Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1930-03-28 · Heft 7 (28.3.1930) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 7 (28.3.1930)
Date
1930-03-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2641551-2641599-2641606--301-2642247
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

V. b. b. Universitätsbibliothek Wien I« JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreij Erscheint jeden zweiten Freitag j . Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergßsse 1XIII — Postscheckkonto Nr. 38.042 y Bezugspreis: vierteljährig S 1.20, halbjährig $ 2.40 * Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 7. Wien, 28. März 1930. 7. Jahrgang. . Der Kampf geht weiter! Wieder einmal scheint sich die Lehre^ zii.be währen, daß man aus der Geschichte nicht lernt wie wäre es denn sonst möglich, daß 'das österreichische Bürgertum 'unbelehrbar und allen Vorstel uugen aus dem eigenen Lager unzugänglich' darauf leharreu will, das Lohndruckgesetz durchzusetzen? Würde es dein Bürgerbloch wirklich um ■üesinnungsreiheit und nicht um Herabsetzung des proletarischen-Lebensniveaus.gehen, es stünde einer Einigung uch'ts im Wege; das Gutachten der Kammer für Arbeiter und Angestellte - unseren Lesern aus der Arbeiter-Zeitung" wohl bekannt - hat den Weg um Kompromiß gewiesen. Die bürgerliche Regieuifg verblieb bei ihrem Entwurf und es' ist nicht n bestreiten, daß es ihr gelungen ist, durch Gevinuung der christlichen und völkischen Gewerkehaften in diesem Kampfe einen wesentlichen Eroig zu erlangen. Es scheint, als ob der Entwurf ksetz werden sollte; so unbelehrbar ist diese Boureoisie, daß sie vergessen hat, was sie aus ihrer eigeieu Geschichte, .der Geschichte ihres eigenen Anstieges hatte lernen können; daß nämlich Druck Geendruck ■ .-auslöst. Nun, sie wird diese .Erfahrung loch einmal macheu: das Proletariat wird den Fehdeandschuh aufnehmen, es wird sich seiner Leinde rwehren durch Stärkung seiner politischen und wirtchaftlichcn Organisationen. Ein neues Heidenzeif- Iter der österreichischen .Arbeiterbewegung bricht Fortsetzer wir es blutig' erfahren Herzischer Politik. Und müssen, daß die s Arbeit wahrhafter dennoch haben Balfourerklärung und alle übrigen ribli tischen Siege de Zionismus in der Nachkriegszeit nur deklarativenW ert haben, wenn sie nicht im jüdischen -Volke, in den jüdischen Massen wahrhaften, realen Aufbauwillen' auslösen.■■Diese Erkenntnis darf heute als von' den Zionisten aller Richtungen erfaßt bezeichnet werden. Nicht aber die andere, nicht minder wichtige Erkentnis von der h i s t or i sc h e u .Bedingtheit der Balfourdeklaration, die ihren Sinn von einer Konstellation .empfängt, in der Europa und sein wichtigster kolonialer Exponent den Orient beherrscht hat. Heute ist dieses Herrschaftssystem in Auflösung begriffen, die Völker des Orients streben nach Befreiung, Das jüdische Volk geht daran, sich; unter diesen erwachenden Völkern ein Heim zu schaffen: kann sich noch jemand der Wahrheit verschließen, daß es sein Ziel nur mit diesen Völkern und niemals gegen sie wird verwirklichen können? Die Balfourdeklaration und das Völkerbundmandat, sie sind.der politische -und völkerrechtliche Ausdruck der Anerkennung unserer Idee durch' das sinkende koloniale-,Herrschaftssystem Europas; der Friedenspakt zwischen. dem arabischen und jüdischem Volke wird erst die wahrhafte magna Charta des Zionismus sein! Zu Lord Balfours Tode. Es ist unzweifelhaft,' daß die .wesentlichen Ereigisse der Geschichte aller Völker klassenbedingt und aisdruck der- Flierrschäftsinteressen der den Staatsparat handhabenden Klassen sind; aber ebenso leht es fest, daß die ganz großen, der Weltgeschichte ^gehörenden Taten und Werke in ihrer Wirkung her den engen Bereich der Klasse und des Volkes, enen ihre Initiatoren angehören, hinausreichen. Auch ie Balfourdeklaration, jenes . politische Dokulent,' das mit 'dem Namen des am 10. März versclueenen. Lord Arthur James Balfotir verknüpft (ist, dessen Zustandekommen er unter den englischen: olitikern den eutscheidenden Anteil hatte, war dabestimmt, den Kriegsinteressen des englischen Imleriiims und darüber hinaus den dauernden strateschen Zielen des die Einheit des britischen Weltichesbeschützenden ■ englischen Militarismus zu Kaien: und! dennoch, wenn wir behaupten', daß. sie i jenen politischen Konzeptionen gehört, .die weltsolüchtlich bedeutsam sind, so wissen wir uns frei, Pn jenem beschränkten nationalistischen Egoismus, sich bei der Bewertung alles Geschehens n u r )n dem nationalen Interesse leiten läßt. Gewiß: die tde^tung der Balfourdeklaration als der ersten An- <ennimg des Rechtes des jüdischen Volkes auf die Tiehtun'g einer nationalen Heimstätte in Palästina irch eine weltpolitisch bedeutsame Macht, als des sten Schrittes zur Eingliederung der fiic.leii.heit als ics aktiven politischen Faktors in das weltpolitische 'stein der Gegenwart bleibt unbestritten. \Veltäschichtlich bedeutsam wird die Balfourdeklation aber erst dadurch, daß in ihr den Bedürften und Forderungen eines machtlosen Volkes ohne Tiitqrium und staatliche Machtmittel von einer Welticht Rechnung getragen wird. In diesem Sinne beutet sie einen Sieg des Rechtes über die Macht, td in diesem Sinne gehört sie! der Weltgeschichte an! Dreizehn Jahre fast sind seit jenem nkwürdigen 2. November vergangen, da eizmanns unermüdliche Arbeijt die Balfourklaration jgc-zeiifögft hat, dreizehn! Jahre tinlörter Erschütterungen im jüdischen Leben, unlörten Aufschwunges, und tiefgehender" Krisen un- 'er Palästinaarbeit; diese unsere Erlebnisse haben uns ch die Grenzen 'der Bedeutungdiplomatischer Siege, tr Bedeutung auch der Balfourerklärung erkennen geprt. Gewiß: unverlierbar für jedes zionistische Betßtsein ist die Herzlsche Erkenntnis, daß der Zionisus sein Ziel nur im Einverständnis mit-den Weltich ten und mit ihrer Hilfe realisieren kann, und die flfourerklärun'g ist im letzten •Grunde Ergebnis der Zur arabischen Frage. Eine wichtige Aeußerung des Gen* Neustadt in unserem polnischen Bruderörgaii: Es gibt niemanden in unseren Reihen, der nicht aufrichtig den Frieden mit dem , arabischen Volke' anstreben würde. Ich will aber auch zugeben, daß wir alle die reaktionäre, volksfremde Politik der arabischen Führer als das erkannt haben, was* sie ist: letzten tragischen Ereignissen,- in der Zeit, da unsere politische Lage günstiger war, die arabis che Abte i I u n g fd er J e rüsa 1 e.m er zionistischen Fl x e k u t i v e liquidiert w u r d e, ,und man hat sich, mit der Frage eines konstitutionellen1 Regimes, das natürlich voll und ganz, unsere Kolonisation und Einwanderung sichern soll, nicht befaßt; man! hat nicht über den Weg nachgedacht', um der Ignorierung des Völkswillens durch die palästinensische Regierung ein Ende zu machen'. . Es ist wahr, daß die Demokratisierung der Gemeindeverwaltungen ein wichtiger Schritt vorwärts auf dem Wege zur "politischen Selbständigkeit ist; aber es gibt im bürgerlichen Lager noch genug Kreise, die das reaktionäre Gern ei n'd'ewahl recht bejahen. Zweitens aber ist das Verwaltungsobjekt, den Gemeinden außerordentlich begrenzt und'der Kampf um ein konstitutionelles Regime kann sich doCh nicht auf 'die Forderung einer Verwaltungsreform der Gemeinden beschränken! Es ist unsere Aufgabe, im Zionismus jene Kraft zu sein,'die die zionistische Bewegung zu einer positiven Stellungnahme in der arabischen Frage drängt'und die die Ausarbeitung eines konkreten Planes zu ihrer Lösung fordert. Die Differenzierung der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina. (Von unserem Berichterstatter . -orisch.) inrwicklung der palästinensischen Arbeiterals Verfälschung des Willens des geknechteten arabischen Volkes im Interesse ihrer Cliquen. Es; handelt sich darum, das Mittel zu . finden, .im am •schnellsten eine Verständigung zu erreich en, um dem arabischen Proletariat zu, einer politischen Klassenerziehung innerhalb des arabischen Volkes zu verhelfen. Die sozialistische und demokratische Welt darf nicht den Eindruck bekommen, Jüd. soz.-dem. Arbeiterorganisation Poale Zion Vortrag: »Die Probleme der Palästina-Kolonisation« VORTRAGENDER: DOKTOR L. KANTOR Zeit: Samstag, 29. März, 8 Uhr. - Ort: II. Bez., ßluinaiiergasse 1. Spur des Willens vor- Reehte der Araber zu Zusämnienhang nicht n u wi r a u ch'.n i c h t als ob bei uns auch nur eine handen' wäre, die berechtigten begrenzen. Uns interessiert in diesem die Frage des Parlamentes, we cl e r Jvl e i n u n g s i n d , cl a ß z i o n i s tische T r e u e i m t ä g 1 i c Ii e u h y s t e r i s c he n G e s c h r e i, g e g, e n d a s P a r 1 a m e n t zum' Aus d r u c k . k o ni m e n m u ß. Wir müssen liind das ist das Grundproblem ■- einen Vorschlag zur Schaffung eines konstitutionelle n Regimes im Lan d e m ache n. Es is t u n m ög 1 ich , d aß wir j ahre 1 ang d i e T a t s a c h e ert r a g e n, daß die g'a n z e R e - gier iingsge wa 11 im Lau cle in d'.en FI ä nd e n ci e r en g 1 i s c h e n B e a m t e n Schaft v e r e i n i g t sei, und d'i e B evö 1 keru ng rechtlos bleibe. Aa*ag die Reform nicht in der Schaffung eines Parlamentes bestehen. Aber irgend ein Forum, das die Teilnahme, des Volkes an der Regierung ermöglicht, 'den Volkswillen zum Ausdruck bringt, mußi gefordert werden. Wie wollen wir denn anders den] Prozeß der politischen Klassendifferenzierung und -Erziehung der arabischen öesellsc'haft ermöglichen? Man wird einwenden: Pogromisten gibt man, keine Konzessionen. Richtig. Aber wir,können dabei den Verdacht nicht unterdrücken,, daß dieses Argument für manche bürgerliche Kreise nichts anderes als eine sehr bequeme Ausrede ist, u n d; d a ß; s i c h ei n Teil unserer G e nosse n mi trei ß e n 1 äßt. Erinnern wir uns nur der Tatsache, daß viele Jahre vor den unserem Die schaft bewegt sich in zwei Richtungen, die einander zu widersprechen scheinen, in der den Unifizierung und der der Differenzierung. Den Kader der jüdischen Arbeiterarniee bildeten Chaluzim aus Europa uu'd- Einwanderer aus Asien und zum Teil aus Nordafrika. Matt kann sich' kaum größere Gegensätze denken als in diesem bunten Lager. Auf der einen Seite i Chaluzim mit Mittel- und Hochschulbildung, Etiropamüde, auf der anderen Analph'abetheü aus Persien oder Kurdistan. Aber auch innerhalb jeder einzelnen dieser zwei Gruppen gibt es ungeheure Unterschiede. Die „Ostjuden" (in Palästina hat dieses Wort eine andere Bedeutung als in Westeuropa, es bezeichnet die- Einwanderer aus den angrenzenden asiatischen Ländern) sin'd ja auch" keine homogene Masse. Sie sind, je nach ihrem Herkunftsland, in viele Gemeinden mit eigenem Charakter („Edeth") zersplittert, die ihre eigene Umgangssprache, ihre besondere Aussprache des Hebräischen, eigene „Nationaltracht'' usw. besitzen; ja selbst durch verschiedene anthropologische Merkmale unterscheiden sie sich. Ein Jemenite hat z. B. mit einem Bergjuden aus dem Kaukasus nicht viel mehr gemein als mit einem Juden aus Amerika. Aber auch das, andere Lager, das der Chaluzim, war lange nicht so einheitlich, wie! es scheinen möchte. Der russische Chaluz unterschied sich in seinem Wesen nicht bloß von seinem westeuropäischen Chawer, sondern selbst von seinem polnischen Nachbar. Schließlich waren Gegensätze der Bildung, der in Europa ausgeübten Berufe usw..auch nicht gering. In Palästina begann der Prozeß der Angleichung- Eine wichtige Aufgabe erfüllte dabei das Flebräjsche; nur in dieser gemeinsamen Sprache konnten sich die Juden aller Länder verständigen. Viel wichtiger' .im Prozeß der Unifiziierung der. Arbeiterschaft waren gleichartige wirtschaftliche Umstände. Gemeinsame Arbeit, gleiches Lebensniveau haben bald die Unterschiede zwischen Chal.uzim aus verschiedenen Herkunftsländern aufgehoben und allmählich auch die Grenzen zwischen den ostjüdischen Arbeitern verwischt. Dieser Prozeß ist noch lange nicht vollendet, er muß, durch jahrhundertelange Isolierung und besondere Lebensbedingungen' ausgeprägte Merkmale vernichten, außerdem findet er im steten Nachschub neuer Einwanderer neue Aufgaben': Dem parallel läuft der zweite Prozeß, der etwas später begonnen hat, und zwar die Differenzierung innerhalb der Arbeiterschaft, die vornehmlich ökonomische Ursachen hat- In der Vorkriegszeit gab es fast aussehließilich Landarbeiter.. Erst "mit dej dritten Alijah kommen größere Arbeiterscharen in die Stadt- Am Ausgang dieser Ei invalider ungsperiode gab es bereits die in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.