Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 10 (9.5.1930)
- Date
- 1930-05-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2641551-2641599-2641609--317-2642266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Der jüdische Arbeiter *4 Mtir-tiH Kräften unterstutzen werden.' Es gi 11 zu beweisen, daß wir die Opfer und die Leistu ngen für u nsesrl-,?|^hiiw same Sache zu würdigen wissen. Das Martyrium unserer Genossen in Rußlaiid. 0|e Vejiolgungen,. ynserer .russischen Genossen m _ mhen bereits im Jahre 1920, als unsere Partei die einzige Iin Rußland,blieb, die. sich füll die jüdischen Arbeiter interessierte, «jund; verstärkten sich dann im 'Jähret 1922/ wo bereits Massen-Verhaftungen vorgenommen wurden. ,; . •,* Gleichzeitig mit der neuen Wirtschaftspolitik . (NEP), die im Jahre 1921 in RußlandEingeführt wurde und nach'dem Aufstand in Krönstädt (März 1921) verstärkten die kommunistischen Machthaber die Verfolgung aller sozialistischen Parteien in Rußland. Von Jahr zu Jahr verstärkte sich der, Terror gegen unsere Partei und in den Jahren 1923 und 1924 nahm er erschreckende Formen an nicht nur durch'Massen- Verhaftungen, sondern auch durch massenhafte Verbannung unserer Genossen. So wurden: im Jahre 1923 eine Reihe der verantwortlichsten Genossen, Mitglieder der Zentral- und der Distrikts-Komiteeslin Kiew, Charkow, Winiza, Hömel usw. verhaftet; Die meisten: von ihnen wurden noch im gleichen Jahre in entfernte Gebiete Rußlands verschickt,, wo sie entfeYntt von jeder Kulturstätte und vor. allem von . jeder jüdischen Niederlassung, leben sollten. Im März 1924 wurden die meisten Mitglieder des Zentral-Komiteesftf er Partei verhaftetund nach mehrmonatlicher Gefangenschaft, bei. der GPU und in Ider Botriki, dem bekannten. Gefängnisse Moskaus, wurden sie. aus Rußland* ausgewiesen und konnten nach Palästina übersiedeln, zusammen mit ihnen ungefähr 15 verantwortliche, Genossen. Im Juli .1924 überzog eine neue Welle von Verhaftungen, von Podolien in^der Jikraine_ ausgehend, das" Land. Eride~~1923 und während des Jahres 1924 , verschlechterte sich die Läge der jüdischen arbeitenden Massen in Rußland wesentlich'und die Partei hielt es daher für nötig,'sich zur Zeit der Vorbereitungen zur Konferenz der nationalen Minderheiten in der Ukraine im Herbst 1924 in; einem Aufruf an die jüdische und die allgemeine russische öffentliche Meinung zu wen- Massen'und'auf 'die Ungerechtigkeit der ökonomischen, den und auf die unerträgliche Lage den jüdischen pölitiscji-nationalen und 'kulturellen Politik der Sowjetregierung ihnen gegenüber .hinzuweisen. Am 15.-August erschien dieser Aufruf, in)1 dem die Partei 'außer den: allgemeinen politischen .Forderungen einer sozialistischen Partei die besonderen'Forderungen der jüdischen Arbeitermassen an die Sowjet-Regierung formulierte: breite nationale Personal-Autonomie, BeL reitsfelluhg'größerer Landstrecken für die Zwecke der landwirtschaftliehen Ansiedtuug, Aenderung der . sozialen Politik den jüdischen Handwerkern und Heimarbeitern gegenüber, Verleihung des Wahlrechtes zu den städtischen Arbeiterräten an diese Schichten und ihre Gleichstellung mit allen' anderen 'Arbeitenden, Abänderung der schweren Steuerlast, die die Fiska'lbehördeni den: Heimarbeitern auferlegen, Freiheit für die hebräische Sprache und Erziehung, Freigabe der Arbeifzugunst'en des Arbeitenden Erez'Israel usw. Dieser Aufruf erschien am gleichen Tage' in der gesamtem Ukraine :und' in einem Teile von Groß- Rußländ1 urid trotz der Schwierigkeit" der illegalen Arbeit in Sowjetruß'land wurde er-in den Theatern, in Arbeiterversammlun'gen, in Regierungsinstitutioneij;;!imd Kooperativen, in privaten Häusern, etc. verbreitet und1 auf Plakatsäulen geklebt. Der Aufruf machte'einen: starken Eindruck nicht nur auf 'die »durch die Sowjetpolitik bedruckten Massen; sondern auch auf die ukrainischen und russischen Arbeiter: ' , , Die wette Verbreitung des Aufrufes einige Wochen'nach der Ausweisung 'der Mitglieder des Zentralkomitees und der Verhaftung einer Reihe der veranhvortlichsten Führer der Partei und trotz der |organisierten Spionage erbitterte die G. P. U. und sie beschloß, sich an der Partei zu; rächen'. In der Tat ließ die G. P, U. am 2. September 1924 an; all den Orten, an denen der Aufrufi verbreitet wurde, mehr als 3000 Genossen verhaften. [Einige Hundert dieser Verhaftetem blieben viele Mojnäte in den' Gefängnissen un'd .wurden, dann nach Turkestan, Ural, Sibirien) Tiuiüchänsker, Narimer, Zirianer und; -anderen Gegenden sowie "auf die InsejL Solowkiverschickt. Doch auch nach' diesen Verhaftungen fuhr die Partei fort, gegen die kommunistische Partei, und insbesondere gegen die kommunistische jüdische 'Sektion, für die Prinzipieneflner sozialistischen Demolcratte in Rußland tind . fifc' die politisch-nationalen, ökonomischen und 'kultureHen Rechte der jüdischen arbeitenden Massen in Rußljarid zu kämpfen. In',derzeit des politischen .Terrors* als es.«eine, #|tis» fctlichl femün^in -RüßÄ^chf 'la^ #ftnÄtgunsere^ar#t elfte Reifte Von ifelitiscliei Mdilrafieii durchvVelfeamÄhlngen, fKönfe^ MM def/H^fniarbeitef etc. (s# mtWiniza.kÖharkow', •K^^C^den Jahren >19^1 1SÖ4, 192^\«Äuf dB IMiscitin landwirtsthalttilrhe^ iGfe^B^irk, SÜ&Ükhüne'1925)., ^-rf 'vx 4 Diese'4' Ötmonstrationen, denen "'sicff eine Reihe .der mutigsten und aktivsten Genossen widmeten, |brac,htejj etilen < rteuen;Geist in | rfier Oeffentlirhkeit/ weckten* eine Massenbewegung unter den jüdischen Arbeitenden und die Regierung sah sich gezwungen, eine Reihe unserer Forderungen,. z^B.' die der landwirtschaftlichen Ansiedlung in der Ukraine und der Krim (1924)* zu verwirklichen.--Den iKleinhändwerkern' wurde das Recht erteilt, an den städtischen Arbeiterräten teilzunehmen, die Steuerlast der Handwerker wurde erleichtert usw. Selbstverständlich wurde das Recht der Teilnahme an den städtischen Arbeiterräten nur fiktiv und. das wichtigste, was diei,Sowjetregierung schließlich 4ät^4-: die landwirtschaftliche Ansiedlung r-.wurde„sofort in bureaukratische Fesseln geschlagen und jede Initiative der Ansiedler wurde unterdrückt. Unsere Partei hat Tausende von jungen jüdischen Arbeitern in ihre Reihen gesammelt, ihnen eine politische Erziehung gegeben und sie in dem zionistischsozialistischen'Bund .vereinigt. Neben ihr arbeiteten alle Strömungen des aktiven zionistisch-sozialistischen Gedankens, wie die Organisation des „Hechaluz", des sozialistischen „Haschomer Hazair" und andere ihrer Ideologie und ihrer politischen Auffassung nahestehende Gruppen. Die Partei wurde für diel jüdischen Massen ein lebendiger. Mittelpunkt, in der Kolonisa-, tionsbewegung in der südlichen Ukraine, der Organisierung eines kooperativen Kreditsystems, in der Hilfeleistung an die Hungernden (1921 -1924), in der Hilfeleistung aii die Verbannten usw. Im Jahre 1925 wurden wieder Hunderte von führenden Mitgliedern der Partei und der zionistisch-1 sozialistischen' Jugend verhaftet;'alle Monate oder alle zwei Monate gab es neue Verhaftungen den Mitglieder der neugebildeten Partei-Komitees und ununterbrochen mußte! die Partei die Leitenden Komitees neu bilden. In Charkow und Minsk z. B. wurde in diesem Jahre das Distriktkomitee in drei bis vier, neuen Zusammensetzungen verhaftet. Die meisten verhafteten, Genössen wurden nach vier- bis sechsmonatlicher Haft: in'die Verbannung oder in die politischen Isolatoren verschickt. " Im'Jahre 1926 wurden Wiederum die Genossen des Zentralkomitees und der zionistisch-sozialistischen Jugen'd verhaftet und als die Regierung sah, daß trotz dieser Verfolgungen die Partei immer mehr wuchs und'sich immer weiter entwickelt, verstärkte sie die Verfolgungen noch mehr und ein. Teil dieser Verhafteten wurde direkt aus dem - Gefängnis iivdie politischen Isolatoren,;überf|ührt, ein. anderer Teil, iii^die e n tfern teste n, < r kl i m atisc h? fu rch tb'arsten G egen d e n d e r Verbannung verschickt. M) - i i Dieser Terror wiederholte.sich in den Jahren '1,927 und 1928 und fdauertj^bis heute. Viele (peiiosscn befinden sich;bereits ^eit^—ö Jahren in den Gefängnissen, "in* den politischen 'Isolatoren, in der Verbannung," viele Genossen sind in "den Kasematten1 Schwer erkrankt) au .Tuberkulqse, ■ Ischias, i Scorbut,-» Lähmungen etc. ' i it, Es ist unmöglich, in diesem kurzen Bericht all die Qualen und Leiden aufzuzählen, denen unsere'Genossen in den politischen Isolatoren, in den! Gefängnissen und'in der Verbannung ausgesetzt sind. Hunderte von Genossen' sind zu Invaliden geworden und Hunderte sind der Gefahr ausgesetzt, zu Invaliden zu werden. ■ . Die G. P.. U. schickt einzelne Genossen, und mitunter! einzelne Genossinnen aus den Reihen, der zionistisch-sozialistischen Jugend', die noch vor der Vollendung ihres 20. Lebensjahres stehen, in ein entferntes1 Dorf in Sibirien oder Turkestan unter beinahe wilde Menschen; ein solches Dorf in deivsibirischen Steppe besteht meist aus 8—10 Häusern und befindet sich; mitunter in einer Entfernung vom 1000 bis 1200 km von' einer Bahnstation, wo keinerlei medizinische Hilfeleistung zu erlangen ist. Den Genossen ist es, außeY in Ausnahmsfällen verboten, irgend eine Arbeit zu 'tun. Und trotz dieser furchtbaren'; Bedingungen läßt man unseren Genossen auch dort keine Ruhe. Von Zeit zu Zeit überführt mani sie von Ort zu Ort, weil man1 fürchtet, sie könnten die Bewohner des Dorfes „politisch beeinflussen". Die G. P. U. „gewährt" den Verbannten eine Unterstützung von 6 Rubel, 25 Kopeken per Monat (das! sind ungefähr 12 englische Schillinge oder. 12 deutsche Mark monatlich), was mitunter für die Miete eines Zimmers ausreicht.*' So gehen Hunderte „von Genossen physisch und psychisch* zugrunde. In der letzten Zeit haben viele'unserer. Genössen ihre Haft; zu der sie verurteilt waren, abgebüßt, doch auch dann werden sie von der G. P. U. nicht freigelassen. Wer einmal in die Krallen der G. P. U. fiel; kommt;von ihr nicht mehr frei. Selbst nach jahrelanger Haff in?iden, Isolatoren werden die Genossen in de Verbiannung verschickt. , Einige Genossen bekommen dann „minus", das heißt; „außerhalb". Wenn sie ihre Haft inj den , Isolatoren, oder auch ihre Verbannung abgebüßt haben, müssen sie ein Dorf oder ein StädtcTien zu ihrem Wohnsitz, wählen, „icks ^außerhalb" (minus] U%*ri#%tfcf ^Bflpi^ Tegt, wo der gr|| zsentrerti DttJ (MioM: darf nur att^dtäi aWhaith, $fr s\m,MhK' utM.lh!jiu lÄW^tiilb* i^sf^h %ldel!;; äeihfl Wqhrt|ln^tftf sIlÄ srit Befinden"sfcTi ständig unteY" Aufsicht uri3 ^efifufl Solch ein Genosse erhält, nachdem er 3, 4 oder 5-Jahreilin" den Isolatoren oder in der Verbannung zugebracht hat, die Unferstützungssumme von 6,25 Rubel nicht mehr; anderseits verwehrt man ihm jede Arbeit oder Bureau-Beschäftigung. Unsere Genossen sind dem schrecklichsten Hunger und dem Fehlen der elementarsten:Lebensbedingungen eines Menschen preisgegeben ' ifrn Laufe def letzte^ fünf;. Jahre, hatt die1 Sowjetregier ung ca. ,600 Genossen unserer Partei, des soz „Haschomer Hazair" und des ^Hechaluz" aus Rußland ausgewiesen. j- Im Laufevvon 7—8 Jahren sind mehr als 4Ö0Ö Genossen Mitglieder der Partei und ihr Nahestehende — verhaftet worden. Die Zahl der Jahre, die Genossen, unserer .Partei und;,der zionlstisch-spzialistisehen Jugendbewegung in den öefängnisseii, der Ver bannuhg und den Isolatoren verbracht haben, belauft sich sicher auf mehrere Tausende. Viele Genossen waren gezwungen, heimlich' aus Sowjetrußland' zu flüchten. Heute befinden sich noch mehr als 600' Genossen in den Isolatoren und in der Verbannung; über den Verbleib zahlreicher Genossen ist uns nichts bekannt geworden. ' | ' Sofortige Hilfeleistung ist für diese Genossen nötig. Unter ungeheuren Mühen gelang es im' Laufe der Jahre den Genossen eine ganz minimale Hilfe ange'deihen zu lassen, diese konnte aber nicht einmal die elementarsten Bedürfnisse decken. Unsere Wiener Organisation hat bisher den heldenmütigen Genossen in "Rußland gegenüber ihre Pflicht nicht erfüllt. Nunmehr hat die erweiterte Organisationsleitung beschlossen, vom 15. Mai bis 15. Juni eine Aktion zugunsten des Fonds durchzuführen, der für Hilfe? leistung für unsere leidenden Freunde bestimmt ist. Keine Genossin und kein Genosse schließe sich aus: es gilt den mutigsten Vorkämpfern unseres zionistisch sozialistischen Ideals unsere Solidarität zu bekunden Die Liquidation der Jevsektion Ein wichtiges Ereignis im Leben :der jüdischen Massen in Rußland ist die Aufhebung der Jevsektion die die jüdische: Sektion der R. K .P. war und die Aufgabe hatte, für die Befriedigung der spezifischen Interessen der jüdischen Proletarier Sorge zu tragen Diese Auflösung ist nicht das Resultat: einer, ideolog" sehen Entwicklung der Mitglieder der jevsektion selbst sie kam sogar für ihre Führer und! für ihre Lokalorga^ nisationen ganz unerwartet. Die Jevsektion hielt eben eine Landberatüng ab, mairwar mitten drin in einer scharfen Debatte über verschiedene Probleme; kam; ein 'Blitz vom heiteren Himmel ■■ -r-! das Dekre das die Liquidation der Jevsektion' befahl. Die Liqui dation ist als der Sieg jener Führergruppe innerhar der Jevsektion zu betrachten, die seit; Jahren einen aktiv-assimilatorischen Kurs verlangt hat, und gefoi dert hat; sich nicht mehr mit „Phrasen" wie jüdische Kultur, jüdisches Volk zu spielen.: Innerhalb der, Jev Sektion gibt es drei Richtungen, die bei der Beratung von 1Q27 teine scharfe Auseinandersetzung hatten Ohne diese^Meinungsverschiedenheiten unter den jü dischen Kommunisten zu kennen, ist es unmöglich die Politik der Jevsektion zu verstehen. Die Jevsektion stellt .ein Konglomerat von Menschen; dar, die zu ihr aus verschiedeneil Lagern und zu verschiedenen Zeiten 'gestoßen sind. Auf der einen Seite gab^es jü dische. Bolschewiki, die den Kern der Jevsektion, bil deten, 'andererseits Mitglieder der von der Diktatur vernichteten jüdischen Arbeiterparteien, des'Bund, der Unken Poale-Zion. und der Vereinigten Partei; die ersteren vertraten wie Lenin die Forderung nach einet" radikalen Assimilation der jüdischen Massen, die letz teren sind zu großem Teil' ihrem alten Standpunkt treu geblieben, und haben die Erhaltung deivjüdischen Kultur, der jüdischen Sprache und der jüdischen Schule bejaht. Es gibt auch solche Mitglieder der Jevsektion, die die. territorial Konzentration der jü dischen Massen fordern, und davon die Befestigung des jüdischen Lebens erwarten, Hierzu kommen noch die jüdischen Volksschullehrer und Kulturarbeiter, die durch ihre praktische Arbeit ihr Werk lieb gewinnen und so zu einem positiven; Verhältnis zun jüdischen Kultur, Sprache und Schule kommen als zu volkerhaltenden Faktoren des jüdischen Lebens. Schließ lieh muß man auch die vielen Sowjetbeämteni jüdischer Abkunft in Betracht ziehen, die sich' vom jüdischen Volke loslösen .wollen — aus Gründen der Bequem lichkeit, die Assimilation bejahen, und ctfe jüdische Sprache zugunsten der Staatssprache aufgeben. Diese Meinungsverschiedenheiten liaDen zu einer großangelegten Diskussion anläßlich der erwähnten Konferenz der jüdischen Sektionen geführt. Den Standpunkt der aktiven Assimilation hat der alte Bolschewik Altschuler und Refes, der ehemalige Bundist, vertreten; sie gaben zwar zu, daß man von der vollständigen Assimilation der jüdischen Massen