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Der Jüdische Arbeiter · 1930-04-29 · Heft 9 (29.4.1930) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 9 (29.4.1930)
Date
1930-04-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Der jüdische Arbeiter gend" fixierten oder verkappt-kommunistischen Führern in die Front gegen das arbeitende! Palästina verführen. Täuschen wir uns nicht: der Kampf gegen diese unsere Gegner wird nicht leicht sein: daß wir ihn aber mit aller Kraft, Härte und! Rücksichtslosigkeit führen wollen, das Freunde, soll unser Mai- Versprechenau das arbeitende Palästina sein! .*. Das jüdische Proletariat und die schöpferischen Geister des Judentums sind immer in der ersten Reihe derer gestanden, die für Völkerversöhnung und internationale Solidarität eingetreten sind; immer haben wir jüdische Sozialisten es als besonders schmerzlich empfunden, wenn unsere Bewegung durch' Mißverständnisse in Gegensatz zum Proletariat eines anderen Volkes zu treten" drohte. Das ist indiesem Augenblick'in Palästina der Fall. Es ist'den Agenten Moskaus, des arabischen Feudalismus und Klerikalismus gelungen, Teilen , der arabischen Arbeiter- und Bauernschaft den Glauben einzuflößen, daß die jüdische Arbeiterschaft: Ziele verfolge, die nicht im Interesse der arbeitenden arabischen Massen liegen. So wollen wir denn am heutigen Tage der internationalen Solidarität bekennen: wäre dem so, nicht einen Tag würden wir uns zum zionistischen Sozialismus bekennen. Wir grüßen das arabische Proletariat! Die Zeit ist nahe — das ist unsere tiefste Ueberzeugung — da sich das arabische und jüdische Proletariat verstehen werden, da das 'Friedensbündnis zwischen beiden geschlossen, werden wird im Zeichen der roten Fahnen des, internationalen Sozialismus! Jüdische Unternehmer in Polen boykottieren jüdische Arbeiter. . Jakob Leszinsky — nach Ruppin wohl der bedeutendste Theoretiker der jüdischen Sozialökonomie der Gegenwart —- hat im Auftrage des „Vorwärts" die Republik Polen, bereist und die Lage der jüdischen Massen studiert. In einem seiner erschütternden Berichte schildert er, wie das jüdische Proletariat nicht nur gegen den polnischen, Antisemitismus zu kämpfen;,hat, vielmehr auch xim sein; Recht aufl Arbeit gegen Idie jüdische .Bourgeoisie kämpfen; muß. „Wir wollen; nur ein paar wahrhaft zum Himmel schreiende Tatsachen berichten! Der Brauch, die jüdischen Arbeiter zu entlassen, wenn man von', 'der Handweberci zur mechanischen Weberei übergeht und an ihrer Stelle christliche Arbeiter aufzunehmen, wird schön seit Jahren in Lodz geübt. In Lodz bestand eine große Fabrik der Firma Herschberg'uitdi Birnbaum, die ausschließlich Christen beschäftigte; die Besitzer waren1 reformierte und' assimilierte Jiiden.- Da hat Herschberg beschlossen, eine Fabrik zu errichten und .darin nur Juden zu beschäftigen. Er hat einen kleinen Betrieb gegründet, in welchem die jüdischen Arbeiter 'die Arbeit an der Maschine, erlernten. Langsam entwickelte sich der Betrieb zu einer großen Fabrik mit "I6ö Webstühlen', die 'nur von) [irden bedient wurden. Herschberg hat überall die Nachricht verbreitet, daßi die jüdischen Arbeiter mehr leisten als christliche. Die Fabrik bestand von 1912 bis zum1 Weltkriege. Es war. dies nicht bloß eine jüdische Fabrik der Abstammung, der Arbeiter, sondern auch dem Geiste nach. Man hat von der Behörde die Erlaubnis erwirkt, an Sonn- und Feiertagen arbeiten und am Sabbath und jüdischen Feiertagen ruhen zu dürfen. Für die. frommen Weber war eine eigene B^tstube eingerichtet. Selbst der Portier war ein frommer Jude, der in den feierpausen Psalmen sang. Kurze Zeit vor dem Kriege erhielt die Fabrik einen neuen, sehr frommen Generaldirektor, den Herrn Budziner! Der Krieg bricht aus, die Arbeiterzahl wird verringert, der Direktor macht bloß die jüdischen Arbeiter arbeitslos, sie entläßt er, die christlichen Arbeiter können bleiben. Fr redet sich! auf seine Furcht vor den Christen aus. Nach dem Kriege bleibt Budziner der einzige Besitzer des Unternehmens. Er schließt* die „jüdische" Fabrik und läßt nur die Christen arbeiten. Und bis heute arbeitet bei; Budziner, der 300 Arbeiter beschäftigt, nicht ein jüdischer Arbeiter. Man glaube nicht, daß Herr Budziner eine funbekannte Persönlichkeit in Lodz ist: er ist ein or t h'Od oxer Zio nist,' eI n Mis rac h i, fromm, reich, Präsident der Kultusgemeinde und Mitglied des Senats. Der Mann spielt im jüdischen Gemeindeleben eine große Rolle! Wäre das bei irgendeinem anderen Volke möglich? Würde-ein anderes Volk nicht einen solchen Menschen mit Bann belegt haben? Bei uns wird er mit den höchsten Würden ausgezeichnet. Und da ist ein zweiter, Herr Jehiel; Meir Pick! Er ist ein Gerrer Chossid1, der jedes Jahr einige Male zum Rebben 'fährt. Er ist ein Aggudist, der für die Religion kämpft. Er hat eine Fabrik mit 120 -Webstühlen; der Meister ist ein Jude. Unter den 60 Arbeitern ist ein Jude! Und endlich ein dritter, Herr Glücksmann! Er ist ein aktiver Z i o n i s t, Vorsitzender verschiedener Vereine; sogar ein Schriftsteller ist Flerr Glücksmann, der in einer Lodzer Zeitung den Juden' Moral predigt und sie zur Hilfe für Waisen und Greise aufruft. Aber unter den 200 Arbeitern in seinem Betriebe ist nicht ein jüdischer Arbeiter!. Und die Juden haben sich an diesen jüdischen Antisemitismus so gewöhnt, daß sie sich gar nicht, gegen ihn wehren, ja sogar diese Antisemiten! noch auszeichnen. Diese Verhältnisse bestehen nicht nur bei den Textilfabrikanten. So ist gegenwärtig das" Schusterhandwerk im Untergehen begriffen, die Zahl der Schuhfabriken! steigt von Tag zu Tag, die Schuhmacher bleiben ohne Arbeit. In Warschau haben vor dem Kriege von der Schusterei einige tausend Juden gelebt, die ihre Arbeitsprodukte in die russischen Gouvernements exportiert haben. Nach Kriegsende hat die Sch'uhbranche eine furchtbare Krise" durchzumachen gehabt, weil' der polnische Markt nicht so viele Schuhe aufnehmen konnte. Trotzdem wäre doch einige Arbeitsmöglichkeit, weil ja das jetzige Polen größer ist als das ehemalige Russisch-Polen;. Da kam ein neues Unglück: die Schiühfabrikation! Ich kennein Warschau fünf jüdische Schuhfabriken, die 520 Arbeiter beschäftigen: darunter ist nicht ei n Jude. Jüdische Schuster sterben:' vor Hunger, sind zu jeder Arbeit bereit; die jüdischen Gewerkschaften rennen den Unternehmern; die Türen ein. Die jüdischen Unterne hm er bleiben aber taub. - Trotz"allen diesen -Hindernissen dringen doch die jüdischen Arbeiter langsam in die Fabriken ein. So arbeiten jetzt schon in Lodz —„ wenn Arbeit ist — 800 jüdische Arbeiter in den großen Textilfabriken. In Warschau wurden zwei Konfektioinsfabriken: mit 800 Arbeitern eröffnet, von diesen sind dank der klugen Taktik mn'd Energie der jüdischen Schneidergewerkschaften 400 Juden. In ein paar neuen Galoschenfabriken ' haben auch jüdische Arbeiter Beschäftigung gefunden. Die Erfolge des Kampfes der jüdischen Arbeiter um das Recht auf Arbeit sind noch sehr gering, aber immerhin, der Anfang 'ist gemacht! ,Die jüdischen Arbeiter haben den Weg zur Großindustrie beschritten. Die Fabrikanten haben ihre Ansichten über die jüdischen Arbeiter sehr geändert. Ein Fabrikant sagte mir, daß die jüdischen Arbeiter, ruhiger, stiller und weniger revolutionär sind als ehedem." Warum? Weil der jüdische Arbeiter so schwer Arbeit bekommt, weil er so schwer in die Fabrik eindringt, weil er sich viel mehr darum sorgen muß, den "'Arbeitsplatz zu behalten. Ein zweiter Fabrikant sagte mir, der fude leiste mehr als der christliche Arbeiter, weil er mehr verdienen müsse, und er stimme dem Vorschlag, eher zu, Akkordarbeit zu leisten. Ein dritter sagte mir, er nehme jetzt jüdische Arbeiter auf, weil er in seiner Fabrik nicht doppelte Feinde haben wolle. Der christliche Arbeiter haßt ihn als Juden und Fabrikanten, der. jüdische Arbeiter liebt ihn nur als Unternehmer nicht." Welche Motive zu diesem für das jüdische Leben so wichtigen Prozeß geführt haben mögen: die Eingliederung der jüdischen Massen in die Großindustrie hat begonnen! Die Gelben von Brith Trumpeldor Herr Stricker ihr Beschützer. Wenn wir den Revisionisten und ihrer Jugendsektion, dem Brith Trumpeldor, vorwerfen, daß sie Gelbe, Fascisten und Arbeiterfeinde sind, daß sie sich von den Heimwehren auch nicht um ein Jota unterscheiden, dann regen sie sich darüber sehr auf. Nun, ihre soziale Praxis in Palästina, das Verhalten der ersten Arbeitsgruppe, die sie ins Land gesandt haben, hat ihren sozialen Charakter zur Genüge enthüllt. Die unparteiische jüdische Arbeiterorganisation hat in Palästina das Monopol auf Arbeitsvermittlung und nur dank dieser Möglichakeit, den Arbeitsmarkt zu regulieren, gelingt es ihr, der Arbeiterschaft ein menschenwürdiges Lebensniveau zu garantieren. Die revisionistische Kw.uzah nun hat sich' um das Bestehen des Arbeitsamtes der jüdischen Arbeiterorganisation nicht gekümmert, sondern über dieses hinweg in Kfar. Saba Arbeit angenommena. Daß dies den Versuch darstellt, die schwer erkämpften Rechte der jüdischen Arbeiter und deren gewerkschaftliche Organisation zu zerstören, braucht gerade in diesem Augenblick in Oesterreich nicht, bewiesen werden. Daß sich die organisierten jüdischen Arbeiter die Provokation der gelben Organisationsbrecher nicht ruhig gefallen lassen, ist ebensQ selbstverständlich wie das Vorgehen der Polizei, die einige unserer Genössen verhaftete: englische und arabische Polizisten beschützten diese Herren Judenstaatler, eine gründlichere Enthüllung des wahren Charakters dieser das Andenken des Sozialisten Trumpeldor schändenden Gelben hätte gar nicht vorgenommen werden können. Die Herrschaften sollen es noch einmal wagen, uns nationale »Moral« •■ zu predigen ... Wie jede Aktion, die von Arbeiterfeiudlichkeit diktiert ist, hat auch der Angriff der Revisionisten auf die sozialpolitischen Rechte der jüdschen Arbeiterschaft den Beifall des Herrn Stricker und seines Blattes gefunden. Nun, die jüdischen Arbeiter im Lande werden mit den gelben Buben des Herrn Jabotinsky ebenso fertig werden wie die jüdische Arbeiterschaft Wiens mit Herrn Stricker fertig geworden ist; und es wird unsere Aufgabe sein, dafür zu sorgen, daß der politische Wirkungskreis dieses Arbeiterfeindes niemals mehr über.,den Bereich des Cafe »Produktenbörse« hinausgehe! - Copyright by Paul Zsolnay Verlag Berlin—Wien. Der 1. Mai. Von Schalom Asch. Der Frühling hielt seinen Einzug. Und wie jedes Jahr begann zugleich mit dem frischen Grün, mit der Baumblüte und den lauen, befreienden Lenzwinden die Saison der Revisionen, .Razzien und Verhaftungen... Ueber Warschau wurde der Belagerungszustand verhängt. Kein Mensch wußte, ob er nicht am nächsten Tage schon in Haft sein würde; die ganze Bevölkerung lebte in Erwartung düsterer Ereignisse. Patrouillen marschierten durch die Straßen, hielten die Fußgänger an und revidierten die Pässe. Am hellichten Tage gab es Razzien in den Straßen, bei denen alle Passanten festgenommen wurden, oder in den Kaffeehäusern, deren Gäste aufs Rathaus gebracht wurden. Es war bald ein wohlvertrautes Bild, daß ganze Trupps Bürger von bewaffneten Patrouiellen durch die Straßen eskortiert wurden; dabei wurde kein Unterschied zwischen Männern und Frauen Juden und Christen gemacht. Bei Nachl wagte niemand auf die Straße zu gehen; an allen Ecken standen Revier^ Inspektoren in Zivil, verkleidete Spitzeln und Polizisten hielten jeden Passanten an und führten ihn ab. Ebenso gefährlich aber war es, in der Wohnung zu schlafen; jedes verdächtige Haus wurde durch, Sturmläuten an der Torglocke geweckt, das von dein wohlbekannten Ruf »Ein Telegramm!« begleitet war. Jeder wußte, was das bedeutete. Durch die stillen, ausgestorbenen Gassen tönte immer wieder das Rasseln der Droschkenräder auf dem Steinpflaster; es zeigte an, daß die Eiowohner, die aus ihren Betten geholt worden waren, zwischen Bajonetten und geladenen Gewehren ins Gefängjnis transportiert wurden...... .. ZI _ . Ji& l.? JAliMM Bei Hurwitz war man wie in allen verdächtigen Häusern jede Nacht auf eine Revision vorbereitet.Rachel-Leje, die in diesen Dingen Erfahrung besaß, machte jeden Abend vor dem Schlafengehen »Generalreinigung«, um alles Verdächtige aus den Taschen ihres Sohnes zu entfernen. Nacht um Nacht erwartete sie den ungebetenen Besuch, doch es schien, als hätte man ihr Haus vergessen. Bei allen Bekannten hatte sich die Nachtvisite schon eingestellt, nur Rachel-Leje blieb verschont, als wollte mau ihr geradezu die Schande antun, sie ungeschoren zu lassen ... »Sie scheinen heuer uns vergessen zu haben,« sagte eines Abends der Lehrer bei Tische, »bei allen Bekannten waren sie bereits.«. »Diese Ruhe gefällt mir nicht,» entgegnete Frau Hurwitz nachdenklich. Inzwischen nahte der 1. Mai und die ganze Warschauer Polizeimannschaft wurde mobilisiert. In der Nähe der Stadt war Militär aus den umliegenden Bezirken konzentriert, und bald verbreitete sich das Gerücht, das schreckliche wolhynische Regiment, das durch seine mörderische Grausamkeit gegen die Bevölkerung berüchtigt war, habe vor kurzem doppelte Munition zugeteilt erhalten, mit dem Befehl, beim geringsten Widerstand auf die Bevölkerung zu schießen. Doch das schreckte die Demonstranten nicht ab. Still maßen die Gegner ihre Kräfte und rüsteten für den Kampf, der zu erwarten stand. Am 1. Mai war ganz Warschau vom frühen Morgen an auf der Straße.' Beide Gegner waren mit ihren Vorbereitungen zu Ende. Die breiten Straßen waren voll von Militärpatrouillen, Polizeibeamten und Schutzleuten. Berittene Kosakentruppen, das scharfgeladene Gewehr in der Hand, die »kalten Eisen* in den Brotsäcken, aus denen die roten Riemen der Revolver hervorhingen, sperrten die Straßenmündungen ab. Die Gehsteige erfüllte eine festlich gekleidete, festlich begeisterte Menge, die sich 'aus allen Volksschichten und Klassen zusammensetzte. Zwischen den dunkel gekleideten Arbeitergruppen bewegie sich ein Gemisch von intellektuellen, gut gekleideten Herren und vornehmen Damen in vollem Putz. In vielen Knopflöchern glänzten kleine rote Bändcheu. Die gut gekleideten Intellektuellen mit Pincenez und weichen Hüten trugen zumeist blutrote Nelken im Knopfloch. Da und dort hatte eine elegante, junge Dame kokett ein Büschel roter Mohnblumen angesteckt, die zwischen dem ernsten Grau der dichten, schwerfällig vorwärtsschreitenden Arbeitermenge herausfordernd aufglühten. Der Kampf spielte sich zunächst still ab, ohne Worte und ohne Ereignis. Die Polizei stand auf ihrem Posten, die Masse auf dem ihren, und keiner der beiden Teile kümmert sich um den andern. Die Straßen trugen Feiertagscharakter, Droschken und Tramwaywagen waren nicht zu sehen, als hätten sie Platz gemacht, um dem Kampf, der gar bald entbrennen sollte, Raum zu gewähren. Die Läden der Hauptstraßen waren geschlossen. Da und dort schlug ein Polizist mit der Scheide seines Säbels an die geschlossenen Ladentüren zum Zeichen, daß man öffnen möge. Die Seitengassen, die zur Marszalkowska, der traditionellen Straße für die 1.-Mai-Demonstration führten, waren von Polizei und Militärpatrouillen abgeriegelt, ebenso der Sächsische Garten; dadurch sollte «der Zustrom der Massen aus den anderen Stadtteilen zum Demonstrationsort verhindert werden. Doch wie ein mächtiger Strom, der aus seinem Bette tritt, brachen sich die Massen zur Marszalkowska freie Bahn; durch Höfe, Zäune und Winkelgäßchen, die die Polizei zu sperren vergessen hatte, drängten sie ihrem Ziel zu. So waren schon in den ersten Morgenstunden die Gehsteige der Marszalkowskagasse von einer grau gekleideten, ernst dreinblickenden Arbeitermasse über-

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