Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 6 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Arbeiter Seite 3. SPORTHAUS tMiU %0%0%#%#%0%# ■ iVI\ iy., Wiedner Hauptstraße 8. Tel. A-30-0-36 (Fortsetzung der Kämtnerstraße) AUSRÜSTUNG UND BEKLEIDUNG FÜR ALLE SPORTZWEIGE NÄHMASCHINEN UND FAHRRADER auch gegen Teilzahlung Zentrale: IX„ LiechtensteiristraBe 27 Tel A-16-5-65 zieht auf die Londoner Reise oder aber die Abdankung als Bürgermeister verlangt hat. Letzlere Forderung ist zwar sehr berechtigt, die Gründe liegen aber in der Autokratie und Korruption seiner Amtstätigkeit und nicht in seiner Zugehörigkeit zur Delegation. Dieser Umstand berechtigt niemanden von ihm den Rücktritt zu verlangen, der Jischuw hat auch keine moralische Berechtigung, ihu'v.um Verzicht auf seine Londoner Fahrt zu zwingen.* Sowohl DiseugaPf (der Bürgermeister von Tel-Aviv) als auch der Jerusalemer Ocrneinderai Gen. Ben-Zwi fahren oft in verschiedenen Missionen ins Ausland. Schließlich ist Naschaschibi bloß als üemeinderat gewählt, zum Bürgermeister ist er von der Regierung ernannt worden, die in beiden Mandaten selbstverständlich keinen Widerspruch sieht. Im Gegenteil, ihr kommt die arabische Delegation sehr gelegen, denn sie bedeutet Gegengewicht gegen die .Tätigkeit der zionistischen Exekutive in London, die den englischen Kolonialbeamten in Palästina (als solche fühlen sie sich) wie auch der Zionismus, nicht besonders .sympathisch ist. Fs wollen hier die Gerüchte nicht verstummen, die Regierung; gebe der arabischen Delegation Empfehlungsschreiben mit, da sie die Absieht habe, ihr den Weg so weit es nur geht, zu -erleichtern. Das meiste daran wird wohl wahr,sein. Der Zustand, daß Jerusalem mit seiner über 6C Prozent jüdischen Mehrheit auf diese Weise von einer Effendjclique verwaltet wird, bleibt gleichwohl * im- . haltbar. Die Regierung arbeitet jetzt an einein neuen Gemeindesiatut, das sicherlich zugunsten der Juden ausfallen wird, ärger als es jetzt: ist, kann es 'ja nicht werden; ihre Mühlen mahlen aber langsam. Zuguter letzt hat sie vor .kurzem die Amtsperiode des gegenwärtigen Gemeiuderates, die in: einigen Monaten zu Ende gehen sollte, auf drei Jahre verlängert; noch drei Jahre die gegenwärtig? Vcrwaltnngspraxis der Gemeiudecliciue zu ertragen, ist doch zu viel für die jüdische Ikvölkerungsmehrheii. lieber die Kampftaktik ist sie sich jedoch nicht im klaren. Es gibt Vorschläge, die jüdischen Gemeinderäte sollen die /iemeindestube völlig verlassen und durch' ihre Sezession die Regierung zwingen, den Geme'mderai'aufzulösen und Regierungskommissäre einzusetzen, wie es in Safecl geschehen ist. Das würde freilich einen zu gefährlichen Präzedenzfall schaffen, den die' Regierung, die ohnehin bestrebt ist, die Autonomie der Städte möglichst einzuschränken, wahrscheinlich freudig aufgreifen würde, um ihn auch an nicht ge-. wi'inschter Stelle auszuwerten.- Man muß die Regierung drängen, ein neues, auf demokratischen Prinzipien ruhendes Gemeindesialut, ohne. Kurien und hohen Zensus, ohne Wahlgeometrie, herauszugeben und überall Neuwahlen ausschreiben zu lassen. Jerusalem, Anfang März 1030. Die wirtschaftliche Lage des jüdischen Proletariats in Polen. (Von unserem Korrespondenten A. R.) Die Ungunst der ökonomischen Verhältnisse, die Arbeitslosigkeit wirkt sich im Bereiche des jüdischen Arbeiterlebens viel stärker aus als im nichtjüdischen: sie müssen hier als k a t a s t r o p h a I bezeichnet werden. Die ökonomischen Grundlagen des kleineu Handwerks und Handels brechen zusammen und das vergrößert die'Zahl-der jüdischen Arbeitsuchenden. ,Sie klopfen vergeblich an die verschlossenen Tore der staatlichen und kommunalen Unternehmungen, die Hunderttausende von Arbeitern beschäftigen.' Die jüdischen Arbeitslosen, deren Großzahl sich in den kleineren Ortschaften konzentriert, ' hat auch' nicht, die Möglichkeit, zum Genuß der Arbeitslosenunterstützung zu kommen und ihre Lage ist ohne Zweifel .wesentlich ärger als die der nichtjüdischen Arbeitslosen. Man braucht nur in die jüdischen Städtchen zu kommen und wird dia schreckliche Hoffnungslosigkeit, die da herrscht, sehen. Dazu kommt noch, claß die Arbeitslosigkeit durch die in den jüdischen Betrieben bestehenden Arbeitsbedingungen noch vergrößert wird; durch die ausbeuterische Anwendung des Akkordlohnsystems und durch die allenthalben herrschende lange Arbeitszeit: der Achtstundentag ist unbekannt. Die Gewerkschaften, die auf diesem Gebiete viel i zu leisten hätten und die sicher eine Besserung der Lage herbeiführen könnten, versagen vollständig. Der Bund, der von der P. P. S. das Monopol auf gewerkschaftliche Arbeit im Bereich des jüdischen Arbeiterlebens bekommen hat, hat'die Gewerkschaften durch seine parteipolitisch gerichtete Tätigkeit; auf ihr jetzige Niveau gebracht und er ist für die trostlose Lage der jüdischen Arbeiterschaft mitverantwortlich. Da, Arbeitsprinzip des Bundes, lieber eine Gewerkschaft zu spalten, oder es in einer bestimmten Branche zu keiner Organisation kommen zu lassen, wenn die Gefahr,besteht, daß der Gewerkverein unter einen nichtbundistischen -Einfluß kommen würde, diese bundistische Taktik ist der Hauptgrund für die traurige Lage der Gewerkschaftsbewegung der jüdischen Arbeitermasseu. In der „Voikszeitung" macht man so, als ob man: den Kampf um das Recht der jüdischen Proletarier auf Arbeit führen würde, in Wahrheit aber stört der Bund'den Organisationsprozeß der jüdischen Massen, deren Druck erst in Wahrheit ein Aenderung der Lage herbeiführen könnte, in der sich die jüdischen Massen in Polen befinden. Dies muß vor allem in Betracht gezogen werden und von den Massen muß der energische Protest ausgehen. Die letzten Wahlen im Kreis Sandomierz, wo die P. P. S. mit Hilfe des „Bund'.', beiläufi 20.000 Stimmen verloren hat, sollte eine Warnung für diejenigen sein, die die Massen zu führen glauben, die aber ihre Aufgabe nicht erfüllen. Die jüdischen Arbeiter müsseiv ihre gewerkschaftlichen: Kampforganisationen aufbauen, sich von ihren falschen Propheten befreien und in ihrem Kampf selbständig werden. Die ,.maßgebenden" Instanzen . müssen den Willen der Masse erfüllen. . Auf die Tagesordnung unserer Arbeit und Aufklärung muß der Kampf gegen: die Arbeitslosigkeit gestellt werden. Aus der jüdischen Welt Die Angriffe gegen Gen. Ing. Kaplansky. Wir haben in der vorigen Nummer über die Angriffe des Dep. Farbstein gegen Gen. Kaplansky berichtet. Auf Grund von Nachrichten seitens des Verbandsbürös können wir feststellen, daß an den böswilligen Nachrichten, Gen, Kaplansky sei in der Verständigungsfrage eigen mächtig vorgegangen, auch nicht ein Körnchen wahr ist! Eine Beratung über die jüdische Arbeitslosigkeit in Deutschland. Auf Initiative der jüdischen KultusgemSincie in Berlin fand eine SondcrbcraUing über das Problem der jüdischen Arbeitslosigkeit statt. Das Referat hielt der berühmte Volkswirtschaftspolitiker und Redakteur der »Vossischen Zeitung« Georg Bernhard, der auf den wachsenden Wirlschaftsantisemitismus hinwies. Die nichtjüdi sehen Angestellten, die in ihren untersten Schichten unter dem Einfluß der Nationalsozialisten stehen, unterstützen die'Boykottbewegung. In den Schichten der Angestellten, deren Verdienst 400 bis 500 Mark erreicht, ist die Zahl der Juden sehr gering. Außer der jüdischen Gemeinde müssen auch andere Organisationen den Kampf gegen die jüdische Arbeitslosigkeit führen. Nachher hat Direktor Kleeman über die Arbeit der Gemeinde auf diesem Gebiete berichtet. Die Debatte beschloß das Schlußwort Prof. Bernhards, der die Anwesenden aufforderte, den arbeitsuchenden Juden beizustehen. Das jüdische üemeindegesetz in Palästina. Das Gesetz ist von der Regierung bestätigt worden, Innerhalb eines Monates müssen laut diesem Gesetz die Wahlen zu der jüdischen repräsentativen Körperschaft stattfinden. Wahlrecht haben jüdische ' Männer und Frauen, die das 20. Lebensjahr erreicht haben. ■ Verurteilung des Gen. Berl Katzenelson. Gen. Katzenelson, Redakteur des »Dawar«, würde wegen Herabsetzung des Gerichtes zu einer Geldstrafe von 30 Pfund verurteilt. Vom arbeitenden Palästina. Gewerkschaftsbewegung. Das statistische Amt der jüdischen Arbeiterorganisation veröffentlicht eine genaue Statistik über die berufliehe Gliederung ihrer Mitglieder. In den Städten Tel- Aviv, Jerusalem, Haifa, Afuleh und Tiberias) hat sie 15,093 Mitglieder, in den Kolonien 6310 und in den Arbeiterwirtschafteu 3010 Mitglieder. In Tel-Aviv beträgt die Zahl der Mietglieder 7442, in Haifa 3819, in Jerusalem 3343, in Afuleh 286, in Tiberias 203. Die größte Zahl der Arbeiter in den Städten sind Bau- und Chausseearbeiter (2244). 1212 sind Beamte, 1134 sind Fabriksarbeile.r, 977 sind Metallarbeiter und Elektrotechniker, 704 Holzarbeiter. 449 Transportarbeiter, 407 -Drucker, 387 Textilarbeiter, 350 Eisenbahner, l/ost- und Telegraphenarbeiter. In Haifa wurde der Druekerslreik beendigt; die Druckereien, die' die Gewerkschaft nicht anerkennen wollten, haben ihren Standpunkt aufgegeben und haben einen Tarifvertrag abgeschlossen. Die Gewerkschaft der Lederarbeiter hat unier großer Anteilnahme der Gesamtarbeiterschaft ihr zehnjähriges Bestandjubiläum gefeiert. In Tel-Aviv arbeiten jetzt 12 Bauarbeitergenosseiischaften mit 105 Arbeitern und 1 Arbeiterin. Die Arbeiterschaft im Dorf. Die KwMizah Giva im Emek Israel leidet sehr an Bodennot und ist genötigt, einen Teil ihrer Mitglieder außerhalb der Wirtschaft zu beschäftigen (Chausseearbeiten bei Rudenberg). Trotzdem ist ein großer Fortschritt festzustellen: die Alolkerei hat im Jahre 1928 53.000 Liter, im Jahre 1929 90 000 Liter Milch verarbeitet, die Zahl des Geflügels ist von 700 auf 1250 gestiegen. Die Steigerung der Getreidenrodaktion betrug bei geringerer Anbaufläche 90 Tonnen, In Mischmar Haemek macht die Wirtschaft des Haschouier-Hazair merkliehe' Fortschritte. Dank der energischen Tätigkeit der Vertreter der Arbeiterschaft — die der Hasch o ni e r H a z a i r übrigens durch sein e A b s c n t i e r vi n g von der n e u g e g r ü n - d e t e n »j ü d i s c h e n A r b e i t c r p a r t e i« schnöde v e rrat e n h a t — am Kongreß und bei der Sitzung des AK. — besitzt die Kwuzah nunmehr das Volleigentum an ihrer Wirtschaft. Von 3600 Dunam sind 2750 schon bearbeitet. Die Orangerie hat 36.000 Pflanzen verkauft und bereitet 120.000 neue vor. In Chcderah besteht eine Gruppe von 85 Arbeitern, die größtenteils der Kolonie beschäftigt sind. Sie nennt sich »Irgun intensur« und strebt die Ansiediung in der Nähe der Kolonie an. Schon jetzt ist die Kolonie im Besitze einer Orangerie mit 10.000 Pflanzen. Der Nationalfonds beabsichtigt der Gruppe ein Areal von 1700 Dunam zur Verfügung zu stellen. In der jungenprivaten Kolonie Magdiel wird eine Schunat Ovdim auf. Nationalfondsboden gebaut. Der Grundstein zu einem Arbeiterheim ist kürzlich gelegt worden, auch die Schaffung einer kooperativen Wäscherei und Arbcitcrküche wird vorbereitet. In Petachtikwah ist eben der Wahlkampf zum Gemeinderat im Gang; in einer großen Versammlung hat die Arbeiterschaft gegen das beschränkte Wahlrecht und insbesondere gegen die Tatsache, daß den Frauen das Wahlrecht entzogen wurde, protestiert. Kulturarbeit Die Arbeiterbibliothek der Histardruth hat 16 Abteilungen in Städten, 21 in Kolonien, 23 in Kwuzoth, 12 in Moschvvim, 12 in den .Schulen, des Arbeiterkulturamtes, 6 bei den Jugendorganisationen. Die Zentrale regelt den Büchcrvc*rkehr unter den Abteilungen. 10.000 Bücher wurden von der Zentrale im Jahre 1929 an die einzelnen Abteilungen geschickt, 5000 wurden an die Zentrale zurückgeschickt. 70.000 Bücher sind in der Bibliothek registriert, 70 Prozent sind in den Filialen, 30 Prozent in der Zentrale. 65 Prozent des Bücherbestandes sind hebräisch, 8 Prozent jiddisch, Sl/2 Prozent russisch, 13 Prozent deutsch, 3.4 Prozent englisch, 1.3 Prozent anderssprachig. Drechslers.: Jung-jiddische Literatur. it. »Cuschtajcr«, Dreimonatsehriit für Literatur, Kunst und Kultur, Lemberg. 1. Heft, 64 Seiten. Es ist eine merkwürdige Sache um die Stellung Galiziens im jüdischen Geistesleben. Von jeher gehört er zu den geistig regsamsten und schöpferischsten Teilen des jüdischen Volkes; von der Haskala über den Chassidismus und die national-kulturelle Renaissance bis zur jüngsten jiddischen und hebräischen Literatur hat es ununterbrochen die jüdische Kulturvvclt aufs fruchtbarste beeinflußt und bereichert und doch muß es noch immer um seine Anerkennung ringen und gegen Ignoranz und Bespöttelung kämpfen. Gelingt es einem galizisch.en Schriftsteller, sich in der Literatur durchzusetzen und die Anerkennung seines Talentes zu erzwingen, dann vergißt man einfach seine Herkunft. Setzt er sich aber nicht im vollem Maße durch, dann ist er ein »galizischer Intelligenzler«, der aus »galizischer Eitelkeit« schril'tsteilert und . sich eine Literatenmaske aufsetzt. Und wenn es oft schwierig ist, ein falsches Urteil zu widerlegen,-'um wieviel schwieriger ein Vorurteil. Aeüßcrst schädlich und bedrohlich wird es aber, wenn dieses Vorurteil zum Werturteil a priori wird, das man auf seinen Wahrheitsgehalt nicht mehr prüfen zu müssen glaube... Bei solchen Verhältnissen ist es ganz natürlich, wenn sich Jung-Galizten literarisch selbständig machen will und seine Kräfte in einem eigenen Journal sammelt. Dazu kommt noch die Tatsache, daß es gegenwärtig in Galizien keine jiddische Zeitschrift gibt, die das jiddischliterarische Wort pflegen könnte und der heranwachsenden Generation junger Schriftsteller einen Sammelpunkt böte. Der Versuch also, den eine Gruppe junger Galizianer unternommen hat, sich literarisch selbständig zu machen, ist eine gesunde, berechtigte und begrüßenswerte Erscheinung. Denn immer, wenn sich junge Schriftsteller eine eigene Tribüne erbauen, zeugt es von Mut, Selbstver- - trauen und Selbstbewußtsein und vom Willen, das Spezifische, das Eigene und Individuelle zum Ausdruck' zu bringen. Genossen und Genossinnen l Die Märzaktion des jüdischen Natibnalfonds in Wien schreitet günstig vorwärts; auch unsere Organisation kann bereits auf relativ schöne Erfolge hinweisen. Erfüllet Eure Pflicht, spendet und sammelt, denn es geht um ein Stück Sozialismus i n. P a 1 ä s t i na I Die Organisationsleitiing.