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Der Jüdische Arbeiter · 1930-03-14 · Heft 6 (14.3.1930) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 6 (14.3.1930)
Date
1930-03-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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/• b« Ii* Der JUDISCHE ARB Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs! Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1/111 - Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig S 1.20, halbjährig Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 6. Wien, 14. März 1930. 7. Jahrgang. An die Juden Wiens! Die. Lage des jüdischen; Volkes in der ganzen Welt ird immer unhaltbarer. Das russische Judentum ist wirtschaftlich, religiös und national total gebrochen. 'Jus polnische Judentum befindet sich in einem wirtschaftlichen Auflösungsprozeß! Das sind Länder der üdischen Massensiedlung. Die Eiuwanderungsländer iber sind für uns gesperrt. Auch in Oesterreich ist Jie Lage des Judentums äußerst trist. Nur ein Land vorhanden, in dem wir Juden begründete Hoffnung i'aben,.uns in Massen anzusiedeln und zu einem nornaleri, gesunden Volke zu werden: Palästina! Die letzten Augustunruhen haben bewiesen, daß insere wirtschaftliche Struktur dort unerschütterlich st und daß das dortige Judentum sich voll bewußt st, PionLratifgabe. für das gesamte Judentum zu ertillen.. Palästina ist das Land der Zukunft, aber auch ■chon der Gegenwart, da es immer mehr Juden iuflehmen kann,.die von*.ihrer produktiven Arbeit leben. \ber dies ist an eine Voraussetzung gebunden: an len Besitz v 011 Bode n i n S t a d t u n d L a n d. Dieer Joelen muß jedem Juden als Standort für seine Lebensarbeit zur Verfügung stehen, darf also kein Spekulationsobjekt bilden. ' Diese Voraussetzungen treffen beim Keren Kajemeth zu. Der Boden aber wartet nicht, je mehr wir ihn kultivieren, desto begehrenswerter wird er für andere, darunter auch solche, die uns nicht wohl wollen. Gebt uns Boden rufen alle Schichten des palästinensischen Judentums. Ganz besonders stark erschallt dieser Ruf aus den Kreisen der Erbauer des Landes, der Schöpfer unseres nationalen Heimes der Chaluzim. Juden Wiens! Zu Hunderien und Tausenden richten heute Hure Kinder ihren Blick auf Palästina, vom tiefstem Glauben beseelt, daß ihnen dort eine auf schöpferischer Arbeit begründete Zukunft blüht. Helfet uns und Liieren Kindern, helfet dein Judentum,, sein Jahrtausende . altes Ideal von" einem reinen, menschlich-jüdischen Leben im alten Heimat: lande zu verwirklichen. Die Voraussetzung aller Voraussetzungen aber,ist der» Boden. Stärket den Erlöser Bodens - den Keren Kajemeth! . Gesamtleituiig' des jüdischen Natiunalfönds. Im schweren Kampfe ... Wenn 'diese Nummer unseres Blattes den Leser ereichen wird, wird vielleicht der schwere Kampf, len"unsere Partei,- die Partei des österreichischen Proetariats, zur Stunde zu führen hat, entschieden sein.!s ist an dieser Stelle nicht notwendig, das Objekt lieses Kampfes, das Terrargesetz,'- zu deriivisieren •: unsere Genossen im Parlament haben es licht nur in erschöpfendster Weise getan, einem on ihnen Otto Bauer ist 'e;s gelungen, wahrhaft vollendetster wissenschaftlicher Ana-, vse des organisierten Kapitalismus die Heuchelei nfzuzeigen, die darin besteht, daß mau das moderne Arbeitsrecht .nach .den Prinzipien des Liberalismus tformiereu und die Gewerkschaften zerstören will,, ährend den preistreibenden, Gesinnungszwang ausbeitden Unteruehmerorganisatioueu nach der Regieungsvorlage auch nicht1 ein Haar gekrümmt werden oll! Und dieser infame Gegensatz innerhalb der ürgerliehen Wirtschaftspolitik 'wird zur Farce, wenn ■ir uns erinnern, daß, die „Idee", von der die* Ver- :issu.ugsreforin nach dem Wunsch ihrer Initiatoren;e tragen sein sollte, die Idee des Ständestaates sein ollte:, mittelalterlicher Konservatismus Adam Müllers nd der Liberalismus Ricardos, Spann und Mises, die roßten theoretischen Gegensätze sind vereinbar, wenn s um die Zerstörung der vitalsten EiTuugenschafien. les Proletariats geht. In Stunden der Gefahr fühlt man das Bedürfnis, "-mpfiudungen, die sich im alltäglichen .'Leben von elhst verstehen, besonders zum Ausdruck zu bringen, o wollen auch wir jüdische Arbeiter und Angestellte eststellen, daß unsere Genossen im Parlament nicht uletzt auch unsere Interessen verteidigen, die lueresseu der überwiegenden Majorität der Juden in lieser Stadt. Schon im Jahre 1910 waren von 26.S99 11 der Industrie beschäftigten jüdischen Männern und Tauen 18.900 Unselbständige, von 41.704 im Handel beschäftigten Juden beider Geschlechter 25.808 Unselbständige. Und gegenüber dieser schon vor 18 fahren bestehenden "sozialen Gliederung des Wiener [udeutums, die in der Nachkriegszeit" ihren proletarischen Charakter nur noch verstärkt hat, \ wagen ■s Menschen zu behaupten, daß dieökonomischen Interessen des Wiener Judentums im Gegensatz stehen u.'den Interessen -de* Proletariats, die zu schützen und '•u vertreten das Ziel der Sozialdemokratie ist. Es ist ein schwerer Kampf, den uns unsere Klassengegner in diesen März tagen aufgezwungen haben. Ls ist ein Kampf, der den Charakter eines Lefensivkrieges hat. Ueber die Abwehr des Angriffes, den die nun wieder zur Macht gelaugte und sich ihrer-Macht bewußte Bourgeoisie gegen unser schwer erkämpftes Lebensniveau richtet, 'hinaus, wollen wir, die wir einst, als die Stunde uns günstig war, so maßvollwaren, von diesem Bürgertum lernen, wie man konsequent und rücksichtslos jede MachtverschiejMiiig ausnützt. Wir wollen die Zeit nach dem 15. Juli im Gedächtnis bewahren: es wird auch noch unsere Stunde schlafen, noch sind nicht alle Mä/ze vorbei! Trumpeldor und seilte Fälscher (Zur Wiederkehr seines Todestages am IL Adar 5600.) 10 Jahre sind es her, seit Trumpeldor und seine Genossen an jenem ewigen IL Ad.tr gefallen sind, in Tel Chaj im Galil. Dieser Tag und dieser Ort wurden seither zu teuren ^Gedenksteinen in der Geschichte des jungen neuen Jischuw Lrez Israels und sie tragen die heiligen •Namen: „Josef Trumpeldor w'ehaweraw'' Trumpeldor und seine Genossen- Jahr um Jahr feiern wir diesen Tag und diesen Namen, .der für uns eine Welt von Erfüllung und Verwirklfchung birgt, feiert ihil mit uns die jüdische, zionistischsozialistische Arbeiterschaft der gjinzt.il Welt und Jahr um Jahr müssen wir an diesem Tage und aus"diesem Anlasse* uns'-mit aller Entschiedenheit gegen die wenden, die ihn uns nehmen wollen, gegen die Gruppe der „Revisionisten", die den Namen trumpeldor mißbrauchen und den Mensehen Trumpeldor zu einen der ,,ihrigen" tirnfälscheu den" Menschen, der mit seinem ganzen Wesen in dem Gedanken an ein sozialistisches, arbeitendes Erez Israel wurzelt und für dieses alles zu opfern bereit war; dem jedes Stück Boden, das jüdische Arbeit und jüdische Hände bebauen, heilig und das Meiligste' war nein, die werden ihn uns nicht nehmen, 'denn er ist unser. Aber wir müssen uns mit der Tatsache abfinden: esstellen sich zwei Trumpeldors gegenüber: der Mensch der A r b e i t, des E r i e d e'n s, der K w u - zah, des Kämpfers für. den Gedanken der Vereinigung der Arbeiterparteien, der Sozialist im Geist und in der Tat, der einfache, stille Arbeiter und der „Militarist", der immer wieder die jüdischen Bataillone aufstellen will, der immer an der vordersten Front zu finden ist, furchtlos, ein „Held"... Oh, ihr versteht ihn schlecht, wenn ihr hier den großen Gegensatz seht, den unauslöschlichen .Widerspruch. Und ihr anderen, ihr freut euch zu früh, in ihm einen von den „Euren" zu sehen. Dem, der verstehen will, wird es nicht schwer fallen, den „zentralen Punkt" im Leben Trumpeldors zu finden. Er ist nicht Militarismus und. nicht Krieg. Beides ist ihm verhaßt. Was er will, ist V e r w i r k l i c h u u g. Sein Leben ist. wie das einiger anderer vor ihm und gleich ihm, ein einziges Streben nach Verwirklichung, ein Flüchten vor d$r Galut und aus der Galut, die doch nur die Furcht .vor der Tat ist... Und ist es so, dann gilt es eben, diese:. Furcht abzustreifen und sich- und der Welt zu beweisenwir sind anders, als man uns darstellt Wir sind groß und stark und können es sein, wenn wir es wollen. Und er wollte es und war es. . . Die einzelnen Abschnitte seines Lebens, seines* kurzen aber reichen Lebens, verbindet . eine einzige gerade Linie. Ein einziger Zug geht durch alles, was er unternahm in allem, ist" er sich treu geblieben. Seine ewige Unruhe' und sein ewiges Streben nach vor in:, sein heißer Glaube vor allem an die Verwirklichung des sozialistischen Zionismus ■ sie sind es, die für ihn bezeichnend sind. Zwischen seiner Tätigkeit in Erez Israel vor dem Ausbruch des Weltkrieges, seiner bist o r i s c h e n Tat der . Organisierung der Chaluzbewegung in Rußland er ist d i r S c h ö p f er de s Ire u t i g e n< a 11 w e 111 i c h e u „Hcc.haltiz',' ' und jenem M. Adar in Tel Chaj, der für ewig mit seinem Namen verbunden ist, besteht eine innere notwendige Verbindung. Der „Militarist" Trumpeldor wan.es, der da sagte: i,Nichi das Schwert bringen wir ins Land, sondern den Frieden, Und er,*der ,,Krieger", sagte auch: „Der Krieg er ist an sich ein Verderbnis und. Verderbnis bringen alle seine Nebenerscheinungen". Und er, der „Held", spricht die Worte: ......du geh5t nicht nach Erez Israel, um Heldenstücke zu vollbringen, auch nicht um Opfer zu bringen, sondern um zu a r be i t e n." -, ■ Und „Tel Chaj"? - Nein, nicht sein Heldentum zu beweisen, ging er nach Tel Chaj, nicht, um zu zeigen, daß einige wenige einer Uebermacht zu trotzen imstande sind, sondern, weil er fühlte: hier gilt-es, FIntseheidendes abzuwenden. Er fühlte das als Arbeiter, der über seinem Rechte wacht, der sichs nicht nehmen läßt. Und mit ihm fühlte es der jüdische Arbeiterjischuw. In jener denkwürdigen Sitzung des „Provisorischen Palästina-Komitees" (am 3. Adar 1920) sagte T ab e itle in: „...Nicht Deklarationen des Königs Faisul oder eines anderen Emir sind maßgebend, sondern unsere Kraft im Lande, unsere talsächliche Kraft, ist entscheidend. Wenn sie uns überfallen werden wollen, werden sie dies tun können, ohne Ende. Das wußten wir auch vor'der Balfourdeklaration und haben wir auch heute nicht vergessen'... Die Sache ist für uns klar, wenn wir von dort weggehen, vom oberen Galil, dann ist es unser erster Rückzug, und der weitere ist unaufhaltsam. Zur Räumung von Tel Chaj gehört ein gewaltiger Mut..." In der gleichen 'Sitzung aber-stand ein anderer auf, einer von den „Klugen" und er sprach im Namen der,Mehrheit des jüdischen Jischuw es war kein anderer als |ab o t i n s k i* der sagte den Vertretern der Arbeiterschaft: „Ihr müßt eueren Genossen sagen: Kehret zurück von dort und bauet hier das. Bestehende weiter!" Ereilich: es galt ja .hier keine große. Geste zu zeigen, eine laute Demonstration zu veranstalten, mit dem Säbel zu rasseln, sondern einfach: nicht wegzugehen, sich zu schützen, sich zu verteidigen und damit den ganzen Jischuw vor einer ungeheuren Gefahr zu bewahren.... Diese kleine Episode aus jenen großen "lagen ist sehr lehrreich, sie zeigt so deutlich mit aller Klarheit: die Arbeiterschaft ist die wahre Verwirklieherin des Zionismus, die einzige Trägerin der großen Verantwortung für das, was in entscheidenden . Augenblicken geschieht. Und" Josef Trumpeldor, der große Verwirklicher, der aufrechte Sozialist, der das kapitalistische Systecn aus tiefster Seele haßte (er drückt" das an einer Stelle sehr schön aus), der stolze lüde und stille Arbeiter - er bleibt uns ein leuchtendes' Vorbi Id. Jakob S i n ger.

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