Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 4 (17.2.1930)
- Date
- 1930-02-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Der jüdische Arbeiter Kürzlich kam der gewesene Inspektor der britischen Polizei in Ceylon nach Palästina, um die hiesige m inspizieren und reorganisieren. Inzwischen werden in England neue Polizisten geworben und nach Palästina gebracht. Genaueres über die zukünftige Organisation fumd Zusammensetzung der Lan'despolizei ist noch nicht bekannt, man spricht von 40 Prozent Eng- . ländern, 30 Prozent Juden und 30 Prozent Arabern. Dieses Verhältnis würde ungefähr den Forderungen des Jischuw entsprechen, der je ein Drittel Engländer, Juden und1 Araber verlangt hatte. <- Der Verlauf der arabischen Arbeiterkonferenz ist von den Effendis nicht allzu freudig aufgenommen worden. Die einen schieben ihr nationalen Verrat unter und behaupten, sie wäre unter zionistischen Auspizien zustande gekommen (dabei vergessen sie ihre eigene Rolle, die sie dabei gespielt haben), die anderen; wiederum sprechen von kommunistischem Einfluß. Die Konferenz hat eben ihren engen Rahmen gesprengt; trotz nationaler Verhetzung und Phrase konnten einige Delegierte nicht umhin, über die entsetzliche Lage der Arbeiter zu sprechen und dabei auch die Ausbeutung durch arabische Arbeitgeber zu erwähnen. Es kam, schon zum ersten Konflikt zwischen letzteren und 'der neuen Organisation, da die Besitzer einer arabischen Fabrik ihren Arbeitern den Beitritt in die Organisation verboten haben. Im übrigen schreitet sie an die Herausgabe eines eigenen' Organes, das freilich vorläufig unter den Arbeitern kaum Verbreitung finden wird, weil sie zum größten Teil Analphabeten sind. Es bleibt noch' zu erwähnen, daß Magnes' Broschüre „Gleich allen anderen Völkern?" bei den Arabern kein Echo gefunden hatte. Falastin bespricht sie in seiner englischen Ausgabe in einem längeren Artikel. Er lehnt sämtliche Vorschläge Magnes' als in'diskutabel ab tin'd meint, die Araber können im besten Falle die JüüeiT im nationalen arabischen Heim dulden, Jedoch keiner Herrschaft dreier Nationen zustimmen. Selbst gegen das Hebräische als Amtssprache findet er scharfe Worte. So steht Dr. Magnes von beiden Seiten abgelehnt mit seinen wirklichkeitsfernen Vorschlägen da. Jerusalem, anfangs Februar 1930. Alfred Adler. Z um 60. Ge'b u rtstag. Das Kennzeichnende des Werkes wahrhaft großer Menschen besteht wohl darin, daß sein Einfluß weit über die Grenzen des Fachgebietes, dem es angehört, hinausreicht. An' der Leistung Alfred' Adlers, des Schöpfers der modernen In'clivid ualpsych o 1 ogi e, d essen sechzigster Geburtstag in diesen, Tagen in allen Ländern der Kulturwelt gefeiert wird1, kann diese These glänzend verifiziert werden, denn es gibt wohl kaum ein Gebiet der Geisteswissenschaften und der sozialen Praxis, auf dem seine psychologische Erkenntnis nicht fruchtbar gemacht worden wäre. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, eine erschöpfende Darstellung der wissenschaftlichen Tat Alfred' Atiiers zu geben: was wir aber ihm --trotzdem er vor jah rzehn ten aus dem Jirden tum ausgetreten ist — und uns heute schuldig sind', ist Hervorhebung dessen, was 'die Brücke bildet vom Werke-Alfred Adlers zu unserem jüdisch-sozialistischen Standpunkt. Noch vor einem Jahrzehnt wäre die Behauptung des jüdischen; Charakters der Lehre Adlers als nationalistischttnd'iunmarxistisch verworfen worden; heute, nachdem Otto Bauer im Anschluß, an Duhem aufgezeigt hat, wie selbst die exakteste Naturwissenschaft, die Physik in ihrer Theoriebildung, bedingt ist vom nationalen Charakter, vom geschichtlichen Schicksal des Volkes, dem der Forscher angehört, heute ist es wohl auch einem Marxisten erlaubt, die Meinung zu bekennen: Es ist kein Zufall, daßein Jude; der Angehörige eines Volkes, das wie kein anderes auf Erden mit 'der sein Selbstbewußtsein untergrabenden Waffe der Herabsetzung bekämpft wurde, eine .Neurosenlehre schuf, die das Seelenleben des nervösen Menschen, sein Wollen und Denken, sich auf der Grundlage des Gefühls der Minderwertigkeit aufbauen läßt. Der Einwand, der gegen diese Erklärung erhoben werden könnte, daß nämlich Alfred Adler ja tiem Judentum den Rücken gekehrt hat, wäre sehr oberflächlich, denn Volkstum (ebenso wie die Klasse) ist eine Seinstatsache und wirkt als Lebensmacht auch dann, wenn es dem einzelnen nicht; bewußt ist, ja sogar dann, wenn der Einzelne ein negatives Verhältnis zu ihm besitzt. Es besteht aber nicht nur.;diese wissensch'aftstheoretische Beziehung zwischen Alfred Adlers Werken und dem Judentum, über seine für die Soziologie der psychologischen Erkenntnis bedeutsame Verwurzelung im jüdischen Geistesschicksal hinaus, gibt uns Adlers Werk die Möglichkeit, die Entstehungsursache der typischen Mißbildungen des jüdischen Charakters zu erkennen und diese als das zu verstehen, was sie ihrem Wesen nach sind: als Formen der Ueberkompensation des im antisemitischen»Milieu entstehenden jüdischen Minderwertigkeitsgefühles. Für die jüdische Erziehung und Sozialpädagogik ergibt sich aber aus dieser mittels der Individ'ualpsychblogie gewonnenen Erkenntnis, daß sie sich1 vor allem der pädagogischen1 Prinzipien, wie sie Adler entwickelt hat, wird bedienen müssen;, wenn sie die jüp'isclhe Gemeinschaft von jenen Mißbildungen befreien will. Auf die Bedeutung der Lehre Adlers für den Sozialismus braucht schon deshalb nicht ausführlich .eingegangen werden, weil "sie insbesondere in Wien von der rührigen Gruppe der sozialistischen I n d 1 v id ua 1 p sy ch o I oge n zur Genüge in den Vordergrund des öffentlichen Interesses gestellt wird; und wenn dem nicht so wäre, bedürfte es auch nicht vieler Worte, da sich doch diese Bedeutung" in eindeutiger Weise aus seinem Werke ergibt.v Schreibt doch Adler selbst im Vorwort zum „nervösen Charakter": „Die gewonnenen Erkenntnisse belasten uns mit einer Lebensaufgabe: voranzugehen beim Abbau des Streben's nach Macht und bei der E r z i e h u n g z u r G e m e i n s c h a f t." In diesen Worten ist die endgültige Formulierung der Zielsetzung der sozialistischen Erziehung beschlossen. Ist die G e m e i n s c h a f t lim System Alfred Adlers ein zentraler Begriff, so eröffnet er uns auch' das Verständnis für die Hypertroph i e des Gerneinschaftsbewußtseins. Ueberwertung einer Gemeinschaft durch einen Teil ihrer Angehörigen entsteht dadurch, daß sich Menschen finden, die all ihr maßloses Streben nach' Macht und Geltung in die Gemeinschaft hinein- .prqjizieren. Wir Poale-Zionisten stehen im Kreuzfeuer dieser Art von Fanatikern; die nationalen Chauvinisten werfen uns unsere nationale Lauheit, viele unserer Genossen Mangel an Klassenbewußtsein vor. Daß uns Adler das psychologische Verständnis für die Motive dieses Menschenschlages, dem die soziologische Grundtatsache der Vielfältigkeit menschlicher Vergesellschaftung fremd ist, ermöglicht hat, auch dafür danken wir ihm am heutigen Tage. So wollen auch wir, deren Gemeinschaft er verlassen hat, deren Wollen ihm Zeit seines Lebens fremd geblieben ist, Alfred Adler unseren Glückwunsch1 darbringen. Mögen ihm noch viele Jahrzehnte rüstigen Schaffens beschieden sein! „Auchsozialisten." Es ist heute modern, Sozialist zu sein. Es ist außerdem bei uns in Wien verhältnismäßig ungefährlich, sich als - Sozialist zu bezeichnen,' denn es ist leichter mit dem Strom zu schwimmen', als) gegen ihn. Und so sehen wir die verschiedensten jüdischen Bourgeojssöhnchen, die sich als „echte" Sozialisten gebärden. Nun sie sind jung, sind vollgepfropft mit Idealen, in ihrem Gehirn hat das ungereimteste Zeug ruhig nebeneinander Platz. Sie lernen die schönsten nationalistischen Phrasen auswendig, warum nicht auch einmal ein wenig den Sozialisten spielen? Draußen steht die Welt in einem erbitterten! Kampfe, dem ungeheueren, überdimensionalen Kampf der beiden' großen Klassen: Bourgeoisie und Proletariat. Das Proletariat vertritt seine Lebensinteressen. Es kämpft um ein größeres Stück Brot. Das finden die Bourgeoisiesöhnchen zwar sehr banal und sie würden gerne so wie der seelige Kaiser Ferdinand der Gütige sagen: „Was brauchen sie Brot, sie sollen halt) Semmeln essen", aber sie sind klüger und so,' hegen sie, wenn sie sich auch selbst mit so schmutzigen; Dingen nicht beschäftigen wollen, „Sympathie" für die armen Proletarier. Das Proletariat führt aber auch einen Kulturkampf. Als die aufsteigende Klasse hat es mit der Weltanschauung-, der herrschenden Klasse gebrochen. Seine Kultlirforderungen, seine Kritik der Wissenschaft, Religion und Kunst haben auch bürgerliche Hirne berührt. Warum sollte die bürgerliche Jugend nicht ihre Mensch'heitsidealei hier wiederfinden? Und so sind1 sie auch Sozialisten. Die eine Abart dieser „Sozialisten" lehnt den Klassenkampf rundwegs ab. Die anderen meinen, daß er wohl unvermeidlich ist, daß er auch seine guten Seiten hat, aber sie persönlich wollen sich damit nicht beschmutzen oder wenigstens heute noch nicht. Sie gebärden sich als Sozialisten, reden ein paar Phrasen und glauben sich jetzt gegen alle Angriffe geschützt, ja glauben sich jetzt jeder Auseinandersetzung mit dem Sozialismus enthoben. Ein gewiß sehr bequemer Standpunkt. Da war vor kurzem eine Pegischah der Chaluzorgänisationen Mitteleuropas und da stand ein Vertreter des Wiener bürgerlichen; „Zionistischen Jugendverbandes" auf und sagte: „Ihr nennt uns immer die Bürgerlichen. Wir sind doch auch Sozialisten, wenn wir auch..." Auf die Frage, worin dieser Sozialismus besteht, lautete die Antwort ungefähr folgendermaßen: „Bei der Jugend gibt es doch keine Klassenunterschiede. Ich sehe zumindest keine. Nun und wenn es bei uns Reiche und Arme gibt, so wird dies gerade durch unsere sozialistische Arbeit gutgemacht. Wir haben eine Gruppenkassa, dort zahlt jeder ein, soviel er kann, der Reiche mehr, der Arme weniger oder gar nichts. Aber niemand weiß von dem andern1 und alle j haben das gleiche Recht und den gleichen Genuß." Gewiß sehr schön. Aber es ist doch interessant, was diese bürgerliche Jugend heute schon alles als Sozialismus bezeichnet, wie sie den Klassenkampf ablehnt und dabei den hinterhältigsten und niedrigsten Kampf, wenn auch unbewußt, gegen das aufsteigende Proletariat mitkämpft, den Kampf der Bourgeoisie zur geistigen Niederhaltung und1 Unterdrückung der Arbeitermassen. Wenn:zwei das Gleiche tun, ist es noch lange, nicht dasselbe. Wenn die sozialistische Arbeiterjugend ihren Genossen die Erreichung so mancher fröhlichen Stunde mit einer gemeinsamen Kassa erleichtert, so hat sie ein Stück Arbeit geleistet, das bei aller Bescheidenheit doch eine positiv-sozialistische genannt werden kann. Ganz anders in der bürgerlichen Jugendbewegung. Bewirkt diese Arbeit auf der einen Seite Stärkung des Klassenbewußtseins und Hebung der proletarischen Solidarität, so ist ihr Resultat im bürgerlichen Lager: Verwischung der Klassengegensätze, somit geistige Niederhaltung der Arbeiterjugend und führt, in letzter Auswirkung dazu, daß proletarische Jugendliche für die Zwecke der Bourgeoisie, gegen ihre eigenen Klassengenossen mißbraucht werden können. Die zweite Abart dieser „Sozialisten" in der jüdischen Jugend ist nicht weniger gefährlich. Dies schon um so mehr, als hier eine viel größere »Anzahl proletarischer Elemente in diesen Gruppen zu finden sind. Wir wollen ihnen nicht immer den guten Willen] absprechen, aber ihr Sozialismus ist ein utopischer. Ihnen genügt es, wenn das Wort Sozialismus als ein Bekenntnis in ihrem Programm vorkommt. Dieses Bekenntnis', verpflichtet sie aber zu nichts. Und so stehen sie hinter der Front des Klassenkampfes. So genießen sie alle Vorteile aus dem täglichen Klassenkampfe, ohne auch nur den Finger für ihre Klasse zu rühren. Sagen wir es offen: Es sind; Marodeure d es Klassen kam pf es. Wir müssen uns wieder nur ein Beispiel ansehen: den Haschomer Hazair in Palästina, der sich außerhalb der vereinigten Arbeiterparteien stellt. Bis jetzt konnten sie die Tatsache, daß es zwei Parteien gab, als Ausrede gebrauchen, sich keiner einzuordnen, wenn wir auch' wußten, daß dies nur eine Ausrede sei., Heute ist ihnen diese Ausrede genommen. Wer sichheute außerhalb der vereinigten Arbeiterpartei stellt, stellt sich auch außerhalb der jüdischen Arbeiterschaft, ist eben ein Marodeur des Klassenkampfes. Wer das nicht versteht, ist eben kein Sozialist und wer' das versteht, aber daraus nicht seine Konsequenzen zieht, kann gewiß keinen Anspruch mehr darauf erheben, ernst . genommen zu werden. Es ist notwendig, die Fragen einmal wieder ins Licht zu rücken. Es wäre schade, wenn unsere Jugend die Dinge, so wie sie wirklich sind1, aus den Augen verlieren würde. Wir wollen nicht diplomatisch voreinander Verstecken spielen, sondern ehrlich unsere Meinung sagen. H. W. Stänkerer. Das Organ der »Werktätigen Juden«, d. i. die Gruppe, die sich von Moriz und Hirschfeld führen läßt, hat den größten Teil seiner letzten Nummer uns gewidmet. Einige Blüten des Geistes und des Stils aus dem sechs Spalten langen »Artikel«: »Sie haben sich den Titel einer — mit Respekt zu melden — »Weltbewegung« huldvoll und taxfrei selbst verliehen.« »... den kontinuierlichen Unfug des poale-zionißtischeri Grüppchens, das im besten Falle aus einigen Dutzend, meistens sehr jungen, Leuten zusammengesetzi ist.«. »Wieder 'andere halten sie (die Poale-Zion nämlich — Die Red.) kurzerhand für Nationalsozialisten, das heißt für ausgesprochene jüdische Hakenkreuzler — eine Auffassung, die auch einiges für sich hat.« »Sie waren in Wien immer der Niemand und werdet es nach menschlicher Voraussicht auch immer bleiben.« »... obw.ohl sie sich in ihrem Milieu , mit Recht ah die legitimen Väter der Lüge betrachten können und ob wohl sie in ihrer Mitte vollauf wiürdige Vertreter bewiährte und berufene Meister aller Verdrehungskünst« haben.« Wir glauben der Kostproben dieses »Schmuses« genügend aufgetischt zu haben. Wir wfollen nun noch hinzu^ fügen, daß wir den Ekel nicht überwinden konnten, un die niedrigen persönlichen Anpöbelungen und Verdächfi gungen dieses »Artikels« zu zitieren. Können, dürfen wir uns mit Menschen, die solchei Geistes, solcher Gesinnung sind, auseinandersetzen? Da hieße, auf das Niveau jenes .Blättchens sinken und di< Schande dieser »polemischen« Art der Aloriz-Leute ver größern. Eines muß aber gesagt werden. Wir erkennen na türlich den Verfasser dieses »Artikels«. Es ist jener Gc nosse, der uns unsere Jugend vorwirft und sich brüstet daß wir noch nicht so lange auf der Welt sind, als er red liehen Anteil an der Wiener sozialistischen Parteibewe gung nimmt. Das mag richtig sein. Aus diesem Grund haben wir diesen alten Genossen immer schonend behan delt. Nun wiollen wir aber dem Genossen endlich einma sagen, daß man vielleicht noch darüber streiten kann, ol Jqgend stets ein Vorteil sei, es steht aber fest, daß Alte fast immer ein Nachteil ist. Bei diesem Genossen konnte wir es in den letzten Jahren mit besonderer Klarheit fest stellen. Er trägt daran gewiß 'nicht die Schuld, aber e sollte das, richtige Maß von Selbsterkenntnis und Takt gefühl aufbringen. Wenn er sich dazu nicht aufschwinge i kann, verliert er jedes Recht auf Rücksichtnahme. Schließ i lieh und endlich kann man sich auch vom ältesten üenos sen der Partei nicht immer anstänkern lassen.