Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 8 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. Seite 2. Der jüdische Arbeiter Was. dort geleistet wurde und wird, gehört zu den Ruhmesblättern unserer Bewegung. Leider hat auch die Entfaltung dieses Büros unter derti empfindlichen Mangel an Geld zu leiden. Nach Tagen schwieriger Beratungen gingen die Vertreter aller Parteien auseinander, um in den! verschiedenen Ländern die Beschlüsse dieser Beratungen in die Tat umzusetzen. Die Mobilisierung einer gut vorbereiteten Alijah, die Kräftigung der Institutionen des arbeitenden Palästina, eine kräftige Offensive für unsere Idee in der jüdischen und nichtjüdiischen Arbeiterschaft, die finanzielle und politische Unterstützung unserer Brüderpartei in Rußland', die Erneuerung unserer Weltbewegung, in den Dienst dieser Aufgaben müssen wir uns stellen, wenn die Beschlüsse der Tagungen von London! eineTi Abschnitt neuen Aufstieges eröffnen sollen. Der Bericht der Untersuchungs- Kommission. Es muß wohl als ein fast tragischen Zufall bezeichnet werden, daß der Bericht der englischen Untersuchungskonimission nach Beendigung der Londoner Konferenzen veröffentlicht wurde; es.hätte allen Richtungen der zionistischen Bewegung und der Agency die Stellung der englischen Politiker zu unserem Werk geoffenbart und hätte den Beschlüssen des Administrative Commt'ee einen realpolitischeren ■Charakter verliehen, als er in dem in Anbetracht der gegebenen -Machtverhältnisse etwas" eigentümlich anmutenden platonischen Bekenntnis, „daß wir keine Beherrschung der Araber durch die Juden wollen" zum Ausdruck kommt. Was den Inhalt des zweihundert Seiten starken Elaborats 'anbelangt, so bestätigt es die Annahme aller Einsichtigen, daß England die arabische Bewegung als politischen Mächtfaktor hoch einschätzt und nicht gewillt ist, es sich um unsertwillen mit ihr zu verderben: wie wäre denn sonst die Feststellung;, daß der Mufti und die arabische Exekutive .nicht durch ihre Handlungen, sondern durch Unterlassung beruhigender Einflußnahme für die Augustereignisse verantwort'lüch sind, möglich? Bedauerlich ist allerdings vom jüdischen Standpunkt, daß; die Kommission unter den Hin mittelbaren Anlässen der Augustereignisse auch die revisionistische Demonstration am 15. August und Hetzartikel «des revisionistischen Doar Hajom anführen und daher von einer jüdischen Mitschuld sprechen kann. Folgende Maßnahmen schlägt die Kommission zur Befriedlung des Landes vor: Unzweideutige Erklärung der Mandararmach't über ihre Politik im Lande, Regelung der Einwanderungsfrage .und des Landerwerbs, um jede .Schädigung der, arabischen Massen zu verhindern, Einsetzung eines Ausschusses von "landwirtschaftlichen Sachverständigen', der neue Methoden für die Bodenausnützung erforschen soll und Einstellung des Bodenänkaufs bis zur ßerichterstättung des Ausschusses, Einsetzung einer Kommission, die die Rechtsansprüche an der Klagemäuer feststellen soll. , Trotzdem der Bericht einstimmig verfaßt ist, gibt das Mitglied der Labour Party seiner Ansicht Ausdruck, daß die Schuld.der mohämedanischen Exekutive ah dem Ausbruch der. Unruhen vielr größer sei, als von der- Regierung anerkannt sei, warni! vor Ueberschätzurtg der Befürchtung der Araber bezüglich ihrer ^wirtschaftlichen Zukunft und fordert eine Aussprache der jüdischen und arabischen Führer. Es verlautet, daß die Labourregierang eine solche Aussprache herbeiführen Will;5 Wozu die Anwesenheit der arabischen Delegation in London Gelegenheit bieten wird. Memorandum der Poale Zion an die Labour-Party. Das politische Bureau unseres Weltverbandes hat an die britische Arbeiterpartei ein vom 1. April datiertes und von Kaplansky unterzeichnetes Memorandum gerichtet, das eine Stellungnahme zum Bericht der Kommisson enthält. Das Memorandum erklärt, da3 zwar die Kommission einstimmig die Meinung ausgedrückt habe, es handle sich unreinen Angriff der Araber gegen die Juden, daß aber die Mehrheit der Kommission seltsamer weise nur einen Schuldigen sehe, nämlich die Juden selbst. Die Regierung wird von jedem Vorwurf freigesprochen. Obwohl die Kommission zugibt, daß der Nachrichtendienst der Regierung versagt hat, akzeptiert sie doch die Anschauung der Regierung, daß keine Verschwörung und keine vorbereitete Aktion vorliege. Nach Meinung der Kommission liegt die Hauptursache der Unruhen in der arabischen Feindseligkeit gegenüber den Juden, die ihrerseits zu erklären sei durch die jüdische Einwanderung und Kolonisation. Die Mehrheit der Kommission zieht die durch das Mandat der Regierung gegenüber dem jüdischen Volke auferlegten Verpflichtungen, überhaupt nicht in Betracht, sondern ihre einzige Sorge ist die Beseitigung arabischer Befürchtungen. Daher verfällt sie auf den einfachen Ausweg, Einschränkungen der jüdischen Immigration #nd Kolonisation vorzuschlagen, wodurch der Hauptbestandteil des Mandates ein toter Buchstabe würde. Die Untersuchung der Probleme der Einwanderung und Ansiediung lag gar nicht im Aufgabenkreis der Kommission; es handelt sich hier um einen Versuch der Arabischen Exekutive, die Kommission von ihrer Aufgabe abzulenken. Die Kommission hat über diese Frage mir die einseitige Darstellung der ara-' bischen Zeugen gehört. Trotzdem hält sie sich für befugt, über so schwierige und ziun#Teil technisch-landwirtschaftliche Fragen ein Urteil abzugeben. Wenn die Krise von 1926/27 als eine der Ursachen der-Unzufriedenheit bezeichnet wird, so sei darauf hinzuweisen, daß der einzige Beitrag der Regierung zur Lösung der Arbeitslosigkeit in einer Beschäftigung jüdischer Arbeiter bei öffentlichen Arbeiten bestand, die weit unter dem Maße dessen lag, Was die Juden kraft ihrer Zahl zu beanspruchen berechtigt gewesen wären. Die Juden sind 20 Prozent der Bevölkerung, sie zahlen 40 Prozent aller Steuern und bilden 50 Prozent der Arbeiterschaft. Der Ausschluß jüdischer Arbeiter von Regierungsarbeiten bis zum Jahre 1927 war daher eine schwere Ungerechtigkeit geg«n die Juden, die durch die späteren Maßnahmen nur teilweise gutgemacht wurde. Das Memorandum wendet sich sodann unter Hinweis auf die Vorbehalte von Mr. Snell, mit aller Schärfe gegen die von der Mehrheit der Kommission aufgestellte Behauptung, die Auswahl der Arbeitereinwanderer geschehe nach politischen Gesichtspunkten. Der Vorwurf der Kommission, daß die Juden ein landloses Proletariat schaffen, sei unbegründet, denn von 700 entsetzten Pächtern sind 90 bis 95 Prozent in den benachbarten Dörfern wieder als Bauern absorbiert worden. Von den 4 1 Millionen Dunam bebaubareri Bodens in Westpalästina wird nur die Hälfte dauernd von Fellachen bearbeitet, während fünf Millionen Dunam brach liegen oder überhaupt unkultiviert sind. 1 Million Dunam ist in jüdischem Eigentum. Der Upbergang von der primitiven Arbeitsmethode des arabischen Bauern zu modernen landwirtschaftlichen Methoden wird eine dichtere und wohlhabendere Bevölkerung möglich machen. In der Küstenebene von 3l/2 Millionen Dunam, von denen 2J/2 Millionen bewasserbar sind, und die eine der besten Fruchtböden in der Welt darstellt, leben jetzt 20.000 arabische Familien von unprofitablem Körnerbau. Nach sachverständiger Beurteilung ist in der Ebene Scharon Platz für mindestens 30.000 neue Siedlerfamilien, wobei die gegenwärtigen Bewohner noch zu einem höheren Lebensstandart kommen. Aehnlich steht es im Jordantal und in Hule. Die Palästina-Regierung wird für viele Jahre hinaus die Umformung der landwirtschaftlichen Methoden, die viel Kapital erfordert^ nicht durchführen können. Die jüdische Einwanderung und Kolonisation aber wird »auch, dem arabischen Landwirt die für die Modernisierung der palästinensischen Landwirtschaft notwendigen Methoden uncl das ei -forderliche Kapital bringen. Das Memorandum spricht zum,Schluß die Erwartung aus, daß die Labour-Regierung den Vorschlägen der Kommission auf Beschränkung der jüdischen Einwanderung und Kolonisation keine Folge geben wird und betont die Genugtuung darüber, daß gerade der Vertreter der Labour Party Mr. Snell sich so unzweideutig von der Stellung der Kommission distanziert hat. Die Arbeitsnot der jüdischen Arbeiter in Deutschland. '< (Von unserem Korrespondenten —ko.) ' Der Kampf um den Arbeitsplatz, das zentrale Problem des jüdischen wirtschaftlichen Lebens in Osteuropa ist nunmehr auch in Deutschland aktuell geworden/Eine stille aber tiefe Revolution geht jetzt in der Struktur des deutschen Judentunis vor sich, e,ine Revolution,. die die Folge der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung und der eigenartigen jüdischen Wirtschaftsstruktiir ist- Während die Unternehmer, teilweise auch die Bauern!und die Industriearbeiter, die furchtbaren Polgen1 der Inflation überwunden haben lind ihren1 Lebensstandard aufs Vorkriegsniveau -gebracht haben, wird ,clie Lage des Mittelstandes immer aussichtsloser. Die Rationalisierung, die Konzentratiorisbewegiing jn der Industrie, im Handel und Bankwesen, das Entstehen der „Kaufhäuser", bewirken den .Untergang der kleinbetrieblichen Wirtschaftsformen und mittelständ^chen Existenzen. Die deutschen Juden nun gehören in ihrer überwiegenden Mehrheit zum Mittelstand1, sie sind Händler, Handwerker, Angehörige der liberalen Berufe, die aus ihren ökonomischen Positionen herausgestbßen wurden. Diese Menschen stehen vor der Notwendigkeit, „umzuschichten", Angestellte oder Industriearbeiter zu werden. Diese Umschichtung stößt auf große Schwierigkeiten. Vor allem eine allgemeine: Menschen, die das 35 Lebensjahr überschritten haben, erhalten in Deutschland außerordentlich schwer Stellungen, sie gelten als zu „alt", man zieht, jüngere vor, weil man diesen geringere Löhne zahlen kann. Daziu kommt inoch für die Juden die antisemitische' Boykott- .bewegulng. Nicht nur die riichfjudischen, auch die jüdischen- Unternehmungen nehmen keine Juden als Angestellte und Arbeiter auf. Alle jüdischen Firmen haben nichtjüdische Personalchefs, frühere Offiziere, die Juden einfach nicht anstellen. Die Chefs selbst billigen stillschweigend diese Personalpolitik, sie reden sich oft ajus, daß, die jüdischen Angestellten! revolutionär, nicht ordentlich und durch ihr Benehmen auffallend sind', lauter faule Ausreden natürlich! Der wahre Grund ist, daß man als reini deutsche Firma gelten will und den antisemitischen Käufer nicht von jüdischen Verkäufern bedienen lassen will. Und wenn sich jüdische Unternehmer derart verhalten, um wieviel mehr nichtjüdische! Besser sind die Aussichten der Jügerid. Die Nachfrage nach Lehr jungen und Lehrmädchen ist jetzt stärker als das Angebot, weil sich nunmehr die geringeren Geburtszahlen während des Krieges geltend machen. Doch ist diese Situation zeitlich'begrenzt, denn es werden ja wieder die normalen Jahre mit den normalen Geburtsziffern zur Auswirkung am Arbeitsmarkt«kommen. Und dann wird auch der jüdische Jugendliche das Los des jüdischen Arbeitslosen zu ertragen haben. - Die jüdische Gemeinde in Berlin, die ein Drittel ihres 10-Millionen-Budgets sozialen Hilfszwecken widmet, hat eine jüdische" Arbeitsvermittlung vergemeindet, die von jüdischen sozialpolitischen Organisationen geschaffen wurde. In den letzten 4 Jahren wurde 20.000 Menschen Arbeit verschafft. Es ist ihr auch durch Berufsberatung gelungen, eine gewisse Umschichtung der Jugend durchzuführen. So wurden bloß 36 Prozent der Jugendlichen, deren Eltern: in Händlerberufen stehen, in ebendieselben Berufe übergeführt; der Rest ist zum Handwerk oder zur Landwirtschaft übergegangen. Ueber die von der wirklich rührigen jüdischen Gemeinde in Berlin einberufenen Enquete wurde irrt „jüdischen Arbeiter" berichtet; leider war auch sie nichtManach angetan, um Hoffnungen auf Besserung der Lage des jüdischen Proletariats in Deutschland zu erwecken. Der Sturm der jüdischen Arbeiter aüf die Warschauer Gemeindeverwaltung. Zum ersten Male in der Geschichte des Kampfes der jüdischen: Arbeiterschaft in Polen um das Recht auf Arbeit hat dieser Kampf die Form' einer organisierten Massenbewegung angenommen. Die jüdischen Gewerkschaften in Warschau haben im größten jüdischen Theatersaal ein Meeting einberufen, es kamen aber so viele Teilnehmer, daß eine Parallelversammlung veranstaltet'werden mußfe. Die Massen füllten die Straßen, die Polizei trieb sie auseinander., In der folgenden Woche fand in den Gewerkschaftslokalen ein Versammlungssturm statt, der wieder mit einem Massenmeeting abgeschlossen wurde. In derselben Zeit fanden Sitzungen im Warschauer Gemeinderat statt, in welchen die Jüdischen Arbeitervertreter gegen die antisemitische Politik der Verwaltung Sturm, liefen und' mit Mitteln der Obstruktion die 'Abstimmung* über das Budget verhinderten. Die Galerie war von jüdischen Arbeitern besetzt, die am Kampfe teilnahmen und die die reaktionären nationaldemokratischen Gemeinderäte mit Vorwürfen überschütteten. Die Ursache dieses Kampfes ist die Tatsache, daß'die jüdischen Arbeiter von der Warschauer Gemeirideverwaltiingi boykottiert werden- Die Zahl der jüdischen Arbeiter in Polen beträgt 225.000 (ohne Familie), dies sind 18 Prozent der gesamten'jüdischen Bevölkerung. Die.Ursache der furchtbaren Lage des jüdischen Proletariats ist der Boykott, de\i die Schwerindustrie und die Staatswirtschaft über die jüdischen Arbeiter verhängt hat. Die Staatswirtschaf t«u mfaßt den. Großteil der .großbetrieblichen Industrie. Das Elektrizitätswesen ist in der Hand der Gemeinden, die Bahnen sind verstaatlicht, die Gasversorgung besorgen die Städte, der Tabak-, Zündholz-, Getreidehandel, das Telephon- und Telegraphenwesen, das alles ist monopolisiert! Und für jüdische Arbeiter gibt es in allen' diesen Wirtschaftszweigen keinen Zutritt! Die Warschauer Gemeinde zum Beispiel beschäftigt 23.000 Arbeiter und unter ihnen kaum: 50 jüdische Arbeiter, "im letzten Jahre wurden 5000 neue Arbeiter aufgenommen, unter ihnen nicht ein Jude.. Von den bei der Straßenbahn aufgenommenen 615 Arbeitern sind bloß 2 Juden. Im Jahre 1929 wurden 1500 neue Arbeiter aufgenommen/darunter 4 Juden, •und diese bloß deshalb, weil das jüdische Arbeitsbüro um ihre Arbeitsplätze geradezu einen Kampf geführt hat. In das städtische Reinigungswesen, das 548 neue Arbeiter angestellt hat, wurden nach' langwierigem Kampfe des Büros für „Recht auf Arbeit" einige jüdische Arbeiter aufgenommen. Um die Anstellung von jüdischen Heizern wurde ein vergeblicher Kampf geführt. Aber nicht nur daß jüdische Arbeiter rtcht angestellt werden, man stößt sie von: ihren Arbeitsplätzen heraus; zum Beispiel aus der Zünd'holz- und Tabakindustrie. Früher waren diese Industrien im Privatbesitz und haben Juden beschäftigt; jetzt sind sie in .staatlichen Besitz übergegangen - die Juden werden herausgeworfen. Alte jüdische Tabakarbeiter in Grodno, die dank dieser Regierungspolitik brotlos geworden sind, haben bereits .Selbsttmord begangen ... " - Der Kampf der jüdischen Arbeiter um das Recht auf Arbeit hat bereits vor Jahren begonnen, als die jüdischen Weber in Bialystok um Arbeitsmöglichkeiten ,iu Fabriken kämpften; vor vier Jahren hat die jüdische Gewerkschaftszentrale den Kongreß einberufen, 'der sich mit „dem Recht auf Arbeit'* zu befassen hafte. Der Kampf wird in drei Richtungen geführt: gegen die Gemeindeverwaltungen, die polnischen Arbeiter werden aufgeklärt und die jüdischen Arbeiter zum Kämpf um ihr Recht aufgerufen. Die Aufklärungsarbeit unter dem polnischen Proletariat hat bereits Erfolge gezeitigt: die Konferenz der Mpolnischen Gewerkschaften hat eine Resolution für die Gleichbe-