des Kampfes ihrer jüdischen Gesellschaft bei und wirken so, sei es durch die Propagierung des Austrittes aus der »Synagoge«, sei es durch die Weigerung der Aufnahame von jüdischen Freidenkern in die Fr.eidenkerorganisationen, konterrevolutionär. . Nicht erst seit Klaczkin wissen wir von jenem gewaltigen Säkularisierungsprozeß, der mit der Emanzipation begann und die religiöse Gedankenwelt des Mittelalters auch in der jüdischen Gesellschaft ablöste durch jene großen nationalen und sozialen Strömungenn, die heute in der jüdischen Welt herrschen. Es ist merkwürdig, wie schwer die Einsicht durchdringt, daß die jüdische*Welt von eben denselben Gesetzen geleitet wird, wie die übrige Welt, in der dieser Säkularisierungsprozeß im Bürgertum wie im Proletariate auch längst Platz «gegriffen hat. Aus diesem immer stärker werdenden Verweltlichungsprozeß des Lebens und des Geistes könnte mau schließen, daß viel Mut zu der einfachen Erkenntnis nicht nötig ist, daß der jüdische Arbeiter und Angestellte, der jüdische Sozialist, seinen Kampf da aus ficht, wo ein Teil seiner Klassenfront klar gegeben ist: In der jüdischen Gemeinde. Der grundsätzliche Unterschied zwischen . den Bünden der religiösen Sozialisten und der Poale-Zion als einer klassenkämpferischen weltlich zionistisch-sozialistischen Partei wäre somifbewiesen. Der „Bund" und die sozialistische Internationale. Geschichtliches. — Briefwechsel zwischen'Friedrich Adler und Ehrlich'. — Der Ri ch ttingsstrei t. Man mag sich zum „Bund" stellen wie man will — seine schändliche Haltung nach den blutigen Er eignissen in Palästina werden-wir ihm nie verzeihen können — er ist eine große jüdisch-proletarische Or ganisation, deren Stellung innerhalb 'des internätio- 'nalen Sozialismus jeden jüdischen Sozialisten; interessieren wird und muß. Nach dem Zusammenbruch von' 1918 bis zum Jahre 1926 war der „Bund'* kommunistisch orientiert, iincl mehr als einmal hat er bei der kommunistischen Internationale um Aufnahme angesucht. Die Kommn nistische Internationale, hat aber dem „Bund" so schwere Bedingungen gestellt, daß ihre Annahme mit der Auflösung der Partei gleichbedeuten'd gewesen wäre: auch die damals „linksten'" Führer des „Bund" lehnten diese Bedingungen ab'. Organisatorisch stand der Bund so zwar außerhalb" der K-, I-, er. war aber: geistig so stark von ihr beeinflußt, daß) er an einen1 Eintritt in die Sozialistische Internationale auch' nicht dachte. Er war Mitglied des „Bureaus den revolutionärsozialistischen Parteien .in "Paris", einer Organisation halbkommunistis^cher Parteien, die unter der Führung des linken Sozialrevolutionären *Sternberg und der italienischen Maximalistin Angelika' Balabänov steht und sich die Vereinigung der beiden proletarischen Internationalen zur Aufgabe macht. h\ den letzten Jahren ist aber innerhalb des „Bund" diel Zahl der Anhänger des Anschlusses an die sozialistische Inter-' nationale sehr gewachsen. Es ist nun sehr interessant, daß die noch kommunistisch orientierten1 Führer des „P^un'd" gegen den Anschluß an die Sozialistische Internationale damit argumentieren, daß sie auf die prozionistische Oesinnung vieler Führer derselben: 'hinweisen. Der Führer der Anhänger des Anschlusses' der Bundisten an die Sozialistische Internationale, Ehrlich, 'hat sich nun an Friedrich Adler mit der Anfrage gewendet, welches die offizielle Stellung; der Sozialistischen Internationale zum Zionismus ist. Dieser Brief Ehrlichs ist außerordentlich' interessant: versucht doch Ehrlich, den Zionismus als eine reaktionäre Bewegung zu denunzieren, indem er sich auf) einen antizionistischen'Artikel des P. P. S. Abgeordneten'Tsch'olkosch beruft. Weiters weist Ehrlich auf die Tatsache hin, daß Leon Blum, das Mitglied der, Exekutive der Sozialistischen Internationale, den Kongreß! der Jewish Agency, die er als eine plutokratische Organisation kennzeichnet, begrüßt hat und' ihr die Hilfe des Sozialismus zugesagt hat. Er schließt damit, daß er sich für berechtigt erklärt, allen prbzionistischen Führern des Sozialismus ihre Haltung, die den „revolutionären Kapf" des „Bund" stört, zum Vorwurf zu luacheü. Friedrich Adler hat die Anfrage in einem persönlichen Brief, also nicht offiziell als Sekretär der Internationale, .beantwortet, in welchem er darauf hinweist, 'daß' die Sozialistische Internationale bisher offiziell zum Zionismus keine" Stellung genommen hat — sie wurde, wie Adieu berichtet, von der holländischen Partei zu einer Stellungnahme aufgefordert — und »daß sich unter ihren Führern sowohl Prozionisten wie Leon Blum und Vandervelde und Antizionisten wie Kautsky und Bauer befinden. In: dem Brief Adlers befindet sich! folgende politisch sehr interessante Stelle: „Es sol l te E ur e A u f g abe s e i n;!d i e j ü d is c h e n A rbei ter au ßerh al b* Palästinas in der Sozialistischen Internationale zu vertreten und ihr dürft Euch nicht wundern, daß M r ß verstä n d niissei entstehen, weil Ihr nichts dazu tut, daß der n ich t zionistische Teil der j ü d i s c h e n Arbeiter jen e Vertretung in der Sozialistischen Internationale erhält, welche ihm zukommt". Adler .spricht die Hoffnung aus, daß der „Bund" seine Aufgabe in diesem: Augenblick erkennen wird, an der Sozialistischen Internationale teilzunehmen. Inzwischen gehl der Karnpf innerhalb des „Bund" um das Anschlußproblem weiter. Demnächst soll sich ein Parteitag mit der Frage befassen. Innerhalb des Zentralkomitees sind 7 Rechte für und 5 Linke gegen: den' Anschluß an die Sozialistische Internationale. Beide Richtungen haben ihren Standpunkt in Thesen' begründet. Die Rechten bezeichnen den Kommunismus als. Do/w im Fleisch' der Internationale,, die .Pariser Organisation als Fraktion, weisen auf den Aufstieg der Sozialistischen Internationale hin und halten es als Aufgabe des „Bund", innerhalb derselben für die revolutionären Prinzipien des Sozialismus zu kämpfen. Die Linken argumentieren auf gut kommunistische Weise und bezeichnen es als unmöglich, daßi eine revolutionäre proletarische Partei zusammen mit der Labour Party in einer Internationale sei: als! Verbrechen der englischen Arbeiterpartei wird die gewaltsame Unterdrückung der Pogrome in Palästina bezeichnet. Duldung von Pogromen ist also nach Ansicht dieser feinen Revolutionäre Ausflußl revolutionär-sozialistischen Prinzips. Im übrigen ist es noch' sehr zweifelhaft, ob die Entscheidung im dieser für die gesamte jüdische Arbeiterbewegung so wichtigen1 Angelegenheit in der nächsten: Zeit fallen wird: denn1 über alle Thesen hinaus sind die bundistischen1 Politiker von der Furcht vor der kommunistischen: Konkürrenz beherrscht und diese .dürfte sie noch' eine gewisse Zeit verhindern, sich der Sozialistischen Internationale anzuschließen! ' j» " ' Die Lage der judischen Diamantarbeiter in Antwerpen. Antwerpen und Amsterdam sind die wichtigsten; Standorte des Diamantenhändeis, die Augen1 der. größten Edelstein händler und Goldschmiede der ganzen Welt sind auf diese beiden Märkte gerichtet. Um sich einen Begriff von der Bedeutung der Diamantenindüstrie in Antwerpen zu machen, braucht« man sich nur die Tatsache ins Bewußtsein' rufen, daß' man im vorigen Jahr in Antwerpen' 13:000 Karat Brillanten durchschnittlich in der Woche ausgearbeitet hat und an Lohn pro Woche 11, Millionen' Francs ausgezahlt hat. Der Wert 'der exportierten: Steine betrug 'pro-- Woche ungefähr 3 Milliarden' Francs. Während nun in den früheren Zeiten die spanischem und portugiesischen Juden eine wichtige Rolle in' der Diamantenindustrie gespielt haben, sind in den letzten' Jahrzehnten' die russischen, polnischen' und galizischeu Juden zu Hauptträgern der Industrie! geworden! Die ersten jüdischen Pioniere auf diesem Gebiete waren einige russische Juden' aus Bialistok. Zuerst sind! sie nach Antwerpen gekommen, um Diamanten zu kaufen!. In jener Zeit lag der Diamäntenhandel'ganz in der Hand der Amsterdamer Kauf teilte, die alle Juden' waren. Die holländischen Kaufleute stellten aber eine abgeschlossene Kaste dar, die keinen' Außenseiter zu ihrem Erwerb zuließ. Audi die Arbeiter haben1 keinen Fremden zum Fach zugelassen'. Die eingewanderten Juden haben; nun erkannt,- welch vorzüglichen Standort die Stadt für die Dia--. mantenindiistrie darstellt, und daßi es nur der Freiheit, billiger Kredite und des gegenseitigen Vertrauens bedarf, um die Edelsteinin'dustrie zur höchsten Blüte zü führen.' Sie haben sich' tüchtig zur Arbeit genommen. In verhältnismäßig kurzer Zeit haben sie 'das Geschäft auf eine -holte Stufe gebracht un'di wurden gefährliche. Konkurrenten für. den Amsterdamer Diamäntenhandel. Das wichtigste Geschäftsprinzip des Diamantenhandels war immer und ist auch heute der Grundsatz: „Große Geschäfte und', kleine Verdieitste". Galizische Juden' bilden die Mehrheit der jüdischen Bevölkerun'g Antwerpens, sie spielen hier die erste Geige. Die eingewanderten Juden sind zum Diamanfenhandel und zum Börsengeschäft gestoßen. Diejenigen, welche kein Geld gehabt haben, sind Diamantenmakler geworden. Erst nach dem Kriege hat der Diamantenhandel in Antwerpen1 die höchste Stufe seiner Entwicklung erreicht. Jelzt gibt es' in Antwerpen —- ohne die Makler — ungefähr; 4000 Diamanfenhän'dler. Man schätzt die Zahl der Juden,' die aus dem Diamantenhandel ihren Lebensunterhalt beziehen . auf 20.000. Di£ Diamanfenhändler Und' Fabrikanten1 haben mächtige Organisationen, deren wichtigste dje Diamanten-Börse ist. Der Vorsitzende, dieser mäehtigen1 Organisation ist ein in Bialistok geburtiger Jude (Tolk'ovsk'i). Während die Diamanten-