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Der Jüdische Arbeiter · 1930-05-09 · Heft 10 (9.5.1930) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 10 (9.5.1930)
Date
1930-05-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V.b. b. *tatBbibliothe& Wim!• Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreich Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, iL, Blumauergasse l/lll■ Postseheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig S 1.20, halbjährig S 2.40 Einzelne Nurtimer 20 Groschen Nr. 10. Wien, 9. Mai 1930. 7. Jahrgang. Theodor Herz! und dieGegen wart. (Zu seinem siebzigsten Geburtstag.) Der Begriff einer historischen Persönlichkeit kann zwei verschiedene Inhalte haben. Wir können dieses Attribut einem Menschen zusprechen, dessen gedankliche Leistung sein Volk, seine Klasse um' ein großes Stück .vorwärts gebracht .hat, dessen Idee aber in so hohem' Mäße-historisch' bedingt war, daß ihr Fortbestehen und Fortwirken nur ein Hindernis für die Weiterentwicklung der Bewegung, die sie ursprünglich befruchtet hat, geworden wäre. Es kann aber als historische Persönlichkeit auch ein Führer bezeichnet werden, dessen öeistestat zwar auch zeitbedingt war, die aber eine Wahrheit zum' Ausdruck gebracht hat, deren Geltung über, die Zeitspanne seiner Generation hinaus bewahrt, blieb. Welchem Führertypus ist Theodor Herzl zuzurechnen, kann; seih Werk auch'«., für uns richtunggebend* sein, das sind {He ."Fragen, die uns heute bewegen. Die geschichtliche Bedingtheit der Tat Theodor Herzls kann und soll nicht geleugnet werden. Ihm bei seiner Konzeption des „Judenstaates" kaum bekannt war im Osten schon mehr als ein Jahrzehnt vor seinem Auftreten eine Bewegung entstanden, die sich, 'die5. Kolonisation Palästinas zur. Aufgabe machte, und audr im Westen' hatte Theodor Herzt in Moses Heß und Nathan Birnbaum seine Vorgänger. Es war also kein. neues Wort, keine neue Idee, die Herzl aussprach, als er seinen „Judenstaat" hinaussandte, die These vom nationalen;Charakter,.- der Judenfrage >rägte, deren. Lösung nur durch Schaffung eines, jüdischen Gemeinwesens in Palästina möglich sei. Es war „nur eine Umgestaltung, eine Umformung der zionistischen Bewegung 'und Idee, die Theodor Herzl vollbracht hat und doch war es eine Tat, die den Zionismus ideologisch lun'd organisatorisch erst so recht luf jene Stufe seiner Entwicklung gebracht hat; die der'Größe 'der ihm immanenten Idee entspricht. Denn das ist ja der hoffnungslose Eindruck, den mau bei Betrachtung des vorherzischen Zionismus nicht los wird: die Disproportionalität zwischen dem Ziele, das er sich gesetzt hat und: den Mitteln, die ihm. zur Verwirklichung des zionistischen Ideals als geeignet erschienen. Hier waren Menschen von einer Idee eriillt,' deren' Größe sie selbst nicht ahnten. Man mißverstehe uns nicht: unvergänglich erscheint auch uns das Verdienst jener Männer der ersten « AI ijali, mögen ich auch heute die Früchte ihrer Arbeit aus sozialen Gründen vielfach als Hindernisse der Entwicklung Jos Paläsitriaaufbaues erweisen. Und doch war es blanke Utopie zu glauben, daß der Zionismus als unpolitische Kolonisationsbewegung möglich sei, daß ozusagen neben dem weltpolitischen Geschehen untrer'Zeit,-'unbeeinflußt von den Kräften, die das poliis'che Weltbild: Europas und1 Asiens gestalten, das *roße Werk der Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina möglich' sei. Das ist nun Herzls ireigenste Tat, seine spezifische Erkenntnis und Leitung, die Tat, die uns berechtigt, ihn1 m die Reihe lerer einzugliedern', die in der Geschichte des■ Judentums eine umstürzende Richtungsändei-ung herbeigeührt haben: er hat das nationale Ideal des jüdischen /olkes in 'den weltpolitischen Zusammenhang gestellt, hat es aus der stickigen1 Luft der ostjüdischen Gassen nid der westjüdischen Vereinszirkel herausgerissen md.in 'die rauhe Luft des damals einzig maßge-beri- 'en europäisch-politischem Lebens gestellt. „Die udenfrage ist eine nationale Frage und um sie zu ösen, müssen wir sie vor allem zuj einer politischen Veltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu egeln sein wird" — in diesen Worten1 ist das Zentrale es Zionismus Herzischer Prägung am markantesten um Ausdruck gebracht. ' Erst wenn wir diesen Kern des Herzischen Ziönsmus erkannt haben, können wir die Frage beantworten, ob Theodor Herzl auch unserer Generation pn Führer sein kann, ob sein Grundgedanke eine Lösung der Probleme, deren Bewältigung uns aufgegeben ist, darstellt, Es' scheint so, als ob weite Kreise fer zionistischen Bewegung diese Frage verneinen fc'ürden. Als Reaktion auf Sie rege diplomatisch-pöitische Tätigkeit der zionistischen Organisation in der Nachkriegszeit werden in allen Lagern des Zionismus Stimmen laut, die da Abkehr von de« PolitikVpolitische Abstinenz fordern, und den1 Schwerpunkt der zionistischen Arbeit in den Bereich der ökonomischen:Aufbauarbeit verlegt wissen wollen. Ja> manche Zionisteu, gehen so weit, die Ueberschätzung der politischen Arbeit für die Ereignisse des August 1929 verantwortlich zu machen, deren Wiederkehr nachi.der Meinung dieser Richtung nur durch unverdrossene kolonisatorische Arbeit verhindert werden : kann.blicht weil diese Anschauung ein Abrücken von der Herzischen Grundkonzeption bedeutet, halten wir sie für eine Gefahr für den Zionismus: aus rein sachlichen Gründen — auf die Gefahr hin, gegen, den Strom schwimmen zu müssen — fühlen wir uns verpflichte^ davor zu warnen, daß die integrale zionistische Idee1 zu-* guusten einer nur kolonisatorischen; Tätigkeit aufgegeben werde. Wir mögen es bedauern oder nicht: Palästina ist und bleibt ein Land, das,einen Brennpunkt; der Interessen der politischen Mächte der Welt darstellt, und der Zionismus wird im Einverständnis mit ihnen verwirklicht werden oder sich als .Utopie ,erweisen. Warnen — und immer, wieder warnen müssen wir vor der falschen Einschätzung, als ob einseitig politische Einstellung der zionistischen Exekutive für Hebron und Safed verantwortlich1 wäre. Gewiß,;gäbe es im Lande mehr Juden, mehr jüdische Kolonien, wäre die Position des Jischiiws e,ine stärkere. Das, Genossen, darf uns aber nicht hindern zu erkennen, daß es. nicht ein zu v i el an ^Politik war, das, wir uns vorwerfen müssen - - und nur Selb'stvoiwürfe sincl am Platz --, es. ist. dies kejijg^ ^Quauti^täts-, sondern Jüdische Sozialdemokrat. Arbeiterorganisation Poale Zion Zionistische Arbeitspartei »»Htstachdruth« Kartell zionistisch-sozialistischer Jugendbünde Gpofie Kundgebung Die Vorfälle in Kfar Saba und ihre Lehren. Ort: Festsaal, I., Altes Rathaus; Zeit: Donnerstag, 15. Mai, V28 Uhr. aMHHHMNHHHHHHHHMHM eine Qualitäts-, eine Richtungsfrage. Nicht daß wir im Sinne: Theodor Herzls den Zionismus als politische Machtfrage betrachtet haben und die Machtlosigkeit der Judenheit durch Anlehnung an die entscheidenden Mächte zu kompensieren suchten, ist unsere Sünde, vielmehr besteht sie darin^daß wir wie1 gebannt unsere Kraft auf die Bearbeitung*der europäischen Regierungen konzentriert haben und' vergaßen, daß heute die für uns entscheidenden politischen Faktoren in Asien elbst ihren Standort haben: das arabische Volk im Larideund die arabischen Staaten, die noch vor kurzetu miteinander, verfeindet, heute durch Freundschafts Verträge geeinigt sind. Diese neuen Mächte des Orients hat der Zionismus ignoriert: das ist unsere Schuld, für. die wir alle verantwortlich sind. Welche tragische Folgen eine falsche Option in der Politik nach sich ziehen kann, das-zeigt?die Weltgeschichttei unserer Tage deutlich: Bismarck, der Schöpfer des deutschen Reiches hat durch seine Bündnispolitik, dadurch', daß er das Schicksal des Reiches mit dem des zum Untere gang verurteilten' Nationalitätenstaates Oesterreich- Ungarn verknüpft, hat, den Grund zur Katastrophe von 1918 gelegt. Das deutsche Volk ist stark genug, sich wieder den Weg zü neuem Aufstiege zu bahnen; würde da^ jüdische «Volk einmal — das muß trotz aller Hemmungen ausgesprochen werden .— einen gewaltsamen Angriff auf den Jisch'uw erleben können, ohne den Glauben an den Zionismus zu* verlieren? Das ist es also, was wir heute, da wir Theodor Herzls gedenken, uns ins Bewußtsein' rufen müssen: er ist und bleibt auch heute unser Lehrer und Führer. Nicht Abbruch unserer politischen Arbeit 'clarf unsere Parole sein, vielmehr ihr Ausbau und' ihre Art" passuug an die gegenwärtige weltpolitische Konstellation, die von uns diV Konzentration unserer Kräfte auf die asiatische Völker- und Staatenwelt verlangt. : ■■'■"■•' . ' -z- Elrt Gebot der Stunde, Eine.Ak.tion;für den ^politischen Fonds". .'• Die', blutigen .Ereignisse in Palästina haben u. a. folgende Tatsachen an den Tag gefördert: 1. Die Verständigung zwisdieir Juden und Araber ist zu einem brennenden' Problem geworden. Bei den Bemühungen;'um die Lösung dieses Problems ist die jüdische Arbeiterschaft in Palästina und ihre Vertretung in London (das Politische; Komitee des Weltverbandes Poale Zion) berufen, wertvolle Dienste zu leisten. Der Vertretung! der jüdischen Arbeiterschaft fällt die Aufgabe:zu, die arbeitende; arabische. Bevölkerungüber die#eigentlichen Pläne und' Absichten der arabischen Feudalen und Aristokraten aufzuklären; den arabischen' Bauern und! Arbeitern den Beweis zu liefern, daß das jüdische Aufbauwerk neue .^Möglichkeiten für ihren* wirtschaftlichen Aufstieg, bereits erschlossen hat und! auch' weiterhin erschließen wird, unddaß: gerade diese Tatsache die arabischen Großgrundbesitzer und Aristokraten bestimmt,;gegen unsere Bestrebungen aufzutreten. : D1e s e A u f k I ä r tr n :g s t ä t i g k e i t d e r « r g anisierten .jüdischen Arbeiterschaft bildet einen d er-wi cht igst en Zweige in den V e r s u c he n e i n e r L ö s u n gd e s!j ü d i s e h"- ä r abischen .Prob'lems. '! , ' 2. In England regiert die Labour Party. Es ist ja nur eslbstverstän'dlich;' daß1 die organisierte;jüdische Arbeiterschaft, mehr als alle anderen' Teile der zionistischem WeltbeNx^^^ der englischen Arbeiterschaft; für unsere Bestrebungen zu gewinnen. Die Führer der englischen und der jüdischen Arbeiterschaft sind' Sozialisten, sie gehören' derselben sozialistischen' Weltorganisation, an, sie können sich deshalb anr leichtesten' verständigen. Wir konnten uns oft überzeugen, 'daß. die Erfolge dieser Aufklärungsarbeit nicht ausbleiben. Die V 0 rbe h a 1 te S-n e 11 s, des Vertreters de r L a b 0 u r Par ty in der Ünters,u ch ultgskom misston z u d e m; B e r i c h t e d i e s e r I< 0 m m us s i 0 n .h aben neu Iich ab erm als: den Beweis des'.erfolgreichen Wirkens der Londoner Vertretu n,gi der 0rga n isierte n j üd fschen .Arb'e i ters c h aft er bracht.1 3.. Aber auclv außerhalb Euglanids ist. der Sozialismus heutzutage ein politischer Machtfaktor. Unsere Renaissance-Bewegiung. fußt auf'sozialer Grundlage, sie wird getragen' von' dem Bestreben der Eroberung der Arbeit für das jüdische Volk. Es dürfte also nicht sein, daß die sozialprögressivste Bewegung der Welt — der internationale Sozialismus — unsere Bestrebungen .verneine, p'der sich ,auch nur gleichgültig ihnen gegenüber verhalte. Die politische Vertretung, des Weltverban'des Poale Zion hat viele Jahre hindurch1 Aufklärungsarbeit unter den sozialistischen Parteien allen Länder- und Völker geleistet. Diese AufklärungsarbeU zeitigte auch Erfolge. Die sozialistischen; Führer,,der meisten Länder ,haben .sich., zu unseren' Bestrebungen! bekannt. » , Demeinstwei ligen A bsch 1 uß. dieser.ErfpIge bi 1 det das im JahVe 1928, unteil Leit u i) g v o n V a n d e r v e 1 d e, g e's c h a f f e n s 0 z i alis,tische K.0mitee für das arbeiten'de Palästina. Dieses Komitee ist bereits heute v'on i.nternationaler Bedeu tiun-'g uud IqIU 'det einen wichtigen Pfeiler im politische ,a G ebäud e, der zi o 11 istisch en Wel tb e w e g u.n g,; , ' , , :? Wir,glauben behaupten'zu dürfen, daß idie von der Vertretung der jüdischen Arbeiterschaft geleistete Aufklärungsarbeit fpr die gesamte zionistische Welt-, bewegung iund auch übe^ sie hinaus von größer Bedeutun'g ist. D iese THigkei t ver d ie 111 au ch d.ie Un.terstützun'g breiter Schichtender j ü'd i s q h e u B e v ö I k e r jt n g. Für ^die - Förderung dieser Tätigkeit ist der . . . politische Fonds ins.Leben: gerufen worden,. Ein Teil der. Eingänge des „P'olitischen Fonlds" ist für unsere G e n o s s e 0 >n. R u ß 1 a n d bestimmt, Unter den schwierigsten j Bedingungen und Opfern an Menschenleben setzen* unsere Genossen dort den! Kampf für das arbeitende Palästina fort. Ihre; Leiden'

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