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Der Jüdische Arbeiter · 1930-04-11 · Heft 8 (11.4.1930) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 8 (11.4.1930)
Date
1930-04-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V* b. b. wrgiut»M*i Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden leiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumäuerfla8se 1/III ™ Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig S 1.20, halbjährig S 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nn-8. Wien, 11. April 1930. 7. Jahrgang. Zeitnotizen. D e r s o z i a I e G e h a 11 d e s P e s s a c h f e s t e s. ■— Stricker und Seipel. — Shitlovsky 65 Jahre alt. Wege zur Verstän- ' digung. , Wenn in diesen 'lagen der traditionsgebundene, an der' religiösen Kulturform haftende Teil-'des jü dischen Volkes auf seine Weise das Pessachfest begehen wird, empfinden auch" wir, deren Bekenntnis zum Judentum eine weltliche Konfession ist, das Bedürfnis, festzustellen, daß 'der geschichtlich-nationale Gehalt dieses Festes auch zu uns spricht. Allerdings ist es ein anderer Teil der Tradition, an den wir anknüpfen: die Befreiung von Mizraim ist uns nicht das Werk einer jenseitigen Gewalt, sondern des Freiheitswillens der zum- Volke werdenden Juden. Dar über hinaus sehen wir in dem historischen! Geschehen, das dem Pessachfest zu Grunde liegt,- nicht nur den nationalen, sondern auch den sozialen Befreiungskampf, den Kampf des ausgebeuteten Sklaventums gegen die pharaonische Autokratie: ein Klassenkampf im echtesten Sinne des Wortes war diese zweite Emigration unseres Volkes, dessen Geschichte eine Geschichteseiner Wanderungen ist. So erkennen wir jüdische Sozialdemokraten, daß' wir, wenn wir'den sozialen Gehalt der; modernen jüdischen Freiheitsbewegungim. mer wieder äußeren/ und ■ittrröreri:'Gegnern §egenfiber b'eltÖ'HelY, wir damit nicht bloß geistige Erbe unserer Führer BoroChov und Syrkin bewahren, sondern an■ tite ältesten- Traditionen unseres Volkes anknüpfen.. Vergessen wir aber nicht, daß diese Aufgabe verpflichtet. Jahre hindurch ist der Wiener Zionismus unter der Diktatur eines national-chauvinistischen, bourgeoisen und sozialismusfeindlichen ' Klüngels; gestanden, dem es gelungen ist, zwischen Zionismus und Sozialismus eine tiefe Kluft zu schaffen; ebenso wie Seipel durch seinen Antimarxismus der katholischen Kirche nie wieder gut zu machenden Schaden zugefügt hat, ebenso hat Stricker durch" seine Hetze gegen alles, was in Oesterreich sozialdemokratisch ist, einen Keil zwischen Judentum und jüdischer Jugend getrieben, die jüdische Abfallbewegung verschuldet. Jahrelanger Arbeit hat es bedurft, im auf dem schweren Boden Wiens sozialistische Jugend dem Zionismus näher zu bringen. Wie unser Blatt bereits berichtet hat, $eht Herr Stricken daran, den Wiener bürgerlichen.Zionismus zu erobern. Wir können dies nicht verhindern: nur durch Ausbau unserer Organisationen, durch Stärkung der poalezionistischen Bewegung in Wien ist es möglich, die furchtbaren, Folgen eines Sieges der den Zionismus verfälschenden und mißbrauchenden „Radikalen" gut zu machen. . * Am 25. April wird C h a i m S h i 11 o v s ky (35. Jahre alt; die jüdisch-wissenschaftliche Welt hat sich bereits mit eniem Sammelwerk als. einer Gabe für den Jubilareingestellt, aber auch' über diesen Kreis der Gelehrten hinaus wird Shitlovsky von; der gesamten ostjüdischen Oeffentlichkeit gefeiert werden. Um Shitlovskys Bedeutung: würdigen zu können, miß man von einer für ciie Entwicklung des Ostjudentums außerordentlich bedeutungsvollen Tatsache uisgehen: der Kluft, die zwischen den breiten1 jüdischen Volksmassen und der zum großen Teile» assinilierten Intelligenz bestand. Man ist im Westen sehr geneigt, diese Tatsache zu unterschätzen: mau vergißt i\ku leicht, daß Borochov und der getaufte Generals- ■ohn JVledem, der große Führer des „Bund'', den üdischen Massen und der jiddischen Sprache fremd waren, daß sie den Weg zum lebendigen Judentum erst 4'ehen mußten- Die beiden großen Führer der jü'dichen Arbeiterbewegung haben allein Anschluß an die üdische Massenkultur gefunden; für Tausende wurde Shitlovsky Erwecker und Führer- Er hat unsdie Bedeutung der jüdischen, Sprache als eines Werkugs des geistigen Aufstieges des jüdischen Proletariates verstehen gelehrt, er hat uns die Einsicht gegeben, daß das jüdische Volk ein Volk, von Gnaden Ii es er Sprache ist, er hat unserem Leben die Riehuug zur jüdischen A^assenkultur gegeben, der zu lienen uns nicht Pflicht, sondern Lebenssinn isthitlovsky hat sich nicht begnügt, immer wieder für die jüdische Sprache" Kultlirpropaganda zu treiben, er hat. die«jüdische Literatur durch Uebersetzung fremder Dichtungen außerordentlich bereichert und sich durch seine .injüdischer Sprache geschriebenen philosophischen und. soziologischen:'Abhandlungen um die Entstehung einer jiddischen Wissenschaftssprache verdient ''gemacht. .Man glaube ja nicht, daß; .durah die wundervolle. Entwicklung! der hebräischen Kultur in Palästina die Bedeutung'der jiddischen Kulturarbeit Shitlovskys geringer geworden ist: die jiddische Kultur ist heute, immer -noch die lebendige Kultur der überwiegenden Mehrheit des .jüdischen Volkes, sie ist sein .Daseinsgrund, das haben realistische Hebraisten wie Hugo Bergmann und der unvergeßliche 0 Ghaim Brenner erkannt. Wer sein Treben der jiddischen Kulturarbeit gewidmet hat, der hat sich um die Erhältung des Judentums, um die Entwicklung den weltlichen jüdischen Kultur'verdient .gemacht; Shitlovsky ist der Erwecker der jiddischen; Kulturbewegung, und dafür danken ..auch wir' Poale-Zionisten, denen er vor seiner, Abkehr zum Territorialisrnus politisch nahe stand, ihm am heutigen Tage! v t Dreimal wurde inden! letzten, Wochen in der Oeffentlichkeit das Problem;.der Verständigung diskutiert. Albert Einstein hat in einem Brief an, das Blatt der arabischen Exekutive vorgeschlagen, gewählte Vertreter der beiden Völker mögen1 zur Beratung, zusammentreten;;mtd£ gemeinsam, einen. Weg?ztir" ffied llcHeifVO^ bens suchen. Wenn die Art, wie der Falastht auf diesen Brief reagiert hat, gezeigt hat, däßj die Verblendung der arabischen Politiker durchaus nicht d en Grad angenommen hat, wie es manche zionistische Politiker uns weismachen wollen,..so gibt, es nunmehr auch ein untrügerisChes Zeugnis "der arabischen Verstäudigungsbereitschäft; als ein solches muß:'der jüngst imvF a I a s t i n publizierte Plan' einer Konstituante, deren Kompetenz durch verfassungsmäßig festgelegte Prinzipien und ein Vetorecht --- offenbar der Regierung - begrenzt sein soll, bezeichnet werden. Leider haben beide so bedeutsame politische Enunziationen bei den Politikern in beiden* Lagern keinen Widerhall gefunden. Man wird den Eindruck nicht los, als ob diese zwar verständigungsbereit wären, aber die öffentliche Meinung fürchten würden. So bleibt denn nichts übrig, als zu hoffen, daß es der Autorität der englischen Regierung gelingen möge, die Vertreter bei-;der Völker zum Verhandlungstisch zu bringen, wie £s Snrell, der Delegierte der britischen Arbeiterpartei, in der Untersuchungsk'ommission in seinem persönlichen Gutachten fordert. Die Beratungen in London. Tagung des zionistischen Aktionskomitees. Tagung des Administrativ k o m i tee s der j e-w-is h - A g, c n zy. — Vo I lsitzii ng des W,eltverbandes Poale Zion. Die Tage des März 1930 waren int. zionistischen London sehr bewegt. In der' Umgebung der Grand Russell Street (Witzbolde behaupten1, wenn ein Fremder in London nach dem Britischen Museum fragt, antwortet man ihm zwecks leichter Orientierung: es ist gegenüber dem Zionistischen Büro in der Grand Russell Street ..... So populär war diese relativ ruhige Winkel. Londons in den Tagen des März 1930 . . tagten nahezu unzählige Beratungen. Wir wollen "uns liier auf die drei wichtigsten, Tagungen beschränken. * Die Sitzung des Zionistischen A.-K. stand wohl unter dem Eindrucke der Augustereignisse, aber es war keine Stimmung der. Depression oder Skeptis. Die Vertreter aller Richtungen waren vom Gefühl, der großen Verantwortung, die die' Ereignisse ihnen auferlegen, beseelt. Die Kritjk der Opposition war, bis auf eine unrühmliche Ausnahme, auf die wir noch' zurückkommen werden, eilte sachliche, sie war erfüllt von der Bemühung, der schwierigen Situation der Leitung Rechnung zu tragen und durch' positive Vorschläge ihren Standpunkt zu präzisieren. Die Sitzung' war vertraulich, es darf |Uso über Einzelheiten nicht Berichtet werden- Es soll nur festgestellt werden; daß. die Sitzung des Aktionskomitees eine Klärung in dem Sinne herbeigeführt hat, daß das Schwergewicht der künftigen' Tätigkeit der zionistischen Leitung in einer intensiven Fortsetzung des Aufbauwerkes und einer aktiven politischen Betätigung in Palästina liegt. Hierin darf ein voller Erfolg der Einstellung der jüdischen Arbeiterschaft erblickt werden. Seit Jahr und Tag war die jüdische Arbeiter- •. schaff bemüht, diese zwei Gebiete in den Mittelpunkt der zionistischen Tätigkeit zu setzen, , Die blutigen Ereignisse haben - allen offenbart, daß hier der Hebel angesetzt werden muß;. Allerdings trat bei diesen Beratungen zum erstem 'Male die völlige Abhängigkeit der Verwirklichung dieser Forderungen von den Beschlüssen der erweiterten „Jewish Agency" zutage, deren Administrafiv- Komitee anschließend an die Sitzung des Aktions- 'komitees getagt hat. Die Tatsache aber, daß) die zionistische1 Leitung mit einhelligen Beschlüssen zur Sitzung des Administrativ-'Komitees ging, gestaltete Ä Aussichten . auf einen Erfolg« von vontherein günstig iu:nd stärkte das Selbstbewußtsein der .'Zio-' nisten. . Die einzige tuinrüh'mliche Ausnahme unter den Rednern der Opposition bildete -- Robert Stricker. Er hielt es'für richtig, im Momente! größter Verantwortung für das zionistische Werk unerhörte vehemente persönliche Angriffe, gegen Weizrnairn zw richten. Er <wurde auch von., altert .«Gruppen1mit:.'d:er, .gebührenden Verachtung', behandelt.-Es ist hur -^bedauerlich, daß man in ihm den Vertreten der österreichischen Zionisten sieht. . * Die. Tagung des Administrativ-Komitees hat eine äußerst angenehme Ueberraschung gebracht. Zionistische Journalisten wollten wissen, daßi auf dieser Tagung ein persönlicher Kampf zwischen den Führern der Zionisten und der Nichtzionisten entbrennen wird. Das war glücklicherweise nicht der Fall. Auch die-' Tagung des Administrativ-Komitees nahm einen sachlichen Verlauf. Es gelang sogar ein -völliges Einver-: nehmen zwischen Zionisten und .Nichtzionisten' itf allen'wichtigen Fragen zu erzielen. Jetzt soll1 daran-' gegangen werden, in der nächsten Zeit 1000 Familien mit einem Kostenaufwand von 350.000 Pfund ' in Palästina landwirtschaftlich anzusiedeln. Der Wille zu einem aufrichtigen und ehrlichen Frieden' mit dem arabischen Volke wurde bekräftigt. In1 Palästina darf es „keine Beherrschung! der Juden durch die. Araber, oder der Araber durch' die .Juden" geben. Die Vollsitzung unseres Verbandsbüros trug diesmal ebenfalls vertrau liehen Charakter. Die Vertraulichkeit war durch die zu erörternden' Fragen, die noch einige Zeit nur intern behandelt werden können, bedingt. An der Sitzung nahmen folgende Genossen teil: Friedmann, Harzfeld, Hos, Idelsohn, Kaplansky, Kazenelson, Locker, Neustadt, Reiß, Remes, Singer und' Sokäl. s Die Sitzung hörte einen Bericht über, die Sozialistische Arbeiter-internationale an und beschloß- Richtlinien für die Tätigkeit unseres Vertreters in der Exekutive der S. A. I. Es wurden die Kompetenzen des Büros in Warschau und in Palästina genau bestimmt, um allen . zutage getretenen Mißverständnissen auf diesem. Gebiete ein Ende zu bereiten. Die meiste Zeit nahm die Erörterung den Frage der Vereinigung mit der „Hitachduth" in den Golusländern in Anspruch'. Nach einer eingehenden sachlichen Aussprache wurde ein völliges Einvernehmen bezüglich der Grundsätze für eine Vereinigung 'erzielt. Ein Vertreter unserer Partei in Rußland berichtete über den furchtbaren Kampf, den' unsere Genossen dort führen. Hunderte mußten in den Arrest und in die Verschickung wandern. Trotz aller! rücksichtslosen Verfolgungen setzen unsere Genossen den Kampf fort. Der Berichtersttatter führte darüber Klage, daß den Genossen in Rußland in völlig) ungenügendem Umfange die Unterstützung der Parteien des Welt Verbandes zuteil wird." •: Ungeteilte Zustimmung rief der Bericht über die Tätigkeit;des politischen Büros in London hervor-

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