Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 7 (28.3.1930)
- Date
- 1930-03-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Der jüdische Arbeite? aller. Welt vorhandene Scheidung zwischen' Land- und Stadtproletariat. Jedoch empfanden noch die meisten Arbeiter ihr Verweilen in der Stadt -als zeitweilig, als Uebergangsperiode zur Ansiedlung. Erst mit der vierten Aiijah kommen zum erstenmal Arbeiter ins Land, die von vorneherein die Absicht haben, ständig in der Stadt zu verbleiben. Die Gegensätze zwischen Stadt- und Landproletariat werden verstärkt. Aber auch innerhalb der Arbeiterschaft auf dem Lande muß. man heute einige Gruppen unterscheiden. Die landwirtschaftlichen Lohnarbeiter zerfallen in zwei Teile, solche, die ein individuelles Leben führen und solche, die in Kommunen leben. Der Boclecl und der Chawer einer Kwuzah, die, wenn sie selbst aus einem Städtchen stammen, und sogar in einer •Orangenplantage nebeneinander arbeiten, sind nicht bloß Vertreter zweier verschiedueen Lebeusansichteu; .die .gründverschiedene Lebensweise beider hat sie auch seelisch umgeformt, siegehören zwei verschiedenen Schichten der Arbeiterklasse an. Der gleichen Chaluzorgarüsation entstammen aber auch die Siedler beider Typen, bei denen 'der Unterschied sofort in die Augen sticht, der Chawer einer Kwuzahsiedlung. und der Pächter des nationalen Bodens in einer Arbeitersiedlung (Moschew-Öwdim). Die ökonomische Lage und. ihre Entwicklung führt den Letzteren immer weiter von" der organisierten klassenbewußten Arbeiterschaft weg. Der „Moschawnik" hat seine eigene Wirtschaft und das Streben, sie zu vergrößern, er ist Besitzer mit seinem eigenen privatwirtschaftlichen Sorgen. Er wird Bauer. Inwieweit das Prinzip der Selbstarbeit ■in dieser Siedlungsfgrm noch erhalten bleiben wird, wie lange die gegenseitige Hilfe den Genossen einer Dorfgemeinschaft ausreichenwird, also wie lange ohne Lohnarbeit und Profit auszukommen sein wird, ist noch Frage der Zukunft. Eine Zwischenstufe vom reinen Lohnarbeiter ziivn Siedler bilden! die Arbeiter mit eigenem Häuschen und Hilfswirtschaften. Sie befinden sich noelriih Anfangsstadium und bilden den Ausgangspunkt für eine weitere soziale Differenzierung in" der Zukunft. Nicht minder groß sinti1 "die Unterschiede innerhalb des Städtproletariats. Fächarbeiter und .ungelernte Hilfsarbeiter, solche mit ständigen Arbeitsplätzen und solche, die jedesmal um neue Arbeit sich umschauen müssen. Festes gesichertes öder gar hohes1 Einkommen ermöglichen dem Facharbeiter ein behagliches Leben, etwas Komfort usw., ..unsicherer, niedriger Verdienst '.zwingt'dem Schwarzarbeiter, sich mit einem tiefgeschraubten Existenzminimum zu begnügen. Verschiedenartige Lebensweisen drücken sich auch in verschiedener Mentalität, Gesinnung aus. Es bilden sich Schichten innerhalb des Arbeiterstandes in Palästina, deren höchste von ihm ausgestoßen'„werden, -oder von selbst ihn verlassen. Die Beamten etwa, die noch vor wenigen; Jahren Chäluzim waren und heute höhere Sprossen; der sozialen Stufenleiter erklommen haben, verließen die Reihen der Arbeiterschaft. Diesen Weg1' werden' wahrscheinlich freiwillig oder gezwungen auch1 Genossen einiger Kooperativen, die eine eigenartige Entwicklung hinter sich haben', gehen. Um dem Zwischenverdienst der Unternehmer zu .ersparen, schlössen sich Arbeiter mit Hilfe der Gewerkschaftsorganisation, zu Kooperativen zusammen, „städtische Kwuzöth." genannt, die auf eigene Rechnung Arbeiten übernehmen- :und auf diese Weise bessere Löhne für ihre Mitglieder herauszuschlagen vermochten. Bei größeren Aufträgen wurde ihnen von der Arbeiterorganisation fallweise erlaubt, auch Nichtmitglieder zur Aushilfe aufzunehmen, -jedoch mußte ihnen dann der gleiche Lohnanteil wie an die Mitglieder ausbezahlt werden. Dieser Umstand' wurde zum Kern für einen Uebelstand. Im Laufe der Zeit schrumpften diese Kooperativen zu Zwerggenossenschäften von 3—5 Mitgliedern zusammen, die selbstverständlich ohne fremde Hilfe keine Aufträge durchführen können, also genötigt sind, stän'dig Arbeiter zu beschäftigen1, ohne diese auch in die Lohngemein- 'schaff aufnehmen: zu wollen. Heute sind; diese „Genossenschaftler" zwar noch Arbeiter, zugleich aber auch Arbeitgeber, die wahrscheinlich auch' Profite einstecken, denn es entzieht sich selbstverständlich jeder Kontrolle, ob sie den „Aushilfsarbeitern" den gebührenden'Lohnanteil ohne Abzüge auszahlen. Es widersprichtauch dem Gedanken einer Kooperativgenossenschaft, ständig Lohnarbeiter zu halten. Der'Arbeiterorganisation fällt hier eine schwere Aufgabe zu, entweder die Genossenschaften zu beeinflussen, neue Mitglieder aufzunehmen, was nicht bei allen gelingen wird, o'der sie. auszustoßen. Der Differenzierungsprozeß ist wie der Unifizier rungsprozeßi nicht zu Ende, er schreitet fort und wird neue.Schichten innerhalb der Arbeiterklasse schaffen, so lange die heutige Wirtschäftsordining im Lande herrschen wird. Die Wahrheit über das Leben der Juden in Rumänien.* Von Chäim W e i n reich. Aerger als der physische Pogrom, welcher nur •-von Zeit zu Zeit ausbricht, ist der konstante geistige, ökonomische, kulturelle und rechtliche Pogrom, der in Rumänien gegen die jüdische Bevölkerung veran-, staltet wird. Der stille gesellschaftliche Antisemitismus •ist schädlicher als 'die Taten 'des antisemitisehen Pöbels. Der praktische Antisemitismus ist eine größere Gefjahr für die Existenz der jüdischen Bevölkerung, als der offizielle Regieruugsantiserriitismus. Vor dem Kriege war das damals kleine Rumänien der Spielball der Großmächte. Die Zahl der Jude'ri war sehr klein, unmittelbar vor dem Kriege betrug sie 300.000 fieelen. Den Verhältnissen des-Landes "entsprechend, war das Judentum in Rumänien kulturell recht rückständig; trotz aller Verfolgungen waren die rumänischen Juden assimiliert und geistig arm. Ein ganz anderes Bild bietet das rumänische! Judentum der Gegenwart. Rumänien hat im Weltkrieg großen „Kriegs'gewinii" gemacht: sein'Staatsgebiet und seine Bevölkerung hat sich verdoppelt, Rumänien hat heute 7 Millionen Einwohner. Alle seine nationalen Träume sind verwirklicht, es lmt nicht nur mit Rumänen besiedelte Territorien' erworben, sondern auch Gebiete, deren Bevölkerungsmehrheit nicht rumänisch ist. Vier Millionen Nicjitrumänen sind jetzt rumänische Staatsaugehörige; die nationalen Minoritäten, Deutsche, Ungarn, Juden, Russen 'und andere bilden ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Die neuerwörbenen Gebiete stehen auf einer höheren Kulturstufe als die Provinzen Altrumäniens: statt sich nun zu bemühen, das Stammland kulturell höher zu bringen, ^vird der Versuch unternommen, die nationalen "Minderheiten zu zwingen, sich' an das kulturell auf einer niedrigeren Stufe stehende Altrumänien zu assimilieren. Am tragischesten ist aber das Schicksal der jüdischen Minderheit. In Rumänien befinden sich' heute 1 Million Juden. Diese Million Juden ist außerordentlich stark'differenziert. Die jüdische Siedlung in Rumänien steht heute nur der in Polen und Rußland nach. Die Juden der1 verschiedenen Provinzen haben in den verschiedenen Staaten, deren Bürger sie einst waren, eine besondere" historische Entwicklung durchgemacht. Die bessarabischen Juden sind ein mechanisch abgetrennter Teil des lebendigen Organismus, wie ihn das russische Judentum einst dargestellt hat. Die Juden in Bukowina stellen eine national-bewußte, hochstehende öemeinschaft dar. Zusammen mit den Juden in Siebenbürgen besaßen die bukowinaer Juden in Oesterreich-Ungarn vollkommene Rechtsgleichheit, und waren politisch reif. Sie hatten die höchsten .Staatsämter inne und waren in hohem Maße in den öffentlichen Körperschaften und Regieriingsinst-itutionerr vertreten.. Und auf einmal über die Nacht haben diese Juden gefühlt, daß sie sich jn einem •neuen Vaterland befinden. * Die altrumänischen Herrscher haben geglaubt, die Judenfrage mit den alten Mitteln lösen zu können: mit den Mitteln der Rechtlosigkeit, des Pogroms, der Vernichtung:. Die rumänischen Machthaber haben ganz vergessen, daß siel es nicht mehr mit einer unbedeutenden Zahl von Juden, sondern! mit einer eine Million Seelen zählenden, national-bewußten jüdischen Gemeinschaft zu tun haben. Es ist daher selbstverständlich, däß jeder Angriff der Regierung auf einen; hartnäckigen Widerstandder Judeni stößt. Auf Grund des in St. Germain' unterzeichneten Vertrages erhielten .aJle im Jahre 1920 in Rumänien wohnhaften Juden däs rumänische Stdatsb'ürgerrecht. Später Wirde ein Gesetz beschlossen, wonach' nur derjenige Staatsbürger' werden , kann, der in- Bessarabien ihn Jahre 1918, in Siebenbürgen im Jahre 1914 und in Bukowina im Jahre 1908 gewohnt hat. Es sind auch •die 'Verschiedensten Dokumente beizubringen und im übrigen ist das Gesetz so vieldeutig, däß! der- Jude einer "korrumpierten und demoralisierten Bürokratie auf Gnade nrid. Ungnade ausgeliefert ist. Was es im Rumän ien bedeutet, ein N i c h t b ü r g, e r zu sein, möge man aus folgenden Beispielen ersehen: Ein solcher, kann 'kein Geschäft und keine Werkstatt auf eigene .Regie führen, er ist in seiner Bewegungsfreiheit beschränkt. «Er 'erhält keinen Paß', um ins Ausland fahren zu können. Wenn er auswandert, verliert er das Recht, zurückzukommen'. Ausweisung und Enteignung droht ihm fortwährend. Er hat zwar keine Rechte, aber alle Pflichten des' Staatsbürgers. .Er ist militärpflichtig, steuerpflichtig und gehorsamspflichtig, hat sich aber bei niemandem zu beklagen — im Gegensatz zum Ausländer, der; bei seiner Vertretung Schutz findet. Die jetzige Regierungspartei, 4die Nationalzaranisten, hat — solange sie in der Oppositloustand — gegen das Bürgerschäftsgesetz Stellung genommen und es sehr bekämpft. Wiederholt versprachen die Zaranisten, nach Uebernah'me der Staatsgewalt würden sie es für ungültig erklären,.,und' das Bürgerproblem iim Sinne rdes St. Germainer Vertrages lösen. Das Bürgerschäftsgesetz der Liberalen war eine Waffe gegen)'die Opposition; so oft sich Bratianu eines Politikers entledigen wollte, ließ er ihn zum Nichtbürger erklä ren. Man hat daher gehofft, daß nach; dem Sieg der Natinoalzaranisteu die jüdische Bevölkerung von diesem schikanösen Gesetz befreit werden wird. Es zeigte sich, daß auch die fortschrittlichstem Elemente der rumänischen' Politik in der Judenfrage unverläßlich sind. Denn auch die jetzige „demokratische" Regierung beeilt sich' niefct, das Gesetz, das" so viel Unglück über die Juden gebracht hat,; abzuschaffen. Man will es nur „reformieren" und im übrigen die Tradition fortsetzen. Wie verhält sich äber die Regierung] zu 'den Juden rumänischer Staatsbürgerschaft?' Oeffentlich'e Aemter sind für Juden unerreichbar. Juden, die von! früher ' -wr her öffentliche Beamtenstelleu bekleiden, werden vertrieben. Besonder shäben in dieser Hinsicht die; Juden iii Siebenbürgen und Bukowina gelitten. In diesen Ländern haben die Juden in der österreichischen Zeit recht viele öffentliche Stellen innegehabt? nicht nur in den untern Instanzen,*sie standen auch an der Spitze vieler Behörden. Vor allem gab es viele jüdische Volks-, Mittel- und Hochschullehrer. Heute sind jücflsche Beamte eine Seltenheit, sie sind' durch der Landessprache unkundige Rumänen ersetzt. Die Verwaltung ist in allen ihren Stufen judenrein. Zu dieser Judenaustreibung hat mau sicli/ verschiedener Mitteln bedient. Alle Beamten ohne Unterschied ihrer Dienstzeit hat man einer Prüfung unterzogen und hat sie einfach durchfallen gelassen. Man hat junge unerfahrene Rumänen zu Chefs der Behörden gemächt, und diese haben den jüdischen Beamten so zugesetzt, daß sie freiwillig? die Elucht ergriffen. Diejenigen, die auf ihren Posten ausgeharrt haben, hat man in die entferntesten Winkel Altrumäniens versetzt; viele von ihnen haben die Einsamkeit nicht ertragen können und Ipben ihre Stellungen aufgegeben.* So hat der Regiertmgsantisemitismus sein Ziel erreicht. In den freien Berufen ist es nicht besser. Insbesondere! der jüdische Rechtsanwaltstand ist großen Schikanen ausgesetzt. Am Anfang dieses Lehrjahres wurden jüdische Lehrer aus Czeniowitz versetzt in Orte, wo es keine Juden gibt ein Zeichen, daß die neue Regierung den Juden gegenüber den alten Kurs verfolgt.1 An die Spitze allgemeiner Institutionen privater Natur werden niemals Juden gestellt. Sogar in Kleinstädten, deren Bevölkerungsmehrheit jüdisch ist, wird niemals ein Jude zum .Bürgermeister „gewählt". Auch in Czeniowitz,. dessen jüdische Bevölkerung-national-bewußt ist und dessen Gemeiuderat eine jüdische. Mehrheit hat, kann man keinen Juden zum Bürgermeister wählen. Die Czernowitzer' Handels- und Gewerbekannner, die zu 95 Prozent aus Juden besteht, wählt ständig einen nichtjüdischen Präsidenten. Dies geschieht aus verschiedenen Gründen, Erstens würde ein jüdischer Präsident von der Regierung nicht bestätigt werden'. Zweitens weiß man aus Erfahrung, daß .es für die Industrie besser ist, wenn an ihrer Spitze ein Nichtjude steht; die Behörden sind in 'diesem Falle sntgegen'kommender. Drittens ist man so vor den Antisemiten besser geschützt.' Infolge dieser Umstände isoliert sich das Judentum schließlich freiwillig; man versöhnt sich mit dem Gedanken, auf der nichtjüdischen 'Gasse nichts zu suchen haben und zieht sich in sein eigenes Leben zurück. Aus dem „Vorwärts": Die Entwicklung der Konsumgenossenschaft in Palästina. •Die Entwicklung der jüdischei-f Arbeiterbewegung in Palästina hat zur Verbreitung der verschiedenen Formen der Genossenschaft geführt. Die Verbrauchergenossenschaft „Hamaschbir" ist eine der ersten Schöpfungen des jüdischen arbeitenden Palästina auf Mem Gebiete der kooperativen Bewegung; sie hat, entsprechend den besonderen Bedürfnissen der jüdischen Arbeiter "im Lande, eine andere Entwicklung genommen als 'die Konsumgenossenschaften in den europäischen Ländern. Der 'Hamaschbir wurdevim 'Jahre 1916 — in schwerster Kriegszeit — gegründet. Seine Gründer waren 'die paar iiundert in.*CTen' Kolonien beschäftigten Arbeiter, die Arbeiterwirtschaften waren damals" noch schwach und gering an Zahl. In den Städten war die Position der Arbeiterschaft noch kaum beachtenswert; es gab hier keine ständige' Arbeitsmöglichkeit, die industrielle Entwicklung hätte noch nicht eingesetzt. So war es unmöglich, die Hoffnung zu hegen, daß die .im Lande zerstreuten Arbeiter lebensfähige Konsumvereine gründen könnten, die sich dann in einem starken Zehtralverband vereinigen würden. Hier mußte die Entwicklung umgekehrt vor sich gehen: von oben herab. Man hat eine Zentrale aufgebaut, und diese mußte der schwachen Arbeiterschaft helfen, neue Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. In der Entstehungszeit während des Krieges hat der Hamaschbir eine besondere Funktion erfüllt: er hat das Getreide bei den Arbeiterwirtschaften 'zusammengekauft und es zu nicht spekulativen: Preisen an die Arbeiter des Landes weiterverkauft. Die Menge der zu verkaufenden Produkte ist natürlich gewachsen; neue Probleme, wie das der Ausfuhr, des Bestehens der Konkurrenz am inländischen "Markt, der Vervollkommnung der Milchpröduktion? sind entstanden und haben den Rahmen des Hamaschbir gesprengt. Die Arbeiterwirtschaften haben den Absatz ihrer Produkte selbst übernommen: so ist die „Tenuvah", die Verkaufsgenossenschäft der landwirtschaftlichen 'Produktivgenossenschaften, entstanden. Mit der Zeit mußte sich auch die organisationelle Grundform des Hamaschbir ändern. Das zahlenmäßige Wachstum der Arbeiterschaft im Lande hatte die Vergrößerung des Umsatzes des Maschbir zur Folge- Aber nicht nur die Größenverhältnisse änderten sich, auch die innere^ Struktur der Arbeiterschaft: sie ist an bestimmten Punkten ansässig geworden; und wandert nicht mehr von Ort zu Ort- Ihre Verbrauchskraft ist größer geworden, ihr Bedarf kann nicht mehr von einem Zentrum befriedigt werden.