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Der Jüdische Arbeiter · 1930-03-14 · Heft 6 (14.3.1930) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 6 (14.3.1930)
Date
1930-03-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. \ Der jüdische Arbeiter Idealistische Mißverständnisse. In einer der letzten Nummern der ,,Erkenntnis und Befreiung" wird anläßlich einer Zuschrift von Dn Ernst Simon der Versuch unternommen, den Zionismus vom anarchistischen Standpunkt aus zu beurteilen .Man erfährt bei dieser Gelegenheit, daß der Zionismus eine orthodox-religiöse Strömung mit dem Ziel eines konservativen, theologisch orientierten Juden- Staates ist. Die rührende Ähnuugslosigkeit dieser Behauptung ist natürlich so entwaffnend, daß eine scharfe Auseinandersetzung mit derart naiven Phantasievorstellungen gar nicht am Platze erscheint. Ks ist keine Seltenheit, daß die zionistische Bewegung, besonders von solchen, die nur ihren bürgerlichen Hügel kennen, mißverstanden wird, wenn auch meistens nicht in so grotesker Form. Trotzdem erscheint es wesentlich, irf diesem speziellen Falle eine Beobachtung festzuhalten: Diese Art der Tatsacheuerkenntnis und Weltfremdheit in der Beurteilung aktueller Frscheinungen ist ein entscheidendes Charakteristikum für die Ideologie utopischer Sozialisten, jener idealistischen Romantiker, deren revolutionäre Gesinnung; auf Gefühlen und Wunschträumeu anstatt auf Realität und Wissen schaft begründet ist. In seiner Zuschrift leitet Dr. Ernst Simon den Standpunkt des Brith-Schalom von einer ähnlichen Ideologie ab. Der Gefühlssozialismus der Richtung Marlin Bubers in seiner Anknüpfung an die religiöse Tradition des Judentums wird hier erwähnt und als 'anarchistisch, also staatsverneiuend, gekennzeichnet Die Redaktion der ,;Erkenntnh und Befreiung" kann sich ab,er trotzdem auch in ihrem Nachwort nicht von der ihr so iiebgewordeneu Vorstellung des Zio nismus als der Wiederaufrichtung einer machtuue blutgierigen Theokratie trennen. Religiöser Sozialis musist ihr wohl erwünscht, aber nur, wenn , er vom Christentum, vom Urchristentum, ausgeht. Das Bekenntnis zum Judentum dagegen bedeutet für sie Reaktion und ist damit' erledigt. Es ist seltsam, zu beobachten, wie da zwei gefühlssozialistische Riehtungen einander begegnen nnc sich eben durch diese ihre gemeinsame* idealistische Weltfremdheit nicht verständigen können und hoffnungslos aneinander vorbeireden. Die eine dieser beiden Richtungen -...... die anarchistische - - ist ja glücklicherweise ..nichts, was uns marxistische Zio nisten näher angeht. Die andere aber Dr. Frnst Simon bezeichnet sie selbst als den maßgebenden ideologischen Faktor in den Bestrebungen des Brith Schalom ■ ist von wesentlicher Bedeutung für uns, um so mehr, als sie in zionistischen Kreisen, die uns sehr nahestehen, einen unverkennbaren Einfluß b sitzt. Marlin Bubers und A. D. Gordons religiöser Sozialismus kommt in seiner unstreitig vollendeten geistigen Schönheit dem Irrationalismus, der Wirk- *lichkeitsangst, sowohl der Ghettoscele im besonderen, als der Kleinbürgerseele im allgemeinen, sehr gelegen. Psychisch gesehen bedeutet der Zionismus für den Juden einen Sprung aus einer phantastisch abgeschlossenen Ausuahmssituation mitten hinein in eine neue Realität. Zwingend ergibt sich die Notwendigkeit einer Stellungnahme zu dem großen vorherrschenden Klassenproblem unserer Zeit. Und darin liegt die Gefahr des religiösen Sozialismus, dal) er sowohl dem Ghettojuden im besonderen', als dem Kleinbürger im allgemeinen einen letzten Ausweg zeigt, der es ihm ermöglicht, sozialistische Gesinnung anzudeuten und. sich trotzdem unter allen möglichen religiösen, individualistischen, anarchistischen Vorwäu- . den, -Vorwänden der Abneigung gegen Partei -und Parteiwesen, von der Solidarität der proletarischen Kampffront zu drücken und damit dem weit realer denkenden Kapitalisten . unbewußt einen Dienst zu erweisen. Die Stellungnahme der marxistischen Zionisten zum Brith-Schalom, der an den Klassenverhältnissen der Araber vorbeisieht und mit einem idealistischen Pazifismus den Schwierigkeiten beizukommeu glaubt, ist in der letzten Nummer des „Jüdischen Arbeiters" ausführlich besprochen worden.' Auch wir marxistischen Zionisten streben nach' Frieden mit den Arabern aber unsere Bestrebungen stehen auf dem Boden der Tatsachen, des Klassenbewußtseins, der gemeinsamen Organisation. Und über diese aktuelle Frage hinaus ins allgemeine, lautet unser Programm: Keine Halbheit, kein anderer Sozialismus, als der auf Wirklichkeit und Wissenschaft gegründete Sozialismus ohne Belastung von Vergangenheitselementen als zundertprozentige Zukunf tsbewegung! Klara Blum. Schurken! Wir wissen, daß es unter unseren Lesern solche gibt, die an starken Ausdrücken Anstoß nehmen. Diesmal aber wird selbst der sanftmütigste, und zurückhaltendste Genosse uns zugeben, d.aß es für den folgenden 'vom amerikanisch-jüdischen Arbeiterblatt ,.Vorwärts" aufgedeckten Tatbestand keine andere Bezeichnung gibt als Schurkerei. Wie der „Vorwärts" berichtet und dokumentarisch beweist, hat die Rote Flilfe Sammlungen für die arabischen Teil n e h m e r a n den A u g u s t p o g r o m e n v e ransta 11et. Ein Komnientar zu dieser Mitteilung ist überflüssig, es genügt,1 festzustellen, daß jeder Jude, ob konfessionslos oder nicht, der dies wissend die Rote Flilfe in irgendeiner Form fördert, ein ehrloser Schuft ist! Antisemitische Flugschriften aus dem Jahre 1848,). Zu den wichtigsten Ergebnissen der Revolution von 1S4S, d e r e n w i r in d i e s e n W o c h e n g e denken, gehörte wohl auch auch die Emanzipation der Juden. Welche Bedeutung der letzteren zukommt, kann mau ermessen,Wenn man sich jener 'rechtlichen Beschränkungen erinnert, die' dem österreichischem Judentum auferlegt waren. Die rechtliche Zurück set'zung der Juden bezog sich auf ihre Besitz- und Fjwerbsfähigkeit, auf ihre familienrechtlichen Berech tigungeu von den vielfachen Sondersteuern und der Existenz eines speziellen ,,Judenamtes" in Wien nicht'zu sprechen. Nun kann man beobachten, daß die Judeuemanzipation oft als ,,Geschenk" der christlichen Oeffentlichkeit an die Juden betrachtet wird Dal; die jüdische Jugend jener Zeit in den vordersten Reihen der Kämpfer für Freiheit und Recht stand, braucht wohl nicht nochmals bewiesen werden; unsere Auszüge aus den antisemitischen Flugschriften, die besonders zahlreich erschienen, als der Sieg der Reaktion immer wahrscheinlicher wurde» sollen zeigen, welche Widerstände sich der Einführung der Rechtsgleichheit in der österreichischen Verfassung in 'den Weg stellten. Darüber hinaus ersehen wir aus ihnen, daß sieh die Reaktion auch damals gerne des .antisemitischen Arguments bedient hat, u.n die Ziele der Revolution als ,,jüdisch" zu desavouieren So ist es denn auch kein Wunder, daß der Sieg der Reaktion die Aufhebung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden zur unmittelbaren Folge hatte! (Die Sperrungen sind von uns.) ■ 4 3 1. Juli, Josef Freund: Die Juden werden immer zudringlicher! Hütet und aber und' abermals hütet Euch vor der Judenschaft! . . .' . Die Gefahr droht uns nicht von der Reaktion . . ... . in der Herrschsucht mehrerer Söhne Israels, die nach der administrativen und gesetzgebenden Gewalt streben, liegt diese Gefahr .... Kann Euch eine Juden herrschaft wirklich behagen, so macht doch lieber gleich einen Maiischeies, Tauscheies . . . zu ei/.en Königen! Unverkennbar ist die V o r 1 i e b e n1 a n c h e r J u cl e n f ii r eine republikanische R e g i e r u n gsf o r ni, um hiemit den unumschränkten Besitz aller bürgerlichen Rechte ..... auf die einträglichsten Stellen zu erreichen . . . lnsolange Ihr dein jüdischen Elemente vertraut . •. . verfällt Ihr mehr und mehr in Not . . . Vertraut lieb e r in c h r u n s e r e in a 11 ge I i e Ii t e n M ona r chen... ö. September: Ein ernstes Wort in ernster Zeit! An die gutgesinnten . Bewohner Wiens. . . . . Darum thetire Mitbürger! .... Gebet es nicht zu, daß kecke Juden, die auf un Verse h ä m t e s t e W e i s e' ü b e r a 11. R e p u b l i k p r e - cligen, weil sie hierclurcli die Emanzipation zu er1 langen hoffen, sich ans Staatsruder stellen. Sie kennen keinen höheren Genuß als Euch zu knechten und gew i ß wär e cl er s c Ii ä n d I i c. h s t e Abso 1 u t i s - m ii s n o c h e h e r z u e r t r a g e u als die | udeu herrschaft ..... Nach diesen zwei Kostproben: wird man sich nicht darüber wundern, daß die ,,Dankadresse", welche die Wiener Schwarzgelben einige Tage vor dem Fall Wiens an ihren Messias Windischgrätz übersendet haben, nur so von antisemitischeil Ausfällen strotzt:',,. . . . die Zeitgeschichte müßte einstens nachweisen, daß aris in seiner gräßlichsten Anarchie im Jahre 1703 nur einen Danton, einen Marat und Robespierre hatte Wien aber 10!) .... denn dieser beklagenswerte und traurigste Zustand stellte sieh durch den 8. Juli d. ). zu klar in Aussicht, indem ein deus machina aus v e r d o r b cu e n J n d e n , Medizinern und unreifen Buben, dann leider einiger verwirrten Beamten, . . .'. der in Wien entstandene Sicherheitsausschuß' sieh erfrechte, die Regieruugszügel zu ergreifen .... und ein neues Ministerium aus jüdischen und' demokratischen Klubs zu bilden .... Diese Gifthauehenden, meis t e ii s a u s J u d e n u n d A u s I ä n de r u verschiedener Nationen, Medizinern, verdorbener studierender Jugend zusammengesetzten Republikaner!" Der Leser begnüge sich nicht mit der Lektüre dieser Geistespiudukte der 48 er Revolution, sondern vergleiche sie mit den literarischen Erzeugnissen der Schwarzgelr-eu und Schwarzweißroten unserer Zeit: er wird da wohl zu dem Ergebnis kommen,' daß die Zeit an der Taktik des starren Konservativismus spurvorbtig^gangeu ist wie vor 82 Jahren sucht er seine dunklen Ziele auch heute dadurch zu realisieren, daß er die Wachsamkeit der Massen von sich int' die Juden ablenkt! Palästinabrief. Vgl. auch »Jüd. Arbeiter«,'März 1929, »Jüd. Volkszeitung«, März 192Ö. si lernotwe11cligsten au: (Von unserem Korrespondenten -orisch.) A g e n c y p r o b 1 e tii e. A b r e i s e der ar a b sehen Delegation. Jerusalem er G e m e i u d e p o 1 i t i k. Die bevorstehende Tagung des Jewish-Agenc) Rates ist, das fühlt hier .jedermann", von ganz bc sonderer Bedeutung. In dieser Sitzung muß die Zürich neu geschaffene Organisation zeigen, daß nicht hohle Form ist. Sie hat zwar schon einig positive Leistungen vollbracht, also sind die ent schiedenen Gegner der Agencv für alle Fälle im Un recht mau denke bloß an die moralische Hilfe bi den verschiedenen politischen Aktionen nach de Augustunruhen, auch der große Erfolg des Hilfsfond ist nicht zuletzt der Jewish-Agencv ■ zu* verdankei Jetzt muß sie aber erst ihre Schlagkraft zeigen hat über viele politische Fragen und lebenswichtig Aktionen Beschlüsse zu fassen; der Jischuw erwarh vor allem energische Schritte zur Aeuderung des se einigen fahren andauernden wirtschaftlichen Kurse und Aktionen zur Steigerung der Geldeiugänge. Se Abschluß der Hilfsfondsaktion sind die Eingänge de Keren-Hajessod ständig im Sinken, sie bewegen sie in den letzten Monaten zwischen 20.000 bis-30.00 Pfund, es ist ein Betrag, der selbstverständlich nicl einmal zur Bestreitung des reicht. Von den Einnahmen ist natürlich das Aufbai Programm für den nächsten Zeitabschnitt abhängu Es wäre aber auch ein rein prinzipieller Beschlu über Richtlinien künftiger Arbeit von Bedeutung muß endlich einmal mit der jahrelangen Stagnatio aufgeräumt werden, es muß mit dein Konsolidierung kurs unglückseligen Angedenkens, das wohl kein Konsolidierung, jedoch Stillstand jeder Aufbautäti keit gebracht hat, liquidiert werden. Mitdem Begii einer konstruktiven Tätigkeit würden' auch die Ei nahmen steigen, denn die Spender wollen gerne d Früchte ihrer Spenden sehen, für „Konsolidierung zwecke" gibt man nicht gern Geld her,- ein breit Arbeitsprogramm jedoch hat suggestive Wirkung a die Geldgeber; Einnahmen und' Ausgaben sind b uns bis, zu. einem gewissen Grade gegenseitig al hängig. Wirtschaftliche Aufbauarbeit und Eroberur neuer wirtschaftlicher Positionen heißt Schaffung neui Möglichkeilen für eine große Einwanderung, hei auch Festigung der politischen Front. . Wir stehen wieder einmal mitten in einer Hoc flut von Projektemachen drinnen. In welchen Grenzi soli sich die Kolonisation bewegen? Wieviel Famili( sollen jährlieh angesiedelt werden? usw. Diese Fragt werden leidenschaftlich debattiert und verschieden b antwortet. Es sei hier bemerkt, daß diese Diskussiorn fast ausschließlich in Arbeiterkreisen; geführt werde was wieder einmal ein Beweis dafür ist, daß sie d( aktivsten Teil des Jischuw's stellen. Obwohl ein 'Aufbauprogramm hier, fern von d Geldquellen, aufgestellt, unsinnig scheinen mag, behrt es doch nicht seiner Berechtigung. Zur Ra Sitzung muß die palästinensische Delegation mit Federungen kommen und ein Kolonisatlonsprogram vorlegen, das zumindest Grundlage für Diskussion bilden könnte; schließlich müssen wir. auch wisse was wir innerhalb der, unserer Meinung-nach mö liehen, Grenzen wollen. Im Laufe der verflossenen '"ouds 5, Millionen haben das Recht [ewish Agency 10 Jahre haben cl Pfund in Palästif zu verlangen, cl; die oleiche Sumil zionistischen , investiert, wir die erweiterte innerhalb der nächsten fünf Jahre aufbringen so! Dieses Kapital würde ausreichen, um 10.000 Famiii anzusiedeln, da man ja »außerdem mit einer privat 'Siedlung, vornehmlich in der Pflanzungszone, rechn muß, würde diese starke landwirtschaftliehe Koioij sation neue Industriearbeitsmöglichkeiten auch in d Städtenschaffen. In einigen Tagen verläßt die arabische Delegat] Palästina, um in London ihre politische Tätigkeit beginnen man muß freilich noch hinzufüge wenn nichts ,,Unvorhergesehenes" dazwischenkomi was bei dem heftigen Kampf im arabischen Lager i sie herum nicht ausgeschlossen ist. Ihr gehört au der Bürgermeister von Jerusalem (einer Stadt einer jüdischen Mehrheit), Raghib Nasehaschibi, Dieser Umstand hat wieder einmal clas Problem o Jerusalemer Gemeindestube "mit seiner sonderbar Wahlordnung und noch sonderbareren. Verwaltun praktik auf die Tagesordnung gesetzt. Naschaschi der mit Hilfe der Juden gewählt wurde - dies fatalen Fehler haben sie'schon längst eingesehen kümmert sich um seine vor der Wahl gegebene V sprechungen, demokratisch die Stadt zu verwalti und bei Arbeitsauf trägen auch die Juden zu berü sichtigen, überhaupt nicht. Es herrscht Korrupti und Willkür, wie man sieh das in Europa gar niq vorstellen kann. Oeffentliche Arbeiten werden niq ausgeschieden, sondern an Familienmitglieder vet geben, die Voranschläge werden regelmäßig um Vielfaches übersehritten, eine Kontrolle ist überhat nicht möglich, denn den Gemeinderäten ist die. F sieht in die Buchführung verwehrt. , Die Wahl Naschaschibis zum Leiter der Deie tion hat einen Proteststurm bei der jüdischen Bev kerung ausgelöst, die von ihm entweder den V

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